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Komponist Georg Friedrich Händel

Samstag, 30. Juli 2005
18.30 Uhr – 22.45 Uhr
Prinzregententheater

Dauer ca. 4 Stunden 15 Minuten

Preise PH

ausverkauft

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Besetzung

Musikalische Leitung
Ivor Bolton
Inszenierung
Christof Loy
Choreographie
Beate Vollack
Bühne und Kostüme
Herbert Murauer
Licht
Reinhard Traub

Alcina
Anja Harteros
Ruggiero
Vesselina Kasarova
Morgana
Veronica Cangemi
Bradamante
Sonia Prina
Oronte
John Mark Ainsley
Melisso
Christopher Purves
Oberto
Deborah York
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Bradamante ist auf der Suche nach ihrem Verlobten Ruggiero. Diese Suche führt sie auf eine Insel, auf der die Zauberin Alcina herrscht. Theatermagie, erotische Versuchsreihen, perfide Experimente an Männern! Damit zeigt Alcina – seit der Uraufführung dieser Zauberoper vor 270 Jahren: Wunsch und Wirklichkeit sind in der Liebe kaum vereinbar. Dem Regisseur Christof Loy, der in München mit Händels Saul die internationale Opernwelt nach noch mehr Händel süchtig machte, ist mit dieser Inszenierung ein großer Wurf für die Barockoper in unserer Zeit gelungen.

 

Erster Akt

Am Tage.

Bradamante hat sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Verlobten Ruggiero gemacht. Sie gibt sich bei dieser Reise als ihr eigener Bruder Ricciardo aus und hat als Begleiter ihren Vertrauten Melisso gewählt.
Unverhofft und plötzlich sind die beiden an ihr Ziel gelangt, das wundersame Inselreich der schönen Alcina. Bradamante vermutet, dass Ruggiero den Künsten der verführerischen Zauberin erlegen ist und in ihrem Bann seine Pflicht, seine Freunde und seine bisherige Liebe und Treue vergessen hat.

Bradamante und Melisso werden von Alcinas Schwester, Morgana, willkommen geheißen. Morgana erkennt nicht, dass Bradamante eine Frau ist, und fasst schnell Zuneigung zu dem vermeintlichen Jüngling.
Bevor sich Bradamante rechtzeitig der ersten Zärtlichkeitsbezeugungen entziehen kann, sieht sie sich konfrontiert mit Alcina, unzertrennlich mit ihr verbunden, wie vermutet, Ruggiero. Alcina heißt die Fremden willkommen und erklärt in aller Öffentlichkeit Ruggiero ihre Liebe.

Der junge Oberto fragt Melisso und Bradamante nach dem Schicksal seines Vaters Astolfo. Deren Vermutung, dieser sei ein voriger Liebhaber Alcinas gewesen, den diese dann alsbald, seiner überdrüssig geworden, mit Zauberkünsten in ein Tier verwandelt hätte, wagen sie ihm nicht mitzuteilen.
Bradamante stellt Ruggiero zur Rede. Ruggiero hält Bradamante für Ricciardo, den Bruder seiner Verlobten, und verspottet "ihn" als auch Melisso ob ihrer moralischen Vorhaltungen. Nie werde er von Alcina lassen.

Von Ruggiero verachtet und von Morganas Liebe immer mehr bedrängt, befindet sich Bradamante in einem weiteren Dilemma: Morganas eifersüchtiger Geliebter Oronte hat die verliebten Blicke seiner Freundin dem fremden "jungen Mann" gegenüber wahrgenommen. Mit Mühe kann Bradamante ein Duell abwehren.
Morgana macht sich den Eifersuchtsanfall Orontes zunutze, um sich von diesem loszusagen.

Der verbitterte Oronte verleumdet daraufhin Ricciardo bei Ruggiero. Er lässt diesen glauben, Alcina habe schon ein Verhältnis mit dem Fremden angefangen und er, Ruggiero, werde wohl bald wie alle Verflossenen der Zauberin in ein Tier verwandelt. In Anwesenheit von "Ricciardo" stellt Ruggiero Alcina zur Rede. Verletzt von dem Gedanken, sie könne ihm untreu sein, lässt sie ihren geliebten Ruggiero mit seinem vermutlichen Rivalen allein zurück. Bradamante erträgt es nicht länger, ihre wahre Identität vor Ruggiero zu verbergen. Ruggiero schenkt ihr jedoch keinen Glauben. Alcina soll nun als Beweis ihrer Liebe zu Ruggiero den verhassten Nebenbuhler beseitigen.

Morgana möchte Bradamante/Ricciardo vor den bösen Künsten ihrer Schwester schützen und zur Flucht bewegen. Verzweifelt und verwirrt stürzt sich Bradamante in Morganas Arme. Alcina könne beruhigt sein: "Sag ihr, dass ich jemand anderes liebe." Morgana nimmt diese Worte mit Freuden als Liebesgeständnis, das ihr selbst gilt.

