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Opéra in vier Akten

Komponist Gaetano Donizetti · Libretto von Alphonse Royer, Gustav Vaëz und Eugène Scribe
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Münchner Opernfestspiele
Mittwoch, 26. Juli 2017
19.00 Uhr – 22.00 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 3 Stunden · 1 Pause zwischen 1. + 2. Akt und 3. + 4. Akt (ca. 20.10 - 20.40 Uhr)

Einführung: 18.00 Uhr

Freier Verkauf

Premiere am 23. Oktober 2016

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Besetzung

Musikalische Leitung
Karel Mark Chichon
Inszenierung
Amélie Niermeyer
Bühne
Alexander Müller-Elmau
Kostüme
Kirsten Dephoff
Licht
Michael Bauer
Choreographische Mitarbeit
Ramses Sigl
Dramaturgie
Rainer Karlitschek
Chor
Sören Eckhoff

Léonor de Guzman
Elīna Garanča
Fernand
Matthew Polenzani
Alphonse XI
Mariusz Kwiecień
Balthazar
Mika Kares
Don Gaspard
Joshua Owen Mills
Inès
Elsa Benoit
  • Bayerisches Staatsorchester
  • Chor der Bayerischen Staatsoper

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Zahlreiche Mythen umranken die historische Figur der Léonor de Guzman, Mätresse des Königs Alfons XI. von Kastilien, die im Ränkespiel um Macht im Staate zerrieben wird. Ein wahrer Opernstoff, den Gaetano Donizetti nur allzu gerne aufgriff und 1840 in eine französische Grand Opéra für Paris formte - und so kompromisslos traurig und pessimistisch sollte Donizetti keinen weiteren Stoff mehr verarbeiten. 

Mit der historischen Figur hat die Titelfigur der Oper jedoch nur noch wenig zu tun. Die Liebe Léonores zum König entpuppt sich in der Oper als Farce. Sie zögert nicht lange, um sich für den jungen Fernand zu entscheiden, der ihretwegen dem Klosterleben in Santiago de Compostela entflohen ist. Doch er weiß nicht um ihre Identität als Mätresse, so dass er und sie nur allzu leicht Opfer im intriganten Machtkampf zwischen Kirche und Staat werden. Am Ende bleibt den beiden nicht einmal mehr die Hoffnung auf eine gemeinsame bessere Zukunft nach dem Tod. Léonore stirbt, Fernand bleibt zwar im Kloster zurück, doch die Idee von Gott und Erlösung bleibt das Werk den beiden schuldig.

 

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1. Akt

Als Fernand sich bei einer Begegnung am Weihwasserbecken auf den ersten Blick in eine Frau verliebt, ist für den Novizen klar: Er muss seine Entscheidung für das Klosterleben aufgeben. Er wendet sich an Balthazar, den Prior des Klosters in Santiago di Compostela, der erkennt, dass seine Hoffnung umsonst war, den jungen Fernand zu seinem Nachfolger zu machen. Aus Wut und Verzweiflung sagt er Fernand voraus, dieser werde mit einer Frau auch nicht glücklich. Doch Fernand ist entschlossen: Die ihm unbekannte Frau ist ihm wichtiger als alles andere. Er verlässt das Kloster. Inez bereitet Fernand auf ein heimliches Treffen mit seiner mysteriösen Geliebten vor. Was er immer noch nicht weiß, ist, dass es sich bei ihr um Léonor, die Mätresse des Königs Alphonse, handelt. Doch Léonor ist es unmöglich, Fernand über ihre Identität in Kenntnis zu setzen. Da die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben am Hofe aussichtslos ist, motiviert sie Fernand, in den Krieg zu ziehen. Fernand erkennt darin den versteckten Hinweis, dass es sich bei seiner Geliebten um eine höhergestellte Adelige handle, die er nur gewinnen könne, wenn er beim Militär zu Ruhm und Ehre gelangt, um so seine niedere Herkunft wettzumachen. Ohne zu zögern nimmt er daher die Herausforderung an.

