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Komponist Georg Friedrich Händel

Mittwoch, 17. Juli 2002
18.30 Uhr – 22.50 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 4 Stunden 20 Minuten · 1. Akt (ca. 18.30 - 19.40 Uhr) · 1. Pause (ca. 19.40 - 20.15 Uhr) · 2. Akt (ca. 20.15 - 21.20 Uhr) · 2. Pause (ca. 21.20 - 21.55 Uhr) · 3. Akt (ca. 21.55 - 22.50 Uhr)

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Besetzung

Musikalische Leitung
Ivor Bolton
Choreographie
Michael Keegan-Dolan
Inszenierung
David Alden
Bühne und Kostüme
Ian MacNeil
Licht
Mimi Jordan Sherin
Chöre
Andrés Máspero

Der König von Schottland
Umberto Chiummo
Ginevra
Joan Rodgers
Ariodante
Ann Murray
Lurcanio
Paul Nilon
Polinesso
Christopher Robson
Dalinda
Julie Kaufmann
Odoardo
Francesco Petrozzi
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Komponiert 1735 und hochmodern: eine Gesellschaft ohne Werte, exaltiert, oberflächlich, egoistisch. In solcher Gesellschaft hat Liebe es schwer. Das müssen auch Ariodante und Ginevra erfahren, nachdem der machthungrige Polinesso gegen sie intrigiert hat. Diese Aufführung machen alle Beteiligten zum Nonplusultra dessen, wofür eine Händel-Oper heute steht: Pure Schönheit - grausame Wahrheit.

 

I. Akt

Prinzessin Ginevra liebt den Ritter Ariodante. Ihr Vater, der König von Schottland, akzeptiert Ariodante als Schwiegersohn und als seinen Nachfolger. Polinesso, Herzog von Albany, trachtet seinerseits nach dem Thron, wird jedoch von Ginevra abgewiesen.

Dalinda, Ginevras Vertraute, ist in Polinesso verliebt. Die aufrichtige Liebe von Ariodantes Bruder Lurcanio weist sie zurück. Polinesso will nun Dalinda als Werkzeug benutzen, um seinen Thronrivalen Ariodante zu beseitigen. Er verspricht Dalinda, sie zu erhören, wenn sie, als Ginevra verkleidet, ihn nachts in die Gemächer der Prinzessin einläßt.

II. Akt

Ariodante erzählt Polinesso von seiner bevorstehenden Hochzeit mit Ginevra. Polinesso behauptet, Ginevras bereits mehrfach erhörter Liebhaber zu sein. Als Dalinda verabredungsgemäß in Ginevras Kleidern erscheint und sich mit Polinesso entfernt, glaubt Ariodante den Lügen des Herzogs. Verzweifelt über die offensichtliche Untreue seiner Braut will er sich das Leben nehmen. Lurcanio, der die Szene beobachtet hat, hält ihn zurück: Wenn jemand den Tod verdient habe, dann die treulose Ginevra.

Der König ruft Ariodante zum Thronerben aus. Odoardo, ein Untergebener des Königs, überbringt die Nachricht, Ariodante habe sich ins Meer gestürzt. Lurcanio beschuldigt Ginevra, durch ihre Untreue den Tod seines Bruders verursacht zu haben. Der König verstößt seine Tochter, die sich die Anschuldigungen gegen sie nicht erklären kann. Halb wahnsinnig wird sie von Alpträumen gequält und sehnt den Tod herbei.

III. Akt

Ariodante hat seinen Selbstmordversuch überlebt. Er rettet Dalinda vor zwei von Polinesso gedungenen Mördern. Dalinda klärt Ariodante über den wahren Sachverhalt der Intrige des Herzogs auf. Der König wartet auf einen Ritter, der gegen den Ankläger Lurcanio in einem Gottesurteil für die Ehre Ginevras kämpfen will. Polinesso stellt sich zum Kampf; da er Ariodante tot glaubt, stünde im Falle seines Sieges einer Hochzeit mit Ginevra nichts mehr im Wege. Im Zweikampf wird Polinesso von Lurcanio tödlich verwundet und bekennt sterbend seinen Betrug.Ariodante kehrt an den Hof des Königs zurück und verkündet Ginevras Unschuld. Auch bittet er um Gnade für die Mittäterin Dalinda. Lurcanio versichert Dalinda, sie immer noch zu lieben; erst nach einigem Zögern will sie diesen neuen Versuch wagen. Ginevra wird von ihrem Vater von aller Schuld freigesprochen und mit Ariodante vereinigt.

© Bayerische Staatsoper

David Alden. Eine Reise ins Dunkel

Mich fasziniert an Händels Ariodante die schöne, klare Struktur des Stücks. Im ersten Akt sehen wir einen hellen Tag in Arkadien, im zweiten Akt stürzen wir in die finsterste Nacht, um dann im dritten Akt an einem neuen, schrecklichen Tag zu erwachen, an dem die Menschen miteinander streiten und kämpfen. Man fühlt, dass am Ende der ganze Hof um Jahrhunderte gealtert ist, zurückgeworfen in eine mittelalterliche schmutzige Welt des Kampfes. Händels Musik begleitet diese Fahrt. Nach dem von Spielen, Liebelei und Scherzen geprägten ersten Akt wechselt sie in die tiefste romantische Angst und schließlich in eine höfische Ritterwelt der Vergangenheit.