Zweiter Akt

Nachts.

Ruggiero sucht nach Alcina, die sich immer wieder seinen Blicken entzieht. Melisso tritt ihm in Erscheinung seines früheren Erziehers Atlante entgegen und übergibt ihm einen magischen Ring. Durch ihn erhellt sich Ruggieros Verstand. Augenblicklich entbrennt in ihm die starke Sehnsucht, seine Verlobte Bradamante wiederzusehen. Als diese ihm gegenübersteht, hält er dies für einen weiteren trügerischen Zauber Alcinas und stösst sie erneut zurück.
Nach und nach begreift Ruggiero jedoch die wahren Zusammenhänge. Alcina und Morgana spüren eine seltsame Fremdheit ihrer geliebten Männer ihnen gegenüber, können sich diese jedoch nicht erklären. Als Oronte meldet, Ruggiero habe sich mit den Fremden verbündet und rüste heimlich zum Aufbruch, bricht Alcinas Herz.

Morgana will nicht glauben, dass auch sie verraten wurde. Doch sie belauscht ein Gespräch von Bradamante und Ruggiero und muss nun den doppelten Verrat erkennen: Eine Frau, nicht ein Mann hat sie belogen und betrogen.
Ruggiero nimmt schmerzvollen Abschied vom Zauberreich, während Alcina vergeblich die Geister beschwört, ihr die Liebe Ruggieros zurückzugewinnen. Sie verflucht ihre Zauberkünste und fällt in einen Schlaf voller quälender Träume.

Dritter Akt

In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages.

Morgana entdeckt wieder ihre Gefühle für Oronte. Dieser schließt sie zögernd in seine Arme.
Alcina versucht dagegen vergeblich, Ruggiero erneut für sich einzunehmen. Mit Waffengewalt ist er entschlossen, für seine Freiheit zu kämpfen, falls Alcina sich mit ihren Mächten ihnen entgegenstellen wolle.
Alcinas Streitkräfte werden von Ruggiero und seinen Verbündeten geschlagen. In ohnmächtigen Rachegefühlen möchte sie den jungen Oberto zwingen, die Waffe gegen den eigenen Vater in Tiergestalt zu erheben. Doch Oberto richtet die Waffe gegen Alcina; als auch Ruggiero bereit ist, Alcina zu töten, zerbricht das Zauberreich.
Ruggiero wird als Befreier gefeiert.

Christof Loy


© Bayerische Staatsoper

Christof Loy. Anmerkungen zur Inszenierung

Sieben Figuren werden auf der Zauberinsel Alcinas zusammengeführt, sieben Menschen von heterogener Herkunft, mit unterschiedlicher Weltanschauung und verschiedenen persönlichen Zielen und Bedürfnissen. Für sie alle wird diese Insel
ein Ort der Utopie, an dem Gewünschtes erlebbar ist. Es ist nur ein Moment des Glückes, den man kosten und von dem man schnell Abschied nehmen muss, denn Alcinas Zauberinsel ist ein unwirklicher Ort ohne Beständigkeit.

In Alcinas schöner Scheinwelt muss man sich zunächst der Gegenwart nicht stellen. In dieser Gegenwelt spielen Politik, Kriege, Wirtschaft und moralische Verpflichtungen keine Rolle . Hier geht es allein um emotionale Bedürfnisse und um die Möglichkeit, sie unbedingt auszuleben. So zeichnet die Titelgestalt auch etwas aus, was wir heute schnell als gesellschaftlich unzulässig empfinden: ein übermäßiges, egoistisches Bedürfnis nach Gefühlen, die sie sich von jedem einzufordern erlaubt, die sie aber auch verschenken möchte. Alcina liebt das Gefühl des Glücks und möchte dieses auf ihre Weise weitergeben. Im Gegensatz zur späteren Romantik, die mit ihren Sehnsüchten in die Nacht flüchtet, präsentiert sich die zauberische Welt Alcinas als heller Tagtraum.

In diese Welt hinein dringen von außen Bradamante und Melisso; sie übernehmen nach und nach die Macht in diesem Raum, so dass auch Alcina gezwungen ist, sich und ihre Träume zu verteidigen. So geht es in der Auseinandersetzung, die immer mehr zu Tage tritt, auch um den Kampf gegen ein System, in dem man sich der Verantwortung für seine Mitmenschen entzieht. Fast als Vorausschau interpretierbar auf die politischen Umwälzungen Ende des 18. Jahrhunderts zeigt sich hier, wie die absolutistische Monarchie der Königin Alcina zerbricht und eine bürgerliche, von Moral und Vernunft beherrschte Welt, Einzug hält.

