Infos

Montag, 05. März 2018
19.00 Uhr
Lenbachhaus

Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau Luisenstraße 33 80333 München

Ab 18 Uhr und in der Pause des 5. Themenkonzert können Sie die Joseph Beuys Räume der Sammlung des Lenbachhauses sowie die Joseph Beuys Ausstellung Einwandfreie Bilder 1945-1984 besuchen.

 

 

Junges Publikum · Drama Plus

Ermäßigung für Schüler, Studierende und Azubis: € 10,-

20% Ermäßigung mit der Drama Plus Karte (nur am Schalter und telefonisch)

Preise € 24,-

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  • In Kooperation mit dem

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Besetzung

Vortrag Prof. Dr. Jacqueline Knörr

Sopran Nikola Hillebrand

Klarinette Andreas Schablas, Jürgen Key, Martina Beck

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Thema: Themensuche
Vortrag: Prof. Dr. Jacqueline Knörr
(Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle / Saale)

In Kooperation mit dem Lenbachhaus 

Musik für Sopran und drei Klarinetten von Wolfgang Amadeus Mozart, Igor Strawinsky, Wolfgang Rihm

Im fünften und abschließenden Themenkonzert der Spielzeit 2017 / 18 ist der Vortragstitel bewusst in alle Richtungen offengehalten – denn das Sujet sperrt sich gegen eine Domestizierung im gegebenen Rahmen und macht sich dadurch umso dringlicher. Es geht, buchstäblich, auf die Suche nach einem dem Publikum sowohl zumutbaren wie zu vermittelnden Vortragsthema über das Schlagen und Heilen von Wunden hier und anderswo

 

 

 

Beuys und die Wunde als Thema in der zeitgenössischen Kunst

in: MAX JOSEPH No. 2: Offenbaren, Spielzeit 2017/18
Text: Lothar Schirmer

Drei bedeutende Künstler des 20. Jahrhunderts haben die Wunde, die körperliche oder seelische Verletzung des Menschen, zum Leitmotiv ihres Werkes gemacht: der in Dresden geborene, deutsch-französische Maler Wolfgang Schulze, der sich Wols nannte, die mexikanische Malerin Frida Kahlo und der deutsche Bildhauer Joseph Beuys. Angesichts der schweren existenziellen Verletzungen durch Krieg, Verfolgung, Vertreibung und die Notlage der Nachkriegszeit verwundert es nicht, dass die menschliche Wunde ein wesentliches Thema der Nachkriegskunst wird.

Die Selbstverstümmelung van Goghs, dessen Werk 1946 mit einer großen retrospektiven Ausstellung in Paris in Erscheinung trat, und die Tradition des Surrealismus mögen das ihre dazu getan haben. Im Werk von Joseph Beuys taucht die Wunde thematisch in geballter Form auf. Bereits seine eigene Geburt am 12. Mai 1921 bezeichnet der Künstler in seinem Lebenslauf als „Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogenen Wunde“. So realistisch und bildmächtig hat das vor ihm weder in der Kunst noch in der Literatur irgendjemand ausgedrückt.

Das Heftpflaster als Wundverband auf den menschlichen Körper zu beziehen, ist durchaus üblich – befremdlich ist hier der Zusammenhang. Ebenso befremdlich ist das Heftpflaster dann in Bezug auf einen Gegenstand. „Wenn man sich geschnitten hat, sollte man das Messer verbinden und nicht die Wunde“, lautet ein paradoxer Aphorismus von Joseph Beuys, die Wunde thematisierend. Das Paradoxon löst sich leicht auf, wenn man es als medizinische Weisheit liest, der zufolge die Ursachen zu heilen sind und nicht die Symptome. Allerdings ist auch hier die Vorstellung einer blutenden Wunde und einer verbundenen Klinge zunächst provozierend.

