Das Bayerische Staatsballett - Geschichte und Gegenwart

In der Altstadt im Zentrum Münchens, zwischen Orlando- und Hofbräuhaus, residiert seit 1991 das Bayerische Staatsballett am Platzl 7. Vier Studios, Garderoben, Musikräume, Physiotherapie, Büros, ein Apartment und die Kinderkrippe des Staatsballetts vereinen die historischen Gebäude unter ihrem Dach. Wenn im Sommer die Fenster der Studios geöffnet sind, bleiben die Passanten stehen, angelockt durch die Musik von Beethoven bis Strawinsky, von Rock bis Elektronik, und schauen hinauf zu den großen Fenstern, um einen Blick auf die Stars des Bayerischen Staatsballetts zu erhaschen.

Im September 1998 trat Ivan Liška sein Amt als Ballettdirektor an. Er war über zwanzig Jahre lang einer der prägenden Solisten des Hamburg Balletts unter John Neumeier gewesen, bevor er nach einem Lehrjahr als Stellvertreter von Konstanze Vernon seine Position als Direktor des Bayerischen Staatsballetts einnahm und zusammen mit seinen Dramaturgen und Stellvertretern Bettina Wagner-Bergelt und Wolfgang Oberender ein bis heute einmalig umfang- und substanzreiches Repertoire aus mehr als siebzig Werken in München schuf. 

Historisch verantwortungsbewusst und zum großen Teil behutsam rekonstruiert glänzen die großen abendfüllenden Ballette: Von der Romantik - Giselle und La Sylphide, - über die Klassik - Schwanensee, Dornröschen, Don Quijote, La Bayadère, Le Corsaire - zu den Klassikern unseres Jahrhunderts – den Werken der Ballets Russes, John Crankos Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung; La Fille mal gardée von 1842 in der Fassung von Frederick Ashton und John Neumeiers Ein Sommernachtstraum, Der Nussknacker, Die Kameliendame und A Cinderella Story. Dazu Meisterwerke von Balanchine, Forsythe, Kylián, van Manen, Peter Martins, Martin Schläpfer und Stücke renommierter Vertreter des Modern Dance wie etwa Twyla Tharp, Lucinda Childs, Angelin Preljocaj. Mats Eks atemberaubende neue Version von Giselle, seine provokanten Studien über Leben und Tod in A sort of... und Apartment  bereichern das Repertoire. Die deutsche Erstaufführung von La Bayadère als Versuch der Rekonstruktion der vollständigen Fassung durch Patrice Bart war ein letzter Höhepunkt der Ära Vernon und ist mit Ivan Liškas Fassung von Le Corsaire eine der erfolgreichsten Klassikerproduktionen des Hauses.
Ivan Liškas Pläne für eine Erweiterung des Repertoires waren und sind nicht weniger ehrgeizig, als es die seiner Vorgängerin waren: Seine erste Premiere im Dezember 1998 umfasste Werke von Balanchine, José Limon, endlich auch eine gefeierte Produktion des Erbes von William Forsythe und eine Kreation des Kanadiers Jean Grand-Maitre, die zwar bei der deutschen Presse auf weniger Verständnis stieß, von der internationalen Fachkritik aber teils begeistert, immer respektvoll diskutiert wurde.

In seiner zweiten Spielzeit (1999/2000), die das Bayerische Staatsballett sozusagen ins dritte Jahrtausend führte, setzte Liška weiter auf Wagnis und Risiko: Strawinskys Sacre in einer neuen Choreographie des umworbenen Japaners Saburo Teshigawara, eine neue Petruschka-Fassung von Amir Hosseinpour, ein experimenteller Abend im Prinzregententheater, ein weiteres Forsythe Ballett the second detail; mehr als genug Herausforderungen für die Münchner Compagnie und das Münchner Publikum. Dass Liška darüber hinaus John Neumeier bewegen konnte, München ein weiteres abendfüllendes Handlungsballett - A Cinderella Story - zu überlassen, sprach für sich.


