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Broken Fall / The Moor's Pavane / Choreartium

Samstag, 26. Januar 2013
19.30 Uhr – 21.45 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 2 Stunden 15 Minuten · Broken Fall (ca. 19.30 - 19.53 Uhr) · The Moor's Pavane (ca. 19.53 - 20.13 Uhr) · Pause (ca. 20.13 - 20.38 Uhr) · Choreartium (ca. 20.38 - 21.23 Uhr)

Preise F

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Besetzung

Broken Fall

Choreographie
Russell Maliphant
Musik
Barry Adamson
Licht
Michael Hulls

Solistin
Lucia Lacarra
Solist 1
Marlon Dino
Solist 2
Erik Murzagaliyev

The Moor's Pavane

Choreographie
José Limón
Musik
Henry Purcell
Kostüme
Pauline Lawrence
arrangiert von
Simon Saddoff
choreographische Einstudierung
Sarah Stackhouse
Musikalische Leitung
Robertas Šervenikas

Der Mohr
Léonard Engel
Seine Frau
Séverine Ferrolier
Der Freund
Tigran Mikayelyan
Dessen Frau
Emma Barrowman

Choreartium

Choreographie
Léonide Massine
Musik
Johannes Brahms
Bühne
Keso Dekker
choreographische Einstudierung
Lorca Massine
choreographische Einstudierung
Anna Krzyskow
Musikalische Leitung
Robertas Šervenikas

Solistin 1
Ivy Amista
Solistin 2
Luiza Bernardes Bertho
Solistin 3
Evgenia Dolmatova
Solistin 4
Lisa-Maree Cullum
Solistin 5
Katherina Markowskaja
Solistin 2. Satz
Lucia Lacarra
Solist 1
Lukáš Slavický
Solist 2
Tigran Mikayelyan
Solist 3
Javier Amo
Solist 4
Maxim Chashchegorov
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Medien

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Mehr dazu

Der Titel des mehrteiligen Ballettprogramms aus Choreartium von Léonide Massine, The Moor‘s Pavane von José Limón und Broken Fall von Russell Maliphant – Forever Young - zielt ironisch auf ein Forschungsfeld, das erst in den letzten Jahren mehr und mehr ins Blickfeld der Tanzwissenschaft geraten ist und neuerdings durch eine eigene Förderstrategie auch von der Kulturstiftung des Bundes begleitet wird: Was ist das Kulturerbe Tanz und wie können wir historisches Erbe und choreographische Überlieferung lebendig erhalten? Da, wo Qualität sich über alle zeitlichen Referenzen und Bindungen hinwegsetzt, sich behauptet und für nachfolgende Generationen erhalten werden sollte - Forever young eben… Nur ein gewisser Teil ist in traditionellen Archiven zu bewahren. Daneben muss eine lebendige Aufführungspraxis treten.

Dem ewigen Ruf nach Neuem tritt das Bayerische Staatsballett auch in dieser Spielzeit noch einmal entgegen mit einem Jahresprogramm, das sich der klassischen Moderne widmet und herausfordernd zeitgenössische Arbeiten dagegensetzt. Choreartium ist ein Meisterwerk aus den 30er Jahren des in der Tradition der Ballets Russes stehenden russischen Choreographen Léonide Massine, der damit die Grenze zu den großen Werken der Musikliteratur überschritt und für alle nachfolgenden Künstlergenerationen das Tabu einer choreographischen Umsetzung des musikalischen Kanons ermöglichte, musikalische Meisterwerke unsentimental zu dem machte, was sie neben ihrem metaphysischen Gehalt auch sind: ästhetisches Material, das allen nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen wird. José Limóns Ballett The Moor‘s Pavane führt Shakespeares Drama um Othello und Desdemona zurück auf das Ungenügen am Menschen, seine Unfähigkeit zu vertrauen, seine Unfähigkeit zu lieben, seinen Mangel an Mitgefühl und Empathie. Dieses Ballett des mexikanisch-amerikanischen Choreographen von 1949 gilt als eines der Schlüsselwerke des amerikanischen Modern Dance.

