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Ballett von Christian Spuck nach dem Roman von Lew N. Tolstoi

Choreographie Christian Spuck · Komponist Sergej Rachmaninow, Witold Lutoslawski u.a. | Neuproduktion

Münchner Opernfestspiele
Samstag, 30. Juni 2018
19.30 Uhr – 21.45 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 2 Stunden 15 Minuten · 1 Pause zwischen 1. Akt und 2. Akt (ca. 20.30 - 21.00 Uhr)

Freier Verkauf

Preise H, € 88 / 77 / 63 / 50 / 35 / 23 / 11 / 8

Karten

Premiere am 19. November 2017

  • Partner des Bayerischen Staatsballetts

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Termine & Karten

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Besetzung

Choreographie
Christian Spuck
Musikalische Leitung
Robertas Šervenikas
Bühne
Jörg Zielinski, Christian Spuck
Kostüme
Emma Ryott
Licht
Martin Gebhardt
Projektionen
Tieni Burkhalter
Sound-Collagen
Martin Donner
Dramaturgie
Claus Spahn, Michael Küster

Sängerin
Helena Zubanovich
Pianist
Adrian Oetiker
  • Solisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
  • Bayerisches Staatsorchester

Besetzung für alle Termine

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Mediathek

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Mehr dazu

Greta Garbo spielte sie, Vivien Leigh und Keira Knightley, um nur einige aus fast zwanzig Verfilmungen innerhalb von 100 Jahren zu nennen. Lew Tolstois Anna Karenina gehört wie Fontanes Effi Briest zu den tragischen Frauenfiguren der Literatur des Realismus – Romane des 19. Jahrhunderts, in denen die Protagonisten sich der Ehre wegen im Morgengrauen duellierten oder in den Selbstmord gingen. Die letzte Option wählten vor allem Frauen, wenn die Verzweiflung zu tief und die gesellschaftliche Ächtung zu massiv wurde.

Auch Anna Karenina ist hin- und hergerissen zwischen Konvention und Leidenschaft, Pflicht und Ausbruch. Viele Choreographen ließen sich von diesem Frauenschicksal zu eindrucksvollen Werken inspirieren. Keine geringere als Maja Plissezkaja choreographierte 1972 ihre Fassung zur Musik von Rodion Schtschedrin – die Hauptrolle tanzte die legendäre Ballerina selbst. Klassische und moderne Fassungen von Boris Eifman, Jochen Ulrich, Alexei Ratmansky und Sidi Larbi Cherkaoui folgten.

Christian Spucks Adaption hatte 2014 beim Ballett Zürich Premiere. In pointierten Szenen und mit größtenteils klassischem Bewegungsvokabular erzählt er die Ehebruchgeschichte aus dem 19. Jahrhundert und stellt sie in die Tradition der Russland-Rezeption: Birkenwälder und schneebedeckte Weiten, die legendären Bälle der St. Petersburger Aristokratie, verführerische Frauen in prunkvollen Kostümen. Die Kehrseite spiegelt sich in der Kälte der Paläste, die Bühne ist groß und meist leer, die Figuren darin verloren wie im wirklichen Leben. Video-Projektionen deuten Orte des Geschehens an, antizipieren das kommende Unglück und werden Sinnbilder für psychologische Vorgänge, Anna Kareninas innere Aufruhr. Durch konkrete Gesten erzählt sich die Geschichte unmittelbar, denn es wird gestritten, geküsst, geliebt und verzweifelt. Die narrativen Anteile sind dabei nie banal und ausschließlich abbildend, vielmehr gehen sie auf in der physischen Stilistik der einzelnen Figuren, die auch in den rein tänzerischen Teilen bestehen bleibt und Prozesse und Veränderungen ohne Worte transportieren kann. Innerhalb der musikalischen Charakterisierung gibt Spuck Anna Karenina durch das Klavier eine Stimme und greift dafür vor allem auf Klavierwerke von Sergej Rachmaninow und Witold Lutoslawski zurück. Der hochromantischen Klangdichte Rachmaninows, die oft genug zum Eskapismus einlädt, setzt er die tief verstörende Musik des 20. Jahrhunderts entgegen und legt Anna Kareninas inneren Vorgänge und Konflikte frei. Die Premiere in München ist die Erstaufführung einer Kreation von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett.

Die Liedtexte

SZENE: AUF DEM LAND I
Sergej Rachmaninow »Noč’ pečal’na« (»Trostlos ist die Nacht«) op. 26, 12
(Text: Ivan Bunin. Aus dem Russischen: Gudrun Meier)

Trostlos ist die Nacht, wie meine Träume …
Fern, in der Stille der weiten Steppe,
schimmert ein einsames Licht …
im Herzen viel Wehmut und Liebe.
Doch wem und wie könntest du erzählen,
was dich lockt, was in deinem Herzen ist?
Der Weg ist weit, die ferne Steppe ist stumm.
Trostlos ist die Nacht, wie meine Träume.