Ivan Liškas vergangene Spielzeiten hielten, was man sich versprochen hatte. Die Reihe der Klassikeradaptionen wurde weitergeführt mit Raymonda zur Musik von Alexander Glasunov. Der New Yorker Jerome Robbins Trust gab In the Night nach München – es sollte nicht das letzte Robbins Ballett bleiben, das seinen Weg nach München fand! Im Frühjahr 2001 folgte aber erst einmal ein Abend mit In the Night, Balanchines Brahms-Schönberg-Quartett und einer Kreation des Avantgarde-Choreographen Jacopo Godani mit dem Titel After Dark

In der Spielzeit 2002/2003 begann eine Premierenserie, die die künstlerische Persönlichkeit jeweils eines Choreographen im Fokus eines Abends konzentrierte. Portrait Jiří Kylián war das erste, gefolgt von Portrait John Neumeier, Portrait Mats Ek und – 2004/2005 – Portrait Hans van Manen. 2003 stellte sich Ivan Liška mit Dornröschen zum ersten Mal der Aufgabe, einen Klassiker des 19. Jahrhunderts selbst zu inszenieren. Die Spielzeit 2004/2005 brachte als erste und spektakuläre Premiere William Forsythes Limb's Theorem. Es war das erste abendfüllende Werk, das Eingang in ein deutsches Ballettrepertoire fand und wurde als talk of the town zu einem sensationellen Erfolg vor ausverkauftem Haus. 


Die Saison 2006/2007 setzten Ivan Liška und sein Team ganz unter das Zeichen von Marius Petipa. Liška selbst erarbeitete eine neue Version von Le Corsaire, Neufassung und historische Rekonstruktion des Materials von Marius Petipa in einem, bei der zum ersten Mal sowohl die originale Partitur von Adam und Delibes ernsthaft als bestimmende Quelle benutzt, als auch zum ersten Mal auf die originalen Stepanov-Notationen der Ur-Choreographie zurückgegriffen wurden. Diese Produktion verhalf der Serie der Juwelen aus dem 19. Jahrhundert Petipas und Ivanovs (fast) zur Vollständigkeit. Die weltweite Anerkennung dieses Unterfangens, das das gesamte Petipa-Repertoire der Saison einschloss, beginnend mit der Matinee Wer hat Angst vor Marius Petipa? bis hin zu einem internationalen Symposium, war beeindruckend. Bedeutend auch die zweite Premiere der Saison mit Kenneth MacMillans epochalem Meisterwerk Das Lied von der Erde zur Musik von Gustav Mahler und der einer Premiere gleichkommenden Neueinstudierung der Münchner Kreation Chamber Symphony von Lucinda Childs.

Erwähnt werden muss, dass die bereits in der vorhergehenden Saison intensivierte Education-Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen systematisch ausgeweitet wurde und in der Konzeption von Bettina Wagner-Bergelt zu einer eigenständigen, großen Programmschiene geworden ist. Die jährliche Erarbeitung eines choreographischen Projektes mit ca. 100 Schülern verschiedener Schultypen (Anna tanzt 2006-2011, Heinrich tanzt seit 2012) jeweils im Juli bildet den Gipfelpunkt von CAMPUS Staatsballett, das inzwischen viele Preise und Auszeichnungen inklusive des Kinder zum Olymp-Preises 2012 erhielt.


Die Premieren der Saison 2007/2008 wurden wieder von Kreationen dominiert. Jörg Mannes choreographierte ein abendfüllendes Sturm-Ballett nach Shakespeare zu einer Musik-Zusammenstellung, die Bruckner, Sibelius und Tschaikowsky zusammenführte. Selbst das Bühnenbild erhielt mehrere Preise. Martin Schläpfer, heute international gefeierter Ballettdirektor in Düsseldorf, kreierte zum ersten Mal für eine fremde Compagnie, ein Werk zu Musik von Sofia Gubaidulina. Eine weitere Uraufführung steuerte der italienische Avantgarde-Künstler Simone Sandroni bei. Beide hatten mit rosalie eine große Persönlichkeit als Ausstatterin zur Seite. Hans van Manen war in dieser Saison vertreten mit der Staatsballett-Erstaufführung seines Adagio Hammerklavier und der Wiederaufnahme von Große Fuge. Die jahrzehntelange enge Verbindung der Münchner Compagnie mit dem großen holländischen Choreographen bezeugte auch van Manens Einladung an das Staatsballett, am Festival zu seinem 75. Geburtstag in Amsterdam teilzunehmen.

