Das Bayerische Staatsballett - Geschichte und Gegenwart

Taglioni, Montez, Grahn

Blickt man auf die überraschend lange Ballettgeschichte in München zurück, so stößt man hier wie in anderen europäischen Metropolen auf die Tradition der höfischen Feste in der italienischen und französischen Manier des 16. und 17. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert wird es differenzierter: Große Namen setzen jetzt Glanzlichter. So traten Paul und Marie Taglioni im Jahre 1825 in München auf, als das Nationaltheater nach einem der damals häufigen Theaterbrände wiedereröffnet wurde. 

Jeder Münchentourist erinnert sich an das Bild einer südländischen Schönheit in strengem schwarzem Samt: Lola Montez, eine abenteuerlustige Lady irisch-schottischer Herkunft, die nach einer stürmischen Liebesaffäre in Sevilla als spanische Tänzerin durch Europa reiste und in München mit ihrer Kunst den alternden König Ludwig I. so in ihren Bann zog, dass die Affäre im Krisenjahr 1848 nicht unwesentlich zu dessen Abdankung beitrug. Ein Jahr vorher musste auf besonderen Wunsch der Dame, die nunmehr eine Gräfin Landsfeld geworden war, das Ballett Giselle, das 1845 am Nationaltheater einstudiert worden war, wieder aufgeführt werden und dies mitten im August, zu einer Zeit, wo fast ein Drittel des Personals beurlaubt war, wie der königliche Hofsolotänzer und Ballettmeister Michael La Roche in seinen Aufzeichnungen am 27. 08. 1847 vermerk: "ich hatte keine geringe Arbeit, darnach ging es gut, Demoiselle Holler wurde von ihren Vertretern fetiert und gerufen, ich leitete das ganze Ballett".

Giselle blieb über Jahrzehnte im Repertoire und wurde "aus Anlass des Gastspiels des Frl. Grahn (die Tänzerin Lucile Grahn, nach der heute noch eine Straße in München benannt ist) [...] neu in Szene gesetzt und gefiel in allen Theilen außerordentlich [...]". Am 24. Oktober desselben Jahres vermerkt La Roche: "Frl. Grahn betrat heute bei gut besetztem Haus zum letzten Mal die Bühne, wurde 8mal (vor den Vorhang) gerufen und es flogen Kränze". Im Jahr 1869 machte Lucile Grahn München zu ihrer Wahlheimat, war bis 1875 als Ballettmeisterin tätig, studierte unter anderem die Ballette Sylvia und Coppelia ein und wirkte bei der tänzerischen Gestaltung der Erstaufführungen von Richard Wagners Rheingold, Tannhäuser und Meistersinger mit.

Die Arbeit von Ballettschule und Compagnie nahm ihren unspektakulären Fortgang als Bestandteil des königlichen, dann staatlichen Opernhauses, und die Hauptaufgabe bestand in den Tanzeinlagen und Bewegungschören für Opern. Die Compagnie überdauerte jedoch sowohl die Kampfansage des expressionistischen Ausdruckstanzes mit seinem Ruf "Das Ballett ist tot" als auch die schwarzen Jahre der beiden Weltkriege und des Faschismus.

Unter Luitpart und Gsovsky

Im Herbst des Jahres 1945 machte sich Marcel Luitpart an die Arbeit, sammelte die Mitglieder des Ensembles in einem Saal inmitten der Bombentrümmer des Nationaltheaters, der noch vier aufrechte Wände hatte, die fest genug schienen, ein provisorisches Dach zu tragen. Über Schutthaufen und rutschige Holzstiegen ging es noch in den fünfziger Jahren ins einst königliche Opernhaus - unvergesslich für alle, die es noch erlebt haben. Luitpart brachte eine recht erfolgreiche Serie von Balletten, vorwiegend aus dem Repertoire von Diaghilevs Ballets Russes in eigenen Adaptionen heraus und er verursachte - heute kaum zu verstehen - im Juni 1948 mit der Uraufführung von Werner Egks Abraxas einen handfesten Theaterskandal mit der vom Herrn Kultusminister persönlich verfügten Absetzung des Werkes nach fünf Vorstellungen  - "wegen allzu großer Freizügigkeiten".
Unter der Direktion von Victor Gsovsky kam das Münchner Ballett zu besonderer Blüte, in einer Verknüpfung russischer Tanztradition und innovativer choreographischer Tendenzen der jungen französischen Tanzszene außerhalb der starren Rituale der Opéra. Victor Gsovsky war unter anderem beim Ballet des Champs-Elysées tätig gewesen. Von dort brachte er als Ballerina Irène Skorik mit, die für eine ganze Generation von Tanzeleven Ideal und Vorbild wurde, für das Publikum Inbegriff romantisch-klassischer Tanzkunst. In den folgenden Jahren (1952-1954) leiteten Pia und Pino Mlakar das Ensemble mit einem bunten Gemisch von Balletten, in dem sie auch einige von Victor Gsovskys Arbeiten wieder aufnahmen.

