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Melodramma in zwei Akten

Komponist Gaetano Donizetti · Felice Romani nach Augustin Eugène Scribe zu der Oper "Le Philtre" von Daniel François Esprit Aubert
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Münchner Opernfestspiele
Freitag, 06. Juli 2018
19.00 Uhr – 21.45 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 2 Stunden 45 Minuten · 1 Pause zwischen 1. Akt und 2. Akt (ca. 20.15 - 20.45 Uhr)

Freier Verkauf

Preise L, € 163 / 142 / 117 / 91 / 64 / 39 / 15 / 11

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Besetzung

Musikalische Leitung
Stefano Ranzani
Inszenierung
David Bösch
Bühne
Patrick Bannwart
Kostüme
Falko Herold
Licht
Michael Bauer
Dramaturgie
Rainer Karlitschek
Chor
Stellario Fagone

Adina
Pretty Yende
Nemorino
Vittorio Grigòlo
Belcore
Andrei Bondarenko
Dulcamara
Ambrogio Maestri
Giannetta
Paula Iancic
  • Bayerisches Staatsorchester
  • Chor der Bayerischen Staatsoper

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Viel Abwechslung bietet das triste Leben in dem kleinen anakreontischen Dorf nicht, das der Komponist Gaetano Donizetti und sein Librettist Felice Romani zeichnen – die einzige Perspektive außerhalb der kleinen Welt scheint die Illusion eines heldischen Soldatenlebens, auch wenn das den Tod bedeuten könnte.

Doch was ein Fläschchen Bordeaux alles bewirken kann: Der verschüchterte Nemorino dreht in seinem Werben um Adina richtig auf als er den vom Wunderdoktor Dulcamara als Liebeselixier verkauften Wein trinkt. Und prompt wirkt der Trank, Nemorino wird zum Draufgänger und würde lieber im Krieg sterben als seine geliebte Adina in den Händen des Soldaten Belcore zu wissen. Die ehrgeizige Adina kann dem Charme des wagemutigen Nemorino nicht widerstehen – und selbst Dulcamara wundert sich, welche Energie und Verwandlungskunst sein Betrug freisetzt: Die traurige Welt voll wehmütiger Sehnsucht ist plötzlich voll Farbe und Phantasie.

Und dem Zuschauer bleibt Hoffnung, auch ihn könne die Musik mit all ihrer Poesie verwandeln.

 

Erster Akt

Nemorino ist in Adina verliebt, doch kann er sich niemandem anvertrauen, schon gar nicht seiner Angebeten Adina. Er ist voller Bewunderung ihr gegenüber: Sie erscheint ihm gebildet, klug – und vor allem unendlich schön. Er selbst hält sich jedoch für dumm und mittellos. Sie hingegen kümmert sich um ihr neuestes Buch: Tristan und Isolde. Zudem findet sie gefallen am Soldaten Belcore, der mit seinen Kameraden die Gegend belagert. Belcore zögert nicht, Adina bei der ersten Begegnung sogleich einen Heiratsantrag zu unterbreiten – morgen Hochzeit, übermorgen wieder aufs Schlachtfeld… Nun muss Nemorino handeln: Er gibt sich einen Ruck und offenbart Adina seine Liebe. Sie jedoch weist seine Gefühle zurück. Er solle sich lieber um seinen alten und kranken Onkel kümmern.

Doch für Nemorino erscheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont in Person Dulcamaras, der behauptet, mit seinen Tränken alle Leiden der Welt heilen zu können. Nemorino erkundigt sich bei Dulcamara nach dem Zaubertrank, den er aus Adinas Geschichte von Tristan und Isolde kennt. Dulcamara, der sich kein Geschäft entgehen lässt, verkauft dem überglücklichen Nemorino einen Liebestrank. Er verspricht ihm, innerhalb eines Tages werde das Ziel seiner Leidenschaft ihm gehören. Kaum hat Nemorino von dem Elixier getrunken – es ist reiner Bordeaux – steigt sein Selbstbewusstsein. Nun fürchtet Nemorino auch nicht mehr die drohende Hochzeit Adinas. Die Wandlung in Nemorino löst in Adina nur Trotz aus. Sie beschließt, Belcore noch am selben Tag zu heiraten. Nemorino ist entsetzt, sieht er doch die Zeit zu seinen Ungunsten davonlaufen.