Die Ballettwelt feierte im Jahre 2007 den 80. Geburtstag von John Cranko; das Bayerische Staatsballett erinnerte darüber hinaus in dieser Saison an den Beginn seiner kurzen, aber bis heute prägenden Zeit als Ballettdirektor in München vor über vierzig Jahren. Die Terpsichore-Gala VII wurde dem frühverstorbenen Künstler gewidmet. Mit Onegin, das seit seiner Münchner Premiere 1972 fast 250 Mal getanzt wurde, gratulierte das Bayerische Staatsballett dem zum Klassiker gewordenen Genie.

Die Spielzeit 2008/2009 brachte den 100. Geburtstag der legendären Balletts Russes und ihres ersten Auftritts in Paris; das Staatsballett feierte sie zusammen mit dem Münchner Theatermuseum als erste Stadt mit dem dreiteiligen Abend 100 Jahre Ballets Russes: Zwei Neueinstudierungen von Stücken der legendären Truppe Serge Diaghilevs (Shéhérazade und Les Biches) und einer Neuschöpfung aus dessen Geist, dem Erfolgsstück Once Upon an Ever After von Terence Kohler, sowie einer grandiosen Ausstellung im Theatermuseum im Hofgarten. Dann gewann Ivan Liška für die Eröffnungskreation der Ballett-Festwoche 2009 seinen großen tschechischen Kollegen und Freund Jiří Kylián als Autor und Regisseur der Multimedia-Performance Zugvögel, die Münchens Nationaltheater und seine bewegte Geschichte ebenso wie Tragik und Triumph des Künstlerlebens stark ins Bild setzte. Ein erfolgreiches Jahr, gekrönt von der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens an Ivan Liška!


Die choreographische Inszenierung Zugvögel war Auftakt zur eigenen Jubiläumsspielzeit 2009/2010. Als zweite Premiere des Festjahrs zu seinem 20-jährigen Bestehen ließ das Bayerische Staatsballett die Übernahme von Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere folgen, des berühmten Bach-Balletts von Nacho Duato, in dem die mit mediterranem Furor aufgeheizte, moderne Tanzsprache des spanischen Choreographen in ihrem hochmusikalischen Fließen zum Abbild der Architektur von Bachs Musik und Leben wird. Das Bayerische Staatsballett beendete sein hochkarätiges Jubiläumsjahr mit einer auf 14 Tage erweiterten BallettFestwoche, an deren Anfang es mit Artifact von William Forsythe einem weiteren frühen abendfüllenden Meisterwerk des einflussreichsten Choreographen der Gegenwart ein neues Zuhause gab, das – wie Kyliáns Zugvögel, aber doch ganz anders – die Möglichkeiten des Bühnentanzes reflektiert.

Noch vor den Theaterferien nahm das Bayerische Staatsballett nach langen Jahren Mats Eks Giselle wieder auf (mit der jungen Gözde Özgür in der Titelrolle, die ihr 2012 den Tanzpreis Zukunft brachte), eine moderne Bearbeitung des Klassikers durch den Sohn Birgit Cullbergs und ehemaligen Assistenten Ingmar Bergmans, die für die Seele eine Tour de force bereithält. 


Im Herbst 2010 gründeten das Bayerische Staatsballett, die Heinz-Bosl-Stiftung und die Hochschule für Musik und Theater München das Bayerische Staatsballett II / Junior Company. Das 16 köpfige Ensemble besteht aus 9 Volontären des Staatsballetts und 7 Studenten der Hochschule, herausragenden jungen Tänzern aus der ganzen Welt, die mit einem Stipendium der Heinz-Bosl-Stiftung eine zweijährige Exzellenzausbildung absolvieren, im Repertoire des Staatsballetts tanzen und inzwischen mit großem Erfolg mit eigenen Produktionen national und international auf Tournee gehen.