 

Broken Fall
Im Dezember 2003 kreierte der englische Choreograph Russell Maliphant das Trio "Broken Fall" für Sylvie Guillem, William Trevitt und Michael Nunn am Royal Opera House Covent Garden. "Broken Fall" thematisiert eine unabwendbare menschliche Konstante: die Gefahr zu fallen, und macht es zu einem subtilen Stück Kunst. Es spielt mit der Schwerkraft und setzt die Körperbeherrschung der Tänzer dagegen. Die Solistin klettert auf die männlichen Partner, fordert ihre Reaktionsschnelligkeit heraus, wenn sie scheinbar mühelos Balancen in großer Höhe hält, um sich dann von einer Sekunde zur anderen fallen zu lassen und sofort in die nächste halsbrecherische Situation zu stürzen. Eine Choreographie, die mit der Aufmerksamkeit der Künstler auf der Bühne und des Zuschauers gleichermaßen spielt. Die Tänzerin muss sich zwischen den beiden männlichen Partnern strecken, dehnen, spannen, immer von neuem versuchen, eine Verbindung herzustellen. Ihr wird eine amazonenhafte Dehnbarkeit abverlangt, die sie mit großer Eleganz, gleichzeitig Mut und Vertrauen fassend, steigen und fallen lässt. Eine falsche Reaktion hätte unweigerlich den gefährlichen Sturz zur Folge. Die Tänzerin macht den Moment und den Verlauf des Fallens sichtbar, entschleunigt ihn gewissermaßen, und nimmt den Zuschauer mit in die Emotion hinein, die sie selbst durchlebt. Maliphant kreiert so aus der reinen physischen Aktion einen hochkonzentrierten künstlerischen Akt.

The Moor’s Pavane
José Limón versteckt hinter dem poetischen Titel den genialen Handstreich, mit dem er Shakespeares in jeder Hinsicht große Tragödie "Othello" in die tänzerische Form einer kaum fünfzehnminütigen Pavane verwandelt hat. "The Moor’s Pavane" ist, wie "Choreartium", ein Schlüsselwerk für eine Zeit und für einen Stil. "Modern Dance" heißt das Schlüsselwort für "The Moor’s Pavane", hier in seinem vollen historischen Sinn als ein scharf umrissener Tanzstil, dessen stilbildende Exponenten in Amerika Martha Graham und José Limón waren. Geschaffen 1949, war es Limóns künstlerischer Kommentar zu den McCarthy-Prozessen, die Intrige, Verleumdung und Spitzelei auf den Höhepunkt trieben. Bewusst vermeidet Limón im Titel und auch in der Bezeichnung seiner vier Personen jeden direkten Bezug zu "Othello". Und genial-konzentrierter lässt sich das abgründige Verhältnis der vier Protagonisten, hinter denen natürlich Othello, Desdemona, Jago und Emilia stehen, nicht darstellen wie in der von Limón gewählten Form des formalisierten Schreit-Tanzes einer Pavane.