Zweiter Akt

Zu den anstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten will Dulcamara eine kleine Barcarole mit Adina zum Besten geben: Sie erzählt von einem Senator, dem es nicht gelingt, die Gondoliera Nina zu einer Heirat zu bewegen. Sie zieht den mittellosen Jüngling Zanetto vor.

Nemorino – unter Zeitdruck – bittet Dulcamara um eine weitere Dosis des Elixiers. Doch Dulcamara will diese nicht unter dem Preis von 20 Scudi verkaufen. Soviel besitzt Nemorino nicht mehr. Belcore, der eine gute Möglichkeit sieht, seinen Gegenspieler aus dem Feld zu schlagen, bietet Nemorino 20 Scudi dafür, dass er beim Militär anheuert. Ohne Zögern geht Nemorino darauf ein.

Als sich das Gerücht verbreitet, Nemorino habe seinen gerade verstorbenen Onkel beerbt und sei nun reich, ist er plötzlich eine begehrte Partie. Nemorino, selbst noch unwissend, führt das erstaunliche Verhalten der Dorfmädchen auf die gerade erstandene und verzehrte Portion Elixier zurück. Adina, die von Nemorinos Reichtum nichts ahnt, wundert sich, Nemorino von allen umschwärmt zu sehen – sie erfährt von Dulcamara den vermeintlichen Grund für Nemorinos erneutes Aufblühen: das Elixier. Er bietet auch ihr seinen Wundertrank an, doch sie winkt dankend ab: Sie verlasse sich lieber auf ihren Verstand. Aus Mitleid mit Nemorino kauft sie ihn von seiner Militärpflicht frei. Nemorino will aber lieber im Krieg sterben, als ohne Adina zu leben. Endlich bekennt sich Adina auch zu ihren Gefühlen zu Nemorino und löst ihre Bindung mit Belcore, dem nichts anderes übrig bleibt, als seinen Marschbefehl in den Krieg zu folgen. Der überglückliche Nemorino führt seinen unerwarteten Erfolg auf den Trank Dulcamaras zurück – und auch dieser ist ganz verblüfft von dem Wundern, das sein Elixier bewirkt hat.

Premiere von Gaetano Donizettis "L'elisir d'amore" am 1. Dezember 2009 im Nationaltheater

Lieber Kitsch als Zynismus!


Ein Gespräch mit dem Regieteam David Bösch, Patrick Bannwart und Falko Herold

In welcher Grundsituation spielt die Liebesgeschichte in Donizettis L’elisir d’amore bei Euch?

David Bösch Wir gehen von einer Ödnis aus, in der alle nach etwas Unbestimmtem, vielleicht nach Liebe dürsten.

Patrick Bannwart Die Bühne ist zunächst ein Landschaftsbild, allerdings ein Ort der Leere. In einer staubigen Landschaft leben Leute, deren Blick in die Ferne geht und bei denen Sehnsucht eine große Rolle spielt. Um sie herum scheint irgendwo Krieg zu herrschen, Soldaten, die im Dorf Weglager suchen, sind schon zur Gewohnheit geworden. Der Auftritt Dulcamaras mit seinem phantastischen Gefährt stellt anschließend den größtmöglichen Kontrast dar. In seine Ankunft wird viel hineinprojiziert: Er und sein Wagen sind als Attraktion irgendwo zwischen Zirkus und Las Vegas anzusiedeln. Vielleicht haben die Dorfbewohner ihn bereits erwartet, vielleicht kommt er zum ersten Mal, nachdem irgendein Krieg vorbei ist. Plötzlich kommt Farbe ins Spiel. Solch poetische Bilder entstehen durch den Gegensatz, dass besonders düstere Momente den Alltag bestimmen und plötzliche einfache Irritationsmomente auftauchen. Das Herzbild aus Luftballons zu Beginn des zweiten Akts beispielsweise zeigt Adinas und Belcores Hochzeitsvorbereitungen und steht auf sehr plakative Weise Nemorinos Gefühlswelt entgegen, weil Nemorino schon zu Beginn der Oper mit Luftballons aufgetreten ist.

