Serge Honegger (SH): Du stammst aus Neuseeland und tanzt nun in der vierten Spielzeit beim Bayerischen Staatsballett. Wie nimmst du München als Kulturstadt wahr?

Rhiannon Fairless (RF): Für mich ist es ein Privileg, in München als Tänzerin arbeiten zu können. Das Ballett, die Oper und die Kunst ganz allgemein sind hier viel stärker in der Gesellschaft verankert, als ich es zum Beispiel in Neuseeland oder in Kanada erlebt habe. Der Respekt, den das Publikum hier dem Ballett entgegenbringt, wirkt auf mich als Künstlerin zurück und beflügelt mich. Man merkt die Haltung auch beim Publikum, wenn man sich zum Beispiel in den Vorstellungen im Foyer umsieht. Viele Leute ziehen sich gerne schön an, weil es für sie etwas Besonderes ist, ins Theater zu gehen.

Rhiannon Fairless auf der Bühne in LE GRAND SOT

SH: Du bist aktuell nicht nur als Tänzerin auf der Bühne zu sehen, sondern studierst als Ballettmeisterin die Choreographie Le Grand Sot von Marion Motin für Blickwechsel ein. Sie hatte das Stück im Juni 2023 im Rahmen von Sphären mit dem Ensemble erarbeitet. Was ist das für eine Choreographie im Gegensatz zu den anderen Stücken, in denen du mitwirkst?

RF: Marion Motins Choreographie hat diese coole und funky-hafte Seite. Das begeisterte das Publikum, als wir es im Programm mit den Arbeiten der jungen Choreographen aufführten. Es ist ein Stück, dass gerade auch für ein jüngeres Publikum attraktiv ist. Mir macht es großen Spaß, Marion Motins Version von Ravels Boléro zu tanzen. Es zieht mich aber immer wieder auch zum klassischen Repertoire. Neben dem Einstudieren von zeitgenössischen Choreographien finde es wichtig, auch die älteren Ballette zu erhalten.

SH: Was macht für dich den Reiz dieser Stücke aus?

RF: Es ist die Schönheit der Formen, es ist die Präzision und es sind diese Momente auf der Bühne, in denen ich mich am weitesten weg vom Alltäglichen fühle.

Wenn ich an den Schattenakt in La Bayadère denke, dann hat diese Szene etwas Außerweltliches. In dieser Form findet man das nur im Ballett. In den klassischen Gruppenchoreographien müssen wir als Ensemble gleichzeitig atmen und uns eng aufeinander abstimmen. Wenn du anfängst, nur an dich zu denken, dann funktioniert es nicht. Du musst dich in eine Gemeinschaft einfügen wollen und dein Ego loslassen. Dabei wird etwas Intimes, etwas Verletzliches aufgedeckt. Darin liegt das Authentische und Ehrliche, von dem das Publikum berührt wird.

SH: Ist das eine Erfahrung, die du in allen Stücken machst, in denen du tanzt?

RF: Nicht jede Choreographie spricht mich in der gleichen Weise an. Aber ich liebe den Tanz und die Musik seit meiner Kindheit. Und auf der Bühne kann ich verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit zeigen, ob es nun durch die von Hip-Hop geprägte tänzerische Sprache von Marion Motin oder der Schattenakt in La Bayadèreist.Ich möchte auf der Bühne einfach treu mir zu mir selbst sein, dann bin ich am glücklichsten.

SH: Wir wissen, dass die Karriere von Tänzerinnen und Tänzern kürzer ist als in den anderen Sparten. Denkst du an deine eigene berufliche Zukunft und an das, was nach dem Ballett kommen könnte?

RF: Es gibt diese Uhr, die tickt, aber ich fühle mich immer noch sehr gut und möchte so lange wie möglich diesem Beruf nachgehen. Ob ich später einmal Choreographien einstudiere, wie ich es jetzt für Le Grand Sot mache, weiß ich noch nicht. Ich studiere berufsbegleitend Psychologie an einer neuseeländischen Universität. Vielleicht gibt es für mich eines Tages eine zukünftige Aufgabe in der Sportpsychologie, wo ich mit der nächsten Generation von Tänzern arbeiten kann.

SH: Und wie siehst du die Zukunft des Balletts als Kunstform?

RF: Ich glaube, dass das Ballett wegen seiner Diversität und seinen verschiedenen Stilen sein Publikum ohne Probleme finden wird.

In Kanada hatten wir ein Outreach-Programm, bei dem wir kleinere Ausschnitte aus Produktionen gezeigt hatten, um Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Ballett zu ermöglichen. Das stieß auf ein riesiges Interesse. Das war ein ganz einfaches Format, das etwas sehr Integrierendes hatte. Daran denke ich gerne zurück. Tanz und Musik waren im Laufe der Geschichte ein fester Bestandteil jeder Kultur. Tanz ist unsere universelle Sprache der Emotionen, der Verbundenheit, des Geschichtenerzählens und des Feierns. Das Ballett wird nicht verschwinden. Es braucht einfach positive, persönliche Begegnungen, die die Menschen willkommen heißen.

Autor: Serge Honegger

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