Geschichte des Bayerischen Staatsorchesters

Akademiekonzert im Nationaltheater (Foto: Wilfried Hösl)
Akademiekonzert im Nationaltheater (Foto: Wilfried Hösl)

Das Bayerische Staatsorchesters wirkt sowohl im Orchestergraben als auch auf dem Konzertpodium. Carlos Kleiber, zwischen 1968 und 1997 ein häufiger Gast am Dirigentenpult und dem Orchester eng verbunden, bescheinigte diesem, neben dem gewaltigen Opernrepertoire auch symphonische Herausforderungen glanzvoll zu bewältigen: „Für jene, die auf Lebendigkeit hören können, haben wir hier Sachen drin, die spielt kein Orchester so lustvoll und frech oder so beseelt wie dieses Orchester.“ Nicht von ungefähr wurde es in den vergangenen Jahren mehrfach in Folge von 50 internationalen Kritikern in der Umfrage der Zeitschrift Opernwelt zum Orchester des Jahres gewählt.

Als eines der ältesten und traditionsreichsten Orchester der Welt ist das Bayerische Staatsorchester aus der Münchner Hofkapelle hervorgegangen. Seine Ursprünge lassen sich ein halbes Jahrtausend bis ins Jahr 1523 zurückverfolgen. Der erste berühmte Leiter des Ensembles war von 1563 an Orlando di Lasso. Stand zunächst die Kirchenmusik im Zentrum der künstlerischen Tätigkeit, so kamen im Laufe des 17. Jahrhunderts mehr und mehr weltliche Konzerte und Opernvorstellungen hinzu. Mitte des 18. Jahrhunderts begann der regelmäßige Operndienst, bis heute eine wesentliche Aufgabe dieses Klangkörpers der Bayerischen Staatsoper. Die Uraufführungen von Mozarts La finta gardiniera (1775) und Idomeneo (1781) bildeten schon bald erste Höhepunkte.

1811 wurde von den Mitgliedern des Hoforchesters der Verein Musikalische Akademie gegründet, genehmigt durch eine Kabinettsorder König Max Josephs I. Die Musikalische Akademie rief mit den Akademiekonzerten die erste Konzertreihe Münchens ins Leben und prägt bis heute mit ihren symphonischen, kammermusikalischen und musikpädagogischen Aktivitäten das Musikleben der Stadt und des Freistaats Bayern. Seit 1918 trägt das Bayerische Staatsorchester den heutigen Namen. Seinen Rang als Spitzenorchester bestätigt es regelmäßig bei Gastspielen und Konzertreisen in den wichtigsten Musikzentren der Welt.

Unter den vielen großen Komponisten, denen das Orchester verbunden war, ragt Richard Wagner heraus. 1865 dirigierte Hans von Bülow im Nationaltheater die Uraufführung von Tristan und Isolde. Auch drei weitere Opern Wagners erlebten in München ihre Premiere: Die Meistersinger von Nürnberg (1868), Das Rheingold (1869) und Die Walküre (1870).

Viele der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten ihrer Zeit standen dem Orchester als Chefdirigenten vor: von Richard Strauss, Hermann Levi, Bruno Walter und Hans Knappertsbusch bis hin zu Sir Georg Solti, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Zubin Mehta, Kent Nagano und Kirill Petrenko. Mit der Spielzeit 2021/2022 wird Vladimir Jurowski die Leitung des Bayerischen Staatsorchesters als Bayerischer Generalmusikdirektor übernehmen.

