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Eine Anti-Heilsgeschichte des Musiktheaterkollektivs HAUEN ∙ UND ∙ STECHEN nach Nikolai Rimski-Korsakows fantastischer Oper Snegurotschka (Schneeflöckchen)

| Neuproduktion

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Inszenierung
HAUEN UND STECHEN
Regie
Julia Lwowski, Franziska Kronfoth
Bühne
Yassu Yabara, Günter Lemke
Kostüme
Christina Schmitt
Video
Martin Mallon
Licht
Benedikt Zehm
Dramaturgie
Malte Krasting, Miron Hakenbeck
Leitung Kinderchor
Maxim Matiuschenkov
Musikalische Leitung und Arrangement
Clemens Rynkowski

Zar Berendej
Long Long
Bermjata, Bojar
Oleg Davydov
Snegurotschka
Anna El-Khashem
Kupawa
Angela Braun
Kinderchor
Konzertchor der Schule für Chorkunst München
1. Violine
Michele Torresetti
2. Violine
Clemens Huber
Viola
Jenny Scherling
Violoncello
Jakob Roters
Kontrabass
Florian Rynkowski
Saxophon
Andrej Lakisov
Tuba/Posaune
Jakob Grimm
Akkordeon
Timofey Sattarov
Schlagzeug
Maxime Pidoux (26.06.2018) , Lennard Nijs (27.06.2018, 29.06.2018, 01.07.2018)
Klavier
Edgar Wiersocki
Die Frühlingsfee
Gina-Lisa Maiwald (27.06.2018, 29.06.2018, 01.07.2018)
Vater Frost
Günter Schanzmann (27.06.2018, 29.06.2018, 01.07.2018)
Misgir, reicher Kaufmann
Thorbjörn Björnsson (27.06.2018, 29.06.2018, 01.07.2018)

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Mehr dazu

Die Menschen verstehen die Natur nicht mehr. Seit Jahren macht sich die Sonne rar, und so leben sie in einem meteorologischen Ausnahmezustand. Auch in der Welt der Elementargeister ist nicht alles in Ordnung. Aus der Liaison zwischen Wintergeist und Frühlingsgöttin ist ein illegitimes Kind hervorgegangen: Snegurotschka. Könnte das Mädchen allein durch seine ungewöhnliche Existenz schuld an den Wirren des Wetters sein? Als Snegurotschka zur jungen Frau herangewachsen ist, will sie unter den Menschen leben. Doch wird sie nie vollständig zu ihnen gehören, solange sie nicht leidenschaftliche Liebe fühlen kann. Was sie nicht weiß: Sollte ihr dies gelingen, wird sie schmelzen. Zeitgleich zu Wagners Parsifal griff Rimski-Korsakow zu heidnischen Mythen und Märchen, um seinerseits vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu erzählen – so auch in seiner Oper Snegurotschka von 1882. Das Musiktheaterkollektiv HAUEN ∙ UND ∙ STECHEN beschwört die rituellen Elemente dieser und anderer Partituren des Komponisten und entfesselt in einer Performance für Sänger, Schauspieler und kleines Instrumentalensemble ein Musiktheater als Festgelage – auf dem für einen Abend lang eine Gemeinschaft entsteht, die sich Geschichten erzählt von Verwundungen und wundersamen Rettungen aus der Katastrophe.

Wege ins Jarilo-Tal

Laufen und singen

Die Menschen verstehen die Natur nicht mehr: Mitten im Sommer bleibt die Sonne hinter Wolken verborgen, und das bereits seit vielen Jahren. Auch die Glühwürmchen verschwinden vom Planeten. Sind das Symptome für einen Fehler im großen Ganzen, verweist es auf eine nahende Katastrophe? Mit einer Prozession begehen die Menschen das traditionelle Fest des Mittsommers – doch sind sie sich über die Zusammenhänge dieser Gebräuche längst im Unklaren. Im gemeinsamen Laufen suchen sie Wege aus der Krise.  

Im Dorf

Ein ganzes Dorf feiert die bevorstehende Hochzeit von Misgir und Kupawa. Vom hohen Besuch des Zaren Berendej und des Bojaren Bermjata fühlt man sich geehrt, aber er flößt auch Furcht und Ehrfurcht ein. Bei aller Ausgelassenheit kann Kupawa die Sorgen nicht vergessen, die ihr die lange Abwesenheit der Sonne bereitet. Vielleicht sind die Menschen selbst schuld an diesem Mangel? Kupawa versucht, ihre Schwermut zu überwinden, um mit ihrer Liebe zu Misgir dem Sonnengott Jarilo zu gefallen und die warmen Sommer ihrer Kindheit zurückzuholen.
Eine junge Frau mit dem Namen Snegurotschka scheint seltsam abwesend. In ihr erwecken die Lieder der Menschen eine schmerzhafte Sehnsucht. Sie fühlt sich zu Musik und Kunst hingezogen und ist überzeugt, dass etwas mit ihr nicht stimmt: Die Liebe der anderen wird ihr immer fremd bleiben. Doch warum tut ihr das weh? Ihr merkwürdiges Verhalten fällt dem Zaren ebenso auf wie Misgir: Der Zar kommt auf den Gedanken, dass sie geeignet wäre, eine alte Opferzeremonie wiederaufleben zu lassen, mit der sich die Sorgen um die Zukunft der Welt abwenden ließen. Misgir vergisst angesichts Snegurotschkas seine Braut Kupawa. Das Fest endet im Streit.