 

2. Akt

König Alphonse ist Dank militärischer Erfolge in einer machtpolitisch günstigen Position und will seine Geliebte Léonor endlich heiraten. Er würde dafür sogar einen Konflikt mit der Kirche eingehen, die seine offen gelebte Affäre missbilligt. Léonor ist unglücklich darüber, dass Alphonse all seine Versprechungen bisher nicht gehalten hat. Don Gaspar, ein Vertrauter des Königs, hat erfahren, dass umgekehrt Léonor untreu sei. Von Alphonse zur Rede gestellt, gibt Léonor zu, einen Geliebten zu haben, dessen Identität sie allerdings nicht preisgibt. Außerdem hat Alphonse seine Situation falsch eingeschätzt: Der Prior Balthazar droht ihm – vom Papst legitimiert – in aller Öffentlichkeit mit der Exkommunikation, sollte er Léonor zur Frau nehmen. Der angeklagte König hält dem Kirchenmann entgegen, er solle sich an die geistlichen Dinge halten. Daraufhin befiehlt Balthazar, Léonor sofort vom Hof zu jagen.

 

3. Akt

Der König will den erfolgreichen Fernand belohnen. Er gewährt ihm einen Wunsch. Als dieser ausgerechnet um die Hand Léonors bittet, erkennt der König nicht nur seinen Nebenbuhler, sondern zugleich, wie sich seine vertrackte politische Lage zu seinen Gunsten klären ließe. Er ordnet daher die sofortige Eheschließung der beiden an. Léonor ist von dieser Wendung überrascht und bittet Inez, Fernand endlich ihre wahre Identität zu enthüllen, denn sie will nicht in eine Ehe gehen, die Fernand als unehrenhaft empfinden könnte. Doch Inez wird von Don Gaspar verhaftet, so dass Fernand erst nach der Eheschließung durch den Spott der Hofleute erfährt, dass Léonor bisher die Mätresse des Königs gewesen ist. Verzweifelt fordert er von Alphonse Satisfaktion, der dadurch öffentlich gedemütigt wird. Fernand begibt sich unter den Schutz seines ehemaligen Mentors Balthazar.

 

4. Akt

In Santiago di Compostela steht Fernand kurz vor der Ewigen Profess. Auch wenn ihn seine Erinnerungen an Léonor nicht loslassen, glaubt er, nun den richtigen Weg für sich gefunden zu haben und legt das Gelübde ab. Léonor will Fernand darlegen, dass sie ihn nicht vorsätzlich mit der Ehe habe täuschen wollen und bittet ihn um Verzeihung. Selbst nach seiner Aufnahme in den Orden ist Fernand erneut bereit, alles für Léonor aufzugeben und irgendwo in der Fremde ein neues Leben mit ihr zu beginnen. Doch Léonor stirbt.

„Wir bleiben ein Leben lang Suchende“

Eine Regisseurin, die in München Gaetano Donizettis La Favorite inszeniert. Das in großen Teilen im berühmten Kloster von Santiago di Compostela spielt. Bepackt mit Fragen über Fragen, zum Leben im Kloster und darüber hinaus. Aus dem Treffen zwischen Amélie Niermeyer und dem Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München, Johannes Eckert, wurde ein Gespräch über die starken Rituale im Kloster, die gesellschaftliche Macht der Kirche – und darüber, warum wir die Leere aushalten müssen.

aus: MAX JOSEPH Was folgt? Nichts.

Ein lebendiger Ort ist das Kloster St. Bonifaz an diesem sonnigen Vormittag. Die Pforten sind offen, auf den Eingangsstufen sitzen zwei Gäste mit Gitarren. Das Kloster, nur einen Steinwurf vom Münchner Hauptbahnhof entfernt, hält täglich Speisen für einige Hundert Menschen bereit. Zur Klosteranlage gehören auch Räume für Kindergruppen sowie ein Garten. Wer hierherkommt? Oft Obdachlose ohne Papiere, die deswegen bei anderen Stellen keine Möglichkeit haben, an Hilfe zu kommen. „Menschen, die es nach den Akten eigentlich gar nicht gibt. Aber es gibt sie halt trotzdem“, sagt der Abt.

