Das Bedeutungsvolle

Seit 2016 ist Igor Zelensky Direktor beim Bayerischen Staatsballett, wo er das Repertoire der Compagnie mit Produktionen von renommierten Choregraph:innen wie Sharon Eyal, Yuri Grigorovich, Wayne McGregor, Christian Spuck oder Christopher Wheeldon erweiterte. Sein Interesse gilt zum einen der stetigen Arbeit an der tänzerischen und choreographischen Qualität, zum anderen der Förderung jüngerer Tanzschaffender. Im Gespräch äußert sich Igor Zelensky zur Bedeutung des Balletts in der heutigen Zeit, über die verschiedenen choreographischen Stile, die ihn interessieren, und über das, was nach einer Vorstellung bleibt.

Wenn Sie über das Ballett sprechen, ist eine große Leidenschaft spürbar. Was fasziniert Sie ganz persönlich an dieser künstlerischen Ausdrucksform?

Das Ballett funktioniert ohne Worte, aber es kommuniziert trotzdem. Das macht dieses Genre einzigartig. Sobald ein Tänzer auf der Bühne auftritt, sieht man seine Seele, seine Werte, all das, was er ausdrücken möchte. Wenn man diesen inneren Impuls, diese Energie spürt, wird man als Zuschauer gepackt. Das Essentielle liegt in der Körpersprache. Damit sie sich vermittelt, braucht es eine sehr gute Technik. Es reicht nicht, einfach einen gut gebauten Körper und die richtigen Füße zu haben, darüber hinaus muss ein Antrieb vorhanden sein, mit dem Tanz etwas weitergeben zu wollen. Das Ballett verlangt inneren Reichtum. Einige denken, Tänzer seien eine Art lebendige Statuen, die ganz hübsch aussehen und sich gut bewegen können. Das ist aber nicht, was einen guten Tänzer letztlich ausmacht. Ganz deutlich wird das bei modernen Tänzern. Die müssen nicht unbedingt perfekt gebaut sein, aber wenn sie beginnen, sich zu bewegen, vergisst man alles. Ihre Bewegungen sind mit Inhalt gefüllt, man wird gefesselt, es hat eine Magie. Dieser Effekt rührt daher, dass keine Sprache zum Einsatz kommt, aber die Tänzer trotzdem etwas Bedeutungsvolles zu sagen haben. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, dass zu Beginn der Menschheitsgeschichte als Erstes der Tanz da war. Denn alles, was wirklich Inhalt hat, vermitteln wir auch durch die Sprache des Körpers.

 

Die Choreographen, die Sie in der Spielzeit 2021/22 eingeladen haben, verwenden sehr unterschiedliche tänzerische Sprachen. Bedeutet das eine große Herausforderung für die Compagnie?

Ja, der Wechsel zwischen klassischen, neoklassischen und modernen Choreographien verlangt den Tänzern sehr viel ab. Aber das macht die Arbeit für die Compagnie auch spannend. Und ich bin stolz darauf, dass sich weltweit gefragte Choreographen für unser Ensemble interessieren, weil wir eine große Bandbreite abdecken. Leute wie Wayne McGregor, Marco Goecke, Alexei Ratmansky oder unser Hauschoreograph Andrey Kaydanovskiy arbeiten gerne mit uns, da unsere Tänzerinnen und Tänzer neugierig und technisch auf höchstem Niveau sind. Deshalb ist es uns gelungen, Choreographen ans Haus zu binden, die nicht einfach nur bestehende Kreationen einstudieren, sondern Uraufführungen realisieren. In der nächsten Spielzeit sind das beispielsweise Marco Goecke und David Dawson im dreiteiligen Abend Passagen. Für die darauffolgenden Spielzeiten stehen auch einige sehr spannende Projekte an.

 

Es gibt Leute, die dem Ballett vorwerfen, dass diese Kunstform nicht ganz einfach zu verstehen sei, weil keine Sprache zum Einsatz komme. Was würden Sie darauf antworten?

Ich würde sagen: Ja, diese Leute haben Recht. Das Ballett ist kompliziert. Aber das Einfache ist halt auch weniger interessant. Man muss sich einer Sache, die zuerst unverständlich scheint, hingeben. Das ist bei einer Oper oder einem klassischen Konzert ja nicht anders. Wenn man schaut und forscht und sich Fragen stellt, dann entwickelt sich daraus ein Verständnis und ein Interesse. Es hat letztlich mit dem zu tun, was man in diesem Leben sehen und erfahren möchte. Man kann ein schlechtes oder ein gutes Buch lesen. Man kann den ganzen Tag irgendwelches Zeugs auf youtube anschauen oder sich einem spannenden Gegenstand widmen, der einen weiterbringt.

 

Dafür muss man sich die Zeit nehmen können …

Natürlich, es ist eine Investition. Aber das Erfassen komplexer Texte oder Kunstwerke benötigt nun mal eine gewisse Dauer. Unser Leben ist heutzutage sehr schnell, deshalb gehört es auch zum Lernen dazu, sich zu konzentrieren. Das gilt ja nicht nur für Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.

