Auf den Spuren der Vergangenheit

Zur Jubiläumsspielzeit "50 Jahre Nationaltheater" erteilte die Bayerische Staatsoper einen Forschungsauftrag und bat das Institut der Theaterwissenschaft LMU München die Geschichte des Hauses von 1933 bis 1963 auf personelle und ästhetische Kontinuitäten und Brüche hin zu untersuchen. Seitdem sind von den Mitwirkenden des Teams um Prof. Jürgen Schläder zahllose kulturpolitische Dokumente, Personalakten und Zeitzeugenberichte ausgewertet worden. Bei einem zweitägigen Symposium am 23. und 24. Juli werden die Ergebnisse des Forschungsprojekts nun abschließend vorgestellt. Wie bekommt man überhaupt Zutritt zu den geheimen Archiven und wie sieht so ein Recherchetag aus? Wir haben eine Mitarbeiterin des Forschungsprojekts in das Bayerische Hauptstaatsarchiv begleitet und ihr bei ihrer Forschungsarbeit über die Schulter geblickt. 

Katrin Frühinsfeld, Mitarbeiterin des Forschungsprojekts "Bayerische Staatsoper zwischen 1933 und 1963", befindet sich - wie so oft in den vergangenen drei Jahren - im Bayerischen Hauptstaatsarchiv an der Schönfeldstraße. Bevor ihre heutige Recherche überhaupt beginnen kann, müssen einige Sachen erledigt werden. Zunächst meldet sie sich beim Haupteingang an. Ihr Name und die Uhrzeit ihres Ankommens werden pflichtbewusst in ein Buch eingetragen. Obwohl die Pförtnerin hinter der Glasscheibe Katrin seit Beginn des Projekts kennt und sich die beiden freundlich anlächeln, handelt es sich bei jedem Besuch um das immer gleiche Prozedere. Danach geht es zu den grünen Spints: Jacke, Rucksack und Tasche muss man hier einsperren, denn wie in allen Bibliotheken darf man nur mit einer durchsichtigen Plastiktüte den Lesesaal betreten - sogar der Laptop muss aus seiner Schutzhülle genommen werden.

Bevor Katrin Akten im Lesesaal einsehen wird, besucht sie erst das Repetorienzimmer. In diesem Raum hat sie sich zu Beginn des Forschungsprojekts angemeldet und einen blauen Ausweis erhalten, welcher sie berechtigt Akten durchzublättern. Ohne diesen Ausweis bleibt jeglicher Zugang zu Akten verwehrt. Auf ihrem Ausweis ist sowohl die I als auch die II eingekreist, das heißt, dass ihr Einsicht in die Abteilungen "Ältere Bestände bis 1800" und "Neuere Bestände ab 1800" gewährt wird. (Die Abteilung III fehlt, es handelt sich um das "Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher", IV steht für "Kriegsarchiv" und V für "Nachlässe und Sammlungen".) Heute ist sie aber aus einem anderen Grund hier. Im Repertorienzimmer stehen Bücher in Regalen. Es sind Nachschlagebücher für Aktennummern. Da die Menge der Akten - zurzeit werden ca. 3,5 Millionen Archivalieneinheiten im Umfang von etwa 47.000 laufenden Metern gelagert und verwaltet - sehr umfangreich ist, sind ihre Nummern nicht in Karteikärtchen archiviert, wie man sie vor 15 Jahren in Bibliotheken hatte, sondern durch sogenannte Karteibücher ersetzt. Katrin blättert im Buch Generalintendanz Bayerische Staatsoper - PA, um die Nummer einer gewünschten Akte in Erfahrung zu bringen, die sie sogleich auf dem Akten-Bestellschein für sich reserviert. Es dauert circa ein bis drei Arbeitstage, dann sind die Akten im Lesesaal abholbereit und können eingesehen werden.