AMÉLIE NIERMEYER Abt Johannes, in Gaetano Donizettis Oper La Favorite sucht der junge Fernand die Bindung zu einer geistigen Persönlichkeit. Können Sie uns aus Ihrer Erfahrung als Abt schildern, wie Sie das erleben: diese Bindung, die man eingeht, und die lebenslange Verpflichtung, die daraus resultiert. Haben Sie die Oper schon einmal gesehen?
ABT JOHANNES Ich habe mich mit La Favorite beschäftigt, aber ich habe die Oper noch nicht gesehen.
AN Das können Sie auch nicht, unsere Produktion kommt ja erst.
AJ Ich hätte die Oper in Wien anschauen können. Da wurde sie vor einigen Jahren gezeigt. (lachen)
AN Fernand empfindet eine sehr große Liebe für den Prior, man spürt eine extreme Nähe. Aber nachdem er eine überwältigende Begegnung mit einer unbekannten Dame hatte, möchte er dieses geistige Gelübde im Kloster nicht mehr ablegen, was Fernand stark unter Druck setzt.
AJ Ich denke, wenn jemand hierher ins Kloster kommt und neu anfangen will oder diesen Wunsch äußert, sollte man ihm mit großer Ehrfurcht und Achtsamkeit begegnen. Und das heißt auch, dass man das rechte Maß sucht zwischen Nähe und Distanz. Zum Beispiel bleibe ich mit allen Eintrittskandidaten bis zur feierlichen Profess per Sie. Wenn man sich sofort duzen würde, könnte das gleich eine emotionale Abhängigkeit begünstigen. Oder man rutscht automatisch ins „Du“, und der Jüngere sagt selbstverständlich „Sie“, das ist dann wiederum ein Ungleichgewicht. Deswegen ist es sehr wichtig, jedem Bewerber mit einer großen Achtsamkeit zu begegnen, auch bei der Prüfung der Motive.
AN Man wird also richtig geprüft, die Beweggründe werden hinterfragt?
AJ Der heilige Benedikt gibt uns in der Benediktsregel ein Motiv vor: Wir sollen prüfen, ob einer wahrhaft Gott sucht. Also nicht, ob er Gott schon gefunden hat, sondern ob er ein Suchender ist. Das ist etwas, was dem Mönchtum ganz eigen ist: dass wir nicht fertig sind, wir bleiben ein Leben lang Novizen, Suchende. Ich habe etwa immer ein bisschen Bauchschmerzen, wenn jemand konvertiert ist, also bewusst katholisch geworden ist. Manche neigen dann zu Extremen: Gott will dies und jenes, hier muss man vorsichtig sein. Das ist kein Hindernis, aber man muss immer wieder fragen: Was macht das mit Ihnen? Warum sind Sie sich da so sicher? Es kann auch sein, dass man den Menschen zunächst in Unsicherheit führen muss.
AN In den Zweifel?
AJ Auch in den Zweifel. Der Zweifel ist absolut notwendig in einer Glaubensbiografie. Weil man sonst in Gottesbildern der Kindheit stehen bleibt, was sehr gefährlich ist. Nichts gegen ein kindliches Gottvertrauen. Man muss aber prüfen: Ist derjenige einer, der das Mehr im Leben sucht, oder ist es jemand, der vor der sogenannten bösen Welt flieht – denn das geht bei uns nicht.
AN Wird das auch so genau geprüft, weil Sie Sorge haben, dass diese Leute später den Schritt bereuen und wieder abspringen?
AJ Vor allem, weil es auch in einem Kloster eine Lebenstauglichkeit braucht. Wenn jemand die letzten 20 Jahre bei seiner Mutter gelebt hat und quasi als Privatier von ihr versorgt wurde – was sucht er jetzt im Kloster? Geht es ihm um eine Versorgung, um ein Nest? Oder geht es darum, dass er in etwas völlig Ungewisses, Neues aufbrechen will?
AN Wenn ich jetzt an das Stück denke: Für mich flieht Fernand eher, als dass er sucht, sonst würde er nicht so schnell die Entscheidung treffen können wegzugehen, in dem Moment, in dem er sich verliebt. Ich glaube schon, dass er eine enge Verbindung zum Glauben und auch eine sehr enge Verbindung zum Prior des Klosters hat, aber eine gewisse Lebensuntauglichkeit spielt bei der Figur auf jeden Fall eine Rolle. Man spürt von Beginn an seinen inneren Kampf.
AJ Aber da wäre ich vorsichtig. Es darf durchaus diese Vaterbindung geben. Eine geistliche Vaterschaft hat ja etwas mit Charisma zu tun. Das Mönchtum ist so entstanden: Neuanfänger haben sich in der Wüste an einen erfahrenen geistlichen Vater gewandt, der ihnen in ihrer Sehnsucht nach Leben etwas mitgeben konnte. Ihn hat man den Abba genannt. Als ich mit 24 Jahren den Benediktinern beigetreten bin, habe ich in meinem Vorgänger auch den geistlichen Vater gesucht. Aber man darf nicht stehen bleiben auf dem Weg ins Kloster. Und wenn das ein Mitte-20-Jähriger ist, würde ich sagen, steht es für eine große Vitalität, dass er sich im Kloster noch verlieben kann. Das ist zwar für den Abt erst mal nicht so schön, weil er denkt, er verliert jemanden, aber es ist zunächst etwas Positives.