Was geschieht mit den Figuren in solchen Bildern?

Patrick Bannwart Für Nemorinos Liebe scheint alles auf dem Spiel zu stehen, so dass sein Verlangen nach dem Liebestrank und auch die Idee, sein Leben an das Militär zu verkaufen, aus einer konkreten Dringlichkeit entstehen.

David Bösch Donizetti und sein Librettist Romani gelingt es, dass sich immer wieder alles um einen Menschen konzentriert, der sich in einer unglücklichen Liebe verzehrt. Seine Liebe steigert sich beständig, weil er die Frau, die er liebt, unmöglich bekommen kann. Bedingungslos wie ein Kind glaubt er alles und tut alles, was ihn dieser Liebe näher bringen könnte. Sein Handeln und die Reaktionen im Dorf zeigen, dass sein Gefühl keine Illusion ist. Nemorino geht bis zum Äußersten und riskiert sogar seinen Tod im Krieg. In seiner berühmten Romanze „Una furtiva lagrima“ im zweiten Akt realisiert Nemorino, dass er endlich auf Gegenliebe gestoßen ist. Die überraschende Erfahrung kommt für ihn völlig unerwartet und evoziert plötzlich ein dermaßen heftiges Gefühl, dass Leben oder Sterben augenblicklich nicht mehr von Bedeutung sind. So nah an der Erfüllung seiner Liebe bekommt der Tod etwas Berauschendes. Nemorino übersteigt sich darin selbst. Ein übermächtiges, unfassbares Gefühl, die Vorstellung von Liebe und Tod zugleich, potenzieren Nemorinos Sein führ ihn ins Unendliche.

Adina wirkt im Gegensatz dazu fast gefühlskalt. Sie nimmt weder die Liebeserklärung Nemorinos ernst, noch scheint ihr Interesse an Belcore wirklich aufrecht zu sein.

David Bösch Adina reift im Laufe der Handlung, sie lernt sich selbst und ihre Gefühle zu begreifen und auch was es heißt, wirklich geliebt zu werden. Wer Liebe offen zeigt und an einer Liebe festhält, setzt sich wie Nemorino einer existentiellen Gefahr aus. Adina fasst Liebe zunächst als Spiel auf: Instinktiv schützt sie sich so vor Abgründen, vor dem Risiko, das ein liebender Mensch eingehen muss. Ohne Gefahr kann man sich auch der Gefahr nicht aussetzen. Aber im Laufe der Handlung lernt sie sich zu öffnen.

Warum nicht Belcore, warum Nemorino?

David Bösch Belcore hat Macht. Er könnte zwar in ein anderes Leben weisen, aber Nemorino ist der Poet, er lebt eine Tragik aus, die uns anrührt und liebenswert erscheint.

Wie sind das Militär und ihr Anführer Belcore gezeichnet?

Falko Herold Dem Kostüm der Soldaten sieht man an, dass sie schon lange unterwegs und abgekämpft sind. Ähnlich den Dorfbewohnern dürsten sie nach einer Erfüllung, die sich im Krieg nicht finden lässt. Dennoch gibt es keine konkreten Uniformen. Es funktioniert beispielsweise nicht, den Soldaten Helme zu verpassen, da ein Helm als Detail immer gleich in eine bestimmte Zeit verortet wird. Man erkennt sofort Epoche und Land. Doch die Geschichte erzählt ja nicht von einer konkreten Staatsmacht. So haben wir konkrete Uniformelemente erfunden, die nicht spezifisch einem Land zuzuordnen sind. Dem Eindruck nach könnte es aber tatsächlich eine Uniform sein. Sie verstärken das Machismo-Getue der Soldaten, sind aber zugleich liebevoll ironisch.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Dulcamara. Ist er ein Scharlatan?