Im ersten Stock des neoklassizistischen Baus befindet sich der Lesesaal. Im zweistöckigen Raum ist alles so eingerichtet, dass die Forscherinnen und Forscher ungestört und konzentriert arbeiten können. Nebst einem bequemen Stuhl mit dickem Lederpolster verfügt jeder Arbeitsplatz über einen Stromanschluss. In die Steckdosen werden die Stromversorgungskabel der mitgebrachten Laptops gesteckt, da fast jeder Forschende hier das Gelesene abtippt - das Fotografieren jeglicher Art ist strengstens untersagt. Auch trinken und essen ist verboten, daher verlässt hie und da der eine oder andere den Lesesaal. Die Akten werden höchst verantwortungsbewusst behandelt, denn viele davon sind Unikate.

Bevor Katrin sich einen Arbeitsplatz aussuchen kann, muss sie sich im Lesesaal an der Theke anmelden. Auch hier kennt man sich und lächelt sich freundlich zu. Nachdem wiederum ihr Name und ihre "Kommzeit" in einem Buch notiert wurden, verschwindet der Herr, der sie soeben angemeldet hat, und bringt ihr die gewünschten drei Akten. "Brauchen Sie noch Handschuhe oder Kissen?", fragt er Katrin. Kurz denkt sie nach und bittet dann um Kissen. Kissen dienen dazu, dass die geöffneten Akten gut liegen und beim Durchsehen keinen Schaden nehmen.

Der Laptop ist hochgefahren, die beiden mit schwarzem Samt umhüllten Polsterkissen sind aufgebaut, die Schreibutensilien aus der durchsichtigen Plastiktüte auf dem Tisch ausgebreitet, das Notizbuch aufgeschlagen, nun kann Katrin loslegen. Vorsichtig legt sie die erste Akte auf die Polsterkissen. Sie weiß ganz genau, was sie heute lesen will und schlägt die Akte bei einem Zeitungsartikel zur "Richtfeier für das Nationaltheater" auf. Konzentriert liest sie Zeile für Zeile - meist läuft der Zeigefinger mit, damit sie auch ja nicht etwas Wichtiges überspringt - und tippt manchmal das Gelesene oder wissenschaftliche Zusammenhänge in eine Word-Datei auf ihrem Laptop. Damit sie beide Hände beim Tippen nutzen kann, legt sie eine Bleikette, die mit schwarzem Samt umhüllt ist, auf die Akte. Was genau enthalten diese Akten? Zeitungsartikel, Briefe auf Pergamentpapier, dazugehörige Briefumschläge, Schriftstücke, Urkunden, Gesuche, Bescheinigungen, Erlassungen, ... Sie werden thematisch und nach Datum sortiert entweder in Kartons, Mappen oder Bücher zusammengehalten.

Gespenstische Stille. Man könnte meinen, dass die Akten "schlafen" und niemand sie stören will. Bis auf das Rauschen einer Lüftung hört man im Lesesaal nichts. Ab und zu tippt jemand auf einer älteren Tastatur und ganz selten klingelt das Telefon an der Theke. Die meisten Arbeitsplätze sind frei, denn außer Katrin befinden sich gerade einmal fünf Wissenschaftler*innen im Lesesaal. Es könnten locker 30 Leute darin arbeiten. Ob die Forscher*innen etwas Spannendes entdeckt haben, oder frustriert zum zehnten Mal eine Akte ohne für sie relevante Fundstücke gesichtet haben, lässt sich bei niemandem an der Mimik erkennen. Still wird gelesen und abgetippt. Obwohl für ihre Forschung selten ein spektakulärer Fund in den Akten dabei ist, verleiht die Hoffnung darauf Katrin die Energie, jeden Tag aufs Neue die alten Schriftstücke durchzusehen. Für die notwendigen, akribisch genauen Untersuchungen benötigt Katrin einen ruhigen Arbeitsort und diesen findet sie im Bayerischen Hauptstaatsarchiv.


Das Abschlusssymposium zum Forschungsprojekt "Die Bayerische Staatsoper 1933-63" findet am 23. und 24 Juli statt. Alle Informationen finden Sie hier.