Alan Carter und Joan Harris- Einzug der englischen Schule

Mit Alan Carter und seiner Frau Joan Harris als Trainingsmeisterin hielt die englische Schule in München Einzug, die unter dem gestrengen Auge von Ninette de Valois in der Londoner Schule des Sadler's Wells und späteren Royal Ballet kodifizierte Technik, basierend auf den Lehren ehemaliger zaristischer Ballerinen aus St. Petersburg, die mit Diaghilevs Ballets Russes oder als Emigranten der Revolution nach England gekommen waren. Diese ausgewogene Tanztechnik erwies sich vor allem auch als Maßstab in der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen für eine längere Periode als segensreich, und hierin lag wohl der bedeutendste Einfluss von Alan Carter auf die Münchner Ballettentwicklung. 

Auf die so geschulten Gruppentänzer und Solisten, denen Carter in seinen sehr verschiedenartigen Balletten und Tanzdramen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten gegeben hatte, konnte Heinz Rosen aufbauen, als er 1959 für fast ein Jahrzehnt die Leitung des Staatsopernballetts übernahm. Rosen kam aus der Schule des deutschen Ausdruckstanzes von Rudolf von Laban. In seinen Tanzwerken überwog immer der sichere Blick für den inszenatorischen Effekt, die dramatische Wirkung der Körperlinien im Raum über ein relativ variationsarmes Tanzvokabular. Er hatte aber das Glück, im Ensemble Tänzerpersönlichkeiten von intensiver Gestaltungskraft zu haben, wie Natascha Trofimova, Heino Hallhuber, Franz Baur oder Walther Matthes, die seine Intentionen tänzerisch umzusetzen vermochten. In den folgenden Jahren holte er immer wieder hervorragende Tänzer nach München, teils als Gäste, teils fest verpflichtet. Dabei erwies sich das Engagement einer jungen Berliner Solistin aus der Schule von Tatjana Gsovsky als besonders folgenreich: Konstanze Vernon.

Heinz Rosen und internationaler Glanz 

Mit der Einführung einer BallettFestwoche 1960 öffnete Heinz Rosen die Türe zur internationalen Ballettwelt und setzte den Beginn einer bis heute andauernden Tradition. Es gelang ihm, Gastspiele von großen Ensembles und Stars europäischer und amerikanischer Metropolen zu holen, die für Münchner Tänzer und Publikum Maßstäbe setzten, an denen sich fortan auch die eigenen Tänzer messen konnten. Zumal bei den Gala-Abenden hervorragende Solisten aus den Tanzmetropolen des Westens - London, New York, Paris, Kopenhagen - gemeinsam mit Stars vom Bolschoi Ballett auftraten. Und manchmal übernahmen sie die Starrollen in Repertoireballetten des Münchner Balletts. Ein wichtiger Schritt auf die internationale Bühne waren erste Auslandsgastspiele in Europa.
Als Spielstätte diente, bis zur Wiedereröffnung des Nationaltheaters im Jahre 1963, das Prinzregententheater, ein dem Bayreuther Festspielhaus nachempfundenes Arenatheater mit exemplarischem Jugendstilcharme, das 1996 nach dreißigjährigem Dornröschenschlaf renoviert wurde und heute als zweite Spielstätte des Bayerischen Staatsballetts dient.

