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Dienstag, 27. Juni 2017
19.30 Uhr
Heilbronn

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Besetzung

Choreographie
Oskar Schlemmer
Rekonstruktion, Neufassung und Choreographie
Gerhard Bohner
Musik
Hans-Joachim Hespos
Mitarbeit Kostümrekonstruktion und Neufassung
Ulrike Dietrich
Einstudierung
Ivan Liška, Colleen Scott

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Biografien

Maler, Bildhauer, Choreograph, Tänzer

Oskar Schlemmer, 1888 in Stuttgart geboren, studiert seit 1906 Malerei an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste.

Zu seinen Mitschülern zählen Willy Baumeister, Johannes Itten und Otto Meyer-Amden, Schlemmers engster Freund und geistiger Partner. 1912 wird Schlemmer Meisterschüler von Adolf Hölzel, einem der ersten Verfechter gegenstandsloser Malerei. Schlemmer wird in seiner Entwicklung vor allem durch das Erlebnis der Malerei Paul Cézannes – des Ahnvaters der Kubisten – und der des formstrengen Neo-Impressionisten Georges Seurat beeinflusst. In seinen früheren Landschaftsbildern dominiert das Streben nach tektonischer Ordnung.

Schlemmers erste Beschäftigung mit dem Tanz ergibt sich 1912 aus Kontakten des 24jährigen Stuttgarter Kunststudenten mit dem Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hölzel, Solotänzern am Stuttgarter Königlichen Hoftheater, die sich unter dem Einfluss der vom Jugendstil geprägten Hellerauer Rhythmuslehre des Tanzpädagogen Emile Jaques-Dalcroze von den Fesseln des in Konventionen erstarrten klassischen Balletts befreit glauben. In den Jahren 1912/13 gemeinsam erarbeitete Pläne für ein Tanzspiel zeigen den Einfluss Helleraus in der verschiedentlich variierten Konzeption einer Handlung, die den tanzenden Menschen "zu höherem Leben erlöst", deuten aber zugleich Schlemmers Versuche an, eine eigenständige Form des Tanzes zu finden. Wegen der Komposition einer Begleitmusik kommt es zu einem kurzen Briefwechsel mit Arnold Schönberg, dessen Lieder des Pierrot Lunaire bei ihrer Stuttgarter Aufführung 1912 Schlemmer und das Tänzerpaar stark beeindruckt hatten.

Der Ausbruch des 1.Weltkrieges verhindert indessen die Weiterführung gemeinsamer Tanzpläne. Schlemmer meldet sich freiwillig, kehrt aber nach kurzen Aufenthalten in Frankreich 1914 und Galizien 1915 verwundet nach Stuttgart zurück. Der Maler Schlemmer beginnt sich ab 1915 mit der menschlichen Figur auseinanderzusetzen, deren immer neu variierte und im Verhältnis zum umgebenden Raum gesehene Darstellung sein künstlerisches Generalthema wird. Ende 1916 kommt es anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung seines Regiments zur Aufführung von drei Tänzen, die Schlemmer später als Teilaufführung des Triadischen Balletts bezeichnet. Elsa Hölzel und Albert Burger tanzen zu Klavierstücken des zeitgenössischen italienischen Komponisten Marco Enrico Bossi in zwei phantastisch-grotesken, zu marionettenhafter Tanzhaltung zwingenden Kostümen. Die Einstudierung der Tänze bedeutet für Schlemmer, Raum nicht mehr nur als Fläche zu gestalten, sondern aus dem eigenen Körpergefühl heraus empfinden zu können - eine Erfahrung, durch die seiner Malerei das Phänomen des Raumes und des im Raum agierenden Menschen erschlossen wird.

Kriegsende und Ausbruch der Revolution erlebt Schlemmer in Berlin, wohin er im Oktober 1918 zu einem Offizierskursus abkommandiert worden ist. Im November 1918 nach Stuttgart und an die Akademie zurückgekehrt, wird er als Delegierter der Studierenden in den "Rat geistiger Arbeiter" gewählt. Nachdem er wegen seines Einsatzes für Paul Klee als Nachfolger des zurückgetretenen Akademie-Direktors Hölzel beinahe relegiert worden wäre, verlässt er Ende März 1920 freiwillig die Akademie. Aus dieser Zeit datieren erste Versuche plastischer Gestaltung, die sein Grundthema, die menschliche Figur, über die Fläche des Tafelbildes hinausgehend nun auch räumlich variieren.