Die Spielzeit 2011/2012 stand unter der dramaturgischen Klammer des "Very British!?" und stellte mit einem Programm aus Meisterwerken verschiedener Handschriften die Frage nach Stil und Aktualität englischer Choreographie von Dame Ninette de Valois über Ashton, MacMillan und Bintley bis Maliphant. Ivan Liška erhielt in dieser Spielzeit den Deutschen Tanzpreis für seine Tänzerkarriere und seine beispielhafte Arbeit mit dem Bayerischen Staatsballett.

2012/2013 widmeten sich er und seine Dramaturgen der Frage nach dem choreographischen Erbe: Neben der Verpflichtung zu immer neuen Kreationen für das Ensemble hob das Bayerische Staatsballett in der laufenden Saison versunkene Schätze der frühen Moderne bis heute, darunter Choreartium des russischen Choreographen Léonide Massine, The Moor's Pavane von José Limón und Russell Maliphants Broken Fall.
Im Juni 2013 folgte die erste deutsche Einstudierung eines Werkes des amerikanischen Großmeisters des Post Modern Dance BIPED von Merce Cunningham im Prinzregententheater, zusammen mit einer Kreation des jungen Amerikaners Richard Siegal mit dem Münchner Designer Konstantin Grcic: Unitxt.

In den Spielzeiten 2013/2014 und 2014/2015 legt das Bayerische Staatsballett unter dem Motto "Tanzland Deutschland" den Fokus auf ChoreographInnen, die entscheidende Akzente gesetzt, radikale Neuanfänge markiert, neue Erzählformen entwickelt und ästhetische Statements mit ihrer choreographischen Handschrift formuliert haben, an denen nicht vorbeizukommen ist, wenn in Deutschland und der Welt über Tanz geredet wird.

Ein Abend mit drei Uraufführungen eröffnete die BallettFestwoche 2014 unter dem Titel Der gelbe Klang. Russell Maliphant, Aszure Barton und Michael Simon waren die Choreographen. Die historisch und vom internationalen Interesse her gesehen hoch bedeutenden Premieren der Saison fanden an einem alternativen Spielort, der Reithalle München, statt: die - nach 37 Jahren – Wiederentdeckung von Oscar Schlemmers Triadischem Ballett in der Choreographie von Gerhard Bohner und die Rekonstruktion des Sacre du printemps von Mary Wigman aus dem Jahre 1957.

Die Saison 2014/2015 wird mit einer abendfüllenden Uraufführung von Richard Siegal den Möglichkeiten zeitgenössischen Choreographierens auf der Spur bleiben und mit der Verpflichtung von Alexei Ratmansky für die Nachschöpfung des halb verschollenen Klassikers Paquita einen weiteren Versuch wagen, sich mit den wichtigen Traditionen des 19. Jahrhunderts kreativ auseinanderzusetzen.

Damit bleibt als Profil des Bayerischen Staatsballetts eine umfassende Repertoirepolitik, die es den Zuschauern ermöglicht, neben Arbeiten der Gegenwart, Meisterwerke aller Epochen seit der großen Petipa-Ära des 19. Jahrhunderts über das künstlerisch reiche 20. bis ins 21. Jahrhundert kennen zu lernen.

Das Staatsballett ist ein aufregendes kosmopolitisches Ensemble mit Tänzern aus rund 32 Nationen, die immer wieder Impulse ihrer eigenen Tradition und Kultur einbringen, geführt mit künstlerischem und wirtschaftlichem Weitblick in einer intelligenten, funktionsfähigen Infrastruktur. Es kann sich mit seiner internationalen Solistenriege angeführt von Lucia Lacarra - im Gegensatz zu vielen anderen Ensembles - bei beneidenswerten 70 Vorstellungen in dieser Stadt und mit über 90% Auslastung bei 2000 Plätzen, über ein wachsendes interessiertes und neugieriges Publikum freuen.

