Im Gespräch: Myron Romanul

MYRON ROMANUL IM GESPRÄCH

Myron Romanul hat schon an zahlreichen Ballettproduktionen mitgewirkt. Bereits 2017 hat er im Münchner Nationaltheater die Premiere von Alice im Wunderland dirigiert. Nun leitet er auch die Wiederaufnahme dieses opulenten Ballettmärchens. Im Interview spricht er über seine Lieblingsszenen, über die Besonderheiten eines Ballettdirigats und was er am Bayerischen Staatsballett schätzt.

 

Annette Baumann (AB): Myron, du hast schon einige Ballettvorstellungen dirigiert. Woher kommt deine Liebe zum Ballett?

Myron Romanul (MR): Ich habe es schon immer geliebt, Musik mit der Bühne zusammenzubringen, egal in welcher Form: Oper, Ballett, sogar Puppentheater habe ich schon dirigiert. Ich bin in Boston aufgewachsen und hatte dort viel mit dem Boston Ballet zu tun – zuerst im Orchester als Ensemblemitglied und dann als Solopianist. Ich mochte das Ballett schon immer sehr. Zum ersten Mal ein Ballett dirigiert habe ich in den 1970er Jahren, das war La Fille mal gardée.

AB: Inwiefern unterscheiden sich Ballett- und Operndirigate?

MR: Ich denke, für die Orchestermusiker macht es einen größeren Unterschied als für den Dirigenten, ob Ballett oder Oper gespielt wird. Bei einer Oper hören die Musiker die Sänger. Da kann man das Dirigat leichter nachvollziehen. Beim Ballett hört man im Orchestergraben nur das Klappern der Spitzenschuhe auf dem Boden. Aber man sieht die Tanzschritte nicht. Es ist also schwerer zu verstehen, warum eine Phrase oder auch eine ganze Vorstellung auf eine bestimmte Art und Weise gespielt werden muss. Manchmal gehen Orchestermitglieder in die Ballettproben, wenn sie selbst nicht spielen müssen, um sich die Choreographie anzuschauen. Das trägt zu einem besseren Verständnis bei.

Die große Herausforderung beim Ballett für mich als Dirigent ist es, das Orchester und die Tänzer gleichermaßen zu respektieren. Die Musik und die Darstellung der Tänzer zur Musik sind zwei Dinge, die Hand in Hand gehen müssen und gleichermaßen wichtig sind. Ein Ballett zu dirigieren ist, als würdest du einen Stummfilm dirigieren. Nur dass sich die Handlung nicht auf dem Bildschirm abspielt, sondern auf der Bühne.

AB:  Was bewunderst du am meisten an Balletttänzerinnen und -tänzern? 

MR: Ich bewundere, wie sie sich mit ihren Körpern ausdrücken können und wie sie die einzelnen Phrasen formen. Da kommen Musik und Tanz zusammen, das Auditive trifft auf das Visuelle.

AB:  Wie bereitet man sich auf ein Ballett-Dirigat vor? 

MR: In erster Linie muss man zusehen. Und wenn man genug Ballettstücke und -proben gesehen hat, kennt man die einzelnen Tänzertypen und wie man auf sie eingehen muss. Große Männer brauchen mehr Zeit für die Sprünge, bei kleineren Tänzern kann man meist etwas schneller dirigieren. Das zu wissen ist vor allem wichtig, wenn man ein Stück mit vielen verschiedenen Besetzungen leitet. Der Nussknacker zum Beispiel ist ein Klassiker, den, zumindest in den USA, selbst Menschen ansehen, die sonst nie ins Ballett gehen. Wir hatten öfters 50 Vorstellungen in vier Wochen mit ganz vielen verschiedenen Besetzungen. Wenn man da nicht nur das Stück, sondern auch die Tänzer kennt und weiß, wie sie arbeiten, ist das Dirigat viel leichter.