 

Ist das Publikum in München ein konzentriertes Publikum?

Absolut, es ist ein sehr interessiertes Publikum, ein Publikum, das unsere Arbeit wertschätzt. Man kommt auch gut gekleidet in dieses Gebäude, was ich persönlich sehr mag, denn der Theaterbesuch hat immer auch etwas Festliches. Und dieses Vorbereiten auf eine Vorstellung ist ja bereits eine Form der Konzentration.

 

Sie haben selbst auf den bedeutendsten Bühnen dieser Welt getanzt. Was bedeutet für Sie das Nationaltheater?

Das Gebäude ist einzigartig. Es hat 2.100 Plätze und ist eines der größten Theater in Europa. Es ist ein ganz spezielles Gefühl, wenn man drinsitzt. Es besitzt eine fantastische Akustik und eine schöne Atmosphäre. Bereits wenn man das Theater betritt, wird man jemand anderes. Das hat aber aus meiner Sicht nicht nur mit der Architektur zu tun, sondern auch mit dem Erbe. Unglaublich viele bedeutende Künstler haben hier gearbeitet. Deswegen verfügt dieses Haus über ein eigenes Charisma, das sich vielleicht durch den Wiederaufbau nach der Zerstörung noch verstärkt hat. Wissen Sie, die Leute, die das damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts geplant haben, die hatten eine Perspektive für die Stadt. Sie haben nicht nur einen schönen Ort geschaffen, sondern sie haben auch über die Bildung  der Bevölkerung nachgedacht.

 

Das Theater als Bildungsanstalt kann auch abschreckend wirken.

Das ist schade, denn unsere Produktionen stehen allen offen. Bildung muss ja nicht heißen, sich einen Kanon anzueignen, sondern sich von etwas inspirieren zu lassen. Wir haben Kindervorstellungen, klassische, neoklassische und moderne Aufführungen, die für ganz unterschiedliche Gruppen interessant sind. Mir ist es wichtig, dass wir ein breit gefächertes Repertoire zeigen können. Cinderella von Christopher Wheeldon spricht ein anderes Segment an als beispielsweise der Spartacus von Yuri Grigorovich. Neben den Klassikern wie Schwanensee oder Giselle präsentieren wir auch ganz moderne Stücke wie Choreographien von Wayne McGregor oder Sharon Eyal. So bleibt es nicht nur für das Publikum interessant, sondern auch für die Compagnie.

 

Kürzlich haben Sie mit Der Schneesturm auch ein neues Handlungsballett herausgebracht.

Der Schneesturm von unserem Hauschoreographen Andrey Kaydanovskiy ist eine besondere Produktion, weil dieses Stück als Handlungsballett nicht klassisch im engeren Sinne ist, obwohl es auf einen älteren Text zurückgeht. Das hat mit der dynamischen Bewegungssprache von Kaydanovskiy zu tun, die weit über das traditionelle Vokabular im Handlungsballett hinausgeht. Die Geschichte geht bei ihm durch die Körper, man spürt den emotionalen Gehalt.

 

Dafür braucht man Tänzer:innen, die das umsetzen können.

Unsere Tänzer sie müssen viele künstlerische Erfahrungen machen können, weshalb wir beim Bayerischen Staatsballett nicht einen einzigen Stil perfektionieren, sondern uns mit unterschiedlichen choreographischen Handschriften beschäftigen. Ballett ist nicht gleich Ballett. Es ist, wie wenn man heute zum Joggen und morgen zum Schwimmen geht, es braucht ganz unterschiedliche Muskeln. Die eine Sportart fällt einem etwas leichter als die andere. Man muss lernen, damit umzugehen. Zudem erwartet auch das Publikum von uns, dass wir immer wieder eine neue Seite des Balletts zeigen. Darin liegt eine spannende Dynamik für uns als Compagnie in dieser Stadt.

 

Neben der traditionellen Theaterbühne gibt es heute eine ganze Reihe von digitalen Plattformen und Streaming-Angeboten. Welche Rolle nimmt das Ballett in diesem medialen Umfeld ein?

Das Ballett besteht ja nicht einfach nur aus einer tänzerischen Bewegung, die man sich anschaut. Es wird ergänzt von Orchestermusik, Licht, Kostümen, der Bühne und so fort. All diese Elemente kreieren eine Atmosphäre, die Sie nirgendwo sonst so erleben können. Im Theater ist nichts aufgezeichnet. Es geht um das Hier und Jetzt. Unser Leben findet immer im Jetzt statt. Das ist das, was wir im Theater ganz deutlich erfahren. Wenn die Vorstellung vorbei ist, gehen wir zwar wieder nach Hause in die eigene Welt zurück, aber wir leben mit dem weiter, was wir erfahren haben. Und dieses Erlebte kann einem niemand mehr nehmen.

 

Biographie Igor Zelensky

Quick Q&A mit Igor Zelensky

Ballettdirektor Igor Zelensky im Kurzinterview zur Spielzeit 2021/22

Igor Zelensky