Zusammen Heilig Abend verbringen, entspannt auf das Christkind oder den Weihnachtsmann warten, und einander persönlich beschenken: Das ist für Tänzer:innen nicht selbstverständlich. Sowohl Bühnenkünstler:innen als auch das Team hinter der Bühne arbeiten häufig an den Feiertagen. In diesem Jahr steht das Märchenballett Cinderella auf dem Spielplan. Besonders herausfordernd ist dies für das internationale Ensemble des Bayerischen Staatsballetts, das diese Tage oft ohne Familie verbringen muss. Wir haben mit den Compagniemitgliedern Zhanna Gubanova, Carollina Bastos, Madeleine Dowdney und António Casalinho gesprochen, wie sie die Weihnachtszeit fernab der Heimat verbringen. 

„Weihnachten verbringe ich auf der Bühne. Das ist völlig normal für mich“, sagt Zhanna Gubanova. Die vergangenen neun Jahre hat die Tänzerin in Russland gearbeitet. Dort sind winterliche Märchenballette wie der Nussknacker Tradition, findet Zhanna: „Wir versuchen, eine weihnachtliche Atmosphäre für das Publikum zu kreieren.“ Während der Vorbereitung auf die Vorstellungen schauten sich die Tänzer:innen in der Maske immer Weihnachtsfilme an, erinnert sich Zhanna.

Auf die letzte Weihnachtsvorstellung am 7. Januar folgten ein paar freie Tage. „Ich konnte Weihnachten immer mit meiner Familie verbringen“, erzählt Zhanna, die als orthodoxe Christin erst am 7. Januar Weihnachten feiert. „Das ist ein gemütliches, besinnliches Fest mit der Familie ohne Geschenke.“ Die gibt es dafür am 31. Dezember. Silvester wird in Zhannas Heimat groß gefeiert – mit Geschenken und einem großen Abendessen.

Dieses Jahr verbringt Zhanna die Feiertage erstmals in München ohne ihre Familie und in einem anderen Kulturkreis. Sowohl an „ihrem“ Weihnachten als auch an Neujahr steht sie in Cinderella auf der Bühne. Am 25. Dezember gibt sie ihr Deübt im Frühlingsolo. Eine neue, aufregende Situation, sagt sie. Wie sie Weihnachten dieses Jahr verbringt? „Ich werde mich anpassen und auch am 24. Dezember feiern. Wir werden gemütlich zusammen kochen.“ 

Demi-Solistin Carollina Bastos hat bereits 2014 zum ersten Mal Weihnachten fernab ihrer Heimat in Brasilien verbracht. Ihre Mutter besuchte sie damals in München, um mit ihr und Bianca Teixeira die Feiertage zu verbringen. Lächelnd erzählt Carollina, dass sie gemeinsam brasilianisch gekocht hatten – und es lag während der Weihnachtstage Schnee. „Da ist ein Traum wahrgeworden.“ Weiße Weihnachten kannte sie nur aus Filmen. „In Brasilien hingegen herrschen teils Temperaturen von 40 Grad.“ Bis 2013 feierte sie dort Weihnachten mit ihrer Familie. Auf das weihnachtliche Abendessen am 24. Dezember folgte die Bescherung. Die Geschenke bringt in Brasilien übrigens der Weihnachtsmann, den Carollinas Onkel viele Jahre höchstauthentisch verkörpert hatte, erzählt die Tänzerin lachend. Am 25. Dezember stand ebenfalls ein weihnachtliches Essen mit der ganzen Familie auf der Agenda.

Seit sie in Deutschland lebt, hat Carollina insgesamt fünfmal mit ihrer Familie Weihnachten gefeiert – viermal in München und einmal in Brasilien. An Weihnachten zu arbeiten, ist sie inzwischen gewohnt: „Es ist auch schön, die weihnachtliche Stimmung an das Publikum weiterzugeben.“ Die Feiertage verbringt sie mit ihrem Ehemann, dem Demi-Solisten Ariel Merkuri, und Tänzer:innen der Compagnie. Gemäß ihrer Tradition feiern die brasilianischen Ensemblemitglieder auch dieses Jahr zusammen mit brasilianischem Essen, verrät Carollina.