Schnee

Snegurotschka sucht am Ort ihrer Herkunft nach den Gründen ihrer tiefen Verwundung. Im hohen Norden treffen sich wie jedes Jahr beim Wechsel der Jahreszeiten ihre Eltern: die Frühlingsfee und Vater Frost. Die beiden verbindet eine besondere gegenseitige Anziehung, aber naturgemäß können sie nicht lange beieinander bleiben. Vor sechzehn Jahren hatten sie ihrer Leidenschaft füreinander nachgegeben. Wider alle Regeln ist daraus ein Kind hervorgegangen: Snegurotschka.  Wie immer haben sie auch diesmal für ihre Tochter kaum Gehör. Bevor sie Snegurotschka sich selbst überlassen, schärft Vater Frost ihr seine alte Warnung ein: Der Sonnengott Jarilo würde Snegurotschka schmelzen lassen, sobald sie selbst leidenschaftliche Liebe fühlt.
Snegurotschka bewirkt ein Wunder: Sie führt die Menschen, die sich auf dünnem Eis bewegen, zu neuen Ufern.

Neue Zeiten

Um etwas zu verbessern, muss man es verändern. Eine Revolution ist nötig. Die Umwälzungen gelingen, die Menschen sind voller Hoffnung.
Misgir wird wegen Untreue zu seiner Braut angeklagt und von den neuen Machthabern zu Verbannung verurteilt.
Manche ziehen sich zurück in den Wald.
Misgir ist nach wie vor verliebt in Snegurotschka und will sich ihre Gunst erkaufen. Doch ihre Liebe hängt nicht vom Wert der geschenkten Perlen ab. Ihre fortdauernde Weigerung bringt Misgir zur Raserei, und dass sie sich auch seiner Gewaltandrohung entziehen kann, an den Rand des Wahnsinns.

Ins Weltall

Die Welt ist noch immer aus den Fugen. Die Zukunft liegt nicht allein auf der Erde, sondern im Weltraum. Mit dessen Eroberung, mit der Besiedelung anderer Planeten und dem Erschaffen von bewohnbaren Raumstationen könnten alle Probleme gelöst werden.
Andere sind der Überzeugung, nur durch ein Opfer ließen sich die Naturkräfte besänftigen. Ist Snegurotschka, dieses außergewöhnliche Mädchen, vielleicht die Richtige dafür?
Snegurotschka wendet sich in ihrer Sehnsucht, das zu spüren, was die anderen Liebe nennen, an ihre Mutter. In einer feierlichen Beschwörung stattet die Frühlingsfee ihre Tochter mit der Gabe sinnlicher Empfindung aus. Ein Wunder? Doch so durchlässig, wie Snegurotschka nun in ihren Gefühlen Misgir gegenübertreten wird, ist sie für Jarilo mit seinen Sonnenstrahlen geworden: Von nun an schwebt sie in Lebensgefahr.
Die Frühlingsfee weiß, in welche Lage sie ihre Tochter gebracht hat. Sie macht sich Vorwürfe, die großen Ideen über das Wohl ihres Kindes gestellt zu haben, das nun beständig Todesnähe empfindet.
Mit ihrer neuen Gefühlsstärke sieht Snegurotschka in Misgir mit einem Mal einen wunderbaren Mann. Dass sie an dem Feuer der Leidenschaft vergehen kann, nimmt sie in Kauf.

Das Ende als Auftrag

Noch immer ist das Hauptproblem nicht gelöst: Die Sonne hält sich bedeckt, die Ernte droht wieder spärlich auszufallen. Mit dem Hirselied, einem großen Fruchtbarkeitstanz, soll dem entgegengewirkt werden.
Snegurotschka meint, das ihr vorbestimmte Schicksal annehmen zu müssen. Sie beginnt zu schmelzen und stirbt. Im Glauben, für ihren Tod verantwortlich zu sein, sucht Misgir sein irdisches Leben in eine andere Daseinsform zu überführen.
Um Snegurotschkas Sterben einen Sinn zu verleihen, müsste man darin das notwendige Opfer sehen, den Sonnengott wieder gewogen zu machen. Ob das die Lösung ist?
Die Menschen suchen fortwährend nach Auswegen. Aber dünnes Eis bleibt dünn. Wer einbricht, fällt ins Wasser. Nur wenige können Wunder wirken.