Seit dem Herbst 1919 hat sich Schlemmer zusammen mit Burger und Elsa Hölzl, mittlerweile dessen Frau, wieder intensiv mit dem Tanzprojekt beschäftigt. Seit April 1920 entsteht in Cannstatt bei Stuttgart, in einem Hinterhaus mit großem Saal und einer Tanzbühne, ein Großteil der Kostüme des Triadischen Balletts, deren Herstellung von den Burgers finanziert wird, die durch ihre Anstellung am Württembergischen Landestheater Stuttgart als einzige regelmäßige Einnahmen haben. Bei der Ausarbeitung und Einstudierung der Choreographie erneuert sich für Schlemmer die Erfahrung aus früherer Zusammenarbeit, dass seine tänzerisch vorgebildeten Partner gerade in der Gestaltung der Tänze völlig von seinen Ideen abhängig sind. Im Juli 1920 lernt Schlemmer den an der Oper in Frankfurt/M. als Konzertmeister tätigen Komponisten Paul Hindemith kennen, der sich bereit erklärt, die Musik zu den Tänzen des entstehenden Balletts zu komponieren. Gleichfalls im Juli 1920 fährt Schlemmer nach Weimar, um das Staatliche Bauhaus kennenzulernen. Seitdem er im Mai 1919 das erste Manifest des von dem Architekten Walter Gropius gegründeten Bauhauses erhalten hat, verfolgt Schlemmer mit Interesse die Entwicklung dieses Instituts. Gropius lädt Schlemmer ein, als Lehrer ans Bauhaus zu kommen. Da er sich über seine weiteren Pläne keineswegs schlüssig ist, nimmt er zu diesem Angebot zunächst nicht Stellung. Im Oktober 1920 erhält Schlemmer erneut einen Ruf an das Bauhaus. Von Gropius telegraphisch nach Weimar gerufen, stimmt er einem Vertrag zu, der ihn von Januar 1921 bis April 1923 ans Bauhaus verpflichtet, ihm jedoch erlaubt, bis zur Fertigstellung des Balletts wechselweise in Weimar und Stuttgart zu sein.
Durch Schlemmers Berufung an das Weimarer Bauhaus und seine Beteiligung an der Uraufführung der beiden Hindemith-Kurzopern Mörder, Hoffnung der Frauen und Das Nusch-Nuschi verzögern sich die Abschlussarbeiten am Triadischen Ballett, das seinen Namen erst kurz vor der Uraufführung 1922 im Landestheater Stuttgart erhält.

Im April 1932 erhält Schlemmer eine Einladung, mit dem Triadischen Ballett an einem internationalen Tanz-Wettbewerb in Paris teilzunehmen. Vom Ausgang dieses Unternehmens will es Schlemmer abhängig machen, ob er sich endgültig – möglichst durch den Verkauf der Kostüme – von seinem Ballett trennt. Alles in allem ist das Pariser Abenteuer ein großer Misserfolg für Schlemmer.  Schlemmer, der sich finanziell völlig verausgabt hat, bleibt nur die Hoffnung, das Ballett doch noch verkaufen zu können, wenn er es im Herbst in Berlin neu für die speziellen Bedürfnisse des Varietés einrichtet. Danach will er sich, in Verbindung mit seiner beginnenden Berliner Lehrtätigkeit an den Vereinigten Staatsschulen, ganz neuen Theateraufgaben zuwenden. Die Zeitumstände aber verurteilen derartige Pläne zum Scheitern. Schlemmers Berliner Lehramt endet bereits nach wenigen Monaten 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die automatisch den Prozess der Gleichschaltung der Kunst auslösen. Schlemmer, zum Kreis der 'entarteten Künstler' zählend und von jeder offiziellen künstlerischen Tätigkeit ausgeschlossen, geht in die innere Emigration. Theaterpläne zerschlagen sich. Vergeblich ist auch die Hoffnung auf ein Gastspiel des Triadischen Balletts in New York in Zusammenhang mit einer großen Bauhaus-Ausstellung im Museum of Modern Art.

Materielle Not zwingt Schlemmer, ab 1938 für ein Stuttgarter Malergeschäft zu arbeiten und 1940 ein Angebot der Lackfabrik von Dr. Kurt Herberts in Wuppertal anzunehmen, gleich anderen verfamten Künstlern – unter ihnen die Freunde Baumeister und Hildebrandt – im Institut für Malstoffkunde mit neuen Lacken zu experimentieren. Auf die Dauer ist Schlemmer diesem Leben physisch wie psychisch nicht gewachsen. Nach kurzer Krankheit stirbt er 1943 im Alter von 54 Jahren in Baden-Baden.

Aus der Dokumentation: Oskar Schlemmer – Das Triadische Ballett, Akademie der Künste 1977 (5.Auflage, 1984)

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