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Komponist Christoph Willibald Gluck

Samstag, 01. April 2006
20.00 Uhr – 21.50 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 1 Stunden 50 Minuten

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Besetzung

Musikalische Leitung
Ivor Bolton
Choreographie
Amir Hosseinpour
Inszenierung
Nigel Lowery
Inszenierung
Amir Hosseinpour
Bühne und Kostüme
Nigel Lowery
Licht
Pat Collins
Chöre
Andrés Máspero

Orphée
Anna Bonitatibus
Eurydice
Aga Mikolaj
L'Amour
Chen Reiss
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Mehr dazu

Ein Mann beklagt den Tod seiner Frau. Er folgt ihr in die Unterwelt und findet sie. Es ist ihm aber verboten sie anzusehen. Er tut's trotzdem! Hat er sie für immer verloren? Oder sind die Götter beeindruckt von diesem liebenden, "menschlichen" Blick? 1762 beendet Gluck hiermit die Künstlichkeit der Barockoper - jetzt geht es um Menschen auf der Bühne.


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Bei FARAO classics ist ein Live-Mitschnitt der Staatsopern-Neuproduktion von Christoph Willibald Glucks Orphée et Eurydice auf DVD-Video erschienen. Ivor Bolton dirigiert, Vesselina Kasarova und Rosemary Joshua singen die Titelpartien. >> Zum Shop

 

Erster Akt

Orpheus beweint im Wechsel mit dem Chor den Tod seiner geliebten Eurydike. Er fleht die Götter an, entweder Eurydike wieder zum Leben zu erwecken oder ihn sterben zu lassen. Da erscheint Amor und verkündet dem Trauernden, sein Leid habe die Götter gerührt. Er darf mit ihrer Erlaubnis in die Unterwelt hinabsteigen und Eurydike aus dem Totenreich zurückführen. Doch die Götter stellten eine Bedingung: Orpheus muss schweigen und darf Eurydike nicht ansehen, sonst wird sie für immer von ihm getrennt. Orpheus erkennt die Gefahr, die sich hinter der Bedingung verbirgt: Eurydike wird an seiner Liebe zweifeln, wenn er sich von ihr abwendet. Doch er vertraut auf Amors Beistand und die Kraft seiner Liebe und fügt sich dem Willen der Götter.

Zweiter Akt

In der Unterwelt steht Orpheus einem Chor von Schatten gegenüber. Sie schildern ihm das Reich der Toten als einen Ort des Grauens und der Qual. Orpheus antwortet, dass keine Qual der Hölle dem Feuer seiner Liebe gleichkomme. Mit seinem Gesang gelingt es ihm, ihren Widerstand zu überwinden.

Dritter Akt

Der Chor der Geister besingt die Gefilde der Seligen. Orpheus betritt die Szene. In seiner Sehnsucht nach Eurydike findet er keine Ruhe und bittet die Geister, ihn zu ihr zu bringen. Sein Wunsch wird erfüllt, und Eurydike wird zu neuem Leben erweckt.

Vierter Akt

Eurydike ist glücklich, wieder mit Orpheus vereint zu sein, während er darauf drängt, das Reich der Toten zu verlassen. Doch als er ihre Hand loslässt, kommen ihr Zweifel. Sie bittet ihn, sie anzusehen, doch Orpheus denkt an die Bedingung der Götter und weigert sich. Eurydike glaubt schließlich, er liebe sie nicht mehr, und weigert sich, ihm weiter zu folgen. Orpheus kann sich nicht mehr beherrschen und dreht sich um. In dem Moment, in dem er sie ansieht, stirbt Eurydike. Orpheus will sich töten, um ihr in die Unterwelt nachzufolgen. Doch Amor hindert ihn daran, denn er ist von Orpheus' Standhaftigkeit und Treue überzeugt. Er belohnt ihn, indem er Eurydike wieder zum Leben erweckt.

Ballett

Orpheus und Eurydike sind ein glückliches Paar. Eurydike wird von einer Schlange gebissen. Sie stirbt und muss in die Unterwelt. Mit Amors Erlaubnis durchschreitet Orpheus die Feuer der Unterwelt und erreicht die Gefilde der Seligen. Er findet Eurydike und führt sie mit sich. Als er sich nach ihr umdreht, verliert er sie für immer. Weil er sich von der Welt abwendet, wird er von den Mänaden, Anhängerinnen des Bacchus, zerrissen. Sein Kopf wird zur Insel Lesbos getrieben und wird dort zum Orakel.