Der Name stellt es gleich ins Zentrum: Bei HAUEN•UND•STECHEN geht es ums Ganze. Hier wird nichts und niemand mit Samthandschuhen angefasst, sondern alles und jeder an der Kehle gepackt. Und ein Kollektiv, das inszeniert: so etwas mag es im schauspielernden Sprechtheater geben – aber an der Oper? Gibt es das jetzt auch. Die Truppe (ja, so hießen Theatergruppen früher) trug zunächst die Bezeichnung Kronfoth-Lwowski-Musiktheaterkollektiv; die beiden Namensgeberinnen (Franziska und Julia respektive) waren beziehungsweise sind Absolventinnen des Studiengangs Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, also per Diplom ausgewiesene Fachfrauen fürs Opernhandwerk mit partiturfester Repertoirekenntnis. Nach ihrem Abschluss wollten beide sofort loslegen und nicht erst als Assistenten durch die Stadttheater tingeln (no offense intended). Dazu verbündeten sie sich mit einer Schar weiterer Opernbegeisterter: Darsteller, Musiker, Bühnen- und Kostümbildner, Videodesigner und was man noch braucht. Im Keller der Galerina Steiner entstand so Berlins allerkleinstes Opernhaus, das jede Woche eine neue Folge „Hauen und Stechen“ auf die Bühne brachte. Schon allein aus Platzgründen konnte sich da kein Besucher im Lederfauteuil gemütlich und auf Abstand zurücklehnen, man musste stattdessen schon mal selbst ein Requisit in die Hand nehmen, ständig Stand- und Spielbein wechseln, um die vielen Perspektiven, Texte, Rollenwechsel mitzubekommen, Umzüge mitmachen, mit Lebensmitteln umgehen. Manchmal geriet man Zweikampfaktionen gefährlich nahe. Diese Nähe kennzeichnet die Arbeiten des Kollektivs auch jetzt noch, da sie mit ihren Arbeiten in größere Theaterräume Einzug gehalten haben. Dabei hat das Kollektiv immer die Recherche an großen Opernstoffen und -figuren im Blick behalten Carmen (Notre Carmen), Turandot (Die Todesqualle), Fidelio (Schwarz-Rotz-Gold-Sturm. Fidelio – Ein deutscher Albtraum in vier Folgen) –, hat diese Stoffe in ungewöhnliche musikalische Einfassungen gepasst und die singenden Helden ins Kreuzfeuer der Theorien Lacans, Godards und Freuds genommen. Nicht nur im Programmbuch, wie es jedes seriöse Haus seit Jahren zu tun pflegt, sondern live und auf der Bühne. Das klingt gewalttätig? Ja, gerne. Es bedeutet aber auch eine große Liebe für die Musik, die Stoffe und zwischen allen Beteiligten, die sich in utopischen Kuschel- und Festmomenten ausbreitet. In München war bislang das Projekt LULU/NANA (in Schwere Reiter, 2014) zu sehen. Spätestens mit ihrer Lektüre von Brechts Gutem Menschen von Sezuan haben sie die Bayerischen Staatsdramaturgen in ihren Bann gezogen. Und inzwischen werden sie auch von Fachmagazinen wie Theater der Zeit und Opernwelt hochgehandelt und ihre Stücke im Pariser Théâtre de l’Athénée, Hamburgs Opera Stabile und in der Werkstatt der Deutschen Oper Berlin gezeigt. Jetzt also: Vorhang auf für Nikolai Rimski-Korsakows Snegurotschka (nach dem Schauspiel von Alexander Ostrowski) und das festliche Ritual von Werden und Vergehen in der Sicht von HAUEN·UND·STECHEN.

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Biografien

Julia Lwowski in Odessa geboren, kam 1993 nach Deutschland und studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Zu ihren bisherigen Inszenierungen gehören Versionen von Tschaikowskis Iolanthe, Wagners Götterdämmerung, Marschners Vampyr sowie Acis & Galatea von Händel und Blachers Funkoper Die Flut am HAU, wo sie 2013 auch Gustav Mahlers Kindertotenlieder inszenierte. Als Gründungsmitglied von HAUEN • UND • STECHEN wirkt sie an den Episoden der gleichnamigen Performancereihe mit, zuletzt bei Projekten zu Giacomo Puccini und Beethovens Fidelio. Zu ihren Regiearbeiten gehören I Believe in Jim Jones und Once in A Lullaby am Ballhaus Ost, Verdis Macbeth, Elektra nach Hugo von Hofmannsthal und Die Fledermaus von Johann Strauß an der Neuköllner Oper. 2016 gab sie ihr Debüt an der Hamburgischen Staatsoper mit Telemanns Orpheus.

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