Prägende Stippvisiten

In den zwei Jahrzehnten zwischen der Ära Rosen und der Gründung des Bayerischen Staatsballetts liegt eine Reihe von kürzeren Amtsperioden. Wichtig und zukunftsweisend waren vor allem die Jahre, in denen John Cranko, neben seiner Arbeit in Stuttgart, die Ballettgeschicke in München lenkte (1968-1970) und München drei der schönsten Handlungsballette schenkte: Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung. Seine künstlerische Einflussnahme wirkte noch fort in der Direktorenzeit seines Tänzerkollegen aus der Jugendzeit am Royal Ballet, Ronald Hynd. Die von vielen gehegte Hoffnung, dass Cranko sein Wirkungsfeld ganz nach München verlegen würde, hatte sich nicht erfüllt, allerdings bestimmte er mit der Einstudierung einer Reihe seiner wichtigsten Werke weitgehend den Stil der Companie. Bis heute sind Crankos drei große Handlungsballette Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung ein entscheidend prägender und unverzichtbarer Teil des Repertoires des Bayerischen Staatsballetts. Aber auch Direktoren wie Dieter Gackstetter, der Jerome Robbins für seine erste Arbeit mit einer deutschen Ballettcompagnie gewann, und die dramatische  Ballerina Lynn Seymour, die William Forsythe zu einer Uraufführung für München bewegen konnte und deren Akquisition des Bournonville-Juwels La Sylphide noch lange eine Säule des Repertoires bildete, setzten deutliche künstlerische Akzente. Unter Direktor Edmund Gleede begann die Entwicklung von Youri Vamos, der danach viele Jahrzehnte zu den wichtigsten Choreographen Europas zählte. Stefan Erler brachte David Bintley zum ersten Mal nach Deutschland. Mitte der 70er Jahre war in München auch ein Tänzerehepaar engagiert, das über zwei Jahrzehnte später als Direktor und Ballettmeisterin in die Compagnie zurückkehren sollte: Ivan Liška und Colleen Scott.

Emanzipation - Die Geburt des Bayerischen Staatsballetts

Im Ganzen waren jene Jahre vor allem geprägt durch wachsende Spannungen, die aus der nicht enden wollenden Abhängigkeit der Ballettdirektoren von den meist in Sachen Ballett gänzlich ahnungslosen und uninteressierten Opernintendanten erwuchsen, denen sie unterstellt waren. Spannungen, die es schließlich auch in München unmöglich erscheinen ließen, einen qualifizierten Direktor zu gewinnen. 

Es ist Konstanze Vernons persönliches Verdienst, dank ihrer unbeirrbaren künstlerisch-pädagogischen Vision, auch dank ihres politischen Spürsinns, die verantwortlichen Kulturpolitiker davon überzeugt zu haben, dass eine sinnvolle Ballettarbeit im Nationaltheater nur ohne Einmischung fachfremder Theaterleute, nur mit einer künstlerisch und etatmäßig unabhängigen Ballett-Direktion und ausreichenden Probenräumlichkeiten zu erreichen sein würde. Vernon, in den 60er und 70er Jahren Münchens führende Ballerina und eine Ikone der bayerischen Ballettszene, hatte die wichtigste Grundlage für die Entwicklung bereits Jahre vorher mit der Umwandlung der Opernballettschule zur Staatlichen Ballettakademie gelegt, im enger Zusammenarbeit mit von ihr gegründeten Heinz-Bosl-Stiftung für Ballett.

Diese Stiftung auf den Namen ihres früh verstorbenen international renommierten Tanzpartners entwickelte sich rasch zu einer Münchner Institution mit weltweiter Ausstrahlung. Die Münchner Akademie war übrigens die erste in Deutschland, die konsequent ihre Ausbildung auf das russische Waganowa-System umstellte. Und lange vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs waren russische Pädagogen in München gern gesehene Gäste. Internationale Wettbewerbserfolge taten ein Übriges, dass München bald als eine der ersten internationalen Adressen für die Tänzerausbildung zum Begriff wurde. Der Erfolg überzeugte auch die Münchner Politiker, die 1988 Konstanze Vernon mit der Leitung und Umwandlung des im Windschatten der Staatsoper dahintanzenden Opernballetts zu einer selbständigen Ballettcompagnie beauftragten, die sich mit der Oper natürlich das glanzvolle Nationaltheater und die Produktionsstätten teilt. Nach einem Übergangjahr war mit der Spielzeit 1990/91 das Bayerische Staatsballett offiziell in aller Eigenständigkeit gegründet. 

In den folgenden Jahren gelang es durch konsequente und langfristige Repertoirepolitik, die auch bereits unter Konstanze Vernon schon wesentlich mitgeprägt war von den Dramaturgen Bettina Wagner-Bergelt (Moderne) und Wolfgang Oberender (Klassik), allerorts begehrte Choreographen wie Hans van Manen, John Neumeier, Jiřì Kylián, Mats Ek, Ohad Naharin, Lucinda Childs, Twyla Tharp oder Angelin Preljocaj zur Arbeit in München zu gewinnen oder zurückzugewinnen, und - wo in den Jahren zuvor viel diplomatisches und auch künstlerisches Porzellan zerschlagen worden war – wieder vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.

1998 – 2016: 18 Jahre unter Ivan Liška  
Ivan Liška war über zwanzig Jahre lang einer der prägenden Solisten des Hamburger Balletts unter John Neumeier gewesen, bevor er nach einem Lehrjahr als Stellvertreter von Konstanze Vernon seine Position als Direktor des Bayerischen Staatsballetts einnahm und zusammen mit seinen Dramaturgen und Stellvertretern Bettina Wagner-Bergelt und Wolfgang Oberender von 1998 bis 2016 ein Repertoire aus mehr als siebzig Werken von der Klassik bis zur Avantgarde in München schuf.