Einen Schritt weiter geht Beuys in seinen beiden skulpturalen Arrangements im Lenbachhaus, die die Wunde von Körper und Geist in Bezug auf Geburt und Tod thematisieren. Da ist das Objekt „Badewanne“, eine Säuglingsbadewanne, die mit Heftpflaster und Mull beklebt ist. Sie symbolisiert nach den Worten des Künstlers die Geburt als Zusammenstoß eines höchst verletzlichen Körpers mit einer harten und festen Welt. Und so tritt dem neugeborenen Leben die Gefahr der Sterblichkeit oder auch nur der Verletzung oder der Gefährdung früh in Gestalt der strahlend weißen, harten, emaillierten Oberfläche der Wanne gegenüber. Dem oben erwähnten Paradoxon folgend, hat Beuys die Wanne mit Heftpflaster und Mull verbunden und so ihr Gefährdungspotenzial gemindert.

Wand an Wand mit der Badewanne steht im Lenbachhaus das große Environment von Beuys mit den zwei Leichenbahren aus der Anatomie. Ihm hat der Künstler den poetischen Titel zeige deine Wunde gegeben. Der Titel hat neutestamentarische Dimensionen. Er erinnert einerseits an die Worte Christi aus der Bergpredigt, die darauf abzielen, auf demütige Weise das Gegenteil von dem zu tun, womit man sonst durchs Leben kommt. Es ist der Aufruf, seine Wunden zu zeigen und sie nicht zu verstecken, aus der Verletzung eine Stärke zu machen. Die andere Assoziation, die mit dem Titel einhergeht, ist die Geschichte vom Ungläubigen Thomas, der den auferstandenen Christus an seinen Wundmalen erkennen will. Die Aufforderung an Christus, seine Wunde zu zeigen, ist ein eher rüder Appell.

Trotz dieses eindeutigen und kaum übersehbaren christlichen Bezuges hat der Erwerb von zeige deine Wunde im Jahr 1979 zu einer anhaltenden Diskussion in der Münchner Öffentlichkeit geführt – einer Öffentlichkeit, die, wie man am Stadtbild und ihren Bewohnern sehen kann, ein gewisses Schmuckbewusstsein oder vielleicht sogar einen Schmuckstolz prononciert vor sich herträgt, der mit den Demutstraditionen des Christentums nicht unbedingt vereinbar ist. Allein aus der religiösen Thematik wäre das Beuys’sche Stück in seiner existenziellen Ärmlichkeit eigentlich zu verstehen gewesen.

Das Körperbewusstsein der Betrachter aber, schwankend zwischen sportlicher und kosmetischer Ambition einerseits und der Hinfälligkeit als steter Begleiterin andererseits, führte zu schmerzhaften Auseinandersetzungen. Verschärft wurde der Konflikt noch durch die Tatsache, dass die bildende Kunst seit dem Mittelalter ein Sprössling der Juwelierszunft war und die Verwendung kostbarer Materialien lange Zeit das Fundament des Kunstwertes war. Mit dieser Hochschätzung des Materialwertes und auch des Arbeitswertes im Zusammenhang mit der Bewertung von Kunst hatte die Moderne vor Beuys schon kräftig aufgeräumt. Dieses Aufräumen war immer mit existenziellen gesellschaftlichen Krisen verbunden, wie zum Beispiel der Zeit im oder nach dem Ersten Weltkrieg, etwa durch den Dadaismus und die Abfallcollagen von Kurt Schwitters. Zudem stand, was München anbetraf, die Auffassung der Nazis von zeitgenössischer Kunst als generell „entarteter“ Kunst 1979 noch immer als Geschichtsfaktum im Raume. Die Wunde, die die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 gerissen hatte, schwärte noch. So gesehen ging von der öffentlichen Auseinandersetzung um den Ankauf und die Einrichtung von zeige deine Wunde eine heilende Wirkung aus – die Heilung eines offenen Streits, der die Bürgerschaft lange entzweit hatte. Eigentlich ein wahres Wunder.

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