Tigran Mikayelyan verabschiedet sich von der Bühne

Tigran Mikayelyan als Stiwa, mit Matthew Golding als Graf Wronski

Er glänzte als Ali, als Mercutio, als Romeo und in unzähligen weiteren Rollen. Nach 13 Jahren am Bayerischen Staatsballett wird der erste Solist Tigran Mikayelyan am 30. Juni 2018 als Stiwa in Anna Karenina seine Abschiedsvorstellung geben und mit Ende der aktuellen Spielzeit 2017/18 seine Karriere als aktiver Tänzer beenden. 

Tigran Mikayelyan wurde 1980 in Armenien als einziger Sohn zweier hauptberuflicher Tänzer geboren. Auch wenn ihn anfangs mehr Kung Fu und das Boxen mehr lockten, so war es ihm ab dem Alter von zwölf Jahren klar, dass er klassischer Balletttänzer werden wollte.

Nach seiner Ausbildung an der armenischen Ballettschule in Yerewan, in der er übrigens von demselben Lehrer trainiert wurde wie einst seine Eltern, erhielt er 1997 ein Stipendium der Nurejew-Stiftung, nachdem er beim Prix de Lausanne aufgefallen war. Dieses Stipendium ermöglichte ihm die Aufnahme an die Schweizerische Ballettberufsschule in Zürich. Von 1998 bis 2005 war er als Halbsolist und ab 2003 als Solist des Züricher Balletts zu sehen. 2005 holte ihn Ivan Liška ans Bayerische Staatsballett. Dass er sich damals als 25-jähriger gegen das American Ballet Theatre in New York und für München entschied, darüber ist Tigran Mikayaleyan heute noch froh. In seiner Karriere hat er überall auf der Welt getanzt, aber München sei eine unglaublich schöne Stadt, die allen Komfort biete und praktischerweise auch noch in der Mitte Europas liege, sagt der heute 37-jährige.

„Mein bayerisches Staatspublikum“, wie er das Münchner Publikum liebevoll nennt, sei das beste Publikum, das er weltweit erlebt habe. Die Begeisterung der Zuschauer und deren Unterstützung werde er immer in sich tragen, sagt er im Gespräch. Sein Debüt im Münchner Nationaltheater gab er 2005 als „Goldenes Idol“ in Patrice Barts La Bayadère. Vielen Gästen wird er vor allem in der Rolle des Sklaven Ali Le Corsaire in Erinnerung bleiben. Die Rolle, die es ihm erlaubte seine technische Brillanz und Sprungkraft zu präsentieren, brachte ihm sogar eine Nominierung für den Theaterpreis FAUST ein. Als seine Traumrolle bezeichnet er aber König Ludwig II. in John Neumeiers Illusionen – wie Schwanensee.Diese historische Figur verkörpern zu dürfen in einem Haus, in dem der König einst selbst Vorstellungen sah, beschreibt er als absoluten Gänsehautmoment. Die Zerrissenheit und das Leiden des Königs darzustellen, sei eine willkommene Herausforderung gewesen. In dieser Rolle habe er dann auch erkannt, warum er sich einst entschieden hatte Balletttänzer zu werden. Für ihn geht es nicht darum nur technisch perfekt zu tanzen, sondern seine Seele in den Tanz zu legen. Dass John Neumeier ihn dann selbst als Erstbesetzung für die Rolle des Märchenkönigs auswählte, war eine besondere Ehre. Auch deshalb bedauert er, dass er diese Rolle über die Jahre hinweg nur fünfmal tanzen konnte. Eine besondere Verbindung hat er auch zu dem Münchner Cranko-Klassiker Romeo und Julia. Die Julia sei die einzige Rolle, scherzt er, die er nie getanzt habe. Als einer der wenigen Tänzer war es ihm vergönnt im Laufe seiner Karriere, alle drei männlichen Hauptrollen, angefangen bei Mercutio, über Romeo und schließlich den Tybalt zu tanzen. Auch hier war es die darstellerische Herausforderung, die ihn besonders reizte: den heißblütigen Mercutio, für den er in München bereits berühmt war, komplett abzulegen und den verliebten, sanftmütigen Jugendlichen Romeo zu geben, erforderte eine 180-Grad-Kehrtwende, sagt er heute. Als Rollen, die er in seiner Karriere gerne getanzt hätte, die sich aber aus unterschiedlichsten Gründen nicht ergaben, nennt er Onegin in John Crankos gleichnamiger Choreographie oder Armand Duval in John Neumeiers Die Kameliendame.

Tigran Mikayelyan als Mercutio in Romeo und Julia
Tigran Mikayelyan als Ali in Le Corsaire
Tigran Mikayelyan als König Ludwig II in Illusionen - wie Schwanensee

Wie viele Profitänzer, so war auch Tigran Mikayelyan nicht gegen Verletzungen gefeit. Besonders die Wadenmuskulatur machte ihm immer wieder zu schaffen, zwang ihn wiederholt zu mehrmonatigen Auftrittspausen, besonders in den letzten Spielzeiten. Mit halber Energie und gezügeltem Adrenalin zu tanzen, kam für ihn aber noch nie in Frage. Deshalb und auch weil für ihn immer klar, dass er nicht länger als zwanzig Jahre Profitänzer sein möchte, beendet er nun seine Karriere. Seine Zukunft sieht er im therapeutischen Bereich. Die leidliche Erfahrung von unzähligen Arztbesuchen mit unterschiedlichsten punktuellen Behandlungsformen motivierte ihn, sich selbst mit dem Thema der Rehabilitation zu befassen. Als kinästhetischer Therapeut wird er sein Wissen nun an junge Tänzer weitergeben und arbeitet gerade an einer eigenen Trainingsform. Den Körper aus sich selbst heraus und mit einem holistischen Anspruch zu heilen, so seine eigene Erfahrung, sei die optimale Behandlungsform.

Ganz möchte Mikayelyan das Tanzen nicht aufgeben und wird auch nach dem Abschied vom Bayerischen Staatsballett weiterhin gelegentlich mit der Compagnie "Forceful Feelings" auftreten. Langeweile wird für den 37-jährigen erstmal sicherlich nicht aufkommen, denn im Sommer erwartet er mit seiner Ehefrau, der Demi-Solistin Mia Rudic, das erste Kind. Eines steht für beide fest: München soll auf jeden Fall bis auf Weiteres der Heimatort der jungen Familie bleiben.  

Daria Sukhorukova und Tigran Mikayelyan in Illusionen - wie Schwanensee
Tigran Mikayelyan in Mein Ravel: Wohin er auch blickt
Tigran Mikayelyan als Abderakhman in Raymonda