Am Anfang sieht alles aus wie im Märchen: Die Königstochter ist verliebt in einen jungen Ritter, der sie auch liebt, und der König ist damit zufrieden. Prinzessin Ginevra und ihr Ritter Ariodante beginnen ihre Reise in der gemeinsamen Sicherheit der perfekten Liebe. Aber: Ihre Welt ist nur dem Schein nach ein Arkadien. Am Hof herrschen Lügen und erotische Intrigen. Wir stellen ihn dar als ein kleines Versailles mit einem glänzenden Spiegelsaal, dessen Wände nicht die Wahrheit widerspiegeln.

Dalinda zum Beispiel: anscheinend so unschuldig, keusch und anständig, wird sie in das böse Spiel von Polinesso hineingezogen. Sie sehnt sich nach einem Liebhaber und wählt dafür, nach einer kurzen Beziehung zu Lurcanio, den falschen Mann. Man ahnt jedoch, dass sie jemanden wie Polinesso ausdrücklich erstrebt. Sie will geradezu verletzt werden und sucht nach einem Mann, der sie vernichten wird. So wird sie ständig zwischen diesen beiden Männern hin- und hergerissen, und wenn sie sich am Schluss der Oper Lurcanio zuwendet, hängt ihr Herz immer noch an Polinesso.

Polinesso handelt aus purem Ehrgeiz. Er wirbt um Ginevra, weil er nach dem schottischen Thron strebt, aber nicht aus Liebe zu der Prinzessin. Kann ein Mensch wie Polinesso überhaupt lieben? Wahrscheinlich nicht. Ich denke zwar, dass sogar der Teufel verliebt ist – in die heilige Maria: Er möchte die Unschuldige besitzen. Aber da er sie nun mal nicht besitzen kann, will er sie wenigstens zerstören. Genauso geht es Polinesso.

Die Herkunft von Ariodante und seinem Bruder Lurcanio bleibt uns unbekannt. Sie sind an diesen schottischen Königshof gekommen – jung, naiv, schutzlos dieser ihnen fremden Welt ausgeliefert und entsprechend anfällig für die Intrigen bei Hofe. Ariodante ist nicht nur blind vor Liebe; seine Augenbinde im ersten Akt symbolisiert auch jugendliche Unbekümmertheit. Er spielt wie ein Kind in dieser gefährlichen Hofwelt, die er nicht kennt; was Ehrgeiz und Bosheit anrichten können, liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens. Und so genügt eine Kleinigkeit, um Ariodante und seinen Bruder zu täuschen. Das Prinzip ist so simpel wie bei Othello.

Die Blindheit der Augen und der Herzen Ariodantes und Lurcanios führt zum jähen Fall des Paares Ginevra-Ariodante aus den Höhen ihrer idealen Liebe. Ariodante stürzt in die Hölle rasender Eifersucht. Er versucht sogar, sich das Leben zu nehmen. Und Ginevra begreift überhaupt nicht, was mit ihr geschieht, warum sie plötzlich Hure genannt wird. Ihr Vater wird für sie zu einer sie erotisch bedrohenden Figur in ihren Träumen. Sie wird in den Kerker geworfen. Der Hof wendet sich gegen sie. Sie wirkt beinahe wie Jeanne d‘Arc – in den Augen ihrer Mitwelt ist sie eine gefallene Heilige.

Ihr Vater, der König, steht zu Beginn der Oper vor einer für sein Leben bedeutenden Entscheidung. Er muss seine Krone an einen Jüngeren weitergeben, und er muss von seiner Tochter loslassen. Seine Beziehung zu der Tochter ist eng und stark, aber erstaunlich leicht zu vergiften. Er verstößt Ginevra, ohne sich lange zu bedenken. Man ahnt, dass dieser Konflikt in tiefen Traumata wurzelt. Später, im dritten Akt, will er ihr wieder ein Vater sein. Aber jetzt kann er es nicht, denn nun ist der Hof gegen ihn. Er bringt nicht die Kraft auf, sich auf die Seite seiner Tochter zu stellen. Er ist schwach. In der letzten Szene, wenn er seine Tochter mit Ariodante zusammengibt, fühlen wir, dass er nicht wirklich bereit ist, Tochter und Krone herzugeben. Er liebt Ariodante, er vertraut ihm. Und dann möchte er Ariodante wieder töten, weil der ihm die Tochter raubt und früher oder später auch sein Reich beherrschen wird. Der König ist ein durch und durch rätselhafter Charakter.

Am Schluss stehen Ginevra und Ariodante vor einem Abgrund. Der letzte Hoftanz wirkt wie ein Tanz in einem Irrenhaus. Ich habe das Happyend komprimiert – es kann nicht anders gespielt werden. Für diese beiden unschuldigen Menschen wird die Welt ab jetzt eine andere sein. Man sieht das Ende durch ihre Augen.

© Bayerische Staatsoper

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Biografien

Ivor Bolton studierte am Royal College of Music und am National Opera Studio in London. Anschließend war er Musikdirektor der English Touring Opera, der Glyndebourne Touring Opera und des Scottish Chamber Orchestra. Gastdirigate führten ihn u. a. nach Wien, Zürich, Frankfurt, Paris, London, New York, Amsterdam, Dresden, Leipzig und Barcelona sowie zu den Festspielen in Glyndebourne, Aix-en-Provence und seit 2000 jährlich nach Salzburg. Von 2004 bis 2016 war er Chefdirigent des Mozarteum-Orchesters Salzburg. Derzeit ist er musikalischer Leiter des Dresdner Festspielorchesters, seit 2015 außerdem Musikdirektor am Teatro Real in Madrid und seit 2016 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel. (Stand: 2019)

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