Entscheidend steigerte sich das internationale Renommé des Bayerischen Staatsballetts parallel auch mit den vielen Gastspieleinladungen, die nach ersten Erfolgen Anfang der 90er Jahre nicht mehr auf sich warten ließen. Dem einhelligen Erfolg, ja Triumph im Tanzmekka New York 1993 folgten Tourneen nach Korea, nach Peking und Shanghai, die Philippinen - von Spanien, der Schweiz, Italien und anderen europäischen Ländern nicht zu reden. Und die ersten Reisen unter Ballettdirektor Ivan Liška führten das Bayerische Staatsballett nicht nur an die Budapester Staatsoper, sondern auch - und zwar mit größtem Erfolg - ins legendäre Mariinsky Theater von St. Petersburg. In der Zwischenzeit eroberten sich die Tänzer auch Kiew, tanzten wieder in Sevilla und Madrid, Venedig, Ferrara, Bozen, Reggio Emilia – bereisten den indischen Subkontinent und gewannen die Herzen des tanzbegeisterten indischen Publikums in Delhi, Bombay, Kalkutta mit russischer Klassik und niederländischer Moderne. In der Spielzeit 2003/2004 überschlugen sich die Gastspiel-Angebote. Das Bayerische Staatsballett reiste nicht nur nach Kanada (Montréal, Ottawa), sondern auch nach Prag, ins türkische Antalya und – eine besonders ehrenvolle Berufung – nach Athen, um dort Deutschland als Kulturbotschafter im künstlerischen Rahmenprogramm der Olympischen Spiele zu vertreten. Die Compagnie tanzte 2006 und 2010 wieder in Peking und Shanghai, komplettierte ihre Präsenz im fernen Osten mit einem Gastspiel in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh mit Limb's Theorem von William Forsythe. Es eröffnete 2006 auch die Ballettsaison am Teatro la Fenice in Venedig, dem renovierten Theaterjuwel der Serenissima. 2013 war das Bayerische Staatsballett mit Goldberg-Variationen/Gods and Dogs erstmalig mit einem vollständigen Abendprogramm Gast der Hamburger Ballett-Tage unter John Neumeier. Mit Crankos Romeo und Julia im Oman präsentierte sich die Compagnie zum ersten Mal in einem arabischen Staat.

Zum Ende der Spielzeit 2015/2016 wird Ivan Liška, nach achtzehn Jahren als Direktor des Bayerischen Staatsballetts, die Leitung an den russischen Tänzer und Ballettdirektor Igor Zelensky weiterreichen, den der Bayerische Kunstminister dann zu seinem Nachfolger bestimmt hat.


Historischer Rückblick

Taglioni, Montez, Grahn

Blickt man auf die überraschend lange Ballettgeschichte in München zurück, so stößt man hier wie in anderen europäischen Metropolen auf die Tradition der höfischen Feste in der italienischen und französischen Manier des 16. und 17. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert wird es differenzierter: Große Namen setzen jetzt Glanzlichter. So traten Paul und Marie Taglioni im Jahre 1825 in München auf, als das Nationaltheater nach einem der damals häufigen Theaterbrände wiedereröffnet wurde. 

Jeder Münchentourist erinnert sich an das Bild einer südländischen Schönheit in strengem schwarzem Samt: Lola Montez, eine abenteuerlustige Lady irisch-schottischer Herkunft, die nach einer stürmischen Liebesaffäre in Sevilla als spanische Tänzerin durch Europa reiste und in München mit ihrer Kunst den alternden König Ludwig I. so in ihren Bann zog, dass die Affäre im Krisenjahr 1848 nicht unwesentlich zu dessen Abdankung beitrug. Ein Jahr vorher musste auf besonderen Wunsch der Dame, die nunmehr eine Gräfin Landsfeld geworden war, das Ballett Giselle, das 1845 am Nationaltheater einstudiert worden war, wieder aufgeführt werden und dies mitten im August, zu einer Zeit, wo fast ein Drittel des Personals beurlaubt war, wie der königliche Hofsolotänzer und Ballettmeister Michael La Roche in seinen Aufzeichnungen am 27. 08. 1847 vermerk: "ich hatte keine geringe Arbeit, darnach ging es gut, Demoiselle Holler wurde von ihren Vertretern fetiert und gerufen, ich leitete das ganze Ballett".

