Information

Composer Hans Werner Henze

Wednesday, 28. May 2008
07:00 pm – 09:20 pm
Nationaltheater

Duration est. 2 hours 20 minutes

Prices K

Download Cast List (PDF) To List of Performances

Cast

Musikalische Leitung
Marc Albrecht
Choreographische Mitarbeit
Thomas Wilhelm
Inszenierung
Christof Loy
Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker
Video
Thomas Wollenberger
Video
Evita Galanou
Video
Ueli Nüesch
Licht
Olaf Winter
Dramaturgie
Peter Heilker
Chöre
Andrés Máspero

Dionysos
Nikolai Schukoff
Pentheus
Michael Volle
Kadmos
Sami Luttinen
Teiresias / Kalliope
Reiner Goldberg
Hauptmann / Adonis
Christian Rieger
Agaue / Venus
Gabriele Schnaut
Autonoe / Proserpina
Eir Inderhaug
Beroe, eine alte Sklavin
Hanna Schwarz
To List of Performances

Learn more

What triumphs over us humans: libidinous intoxication or disciplined reason? Who wins over the people: Dionysos, god of collective inebriation and lord of the Bassarids or Pentheus, King of Thebes, a man of ice-cold rationality? Euripides exemplarily formulated these questions as the fundamental conflicts facing humanity 2,500 years ago in the “Bacchæ” – and it has remained totally up-to-date right to the present day. Hans Werner Henze’s Die Bassariden derives from this material. One of the most significant and monumental operatic works of the 20th century. Die Bassariden: one of the absolute classics of the contemporary modern repertoire. (World première: 1966) with gigantic orchestral forces and the heaviest demands placed on the chorus and soloists. Now, finally available for rediscovery in Munich.

 

King Pentheus, the new ruler of the city of Thebes, is in the invidious position of being plagued by doubts about the popular belief that Zeus, the father of the gods, was the lover of his Aunt Semele and questions the truth of the legend surrounding the birth of Dionysus.
Pentheus does not want to accept that the gods abandon themselves to the passions of the flesh. He equates lust and sensuality with impurity. And since Pentheus wants to believe in the purity of the gods and he himself wants to be a pure ruler, he forbids the cult of Dionysus, the god of ecstasy and madness.

But a stranger appears in Thebes and persuades the populace to participate in mysterious rites on nearby Mount Cythaeron. The stranger, it is said, is a priest of Dionysus. The old prophet Teiresias and ultimately even Pentheus‘ mother Agave and her younger sister, Autonoe, also fall into the temptation of following the stranger.

Nobody seems to be obeying Pentheus‘ instructions. He questions his own mother in order to learn more about the mysterious rites. Finally he even questions the stranger himself, who challenges Pentheus to stop opposing the god Dionysus and his power.

When Pentheus tries to arrest the stranger, an earthquake shakes the city. The prisoners, among them Agave and Autonoe, manage to escape in the aftermath of the earthquake and flee to Cythaeron.

Only the stranger remains and he gradually wins Pentheus‘ trust; Pentheus suddenly finds himself isolated. He badgers the stranger with questions: what are the rites all about? Who is pure, who is impure? And what is his mother? The stranger’s reply is enigmatic: the pure are pure, the impure impure, just as they are everywhere.

Pentheus has a vision in which his own mother appears in the form of Venus who, in a lascivious game with Autonoe, seduces his captain of the guard.

Pentheus wants certainty; he intends to go to Mount Cythaeron to see the rites for himself. The stranger advises him to dress as a woman so that he will not be recognized. Pentheus does not object.

Beroe, Pentheus‘ nurse, and Cadmus, his grandfather, have long since realized that the stranger is Dionysus.

On Mount Cythaeron Dionysus urges his followers, among them Agave and Autonoe, to hunt out Pentheus, the enemy and trespasser in their midst. Agave kills her own son.

Next morning Cadmus brings Agave, who has returned to the city, to her senses. As she cradles the head of Pentheus, which has been torn from his body, in her arms, she realizes what she has done.

Dionysus reveals his identity and explains what motivated him to behave as he did. He wanted revenge for the disrespect which he suffered at the hands of Pentheus and he has taken his revenge. He shows no mercy as he continues to punish Pentheus‘ family with death and exile.

It is left to Agave to ask the question on everyone’s mind, does being a god mean being an inhuman monster.

The others are left with no choice other than to timidly recognize the Dionysian power, which can both bring and take life. But is the Dionysian divine?