Lange glaubte Alcina, nicht darüber nachdenken zu müssen, was mit den Menschen geschieht, die sie zur Befriedigung ihrer Lüste benutzt und wieder verwirft. Ihr, der aristokratischen Königin, stehen schließlich alle Mittel uneingeschränkt zur Verfügung. Nun ist sie in einer ihr unbekannten Situation, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben vollkommen in einen Mann, Ruggiero, verliebt hat. In ständiger Sorge um diese Liebe, die im Laufe der Handlung von Ruggiero immer weniger erwidert wird, merkt Alcina deutlich, dass sie vor sich und den anderen die Würde verliert, sich angreifbar macht. In diesen Momenten erinnert sie sich an ihre alte Zaubermacht, doch hat diese keine Wirkung mehr, da die intensive Emotionalität ihr alle Verstellung unmöglich macht. Doch die Liebe zu Ruggiero bringt ihre Macht ins Wanken, machen allen Trug und Zauber unwirksam und die Herrin der Täuschung zur unverstellten Liebenden. So erkennt sich Alcina im Lauf der Handlung als eine im Grunde ihres Wesens sehr verletzliche Frau, die spürt, dass alles, was sie sich geschaffen hat, völlig irreal und ebenso zerbrechlich ist wie ihre Beziehung zu Ruggiero.

Der Gestalt der Alcina hat Händel eine Musik komponiert, die den Zuschauer und Zuhörer fast zwingt, sich in diese Frau zu verlieben. Man erkennt, wie sehr sie von Gefühlen bestimmt wird, und nimmt darin ihre Unschuld wahr. Schließlich wird die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern in diesem Wechselspiel der Empfindungen und Verletzungen immer weniger möglich. Und aufregenderweise hat sich Händel dabei für das übliche Männer- und Frauenbild überhaupt nicht interessiert. Der ritterliche Ruggiero ist zunächst überaus weich und hörig, während sich seine Verlobte Bradamante in Männerkleidung ungeheuer viril und angriffslustig zeigt. Erst im dritten Akt, die die bestehene Un-Ordnung wieder im Sinn der Konvention zurechtrückt, gewinnt Ruggiero heroische Züge, wird die Rückkehr Bradamantes zum traditionellen Rollenbild der bescheidenen Gattin beschrieben. Gerade deshalb entwickelt man für Alcina große Sympathie, denn sie ist eine Frau, die ein unverkrampftes Empfinden für sinnliches Vergnügen hat. Sie verspricht einen gewissen Rausch, fasziniert durch ihre ungewohnte Maßlosigkeit. Alles, was sie tut, betreibt sie bis zum Exzess. Aber gerade dadurch wird Alcina zu einer Figur, die wir in unserer geordneten Welt brauchen.

Alcina handelt von Menschen, die sich sehr prägnant über ihre Gefühlslage äußern. Darüber begreifen sie nicht nur selbst ihr eigenes Wesen, sondern lassen uns auch an diesem Erkenntnis- und Erfahrungsprozess teilhaben. Trotz der konventionellen Vorgabe des mittleren 18. Jahrhunderts, in der italienischen Opera seria ganze Arien- und damit gegeneinander abgesetzte Affektreihen vorzuführen, lassen diese Werke heute eine psychologische Deutung und Inszenierung der Figuren zu. Jede Phrase, jede Koloratur, jede Verzierung fügt sich eine Gesamtdramaturgie, in ein Prisma der Gefühlsspiegelungen, die wir in unserer Aufführung so miteinander verschmelzen wollen, dass keine Folge von Arien und Affekten, sondern ein Dialog der Figuren entsteht.

Händel entwirft in seiner Partitur ein komplexes Abbild des Menschen, seiner Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte. Alle Figuren, ganz gleich welche Position sie in der historisch-hierarchischen Rollenverteilung einnehmen, werden von ihm mit großer Liebe und Verständnis musikalisch ausgeformt. Mit ungeheurer Großzügigkeit porträtiert er das Spektrum von menschlichem Benehmen und Fehlverhalten.

© Bayerische Staatsoper

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Biografien

Ivor Bolton studierte an der Cambridge University, am Royal College of Music und am National Opera Studio in London. Anschließend war er Musikdirektor der English Touring Opera, der Glyndebourne Touring Opera und Chefdirigent des Scottish Chamber Orchestra. Gastdirigate führten ihn u. a. nach Wien, Zürich, Frankfurt, Paris, London, New York, Amsterdam, Dresden, Leipzig, San Francisco, Buenos Aires und Barcelona sowie zu den Festspielen in Glyndebourne, Aix-en-Provence und seit 2000 jährlich nach Salzburg. 2004 wurde er Chefdirigent des Mozarteum-Orchesters Salzburg. Seit dessen Gründung im Jahr 2012 ist er musikalischer Leiter des Dresdner Festspielorchesters, seit 2015 außerdem Musikdirektor am Teatro Real in Madrid.

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