© Bayerische Staatsoper

Nigel Lowery und Amir Hosseinpour setzen gemeinsam Orphée et Eurydice in Szene.

Schon bei Richard Jones' Kult-Inszenierung von Giulio Cesare in Egitto 1993 im Münchner Nationaltheater arbeiteten Nigel Lowery und Amir Hosseinpour zusammen. Mit Christoph Willibald Glucks Orphée et Eurydice in der Fassung von Hector Berlioz geben die beiden nun endlich auch ihr Debüt als Regie-Team an der Bayerischen Staatsoper, nachdem sie bereits an zahlreichen europäischen Häusern aufsehenerregende Arbeiten gezeigt haben. Ihre Inszenierung von Händels Rinaldo für Innsbruck und Berlin wurde jüngst von der Zeitschrift "Opernwelt" zur Inszenierung des Jahres gekürt.

Sie haben sich beide vor 16 Jahren bei einer Carmen-Inszenierung an der Opera North kennen gelernt. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit seither entwickelt?

Nigel Lowery Zum ersten Mal zusammengearbeitet haben wir bei Giulio Cesare, 1993, wo ich die Ausstattung machte und Amir die Choreographie.
In den vergangenen zehn Jahren haben wir dann immer mehr gemeinsam fürs Theater gearbeitet - und sind auch glücklicherweise noch gute Freunde geworden.

Amir Hosseinpour Das war eine sehr selbstverständliche Weiterentwicklung unserer Karrieren, ohne dass wir es uns jemals vorgenommen hätten. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir über viele Stücke am besten zusammen nachdenken können. Nach dem Cesare folgten Il barbiere di Siviglia und Der fliegende Holländer, Petruschka für das Bayerische Staatsballett, L'enfant et les sortilèges und Rinaldo in Innsbruck, Montpellier und Berlin. Orphée et Eurydice wird nun unsere sechste gemeinsame Arbeit als Regie-Team sein.
Es ist wahrscheinlich ein unschätzbarer Vorteil, wenn Choreograph und Bühnenbildner Hand in Hand arbeiten und dabei noch ihre Ideen für die eigene Regie entwickeln.

Nigel Lowery Es ist wirklich sehr befruchtend, ein beständiges künstlerisches Gegenüber zu haben. Die eigene Subjektivität wird aufgebrochen durch jemand, der zwar in der gleichen Richtung denkt, aber ein anderes Paar Augen hat.

Seit der Erfindung der Oper wurde der mythologische Sänger Orpheus als Opernprotagonist in zahlreichen Werken auf die Bühne gestellt. Aus der Orpheus-Oper von Christoph Willibald Gluck kennen wir heute vor allem den Wunschkonzert-Schlager "Ach, ich habe sie verloren" und den "Reigen seliger Geister" - und verbinden diese Musik schnell mit etwas steifem Klassizismus. Bei genauerem Hinhören ist seine Musik aber ausgesprochen gestisch, körperlich und prädestiniert, einen besonderen Schwerpunkt auf die Choreographie einer Aufführung zu legen.

Amir Hosseinpour Es fällt ja auf, wie viele Choreographen seit Jahrhunderten von der Orpheus-Geschichte angezogen wurden. Ich denke, dass die Musik dieser Oper wirklich phantastisch für den Tanz ist. Glucks Musik ist zwar nicht so geprägt von exzentrischen Rhythmen wie die von Händel oder Rameau, aber sie nimmt alles - auch sich selbst in ihrem Ausdruck - sehr ernst.

Muss man sich an diese Ernsthaftigkeit halten?

Nigel Lowery O ja, Gluck macht sich über den Stoff ja nicht lustig. Wir arbeiten sehr genau in der Vorbereitung, wenn wir die dramatische Situation analysieren. Man muss die Musik zu sich sprechen und Ideen für die Interpretation geben lassen. In aller Ernsthaftigkeit - aber natürlich auch nicht ganz ohne Ironie.