Christof Loy

© Bavarian State Opera

CHRISTOF LOY
NOTIZEN ZUR INSZENIERUNG

Die Entscheidung Hans Werner Henzes und seiner Librettisten, den Bassariden-Stoff zu wählen, war sicher auch dem Ort der Uraufführung, dem Großen Festspielhaus in Salzburg, geschuldet. Bis dahin waren die Opern, die Henze geschrieben hatte, eher kammerspielhaft angelegt, intimere Stücke sowohl vom Klang als auch vom Stoff her. Dass man bei Festspielen schnell an Ideen der Antike anknüpft, und damit auch an große chorische Szenen, ist eine fast logische Folgerung. Und diesem Chor, der in einem Stück wie etwa Peter Grimes noch im konventionellen, erzählhaften Stil in die Handlung integriert war, haben Henze, Auden und Kallman eine neue, bis dato ungekannte Rolle zugewiesen.

In den Bassariden ist der Chor herausgelöst, agiert jenseits der konventionellen Erzählebene der Solisten, seiner eigenen Dynamik und Dramaturgie folgend. Das Orchester bereitet mit seiner symphonischen Anlage die Verbindung der zwei Ebenen. Der Chor repräsentiert lediglich in der Anfangs- und in der Schlusssequenz „das Volk“; im Wesentlichen kommt ihm die Aufgabe zu, die Ängste, Visionen und Sehnsüchte des Protagonisten Pentheus zu beschreiben – seine Auseinandersetzung mit dem Dionysischen. So verkörpert der Chor den Kampf des Pentheus mit dem Prinzip, das als ein göttliches in sein vordergründig so wohlgeordnetes Leben einbricht. Mit Worten und Zeichen nicht zu fassen, wird es in dieser Oper in erster Linie als Klang präsent - und diesen Klang „sichtbar“ zu machen ist für mich eine der wesentlichen Herausforderungen des Werkes.

Ausgehend von Pentheus’ verzweifeltem Umgang mit dem Dionysischen und seinen Versuchen, des Problems Herr zu werden, kann man im Laufe der Handlung einen Perspektivwechsel feststellen. Von dem Augenblick an, in dem sich der Chor von den berauschten Bassariden hin zu reißenden Mänaden entwickelt - in dem also aus dem quasi anonymen Chor tatsächlich ein Handlungschor wird, der auch in der Partitur eine neue Rollenbezeichnung bekommt –, nimmt die Geschichte des Pentheus folgerichtig ihren tragischen Lauf und lässt sich auch die Figur des Dionysos neu bewerten. Denn bis dahin konnte man das Stück als Geschichte eines Diktators lesen, der gestürzt und konventionell von den Göttern bestraft wird. Aber dann geschieht das Aufregende im Stück, in dem die bis dahin durchaus positiv dargestellte Figur des Dionysos selbst die Züge eines Diktators annimmt, dem sein Volk der Mänaden blind gehorcht und dessen Zerstörungslust sich gegen die Menschen selbst richtet. Die späte (Selbst-)Verherrlichung des Dionysos am Ende des Stückes wird auch musikalisch spürbar durch das Verstummen des Chores, der damit seinen Zweifel an der göttlichen Macht, die Dionysos behauptet zu besitzen, zum Ausdruck bringt. Bei aller triumphalen Klanggewalt kommt man nicht umhin, den Größenwahn eines einsamen Gottes zu bemerken, der eine Rechtfertigung sucht für das System Menschheit, für das er sich verantwortlich fühlt, aber an dem er auch Fehler nicht wahrnehmen möchte.

Wer ist Dionysos? Diese Frage könnte ich heute so beantworten: Dieser Gott ist ein Gott und Scharlatan zugleich. Man kann auch verkürzen: Gott ist ein Scharlatan. Darauf zielt diese Geschichte, die damit viele dunkle Seiten des Menschseins aufwirft, in ihrer Tragik einen göttlichen Sinn der Schöpfung anzweifelt.

Wenn Pentheus im Bann des Dionysos steht, entwickelt auch er euphorische Züge, und er fühlt sich, als er auf den Kytheron geht, wie ein Herrscher, dem plötzlich die ganze Welt offen steht. Pentheus setzt sich mit sich selbst auseinander, hofft, mit sich ins Reine zu kommen, und glaubt deswegen auch, dass für ihn und eigentlich auch für Theben ein ganz neuer Weg und eine ganz neue Zukunft beginnen.