AN Mich interessiert natürlich das feierliche Ritual zur Aufnahme nach den fünf Jahren Prüfungszeit. Die Profess ist auch in der Oper präsent, auch wenn sie nicht auf offener Bühne stattfindet, sondern man nur die Gesänge dazu von der Hinterbühne hört. Ist das bei Ihnen eine richtig lange Zeremonie?
AJ Die Aufnahme geht ja in Schritten vor sich. Nach der Kandidatur, die ein halbes Jahr bis ein Jahr dauert, kommt die Einkleidung, man bekommt also das Gewand des Klosters angezogen.
AN Das ist auch schon ein feierlicher Schritt.
AJ Das feiern wir aber in der Klostergemeinschaft in ganz kleinem Rahmen, vielleicht noch mit den Eltern, weil wir dem Kandidaten auch keinen Druck machen wollen. Vor 60 Jahren ist das in manchen Klöstern noch groß gefeiert worden, nach dem Motto: Jetzt darfst du nicht mehr austreten. Heute findet dafür nur eine kleine Feier statt. Danach kommt ein Jahr einer Art Traineeprogramm, das wir Noviziat nennen. Auf dieses folgt die Profess für drei Jahre, der Kandidat bekommt dann auch seinen Ordensnamen. Und schließlich folgt dann die feierliche Profess, das ist ein größeres Fest und das findet dann auch öffentlich statt, in der Basilika.
AN Und dabei steht dann das Versprechen im Mittelpunkt?
AJ Ja, genau. Wir legen die Profess mit einem Psalmvers ab, „Nimm mich auf, o Herr, nach deiner Verheißung, und ich werde leben. Lass mich nicht scheitern in meiner Hoffnung.“
AN Das Scheitern ist also mitgedacht.
AJ Ja, die Benediktsregel kennt auch das Scheitern, kennt auch den Austritt und die Wiederaufnahme, kennt auch, dass einer aus der Gemeinschaft gestoßen wird. Diese Regel ist manchmal noch sehr herb, das ist ja sechstes Jahrhundert. Aber sie gibt den feierlichen Rahmen vor: zuerst die Allerheiligenlitanei, dann verfasst der Profitend eine Urkunde, in der er sein Versprechen ablegt, anschließend wird ein längeres Gebet des Abtes gesprochen. Dieser feierliche Rahmen macht deutlich, er stellt sich in die große Tradition der Glaubenden, und die Urkunde zeigt die Verbindlichkeit. Der Profitend zeigt sie jedem Mönch und legt sie auf den Altar. Das ist auch ein Zeichen, dass man sein Leben ein Stück weit auf den Altar legt. Und dann kommt dieser Vers, den er dreimal singt, das Suscipere. Zuerst steht er mit ausgebreiteten Armen und singt „Nimm mich an …“, das ist das Ausstrecken gen Himmel, und dann kniet er sich nieder, verschränkt die Arme vor der Brust und singt „Und lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern“, das ist dann sozusagen die Demutshaltung, das Wissen um seine Schwächen als Mensch, um das Scheitern.
AN Und während er dies dreimal singt, stehen die anderen Mönche um ihn herum?
AJ Die andern stehen still. Nach dem dritten Mal singt die ganze Mönchsgemeinschaft mit ihm.
AN Quasi auch als eigene Erneuerung.
AJ Ganz genau. Und dann bekommt er die Regel überreicht und das lange Mönchsgewand angezogen, die Kukulle, wie sie auch das Münchner Kindl trägt. Das Gewand bedeutet quasi „ganz und gar zu jemandem gehören“. Und danach geht er zu jedem Mönch hin und empfängt den Friedensgruß. Das ist nochmals ein ganz starkes Zeichen. Jeder umarmt ihn. Normalerweise sagt er „Bete für mich“, und der jeweilige Mönch müsste dann sagen „Friede sei mit dir“, aber bei uns geht das immer sehr herzlich zu. Manchmal fließen sogar Tränen.
AN Eigentlich ist das ja ein Vertrag mit Gott, was mir von der Idee sehr gefällt. Mich würde interessieren: Was geschieht, wenn man die Antwort Gottes nicht spürt?
AJ Der Mönch glaubt, dass er berufen ist, und ist doch wieder dem Zweifel ausgesetzt, ob es diesen Gott gibt. Das ist wie wenn man springt und nicht weiß, ob man das andere Ufer erreicht. Das Leben bedeutet dann, das, was ich in dieser Stunde auf den Altar gelegt habe, zu versuchen, mein ganzes Leben hindurch, Tag für Tag. Das ist keine einmalige Geschichte, so hat man das früher eher verstanden. Ich sehe es mehr prozesshaft.
AN Gibt es später noch weitere Rituale im Leben eines Mönchs?
AJ An sich nicht, es sei denn, es folgt noch eine Priesterweihe. Nach 25 und 50 Jahren feiern wir wieder Jubiläen. Und natürlich bei der Beerdigung, wenn der Sarg im Grab liegt, wird das Suscipere noch mal gesungen. Das ist auch ein sehr ergreifender Moment. Also noch einmal „Nimm mich an, o Gott, damit ich lebe. Lass mich in meiner Hoffnung nicht scheitern.“