David Bösch Dulcamaras Gefährt ist beispielsweise eine Montage aus zusammengeklauten Geräten aus der Landwirtschaft, auf der eine große Tankkugel gepackt ist. Die Kugel wird sich oft verwandeln im Stück. Dulcamara selbst besitzt eine unglaubliche Macht, Leute zu verführen. Wie man an Nemorino merkt, hat dies unerwartet positive Seiten. Ich glaube man kann gar nicht übersehen, dass er ein Geschäftsmann ist. Doch am Schluss glaubt auch er an die Wirkung seines Tranks. Plötzlich und gänzlich unerwartet funktioniert alles, was er beim Handel zuvor versprochen hat. Mit einem Mal kommt etwas ins Rollen, was er lediglich angestoßen hat: Das Versprechen des Liebestranks verselbständigt und bewahrheitet sich. Am Ende steht Dulcamara begeistert sich selbst und der Welt gegenüber. Seine Musik hat eine unglaubliche Verve. Seine Zuhörer, auf der Bühne und im Zuschauerhaus, lassen sich von der Musik mitnehmen, überwältigen und genießen den emotionalen Drive.

Braucht es für die Liebe einen Auslöser, ein Narkotikum? Was ist der Liebestrank bei Euch?

David Bösch Der Liebestrank ist Glaube. Ähnlich wie in dem irischen Theaterstück The Playboy of the Western World von John Millington Synge geht es um das Thema: Was passiert, wenn ich an etwas glaube? Wenn ich plötzlich glaube, dass die Angebetete mich morgen schon lieben wird, so verändert das mein Verhalten von Grund auf. Bei Nemorino führt das zu einem Selbstbewusstsein jenseits der Grenzen der Schamlosigkeit, auf einmal öffnet sich Nemorino und geht sehr extrovertiert mit der Lage um.

Man glaubt daran und die Scheindroge funktioniert ohne tatsächlichen Wirkstoff. Doch dies als Placeboeffekt zu sehen, greift nicht. Vielmehr wird deutlich, dass Nemorino durch den Trank auf ehrliche Weise zum Wesentlichen findet. Letztendlich bildet er sich nichts ein, was nicht tatsächlich stattfindet. Was ist der Liebestrank auf der Bühne genau?

Patrick Bannwart Er ist in der Wunderkugel auf dem Dulcamaragefährt und eine geschlossen Projektionsfläche. Welche Flüssigkeit konkret sie beinhaltet, ob Wasser oder wie hier Alkohol, ist eher nebensächlich. Dulcamara kommt in das Dorf, möchte Geschäfte machen und hat lediglich Wein dabei. Der wird zum Liebestrank, sobald ihn Nemorino kaufen will. Er glaubt Dulcamara, dass der gekaufte Trank wirkt, und es funktioniert wirklich: Was er sich zuvor nicht getraut hat, vor allem gegenüber Adina, gelingt ihm nun wie von selbst – und besser als dies nur Alkohol bewirken könnte. Der Liebestrank löst bei Nemorino nur noch etwas aus, was schon da war. Dulcamara zieht zwar seinen Vorteil daraus und bleibt gewiefter Geschäftsmann. Weil er aber emotional in die Geschichte hineingezogen wird, wirkt er nicht unsympathisch.

Wie hängt die emotionale Wirkung der Figuren mit der Bühne zusammen? Kann eine direkte Bildsprache nicht schnell kippen?