Eine starke Rolle fällt den beiden Frauengestalten Beroe und Agaue zu: Die Amme steht für eine Epoche, in der es einen Umbruch im Verhältnis Mensch und Gott gab. Ihrer Anschauung nach richten die Götter es so, wie es die Menschen verdienen. Für jedes Fehlverhalten müssen sie die Verantwortung tragen, aber man kann durch Gebete und Riten die Götter besänftigen und Buße tun. Damit vertritt Beroe auch einen ungebrochenen Glauben an die Zukunft der Menschen. Agaue steht eher für einen Zustand, in dem der Mensch ein kritisches Verhältnis zu den Göttern hat und er sich spottend über eine Naivität des Glaubens zurückzieht. Damit fehlt Agaue aber auch jedes Vertrauen in die Zukunft: Diese Figur ist nur bestrebt, für sich aus jeder Situation etwas Positives zu ziehen und sich überhaupt nicht in einem Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft zu sehen. Ihr ist allein die Gegenwart wichtig.

Wie viel Vernunft hilft dem Menschen tatsächlich in seinem Dasein? Pentheus und Agaue sind beide auf ganz unterschiedliche Weise Vernunftmenschen. Agaue ist in ihrem Spott nichts mehr ernst und heilig; Pentheus versucht, seine ganze Gesetzgebung auf logischer Folgerichtigkeit in bewusster Negation des Göttlichen zu installieren. Deswegen fallen gerade diese beiden Figuren der Bestrafungsaktion des Gottes Dionysos nicht nur am ehesten zum Opfer, sondern sind von ihm ganz bewusst ausgesucht.

In dem Intermezzo „Das Urteil der Kalliope“ spiegeln sich ebenfalls die Wunschvorstellungen und Ängste des Pentheus. Wir kennen eine Situation wie die in diesem Intermezzo aus eigenen Träumen, in denen Personen aus der nächsten Umgebung plötzlich in entstellenden Zusammenhängen und Rollen auftauchen. Die Librettisten haben dieses lange nicht aufgeführte Intermezzo an einer Stelle der Handlung vorgesehen, als Pentheus durch die Gegner des Dionysos mehr über sich erfahren will, als er sich selbst zugesteht. Er will die ihm unverständliche Sinnlichkeit der eigenen Mutter nachvollziehen. Für Pentheus wie für das Publikum bildet das „Urteil der Kalliope“ so eine Insel, die zunächst verwirrt, auch amüsiert, und letztendlich in neue Verwirrung stürzt, die erst in der Szene auf dem Kytheron ihre – katastrophale – Lösung findet.

Der Kampf zwischen Pentheus und Dionysos ist ein Kampf zwischen dem Versuch, soziales Leben auf der Grundlage von Ethik und Gesetzen zu gestalten, und der sinnlichen Gewalt des Dionysischen, die sich, je mehr sie zurückgedrängt wird, umso extremer und eruptiver entlädt.

Das Stück hält eine erschreckend negative Bilanz der Grundbedingungen von Leben bereit: die Übermacht alles Kreatürlichen – Geburt und Lebennehmen einschließend – vor allen Errungenschaften der Zivilisation.

Und selbstverständlich sind wir alle in ein sehr komplexes System eingebunden, in dem sich rationales und dionysisches System nicht auseinanderdividieren lassen. Das erschreckendste Beispiel in der Geschichte für das Überlagern dieser Kräfte sind sicher die Verführungs- und Machtmechanismen, die das Leben im Dritten Reich bestimmt haben.

© Bayerische Staatsoper

To List of Performances

Biographies

Thomas Wilhelm erhielt seine Ausbildung an der Palucca Schule Dresden. Als Tänzer war er u. a. an der dortigen Semperoper, der Oper Göteborg und in der Kompanie von Stephan Thoss engagiert. Seit 2006 ist er freischaffender Choreograf. Mit dem Regisseur Christof Loy verbindet ihn eine lange Zusammenarbeit. Sie realisierten zahlreiche Inszenierungen u. a.  an den Opernhäusern in Amsterdam, Barcelona, Göteborg, Stockholm, Zürich, Genf, Basel, Frankfurt, Berlin, am Royal Opera House Covent Garden in London und bei den Salzburger Festspielen sowie am Theater an der Wien, zuletzt mit Benjamin Brittens Peter Grimes. Zudem arbeitet er mit Nadja Loschky (jüngst bei La traviata am Theater Bielefeld) und Amélie Niermeyer (Gioachino Rossinis Elisabetta regina d’Inghilterra und Rusalka am Theater an der Wien) zusammen. (Stand: 2019)

To List of Performances