* * *

AN In unserem Stück ist der Sängerdarsteller etwas älter, als die Rolle es vorsieht, was auch mit der Stimme zu tun hat – so eine Stimme kann man mit 20 noch nicht haben. Gibt es denn auch Männer ab 40, die sich für diesen Weg entscheiden?
AJ Also, in den letzten zehn Jahren sind zwei Männer gekommen, die Anfang 50 waren.
AN Aber die beiden hatten vorher schon Theologie studiert?
AJ Nein. Der eine war in einer Versicherung beschäftigt, der andere in einer Bank. Sie haben beide gespürt, das ist es noch nicht in ihrem Leben. Und sie haben diese Chance ergriffen. Bei Älteren sind dann oft manche Themen schon geklärt, also zum Beispiel das Thema Partnerschaft. Und wenn man vielleicht schon länger allein lebt, werden wir Männer auch ein bisschen kauzig. Da muss man dann schon schauen, ob sie sich noch mal auf so eine Gemeinschaft einlassen können.
AN Gibt es auch Männer, die aus einer Ehe heraus diesen Schritt gehen?
AJ Ja, da sind wir sehr vorsichtig. Aus einer Ehe heraus, wenn das Eheband noch besteht, müsste die Frau zustimmen, da muss man also sehr gut die Motive prüfen. Die Kinder müssten auf jeden Fall gut versorgt sein, sprich schon erwachsen sein und berufstätig. Das gibt es natürlich. Aber da ist man sehr vorsichtig. AN Und die beiden, die bei Ihnen eingetreten sind, waren noch ledig?
AJ Genau. Der eine hat dann auch hier als Mönch die letzten sieben, acht Jahre weiter in seiner Versicherung gearbeitet. Aber wir haben gesagt, das passt. Man muss eben auch mal neue Wege gehen, da gibt es bei den Benediktinern die unterschiedlichsten Modelle. Und das ist ja auch die Chance eines Klosters mitten in der Stadt. Einer, der neu anfängt, kann diese Spannung zwischen außen und innen vielleicht gut leben. Warum sollte man ihm das also nicht ermöglichen? Es kommt ja bei uns immer auf das „Und“ an: Bei Ora et labora geht es um das Et.
AN Was passiert, wenn ein Mönch wieder gehen will? In La Favorite findet in diesem Moment ein großer Disput zwischen dem Prior und dem Novizen statt, innerhalb eines Duetts, wo eine Menge passiert zwischen den beiden. (lacht) Die beiden schenken sich nichts. In der Realität ist das sicher ein langer Prozess?
AJ Ja, natürlich. Es kann einfach sein, dass jemand geht, weil er sich von den Lebensformen entfremdet hat, das ist oft schleichend. Vielleicht tut er sich schwer mit dem Aufstehen, oder dass er mittags zum Gebet da ist. Oder er tritt lieber nach außen auf und will ganz normal Pfarrer sein. In den Jahren, als ich hier eingetreten bin, sind einige gekommen und wieder gegangen. Natürlich ist es auch ein Zeichen der Zeit, dass der Nachwuchs schwindet, aber wir freuen uns über die, die da sind. Und diese Tendenz kann sich auch wieder ändern. In den letzten, sagen wir, acht Jahren ist niemand mehr gegangen. Und dass die Gemeinschaft so stabil ist, ist auch sehr schön.
AN Aber der „Radikalschnitt“ – Ich will eine Frau?
AJ Kann es auch geben. In unserer Gemeinschaft habe ich es so noch nicht erlebt. Aber dann muss man auch die Motive klären. In so einem Fall würde ich erst einmal sagen, wir nehmen externe Hilfe in Anspruch, zum Beispiel in Form einer Supervision. Aber wenn einer sicher ist, dass es die Frau seines Lebens ist, dann muss er sogar gehen.
AN Wird er dann aus der katholischen Kirche verstoßen, wie das die Oper andeutet?
AJ Nein, bei den Mönchsgelübden ist es kein Problem. Wenn er zum Priester geweiht ist, ist es allerdings nicht so einfach. Dann läuft das quasi über Rom, er wird von seinen priesterlichen Diensten suspendiert und auf Antrag in den Laienstand versetzt. Das kann freilich auch schmerzlich sein.