Choreartium
Massine setzt die musikalische Struktur und Stimmung der 4. Symphonie von Johannes Brahms um in klassischen Tanz und in vielfältigste räumlich-zeitliche Formationen. Der intellektuelle Besucher wird seine Befriedigung finden in der Entdeckung geistreicher choreographischer Muster und Tänzer-Kombinationen. Das Herz des Ballettomanen wird aufjubeln angesichts der virtuosen Aufgaben, die Massine seinen Tänzern abverlangt. In einem folgt die neue Produktion des Staatsballetts nicht der Münchner Regel, die bei Werken der Geschichte auch in Bühnenbild und Kostümen den Duktus der Zeit wieder zu erwecken sucht. Keso Dekker, Hollands berühmtester Bühnen- und Kostümbildner der Gegenwart, stattet das Ballett neu und ganz in seiner so persönlichen wie modernen Handschrift aus.
Brahms 4. Symphonie entfaltet sich in vier Sätzen (1) Allegro non troppo (e-Moll, in traditioneller dreiteiliger Sonatenform), (2) Andante moderato (e-Moll, E-Dur, modifizierte Sonatenform ohne Durchführung), (3) Allegro giocoso (C-Dur, Sonatenform), (4) Allegro energico e passionato (e-Moll, Passacaglia).
"Ich schuf die Choreographie von "Choreartium" entsprechend der Instrumentation der Partitur. Ich setzte Frauen ein, um die delikaten Passagen zu akzentuieren, während die Männer zu den schwereren und robusteren Stellen tanzen. Die Musik, mit ihrer reichen Orchestrierung und ihren zahlreichen Kontrasten eignet sich bewundernswert für diese Art Spiel zwischen maskulinen und femininen Bewegungen und Schritten." (Massine)
Und was bedeutet der Titel? "Choreo" heißt griechisch "ich tanze", "choros" ist "der Tanz". Ars heißt Kunst. Und artium ist Genitiv plural, als "der Künste". So wäre zu übersetzen: Tanz der Künste. Wobei das Verb "choreúo" noch die Nuance einer Ehrenbezeugung im Tanz enthält, sodass man weitergehen mag und in "Choreartium" ein Werk sehen könnte, das gewissermaßen eine Ehrenbezeugung durch den Tanz an die Künste darstellt.

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Biografien

Russell Maliphant erhielt seine Ausbildung an der Royal Ballet School in London. Nach seinem Abschluss wurde er in die Sadler's Wells Royal Ballet Company übernommen, machte sich bald darauf jedoch selbstständig.

Er arbeitete mit einigen der weltweit wichtigsten zeitgenössischen Compagnien zusammen, so zum Beispiel dem DV8 Physical Theatre, Michael Clark Company, Laurie Booth und Rosemary Butcher. Außerdem studierte er Anatomie, Physiologie und Biomechanik. Im besonderen Maße setzte er sich mit der Rolfing Method of Structural Integration, einer komplementärmedizinischen Behandlungsmethode auseinander, die er seit 1994 selbst anwenden darf. Dies bereicherte ihn in seiner Arbeit als Tanzpädagoge und Choreograph.

Maliphant schuf sein erstes Solo im Jahr 1992. Um seine künstlerischen Ideen frei umsetzen zu können, gründete er 1996 sein eigenes Ensemble, die Russell Maliphant Company. Sie zeichnet sich dadurch aus, verschiedene Bewegungssprachen, unter anderem aus dem klassischen Ballett, der Contact Improvisation, dem Yoga, dem Capoeira, dem Tai Chi und dem Chi Gong, miteinander zu verbinden. Maliphant kreierte nicht nur Stücke für sein eigenes Ensemble, sondern auch für andere Künstler und Compagnien.Dazu gehören Sylvie Guillem, Robert Lepage, The Ballet Boyz, das Lyon Opera Ballet, die Ricochet Dance Company, CobosMika, das Batsheva Ensemble und das Ballet de Lorraine.

2003 entstand in Kooperation mit Sylvie Guillem und George Piper Dances das Stück Broken Fall. Es wurde mit dem Laurence Olivier Award (2003) und dem Critics' Circle National Dance Award for Best Choreography in der Kategorie Modern (2006) ausgezeichnet. In den darauffolgenden Jahren kamen Maliphant und Guillem erneut zusammen, so zum Beispiel für das Stück PUSH, das mit dem South Bank Show Award und dem Laurence Olivier Award (2006) bedacht wurde, und für Eonnagata, an dem der kanadische Regisseur Robert Lepage beteiligt war.

Weitere Werke Maliphants sind Two:Four:Ten, Torsion und AfterLight, ein Solo, das in der Auseinandersetzung mit den Ballets Russes am Sadler's Wells entstand. Dort war es Teil des abendfüllenden Programms In The Spirit Of Diaghilev. Für den Abend Der gelbe Klang, der Eröffnungspremiere der BallettFestwoche 2014, erarbeitete Maliphant zusammen mit dem Londoner Szenekomponisten Mukul Patel Spiral Pass

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