AB:  Gibt es bestimmte Zeichen von Tänzern auf der Bühne, dass man schneller/langsamer dirigieren muss? 

MR: Während des Tanzes normalerweise nicht. Es ist die Aufgabe des Dirigenten zu sehen, ob sie mehr Zeit brauchen; oder umgekehrt, ob man schneller dirigieren muss. Ein guter Ballettdirigent erkennt das und geht darauf ein.

AB:  Von 1985 bis 1990 warst du am Stuttgarter Ballett. Was ist deine schönste Erinnerung an diese Zeit? 

MR: Es war eine wunderbare Erfahrung, mit Künstlerinnen und Künstlern wie Marcia Haydée, Birgit Keil oder Richard Cragun zusammenzuarbeiten. Vor allem Marcia hat mir geholfen und mich sehr unterstützt. Ich hatte die Ehre, ihre erste Ballettproduktion von Dornröschen zu dirigieren.

AB:  Du hast mit vielen Compagnien gearbeitet. Wie würdest du das Bayerische Staatsballett charakterisieren?

MR: Das Bayerische Staatsballett ist für mich heute eine der Top-Compagnien. Es gibt hier viele talentierte, wundervolle Solisten, die auch Persönlichkeit haben. München ist für mich ohne Frage sehr weit oben im Ranking. Ebenso wie es Stuttgart zu Zeiten von Marcia Haydée war.

AB:  Jetzt dirigierst du Alice im Wunderland in der Choreographie von Christopher Wheeldon. Was ist deine Lieblingsszene?

MR: Ich liebe die Szenen, in denen Alice und Jack aufeinandertreffen. Das sind wunderschöne Melodien und wundervolle Harmonien. Auch das Ende des zweiten Akts mag ich sehr. Das Glockenspiel und die Harfe geben dem Ganzen eine ganz besondere Klangfarbe. Und der Walzer ist natürlich auch toll – obwohl der Komponist Joby Talbot eigentlich erst gar keinen Walzer komponieren wollte.

AB:  Du hast viele Preise gewonnen. Was bedeuten sie dir?

MR: Das sind für mich besondere Auszeichnungen, mit denen man manchmal gar nicht rechnet. Einmal, da war ich noch sehr jung, haben wir Ragtime Musik aufgenommen, Scott Joplins „The Red Back Book“. Rückblickend ging dann alles sehr schnell. Wir waren auf Tournee, hatten ausverkaufte Konzerte – und gewannen plötzlich einen Grammy für die beste klassische Kammermusik. Es ist mir schon passiert, dass ich im Supermarkt diese Einspielung gehört habe. In so einem Moment denkst du, wow, du hast es geschafft (er lacht).

AB:  Hast du schon mal einen Preis für ein klassisches Ballett-Dirigat bekommen? Gibt es sowas überhaupt?

MR: Vor sieben Jahren hat Vladimir Malakhov den Marie-Taglioni-Award ins Leben gerufen. Da gab es Kategorien wie den besten Tänzer, die beste Tänzerin, den besten Choreographen etc. Und ich war einer von drei Nominierten für den besten Ballett-Dirigenten. Einen Preis für das beste Ballett-Dirigat im eigentlichen Sinne gibt es aber nicht wirklich – obwohl es doch berühmte Dirigenten gibt, die Ballette leiten. Das ist sehr schade.

AB:  Hast du ein Lieblingshaus?

MR: Oh, das muss München sein (er lacht). Nein, im Ernst: Meine Lieblingshäuser sind wirklich München und Boston. Ich hatte die Ehre, viel mit dem Boston Symphony Orchestra zu arbeiten. Jedes Mal, wenn ich dort auf die Bühne gehe, ist das eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre. Auch München hat ein tolles Opernhaus mit einer großartigen Akustik. Also ja, in München und Boston mache ich am liebsten Musik.
 

AB: Myron, wir danken dir für dieses Gespräch!

Das Interview führten Annette Baumann und Annabell Frankenfeld

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