Patrick Bannwart Bei der Ausstattung spielen wir mit Gefühlen wie Ärmlichkeit, Wärme, nicht mit der Illustration einer bestimmten Epoche. In der Diskussion über Gefühle auf der Bühne geht es häufig um die Gefahr von Kitsch. Ich hingegen finde es eher lohnend, über die Gefahr des Zynismus zu reden. Wenn ich grundsätzlich bereit bin, Gefühle ernst zunehmen und gelten zu lassen, nehme ich lieber die Gefahr, kitschig zu werden, in Kauf. Viel problematischer ist es, sich der Emotionalität in der Oper von vornherein zu verweigern. Es ist heutzutage schon eine starke Setzung und Behauptung, Liebe als Deutungsmodell anzubieten, selbst wenn man das letzten Endes wieder in Frage stellen muss. Auf der Bühne behaupten wir geradlinig die affektive Wirkung der Geschichte über den Liebestrank, bevor die Bühne am Ende mit einem kolossalen Kurzschluss ein chaotisches Eigenleben bekommt. Dulcamaras Wunderkugel bekommt ein Leck und alle werden betrunken. Just in dem Moment, wenn alle Lämpchen leuchten, wenn der Liebestrank sich selbst übertrifft, beginnt das Materielle zu revoltieren. Aber die Utopie hat zuvor eine ganz reale Chance bekommen.

David Bösch Mir scheint die Kitschgefahr auch geringer als die Gefahr, zynisch zu werden: Indem man alles karg, leer und dunkel macht, wird die Welt auf der Bühne nicht unbedingt realer. Es kann zwar ebenso nicht ständig bunt und heiter zugehen, aber wichtig ist, dass alles stattfinden kann. Ob etwas Kitsch ist oder nicht, hängt zudem stark von der individuellen Wahrnehmung ab. Dieses Risiko gehe ich bewusst ein. Auch in der Oper geht es um das, woran glaubt man: Gibt es in der Welt ein Korn von Hoffnung? Dass sich solche Fragen gegen Frust und Zynismus durchsetzen können, davon erzählt ja gerade diese Oper. Wir versuchen ein Interieur, eine Atmosphäre zu schaffen, worin die Geschichte spielen kann. Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen für das, was wir unter Poesie verstehen.

Falko Herold Damit es poetisch bleibt, muss unter der Poesie noch eine Bedrohung, etwas Ärmliches sein. Das funktioniert szenisch beispielsweise sehr gut, wenn Nemorino mit einem Luftballon auf die staubige, sandige Bühne kommt. Die Geste ist ganz zart. Wenn die Bühne voll Farben und überladen wäre, ginge das gar nicht.

David Bösch In unserer Grundidee, gerade was Bühne und Kostüm betrifft, knüpfen wir daran an, indem wir versuchen, eine zarte Poesie des Ärmlichen zu entwickeln. Die Inszenierung soll von Anfang an nicht bunt und farbenfroh daherkommen, sondern mit der Haptik von etwas ausgeblichenem, staubigem.

Wie ist das bei den Kostümen der Dorfgesellschaft umgesetzt?

Falko Herold Wie für alle Kostüme auf der Bühne gilt, dass die Kleidungsstücke bereits ihre eigene Geschichte mitbringen: Sie sind abgetragen. Frisch gekaufte Klamotten aus dem Laden gibt es nicht, sondern es ist die Ärmlichkeit der Kostüme, die untergründig auch Liebe verrät. An Details merkt man, dass sich die Leute nicht aufgegeben haben und sich immer noch pflegen. Man darf das nicht für ein „Pennerdorf“ halten. Aber je weiter auf der Bühne die Hochzeitsvorbereitungen voranschreiten, desto deutlicher merkt man, welches Emotionspotential noch vorhanden ist, woraus dann Dulcamara faktisch schöpft. In Fellinis Filmen ist die Stimmung ganz ähnlich.

Was ist Euer Bezug zu Fellini?

Patrick Bannwart Staub, Sand, dazu die abgetragenen Kleider, auf dem Bühnenboden Papierschnipsel, Mülltüten und alles verblichen – das ist der unentschiedene Nährboden, woraus sich Trostlosigkeit, Sehnsucht und Hoffnung entwickeln kann.