Eines ihrer persönlichen Adventshighlights ist der Christkindlmarkt. Den kennt Carollina nur aus Deutschland. „Ich liebe es, mir hier einen Glühwein und Schokofrüchte zu holen und die weihnachtliche Atmosphäre zu genießen.“

Carollina Bastos am Christkindlmarkt

Auch Madeleine Dowdney geht gerne auf den Weihnachtsmarkt. „In München ist das eine viel größere Tradition als in meiner Heimat.“ Dort hat die gebürtige Britin bis zu ihrem 18. Lebensjahr mit ihrer Familie Weihnachten gefeiert. Daran erinnert sie sich gerne zurück: „Am Abend des 24. Dezembers haben wir immer ein Glas Milch, Kekse und einen sogenannten Mince Pie für Santa Claus hingestellt – und eine Karotte für seine Rentiere“, berichtet sie. In ihrer Heimat bringt Santa Claus in der Nacht zum 25. Dezember die Geschenke. „Im Strumpf, der über dem Kamin hängt, befinden sich nur Kleinigkeiten wie Mandarinen. Die großen Geschenke lagen immer unter dem Baum.“ Auf den gemütlichen Weihnachtsmorgen folgte stets ein großes Weihnachtsessen.

Seit sie elf Jahre alt ist, steht Maddie in der Weihnachtszeit auf der Bühne, zunächst in London, mit 19 Jahren zum ersten Mal im Ausland. Das sei schon belastend: „Es ist hart, ohne die Familie zu feiern – gerade wenn sonst niemand arbeitet. Weihnachten ist ein Fest der Familie. Klar, ich habe hier tolle Freund:innen und meinen Partner. Aber trotzdem vermisst man die eigene Familie.“ Nur 2020 hatte sie coronabedingt wieder die Möglichkeit, in ihrer Heimat zu feiern.

In München feiert Maddie gleich zweimal Weihnachten: am 24. Dezember mit ihrem Partner und dessen Familie, am 26. Dezember mit einigen Ensemblemitgliedern. „Wir sitzen alle im selben Boot. Wir können nicht mit unserer Familie feiern. Aber wir machen das Beste aus der Situation und verbringen Weihnachten gemeinsam. Jedes Jahr feiern wir bei einem anderen Gastgeber und jeder bringt etwas zu essen mit.“ Neben der Tradition des „Friendsmas“, also dem Weihnachtsfest mit Freund:innen, gibt es auch andere Rituale am Bayerischen Staatsballett: Die Tänzer:innen wichteln untereinander und halten am 24. Dezember ein Weihnachtstraining ab, zu dem sich die Ensemblemitglieder weihnachtlich einkleiden. „Einige nehmen das wirklich ernst und verkleiden sich als Rentiere“, sagt sie lachend.

António Casalinho tritt dieses Jahr zum ersten Mal am ersten Weihnachtsfeiertag auf. „An Weihnachten ins Ballett zu gehen ist eher eine mitteleuropäische Tradition. In meiner Heimat Portugal ist das nicht so.“ Mittlerweile lebt António seit drei Jahren in München. „Das erste Weihnachten ohne meine Familie war definitiv das schwerste.“ In der Heimat des 20-Jährigen ist Weihnachten ein großes Familienfest. Nicht nur das gemeinsame Weihnachtsessen ist eine Tradition, an die er sich gerne erinnert. „Am Morgen des 25. Dezember hat meine Großmutter immer Arme Ritter, in Zimt und Butter gebratene Brote, gemacht. Und wir hatten kleine Weihnachtsgeschenke in unseren Schuhen.“ Weihnachten ist für António eine schöne Kindheitserinnerung. „Unsere Tradition war es, Zeit mit der Familie zu verbringen.“ Die Armen Ritter seiner Großmutter haben António und Margarita Fernandes übrigens schon nachgebacken. „Wir haben aber versucht, sie gesünder zu backen. Ich fasse mich kurz: Dieses Jahr halten wir uns an das originale Rezept“, verrät der Solist lachend.

Das erste Weihnachten in Deutschland haben António und Margarita alleine gefeiert. „Es war eigentlich echt schön – wir haben zusammen gekocht und mit unseren Familien telefoniert.“ 2022 hatte António Besuch von seiner Familie. In dem Jahr war er auch das erste Mal auf dem Weihnachtsmarkt, wo er fast alle Geschenke für seine Familie gekauft hat. „Dort herrscht einfach eine schöne Atmosphäre.“ Wenn es dann noch schneit, sei es die perfekte Weihnachtskulisse: „Da fühle ich mich wie in einem Weihnachtsfilm.“

Dieses Jahr bekommen António und Margarita Besuch von Margaritas Familie. Darauf freuen sie sich schon, ebenso auf die anstehenden Cinderella-Vorstellungen: „Das ist schon ein perfektes Weihnachtsmärchen.“

Autorin: Annabell Frankenfeld

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