Giselle blieb über Jahrzehnte im Repertoire und wurde "aus Anlass des Gastspiels des Frl. Grahn (die Tänzerin Lucile Grahn, nach der heute noch eine Straße in München benannt ist) [...] neu in Szene gesetzt und gefiel in allen Theilen außerordentlich [...]". Am 24. Oktober desselben Jahres vermerkt La Roche: "Frl. Grahn betrat heute bei gut besetztem Haus zum letzten Mal die Bühne, wurde 8mal (vor den Vorhang) gerufen und es flogen Kränze". Im Jahr 1869 machte Lucile Grahn München zu ihrer Wahlheimat, war bis 1875 als Ballettmeisterin tätig, studierte unter anderem die Ballette Sylvia und Coppelia ein und wirkte bei der tänzerischen Gestaltung der Erstaufführungen von Richard Wagners Rheingold, Tannhäuser und Meistersinger mit.

Die Arbeit von Ballettschule und Compagnie nahm ihren unspektakulären Fortgang als Bestandteil des königlichen, dann staatlichen Opernhauses, und die Hauptaufgabe bestand in den Tanzeinlagen und Bewegungschören für Opern. Die Compagnie überdauerte jedoch sowohl die Kampfansage des expressionistischen Ausdruckstanzes mit seinem Ruf "Das Ballett ist tot" als auch die schwarzen Jahre der beiden Weltkriege und des Faschismus.

Unter Luitpart und Gsovsky

Im Herbst des Jahres 1945 machte sich Marcel Luitpart an die Arbeit, sammelte die Mitglieder des Ensembles in einem Saal inmitten der Bombentrümmer des Nationaltheaters, der noch vier aufrechte Wände hatte, die fest genug schienen, ein provisorisches Dach zu tragen. Über Schutthaufen und rutschige Holzstiegen ging es noch in den fünfziger Jahren ins einst königliche Opernhaus - unvergesslich für alle, die es noch erlebt haben. Luitpart brachte eine recht erfolgreiche Serie von Balletten, vorwiegend aus dem Repertoire von Diaghilevs Ballets Russes in eigenen Adaptionen heraus und er verursachte - heute kaum zu verstehen - im Juni 1948 mit der Uraufführung von Werner Egks Abraxas einen handfesten Theaterskandal mit der vom Herrn Kultusminister persönlich verfügten Absetzung des Werkes nach fünf Vorstellungen  - "wegen allzu großer Freizügigkeiten".
Unter der Direktion von Victor Gsovsky kam das Münchner Ballett zu besonderer Blüte, in einer Verknüpfung russischer Tanztradition und innovativer choreographischer Tendenzen der jungen französischen Tanzszene außerhalb der starren Rituale der Opéra. Victor Gsovsky war unter anderem beim Ballet des Champs-Elysées tätig gewesen. Von dort brachte er als Ballerina Irène Skorik mit, die für eine ganze Generation von Tanzeleven Ideal und Vorbild wurde, für das Publikum Inbegriff romantisch-klassischer Tanzkunst. In den folgenden Jahren (1952-1954) leiteten Pia und Pino Mlakar das Ensemble mit einem bunten Gemisch von Balletten, in dem sie auch einige von Victor Gsovskys Arbeiten wieder aufnahmen.

Alan Carter und Joan Harris- Einzug der englischen Schule

Mit Alan Carter und seiner Frau Joan Harris als Trainingsmeisterin hielt die englische Schule in München Einzug, die unter dem gestrengen Auge von Ninette de Valois in der Londoner Schule des Sadler's Wells und späteren Royal Ballet kodifizierte Technik, basierend auf den Lehren ehemaliger zaristischer Ballerinen aus St. Petersburg, die mit Diaghilevs Ballets Russes oder als Emigranten der Revolution nach England gekommen waren. Diese ausgewogene Tanztechnik erwies sich vor allem auch als Maßstab in der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen für eine längere Periode als segensreich, und hierin lag wohl der bedeutendste Einfluss von Alan Carter auf die Münchner Ballettentwicklung. 