Im Herbst 2010 gründeten Bayerisches Staatsballett, Heinz-Bosl-Stiftung und Hochschule für Musik und Theater München außerdem das Bayerische Staatsballett II, das heutige Bayerische Junior Ballett München: Das 16-köpfige Ensemble besteht aus acht Volontären des Staatsballetts und acht Studenten der Hochschule, herausragenden jungen Tänzern aus der ganzen Welt, die mit einem Stipendium der Heinz-Bosl-Stiftung eine zweijährige Exzellenzausbildung absolvieren, im Repertoire des Staatsballetts tanzen und mit großem Erfolg mit eigenen Produktionen national und international auf Tournee gehen. 

Ivan Liška erhielt in der Spielzeit 2011/12 den Deutschen Tanzpreis für seine Tänzerkarriere und seine beispielhafte Arbeit mit dem Bayerischen Staatsballett. Die letzten beiden Spielzeiten unter seiner Leitung hoben in ihrer Repertoire-Gestaltung noch einmal die Bedeutung Deutschlands für die Entwicklung des Tanzes im 20. Jahrhundert hervor und standen unter dem Motto „Tanzland Deutschland“. Die Premieren 2014/2015 spiegelten die Spannweite des Bayerischen Staatsballetts: die Neuproduktion und gleichzeitig Rekonstruktion eines großen Klassikers des 19. Jahrhunderts (Paquita) stand neben einem Abend mit einer Neueinstudierung und zwei Kreationen von Richard Siegal.

Das Bayerische Staatsballett heute:
Ballettdirektor Igor Zelensky
Im August 2016 trat Igor Zelensky, der dritte Direktor seit der Gründung des Bayerischen Staatsballetts 1990/91, die Nachfolge von Ivan Liška an. Zelensky studierte am Ballettinstitut in Tiflis und am Waganowa-Institut in St. Petersburg. 1988 debütierte er am Mariinsky-Theater und wurde in kürzester Zeit mit den Hauptrollen des klassischen Repertoires betraut. Für lange Jahre stand er als unbestrittener Star an der Spitze der männlichen Solisten des Mariinsky-Balletts, damals Kirov-Ballett. Igor Zelensky war Gastsolist in internationalen Compagnien wie dem New York City Ballet oder dem Royal Ballet in London. Noch während seiner Zeit als Principal Dancer in St. Petersburg hatte er die künstlerische Leitung des Balletts in Novosibirsk übernommen, die er von 2006 bis 2015 innehatte. Von 2011 bis 2016 war er außerdem künstlerischer Direktor der zweiten großen Moskauer Ballett-Compagnie, dem Ballett des Stanislawsky und Nemirovich-Danchenko-Theaters. Seit seinem ersten Auftreten beim Bayerischen Staatsballett im Rahmen der Terpsichore-Gala I im Oktober 1999 war er regelmäßiger Gastsolist in München. 


Ballettdirektoren in München nach dem 2. Weltkrieg

  • 15.10.1945–31.08.1948  Marcel Luitpart
  • 01.09.1948–31.08.1950  Rudolf Kölling
  • 01.09.1950–31.08.1952  Victor Gsovsky
  • 01.09.1952–31.08.1954  Pia und Pino Mlakar
  • 01.09.1954–31.08.1959  Alan Carter
  • 01.09.1959–31.09.1967  Heinz Rosen
  • 01.10.1967-31.08.1970  John Cranko
  • 01.09.1970–31.08.1973  Ronald Hynd
  • 01.09.1973–31.08.1975  Dieter Gackstetter (kommissarisch)
  • 01.09.1975–31.08.1978  Dieter Gackstetter
  • 16.11.1978–31.08.1980  Lynn Seymour
  • 01.09.1980–31.08.1984  Edmund Gleede
  • 01.09.1984–31.08.1986  Ronald Hynd
  • 01.09.1986–31.08.1989  Stefan Erler (kommissarisch)

Gründung des Bayerischen Staatsballetts
Spielzeit 1989/1990: „Bayerisches Staatsballett in Gründung“
Ab der Spielzeit 1990/1991: „Bayerisches Staatsballett“

  • 01.09.1989 – 31.08.1998  Konstanze Vernon
  • 01.09.1998 – 31.08. 2016 Ivan Liška 
  • Seit 01.09.2016 Igor Zelensky