SZENE: EINSAMKEIT I
Sergej Rachmaninow »Uvyal tsvetok« (»Verwelkt ist die Blume«) (Gedicht von Daniil Rathaus)

Verwelkt ist die Blume!
An einem lasurblauen Morgen im Mai
brach im Gewitter der Stengel.
Und als ob sie Tränen vergießen würde,verlor die Blume ihre Blätter
und ist verwelkt.
Sie liebte dich mit überirdischer Kraft,
wie nur ein Priester seine Göttin lieben kann.
Doch du liegst nun im kalten Grab!
All ihren Träumen und Wünschen entfremdet,
ist die Seele deines armen Freundes nun erschöpft.
Es gibt kein Zurück zu den wunderbaren Tagen,
sie sind erloschen.
Verwelkt ist die Blume!

 

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PROLOG

SALON I
Stiwa Oblonski betrügt seine Frau Dolly mit den weiblichen Hausangestellten. Kitty Schtscherbazkaja wird vom Gutsbesitzer Konstantin Lewin umworben, der dafür eigens in die Stadt gekommen ist.

ANKUNFT IN MOSKAU
Aus St. Petersburg ist Anna Karenina nach Moskau gekommen, wo sie zwischen Stiwa und Dolly vermitteln will. Auf dem Bahnsteig wird Anna von Stiwa erwartet, während ihre Reisebekanntschaft, die Gräfin Wronskaja, von ihrem Sohn Alexej abgeholt wird. Anna Karenina und Alexej Wronski werden einander vorgestellt, und der erste Blick bleibt beiden unvergesslich.

DER BALL
Lewin hält um Kittys Hand an und wird von ihr abgewiesen. Sie schwärmt für Wronski und erhofft sich einen Heiratsantrag von ihm. Doch Wronskis einziger Wunsch ist es, auf dem Ball Anna Karenina wiederzubegegnen. Als Anna erscheint und Wronski nur noch Augen für sie hat, bricht für Kitty eine Welt zusammen. Anna erkennt, dass sie der Grund für Kittys zerstörte Hoffnung ist und reist ab.

NACH ST. PETERSBURG
Wronski folgt Anna nach St. Petersburg. Auf der Reise kommen sie sich näher. In St. Petersburg wird Anna Karenina von ihrem Mann Alexej und ihrem Sohn Serjoscha abgeholt.

AUF DEM LAND I
Nach seinem abgewiesenen Heiratsantrag flüchtet sich Lewin in die Abgeschiedenheit seines Landgutes und meidet die Gesellschaft.

BETSYS SALON
Der Salon von Betsy Twerskaja, einer Freundin Annas, ist Treffpunkt der dekadenten Petersburger Gesellschaft. Während auch hier die Streitigkeiten zwischen Dolly und Stiwa weitergehen, genießen Anna und Wronski ihre Wiederbegegnung. Als Karenin erscheint, um seine Frau abzuholen, lehnt sie es ab, mit ihm nach Hause zu fahren. Die Karenins sind das Gesprächsthema im Salon: Anna hat einen Schatten namens Wronski. Als sich die Gesellschaft entfernt, kennt Annas und Wronskis Leidenschaft füreinander kein Halten mehr. Wronskis Liebe lässt Anna Schuldgefühle und Scham über ihren Ehebruch vergessen.

PFERDERENNEN
Anlässlich eines Pferderennens trifft sich die vornehme Gesellschaft, darunter die Karenins, die Oblonskis, Betsy und die Gräfin Wronskaja. Dass Anna aufschreit, als Wronski mit seinem Pferd stürzt, ist für Karenin und die Anwesenden der Beweis für ihre Untreue. Karenin fordert von Anna die eheliche Pflicht ein.

AUF DEM LAND II
Lewin nimmt an der Heumahd teil. In der gemeinsamen Arbeit mit seinen Bauern vergisst er seinen Liebesschmerz und findet neuen Lebenssinn. Die gewandelte Kitty ist aufs Land gekommen. Sie und Lewin nähern sich einander an.

IM HAUSE KARENINS
Nach der Geburt von Wronskis Tochter droht Anna zu sterben. In dieser Situation verzeiht Karenin ihr und seinem Nebenbuhler. Wronski, der befürchtet, dass Anna zu ihrem Ehemann zurückkehren wird, unternimmt einen Selbstmordversuch.