* * *

AN In La Favorite spielt Rom auch eine Rolle, weil der Prior als Legat des Papstes auftritt und ganz knallhart Machtpolitik ausübt. Er appelliert aber rein emotional an das Gewissen. Ist das heute anders? In der Religion funktioniert es doch immer noch sehr einfach, Menschen aus machtpolitischen Gründen in emotionale Engpässe zu treiben.
AJ Ich persönlich habe damit Probleme, wenn moralisch Druck ausgeübt wird. Wenn einer gehen will, dann kann ich sagen, wenn du meinst, dass Gott das will, dann ist das dein Weg. So steht es übrigens auch in unseren Satzungen. Wenn da natürlich moralisch Druck ausgeübt wird nach dem Motto „Wenn du jetzt gehst, wartet am Ende die Hölle auf dich“ – also, das kann es doch nicht sein! Da ist kirchlicherseits manchmal zu viel Druck aufgebaut worden und wird es zum Teil noch, gerade in eher konservativen Kreisen. Und auch bei gescheiterten Ehen.
AN Im Stück sagt der Prior zum König: Wenn du deine Frau verlässt, exkommuniziere ich dich, und du bist nicht mehr König. Es spielt natürlich in einer anderen Zeit, aber da vermischt sich etwas. Der Prior tritt als Seelsorger gegenüber Fernand auf, den er sich wie ein Vater sogar als Nachfolger wünscht. Und andererseits mischt er sich in die Politik des Landes ein, wenn er sagt, dass der König keine Geliebte haben darf. Die Argumentation mit menschlichen Bindungen wird aber in jedem Fall zu einer Machtdemonstration. Würden Sie sagen, die Kirche mischt sich heute noch politisch ein? In der Flüchtlingsfrage hat die katholische Kirche sich ja deutlich positioniert. Gibt es noch andere Bereiche, wo die Kirche sich politisch äußert? Gerade in Bayern war ja die Nähe der CSU zur katholischen Kirche traditionell da.
AJ Ja, aber gerade in der Flüchtlingsfrage wird diese Nähe doch auch sehr infrage gestellt. In den Gemeinden sind es gerade die, die sich in den Kirchen engagieren, die sich jetzt auch in den Asylhelferkreisen engagieren. Und wenn dann verkündet wird, dass die Willkommenskultur zu Ende ist, wo uns als Christen die Gastfreundschaft wirklich ins Stammbuch geschrieben ist und Kirche eigentlich nie von Fremden gesprochen hat, sondern nur von Schwestern und Brüdern, da gibt es, glaube ich, schon Brüche. Und ich denke auch, der derzeitige Papst führt uns deutlich vor Augen, wie politisch Kirche sein kann. Wenn er zum Beispiel nach Armenien reist, ungeachtet dessen, ob das in der Türkei gut ankommt. Oder wenn er anspricht, dass das Mittelmeer zu keinem Friedhof werden darf oder den Kapitalismus kritisiert. Es gab immer wieder Protestbewegungen von kirchlicher Seite, nicht umsonst sind daraus auch Orden entstanden.
AN Aber meinen Sie, die Kirche sollte es heutzutage ansprechen, wenn zum Beispiel ein Politiker eine Geliebte hat, was ja bei der CSU immer wieder der Fall war? Oder wäre es nicht richtiger, wenn man sich in diesen privaten Bereich heute gar nicht mehr einmischte?