David Bösch Und Traurigkeit. Die Atmosphäre, ja der Raum ist von Gefühlen aufgeladen. Aber es ergibt im Ganzen einen Schwebezustand, wodurch Traurigkeit immer neben Leichtigkeit, neben ganz lichten Momenten auftritt.

Aber die sexuelle Mehrdeutigkeit eines Fellinifilms spielt bei Euch keine Rolle?

David Bösch Nein, die Musik ist zwar extrem körperhaft, aber nicht so, dass man sich einen Gefallen tut, jede musikalische Nummer auf eine psychologische oder sexuelle Deutung hin zu befragen. Das geht über Donizettis Oper deutlich hinaus. Der Anspruch, den der musikalische, aber auch der romantische Gestus der Erzählung verkörpert, ist viel direkter. Wenn wir von einer Traurigkeit als Grundatmosphäre ausgehen, bedeutet das, dass unsere Interpretation einen primär sinnlichen Zugang offen hält.
Traurigkeit als Grundstimmung zu behaupten, heißt ja auch, die Welt so anzunehmen, wie wir sie im Alltag erfahren. Das heißt, Abgründe, auch Verzweiflung und Tod als Rahmen der Handlung zuzulassen, wobei durch den Liebestrank, durch eine verrückte Idee, ein Hoffnungsschimmer auftaucht. So erzählt die Oper auch vom Erstaunen darüber, wie etwas Hinreißendes Menschen tatsächlich mitreißen und verändern kann.

Falko Herold Es ist ein Wesenszug des Theaters, dass da das Übersinnliche noch wahrhaftig sein kann. Es gibt nicht nur den aufgeklärten Menschen, stattdessen hat das Unerklärbare wie in L’elisir d’amore eine natürliche Berechtigung.

Ihr habt Theater einmal als „Wunderkiste“ bezeichnet. Ist das Euer Zugang zu Theater?

David Bösch Es ist der beinahe naive Glaube an Theater. Ich meine damit, Theater mit vielen heterogenen Mitteln zu machen. Was eben gerade da ist, wird bespielt: Wenn es Nebelmaschinen gibt, dann sag ich: klasse, mach doch mal! Wenn es nicht gut geht, probiere ich etwas anderes, und so entstehen immer neue überraschende Lösungen. Mir ist der spielerische Zugang zu Theater enorm wichtig. Mein Ansatz ist, erstmal an eine Realität auf der Bühne zu glauben, denn sie muss nichts mit der Welt draußen zu tun haben, sondern eher mit dem Menschen, der sie sieht, mit seinen inneren Gefühlswelten. Es muss mit der gesellschaftlichen Realität nichts zu tun haben, aber mit der persönlichen Erlebnisfähigkeit jedes einzelnen. In der Oper geht das noch viel besser als im Schauspiel.

Das Gespräch führten Rainer Karlitschek und Nikolaus Witty am 11. November 2009.

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Biografien

Stefano Ranzani schloss in seiner Heimatstadt Mailand zunächst ein Violinstudium ab und wurde anschließend im dortigen Orchester als Erster Geiger engagiert. Später studierte er Klavier, Komposition und Dirigieren u. a. bei Leonard Bernstein. 1983 wurde er Assistent bei Gianandrea Gavazzeni. 1987 debütierte er an der Mailänder Scala. Gastengagements führten ihn u. a. an die Hamburgische und die Wiener Staatsoper, das Gran Teatro del Liceu in Barcelona, das Teatro Real in Madrid, die Semperoper Dresden, die Deutsche Oper Berlin, die Metropolitan Opera in New York und das Opernhaus Zürich sowie zum Maggio Musicale Fiorentino und zum Glyndebourne Festival. Von 2007 bis 2008 war er Musikdirektor am Teatro Massimo Bellini in Catania. Dirigat an der Bayerischen Staatsoper 2016/17: La bohème.

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