Auf die so geschulten Gruppentänzer und Solisten, denen Carter in seinen sehr verschiedenartigen Balletten und Tanzdramen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten gegeben hatte, konnte Heinz Rosen aufbauen, als er 1959 für fast ein Jahrzehnt die Leitung des Staatsopernballetts übernahm. Rosen kam aus der Schule des deutschen Ausdruckstanzes von Rudolf von Laban. In seinen Tanzwerken überwog immer der sichere Blick für den inszenatorischen Effekt, die dramatische Wirkung der Körperlinien im Raum über ein relativ variationsarmes Tanzvokabular. Er hatte aber das Glück, im Ensemble Tänzerpersönlichkeiten von intensiver Gestaltungskraft zu haben, wie Natascha Trofimova, Heino Hallhuber, Franz Baur oder Walther Matthes, die seine Intentionen tänzerisch umzusetzen vermochten. In den folgenden Jahren holte er immer wieder hervorragende Tänzer nach München, teils als Gäste, teils fest verpflichtet. Dabei erwies sich das Engagement einer jungen Berliner Solistin aus der Schule von Tatjana Gsovsky als besonders folgenreich: Konstanze Vernon.

Heinz Rosen und internationaler Glanz 

Mit der Einführung einer BallettFestwoche 1960 öffnete Heinz Rosen die Türe zur internationalen Ballettwelt und setzte den Beginn einer bis heute andauernden Tradition. Es gelang ihm, Gastspiele von großen Ensembles und Stars europäischer und amerikanischer Metropolen zu holen, die für Münchner Tänzer und Publikum Maßstäbe setzten, an denen sich fortan auch die eigenen Tänzer messen konnten. Zumal bei den Gala-Abenden hervorragende Solisten aus den Tanzmetropolen des Westens - London, New York, Paris, Kopenhagen - gemeinsam mit Stars vom Bolschoi Ballett auftraten. Und manchmal übernahmen sie die Starrollen in Repertoireballetten des Münchner Balletts. Ein wichtiger Schritt auf die internationale Bühne waren erste Auslandsgastspiele in Europa.
Als Spielstätte diente, bis zur Wiedereröffnung des Nationaltheaters im Jahre 1963, das Prinzregententheater, ein dem Bayreuther Festspielhaus nachempfundenes Arenatheater mit exemplarischem Jugendstilcharme, das 1996 nach dreißigjährigem Dornröschenschlaf renoviert wurde und heute als zweite Spielstätte des Bayerischen Staatsballetts dient.

Prägende Stippvisiten

In den zwei Jahrzehnten zwischen der Ära Rosen und der Gründung des Bayerischen Staatsballetts liegt eine Reihe von kürzeren Amtsperioden. Wichtig und zukunftsweisend waren vor allem die Jahre, in denen John Cranko, neben seiner Arbeit in Stuttgart, die Ballettgeschicke in München lenkte (1968-1970) und München drei der schönsten Handlungsballette schenkte: Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung. Seine künstlerische Einflussnahme wirkte noch fort in der Direktorenzeit seines Tänzerkollegen aus der Jugendzeit am Royal Ballet, Ronald Hynd. Die von vielen gehegte Hoffnung, dass Cranko sein Wirkungsfeld ganz nach München verlegen würde, hatte sich nicht erfüllt, allerdings bestimmte er mit der Einstudierung einer Reihe seiner wichtigsten Werke weitgehend den Stil der Companie. Bis heute sind Crankos drei große Handlungsballette Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung ein entscheidend prägender und unverzichtbarer Teil des Repertoires des Bayerischen Staatsballetts. Aber auch Direktoren wie Dieter Gackstetter, der Jerome Robbins für seine erste Arbeit mit einer deutschen Ballettcompagnie gewann, und die dramatische  Ballerina Lynn Seymour, die William Forsythe zu einer Uraufführung für München bewegen konnte und deren Akquisition des Bournonville-Juwels La Sylphide noch lange eine Säule des Repertoires bildete, setzten deutliche künstlerische Akzente. Unter Direktor Edmund Gleede begann die Entwicklung von Youri Vamos, der danach viele Jahrzehnte zu den wichtigsten Choreographen Europas zählte. Stefan Erler brachte David Bintley zum ersten Mal nach Deutschland. Mitte der 70er Jahre war in München auch ein Tänzerehepaar engagiert, das über zwei Jahrzehnte später als Direktor und Ballettmeisterin in die Compagnie zurückkehren sollte: Ivan Liška und Colleen Scott.

Emanzipation - Die Geburt des Bayerischen Staatsballetts

Im Ganzen waren jene Jahre vor allem geprägt durch wachsende Spannungen, die aus der nicht enden wollenden Abhängigkeit der Ballettdirektoren von den meist in Sachen Ballett gänzlich ahnungslosen und uninteressierten Opernintendanten erwuchsen, denen sie unterstellt waren. Spannungen, die es schließlich auch in München unmöglich erscheinen ließen, einen qualifizierten Direktor zu gewinnen. 