AJ (überlegt) Ich denke, da wäre ich vorsichtig als Seelsorger. Um ein Beispiel zu nennen: In der katholischen Kirche hat sich das Beichtsakrament nicht umsonst als sehr diskretes Sakrament entwickelt. Was dann alles in den Beichtstühlen passiert ist, ist etwas anderes. Aber zunächst einmal geschieht es aus einer großen Achtsamkeit, jemanden nicht öffentlich bloßzustellen. In der alten Kirche war es ja so, dass man öffentlich Buße tun musste, derjenige wurde zunächst diskret ermahnt, dann wurde er öffentlich exkommuniziert und dann, nachdem er Buße getan hatte, wieder aufgenommen. Da hat man schon gespürt, dass das zu Verwundungen führen kann. Und wenn ich mich wirklich als Seelsorger verstehe, dann muss ich auch den Einzelnen in seiner Verletzbarkeit sehen. Ich sehe immer zuerst die Brüche. Mir ist da der diskretere Weg lieber, also erst mal das Vieraugengespräch suchen. Wenn heute jemand öffentlich mit seiner Geliebten zusammenlebt und noch verheiratet ist, würde ich das nicht gerade als vorbildlich bezeichnen, aber es ist auch nicht mein Anspruch, das öffentlich zu kritisieren. Wer bin ich, dass ich ihn öffentlich anklage?
AN Aber das wäre doch die Macht der Kirche, öffentlich laut bei sozialethischen Fragen zu reagieren. Es ist doch interessant, dass in Deutschland die Trennung von Kirche und Politik eigentlich sehr stark ist und das auch so vom Grundgesetz gefordert wird, aber trotzdem die Politik die Kirche benutzt, um Wählerstimmen zu bekommen. Sonst würde die Partei ja auch nicht CSU heißen. Man beruft sich auf diesen Glauben. Aber es ist ja sozusagen eine Einbahnstraße, oder?
AJ Also, ich glaube, bei uns ist die Kirche in einem guten Umbruchprozess, und zwar weil sie an gesellschaftlicher Macht verliert. Kirche profitiert ja auch von der Nähe zur Politik. Wo starke volkskirchliche Strukturen waren, war Kirche immer eine gesellschaftliche Macht – wie hier in Bayern. Das heißt allerdings auch, dass man negative Erfahrungen gemacht hat mit dieser Macht, weil man gespürt hat, da geht es nicht mehr um Glaubensvermittlung, sondern um Machtpolitik. Aber diese Strukturen sind seit 40 Jahren am Zerbrechen, und das ist ein guter Umbruch, weil es die Kirche wieder zurückführt auf das Eigentliche. Ich spüre das immer wieder, wenn ich etwa Menschen aus den neuen Bundesländern begegne, die kirchlich überhaupt nicht geprägt sind. Sie sind in der persönlichen Begegnung oft viel offener, weil keine Verletzungen da sind. Dieser Umbruchprozess ist schmerzhaft für die Kirche, weil es auch ums Aufgeben von Liebgewonnenem geht. Aber es führt auch in eine andere Phase mit neuen Perspektiven.
AN Das Interessante in dem Stück ist ja, dass Macht immer korrumpiert, egal ob weltliche oder kirchliche.
AJ Aber andererseits ist Macht auch nicht unbedingt etwas Schlechtes. Schlimm ist es, wenn es ins Willkürliche oder ins Korrupte geht. Aber an sich bedeutet Macht auch Verantwortung.
AN Erleben Sie es auch, dass politische Organe oder Verwaltungsinstanzen auf diesem diskreten Weg, von dem Sie vorhin gesprochen haben, versuchen, Einfluss in der Kirche zu nehmen? Ohne dass man öffentlich aneinander gerät?
AJ Das hab ich persönlich kaum erlebt. Auf kirchlicher Ebene würde ich es mir durchaus wünschen. Man könnte, konfrontiert mit einem Vorwurf, die Dinge erklären und hätte die Möglichkeit, sich zu äußern. Aber auf politischer Ebene hab ich es noch nicht erlebt.
AN Das wäre wahrscheinlich ein Riesenskandal.
AJ Es haben sich zum Beispiel einige Katholiken aufgeregt, als sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Zeit Papst Benedikt des XVI. geäußert hat, als es um den Holocaustleugner Williamson ging. Frau Merkel hatte sich sehr vornehm und zurückhaltend geäußert, und gerade in konservativen Kreisen wurde das gleich als neuer Kulturkampf beschrieben. Aber ich denke, da war es richtig, weil es um ein politisches Thema ging.