ITALIEN/RUSSLAND
Wronski ist mit Anna in Italien. Sie hat ihr altes Leben – auch Serjoscha – zurückgelassen. Wronski hat ihretwegen seine Karriere beim Militär aufgegeben. Sie genießen den Überschwang ihres Glücks zu zweit, doch bald sehnt sich Anna nach ihrem Sohn, während Wronski das Leben in der Gesellschaft vermisst.
Sie kehren nach Russland zurück. Dolly scheint sich mit ihrem Leben an der Seite des notorisch untreuen Stiwa arrangiert zu haben.

HOCHZEIT
Kitty und Lewin haben zueinander gefunden und heiraten.

SERJOSCHAS GEBURTSTAG
Heimlich besucht Anna ihren Sohn Serjoscha, der mittlerweile von Karenins Vertrauter, Lidija Iwanowna, betreut wird. Die beiden machen dem Wiedersehen von Mutter und Sohn ein rasches Ende. Anna und Karenin führen eine harte Auseinandersetzung, nach der Anna allein und verstört zurückbleibt.

EINSAMKEIT I
Anna ist am Boden zerstört. Sie zweifelt an Wronskis Treue und versucht, Schmerz und Eifersucht mit Opium zu betäuben.

ISOLATION
Während Wronski weiter am öffentlichen Leben teilhaben kann, wird Anna als Ehebrecherin von der Gesellschaft geächtet und geschnitten. Selbst ihre einstige Freundin Betsy wendet sich von ihr ab. Eifersuchts- und Wahnvorstellungen nehmen zwanghafte Formen an. In der Prinzessin Sorokina, die Gräfin Wronskaja als Frau für ihren Sohn ausersehen hat, vermutet sie eine Nebenbuhlerin.

EINSAMKEIT II / ANNAS TOD
In großer Einsamkeit zurückgelassen, lösen sich für Anna alle Zusammenhänge und Bindungen auf. Auch Wronski ist für sie kein Halt mehr. Sie geht in den Tod.

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Biografien

Christian Spuck stammt aus Marburg und wurde an der John Cranko Schule in Stuttgart ausgebildet. Seine tänzerische Laufbahn begann er in Jan Lauwers’ Need­company und Anne Teresa de Keersmaekers Ensemble Rosas. 1995 wurde er Mitglied des Stuttgarter Balletts und war von 2001 bis 2012 Hauschoreograf der Compagnie. In Stuttgart kreierte er fünfzehn Uraufführungen, darunter die Handlungsballette Lulu. Eine Monstretragödie nach Frank Wedekind, Der Sandmann und Das Fräulein von S. nach E.T.A. Hoffmann.

Darüber hinaus hat Christian Spuck mit zahlreichen namhaften Ballettcompagnien in Europa und den USA gearbeitet. Für das Königliche Ballett Flandern entstand The Return of Ulysses (Gastspiel beim Edinburgh Festival), beim Norwegischen Nationalballett Oslo wurde Woyzeck nach Georg Büchner uraufgeführt. Das Ballett Die Kinder beim Aalto Ballett Theater Essen wurde für den «Prix Benois de la Danse» nominiert, das ebenfalls in Essen uraufgeführte Ballett Leonce und Lena nach Georg Büchner wurde von den Grands Ballets Canadiens de Montreal und vom Stuttgarter Ballett übernommen.

Die Uraufführung von Poppea//Poppea für Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart wurde 2010 von der Zeitschrift Dance Europe zu den zehn erfolgreichsten Tanzproduktionen weltweit gewählt sowie mit dem deutschen Theaterpreis DER FAUST 2011 und dem italienischen Danza/Danza-Award ausgezeichnet. Sein Tanzfilm Marcia Haydée als Penelope wurde von ARTE ausgestrahlt. Immer häufiger ist Christian Spuck in jüngster Zeit im Bereich Oper tätig. Auf Glucks Orphée et Euridice an der Staatsoper Stuttgart (2009) folgten Verdis Falstaff am Staatstheater Wiesbaden (2010) und Berlioz’ La Damnation de Faust (2014) an der Deutschen Oper Berlin.

Seit der Saison 2012/13 ist Christian Spuck Direktor des Balletts Zürich. Hier waren bislang seine Choreographien Romeo und Julia, Leonce und Lena, Woyzeck und Der Sandmann zu sehen. Das 2014 in Zürich uraufgeführte Ballett Anna Karenina nach Lew Tolstoi wurde 2016 auch in Oslo und am Moskauer Stanislawski-Theater ins Repertoire übernommen. In dieser Spielzeit haben Verdis Messa da Requiem als Koproduktion von Oper und Ballett Zürich sowie Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Das Bayerische Staatsballett tanzt ab November 2017 seine Anna Karenina. (Stand: Nov. 2017)

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