 

Zu Hause in Oper und Konzert

Das Nationaltheater in München ist dem Bayerischen Staatsorchester Heimat und Verpflichtung zugleich. In der Spielstätte der Bayerischen Staatsoper erleben jedes Jahr über eine halbe Million Menschen mehr als 250 Aufführungen von rund 40 verschiedenen Opernwerken. Allein die schiere Menge an Vorstellungen und Repertoire erfordert vom Orchester Präsenz und Kraft, vor allem aber Leidenschaft und Qualität. Wie jedes Opernorchester bildet auch das Bayerische Staatsorchester das größte Zahnrad im gewaltigen Uhrwerk seines Hauses. Weit über spieltechnische Parameter hinaus bestimmt es den alles begründenden Klang und die musikalische Energie eines jeden Opernabends. Dabei steht es allerdings nur selten im Mittelpunkt. Versenkt im Orchestergraben, ist es nicht nur der Sicht des Publikums entzogen: Es bewegt sich zumeist auch unter der Oberfläche der bewussten Wahrnehmung seiner Hörerschaft und erhebt sich nur in einzelnen Momenten zum Protagonisten. Abend für Abend aber ist es den Sängerinnen und Sängern Partner und Stütze, bisweilen auch Ansporn. Dieser Aufgabe hat sich das Bayerische Staatsorchester mit einer praktisch die gesamte europäische Musikgeschichte umfassenden Tradition verschrieben. Der Sinn für Dramatik und Spannungsbögen ist in seinem Wesen verankert; alle seine Mitglieder verstehen sich nicht nur als spezialisierte Instrumentalisten, sondern auch als Theatermenschen durch und durch.

Überstrahlt von derart großer Aufmerksamkeit im Opernbetrieb wirkt es fast schon wie ein gut gehütetes Geheimnis, dass sich das Bayerische Staatsorchester auch im symphonischen Bereich zu präsentieren weiß. Denn die Konzerttätigkeit spielt in Selbstverständnis und Tradition des Ensembles eine wesentliche Rolle. Wird im Opernbetrieb oftmals um Koordination und Balance zwischen Orchester und Bühnengeschehen gerungen, so bietet das symphonische Repertoire die Chance, das Orchester als eigene und künstlerisch autarke Einheit zu formen. Technische Präzision, klangliche Brillanz und musikalische Geschlossenheit sind die hörbare Folge. Die Konzerttätigkeit fördert aber nicht nur das künstlerische Miteinander der Ensemblemitglieder, es schärft auch ihr Selbstbewusstsein als Kollektiv. Auf dem Konzertpodium befindet sich das Orchester mit seinem Dirigenten im Zentrum der Aufmerksamkeit – und somit auch der Anerkennung. Gastspiele und ausgedehntere Tourneen verstärken diese Wirkung, da es hier gilt, sich bei Festivals und Konzertreihen im Reigen der großen Symphonieorchester zu behaupten und neues Publikum für sich zu begeistern. Zudem bietet das Reisen die kostbare Gelegenheit, den künstlerischen Gehalt eines Programms von Konzert zu Konzert immer wieder neu auszuloten, sich von Ort zu Ort den akustischen Gegebenheiten eines jeweils anderen Saals anzupassen und sich spielerisch zu probieren. In den vergangenen Jahren hat das Bayerische Staatsorchester im Rahmen internationaler Konzerttätigkeit seine Präsenz als symphonisches Orchester entschieden ausgebaut, beispielsweise in Musikzentren wie New York, London, Paris, Luzern, Wien, Berlin, Taipeh, Seoul und Tokio. Das Bayerische Staatsorchester darf sich also glücklich schätzen, in der Welt der Oper und derjenigen des Konzerts gleichermaßen zu Hause zu sein – und beide in seinem Wesen zu vereinen: Denn so verschieden die zwei Aufgaben auch sein mögen, letztlich komplementieren sie sich. Die im Konzertsaal gewonnene Genauigkeit und Geschlossenheit entfalten sich auch bei Opernabenden aus dem Orchestergraben heraus; Spontaneität und Agilität sowie der Instinkt für Drama und menschlichen Affekt sind wiederum so tief im Wesen des Bayerischen Staatsorchesters verwurzelt, dass sie sich auf dem Podium mit derselben Intensität Bahn brechen.

Guido Gärtner