Es ist Konstanze Vernons persönliches Verdienst, dank ihrer unbeirrbaren künstlerisch-pädagogischen Vision, auch dank ihres politischen Spürsinns, die verantwortlichen Kulturpolitiker davon überzeugt zu haben, dass eine sinnvolle Ballettarbeit im Nationaltheater nur ohne Einmischung fachfremder Theaterleute, nur mit einer künstlerisch und etatmäßig unabhängigen Ballett-Direktion und ausreichenden Probenräumlichkeiten zu erreichen sein würde. Vernon, in den 60er und 70er Jahren Münchens führende Ballerina und eine Ikone der bayerischen Ballettszene, hatte die wichtigste Grundlage für die Entwicklung bereits Jahre vorher mit der Umwandlung der Opernballettschule zur Staatlichen Ballett-Akademie gelegt, in enger Zusammenarbeit mit der von ihr gegründeten Heinz-Bosl-Stiftung.

Diese Stiftung auf den Namen ihres früh verstorbenen international renommierten Tanzpartners entwickelte sich rasch zu einer Münchner Institution mit weltweiter Ausstrahlung. Die Münchner Akademie war übrigens die erste in Deutschland, die konsequent ihre Ausbildung auf das russische Waganowa-System umstellte. Und lange vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs waren russische Pädagogen in München gern gesehene Gäste. Internationale Wettbewerbserfolge taten ein Übriges, dass München bald als eine der ersten internationalen Adressen für die Tänzerausbildung zum Begriff wurde. Der Erfolg überzeugte auch die Münchner Politiker, die 1988 Konstanze Vernon mit der Leitung und Umwandlung des im Windschatten der Staatsoper dahintanzenden Opernballetts zu einer selbständigen Ballettcompagnie beauftragten, die sich mit der Oper natürlich das glanzvolle Nationaltheater und die Produktionsstätten teilt.

In diesen Jahren gelang es durch konsequente und langfristige Repertoirepolitik, die auch unter Konstanze Vernon schon wesentlich mitgeprägt war von den Dramaturgen Bettina Wagner-Bergelt (Moderne) und Wolfgang Oberender (Klassik), allerorts begehrte Choreographen wie Hans van Manen, John Neumeier, Jiřì Kylián, Mats Ek, Ohad Naharin, Lucinda Childs, Twyla Tharp oder Angelin Preljocaj zur Arbeit in München zu gewinnen oder zurückzugewinnen, und - wo in den Jahren zuvor viel diplomatisches und auch künstlerisches Porzellan zerschlagen worden war – wieder vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.


Ballettdirektoren in München nach dem 2. Weltkrieg

  • 15.10.1945–31.08.1948  Marcel Luitpart
  • 01.09.1948–31.08.1950  Rudolf Kölling
  • 01.09.1950–31.08.1952  Victor Gsovsky
  • 01.09.1952–31.08.1954  Pia und Pino Mlakar
  • 01.09.1954–31.08.1959  Alan Carter
  • 01.09.1959–31.09.1967  Heinz Rosen
  • 01.10.1967-31.08.1970  John Cranko
  • 01.09.1970–31.08.1973  Ronald Hynd
  • 01.09.1973–31.08.1975  Dieter Gackstetter (kommissarisch)
  • 01.09.1975–31.08.1978  Dieter Gackstetter
  • 16.11.1978–31.08.1980  Lynn Seymour
  • 01.09.1980–31.08.1984  Edmund Gleede
  • 01.09.1984–31.08.1986  Ronald Hynd
  • 01.09.1986–31.08.1989  Stefan Erler (kommissarisch)

Gründung des Bayerischen Staatsballetts

  • Spielzeit 1989/1990: "Bayerisches Staatsballett in Gründung"
  • ab der Spielzeit 1990/1091: "Bayerisches Staatsballett"
  • 01.09.1989–31.08.1998  Konstanze Vernon
  • 01.09.1998–31.08. 2016 Ivan Liška