Unten auf einem großen g entspannend…

Christian Gerhaher über Othmar Schoecks Notturno

von Christian Gerhaher 
Foto von Robert Fischer

Dieses Werk reibt sich an der Vergänglichkeit des menschlichen Seins. Zwischen 1931 und 1933 arbeitete Othmar Schoeck an der Vertonung von acht Gedichten Nikolaus Lenaus, ungleich verteilt auf fünf Sätze, endend mit einem Fragment von Gottfried Keller. Changierend zwischen Lied und Kammermusik — durch die Bündelung von Gedichten zu Sätzen vielleicht eher als Streichquartett mit obligatem Gesang zu bezeichnen — ist die Stimmführung kontrapunktisch eingebunden. Es ist dadurch nicht einfach zu erlernen, zwar nicht atonal, doch entspricht es keinesfalls irgendeinem Lied-Standard. Schoeck, der Lenau so häufig vertonte wie kein Zweiter, verdichtet Musik und Text zu einer wie besessenen Verzweiflung an unserer Natur. Der Natur des Endes. Die radikale Finsternis in Lenaus Zeilen ist das Bestimmende – zwar zum Schluss durch das Fragment von Keller aufgelöst in eine Verklärung, trägt jedoch auch diese vermeintliche Wendung das Manische in sich – ein hochnervöses Nichtdamitauskommenkönnen, dass der Mensch stirbt — ohne Punkt und ohne Komma. Das Ende des ersten Satzes („Die Seele sieht mit ihrem Leid sich selbst vorüberfließen“) ist musikalisch wie textlich einer der umwerfendsten Momente der Musik, immer leiser und ruhiger werdend, sich am Ende dieser Phrase nach unten auf einem großen g entspannend.
Dieser Text ist ein Originalbeitrag des Magazins engelsloge n°49, eine Veröffentlichung von Süddeutsche Zeitung Tickets und der Bayerischen Staatsoper, erschienen am 14.9.2021.

PROGRAMM DES KAMMERKONZERTS
SAMSTAG. 25.9.21

Othmar Schoeck
Notturno. Fünf Sätze für eine tiefe Stimme und Streichquartett op. 47

Arnold Schönberg
Verklärte Nacht. Streichsextett op. 4

Hector Berlioz
Les Nuits d'été op. 7
(Bearbeitung für Singstimme und Streichsextett von David Matthews)