* * *

AN Am Schluss der Oper steht ja der Tod, der Tod von Léonor, Fernands Geliebter. Fernand stirbt zwar nicht, aber auch er sieht sich am Ende seines Lebens. Er steht quasi vor dem Nichts und hat auch nicht mehr den Glauben im Gepäck, genau wie sie. Ich wüsste gar nicht, welches Stück des 19. Jahrhunderts so nihilistisch endet wie dieses. Kennen Sie solche Situationen? Oder wie erleben Sie es, wenn es im Kloster um die letzte Stunde, um das Ende geht?
AJ Ich kann mit einer gewissen Form des Nihilismus durchaus etwas anfangen. Weil am Ende des Evangeliums und am Anfang des Christentums das leere Grab steht. Die österliche Botschaft ist zunächst „Mind the gap“. Das heißt, die Leere auszuhalten. Und das Mönchtum in seiner Gottsuche ist eigentlich angelegt auf ein immer stärkeres Verstummen im Antwortengeben. Und auf eine immer stärkere Reduktion im Blick auf das, was Ewigkeit sein könnte. Es ist die leere Grabkammer, über die ich meditieren kann. „Mind the gap“, das ist die letzte Ungewissheit – mit der Hoffnung, dass unser Leben in eine große Fülle geht.

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Biografien

Karel Mark Chichon wurde in London geboren und war Assistent von Giuseppe Sinopoli und Valery Gergiev. 2004 dirigierte er erstmals die Wiener Philharmoniker. Von 2009 bis 2012 war er Chefdirigent beim Lettischen Nationalen Sinfonieorchester, und ist seit 2011 in gleicher Funktion bei der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern tätig. Darüber hinaus dirigierte er u. a. an der Wiener Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, am Teatro dell’Opera di Roma, am Teatro Comunale di Bologna, dem Teatro Real Madrid und an der Metropolitan Opera New York. Ebenso trat er u. a. mit den Wiener Symphonikern, dem Radio-Symphonieorchester Wien, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem English Chamber Orchestra und dem Königlichen Concertgebouworchester Amsterdam auf.

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