Sie haben für die Münchner Neuinszenierung eine sehr stringente Bilderfolge entwickelt, beginnend mit dem einsam trauernden Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt, um dort seine Geliebte wieder zu finden, und sie schließlich - glückliche Wendung der Oper - sogar wieder mit hinauf auf die Erde nehmen darf. Besonders reizvoll ist doch die Erfindung dieser Unter - bzw. Gegenwelt, der Hölle.

Nigel Lowery Wir haben selbstverständlich lange darüber diskutiert, wie nun unsere Unterwelt, die in den beiden mittleren Akten gezeigt wird, aussehen könnte. Wie man dieses Gebiet, das niemand charakterisieren oder definieren kann, auf der Bühne zeigt, ist natürlich eine grundlegende Entscheidung. Auch wenn der Tod als unmittelbarer Widerpart jede Facette des Lebens prägt, ist es etwas, das man nur in einer auswechselbaren Art und Weise zeigen kann. Das Leben bekommt nur Sinn durch die Vorstellung unseres eigenen tragischen Endes. Orpheus als Künstler ist dafür empfänglicher und hat ein sensibleres Gespür für diese Art von Gefühlen.

Das mag auch ein Grund sein, warum der Künstler Orpheus dazu berufen ist, diese Reise in die Welt der Toten und des Todes zu unternehmen?

Nigel Lowery Das mag sein. Doch der Orpheus-Mythos ist nicht der einzige, der dies thematisiert. Es gibt z.B. den berühmten japanischen Schöpfungsmythos des Urgötterpaares von Izanagi und Izanami, in dem der männliche Gott seine Schwester aus dieser Gegenwelt holen will und auch das Verbot erhält, sich nicht umzudrehen. Natürlich kann er der Versuchung nicht widerstehen, dreht sich um und sieht den verwesten und von Würmern zerfressenen Körper. Daraufhin verwandelt sich Izanami, durch diese Zurschaustellung entehrt, in eine Furie und jagt den Bruder aus der Unterwelt. Interessanterweise gibt es in zahlreichen Kulturen einen ähnlichen Mythos. Es scheint ein Grundbedürfnis der Menschen zu sein, die Verbindung und Überwindung der Unterwelt zu thematisieren.

Amir Hosseinpour Das Schwierigste im Umgang mit Geschichten wie dieser ist, sie nicht einfach nachzubuchstabieren. Natürlich kann man den Anweisungen von Gluck und Berlioz schlicht folgen, doch kann das große Pathos auf der Bühne schnell in unfreiwillige Komik umschlagen. Die irrwitzigen Bühnenintrigen von Händel oder Rameau lassen einerseits viel größeren Spielraum, sind andererseits aber auch nicht von solchem Ernst geprägt. Die Orpheus-Geschichte lässt sich in ihren Grundzügen nicht so einfach verändern und in einen anderen Kontext von Zeit und Situation stellen. Deswegen sind die über viele kulturelle Seitenwege führenden, unorthodoxen Denkmethoden - was wir im Englischen "lateral thinking" nennen - sehr wichtig, um dem Werk eine neue Farbe zu geben.

Das kann natürlich auch zur ironischen Brechung des Mythos führen, wie sie Offenbach in seiner Operette Orpheus in der Unterwelt vorführt, in der sich das Ehepaar Orpheus und Eurydike nichts sehnlicher wünscht, als endlich voneinander loszukommen. Glucks und damit auch Berlioz' Protagonisten verkörpern stattdessen ein fast mythisches Ideal der unbedingten Liebe.

Nigel Lowery Und doch ist das Stück auch von einer eigenartigen Spannung geprägt. Als Gluck seinen Orpheus (zuerst in italienischer, später in französischer Sprache) konzipierte, war er auf der Suche nach einem Gegenentwurf zur formalistischen Opera seria. Nach einem Modell, das den natürlichen, menschlichen Gefühlen mehr Raum gab als die Tradition es erlaubte. So entwickelte er mit seinem Librettisten eine dramatische Form, durch die sich die Sprache des Herzens wesentlich direkter und naturalistischer auf der Opernbühne darstellen ließ. Damit sind wir aber beim eigentlichen Schlüssel zu diesem Werk: Gluck entwarf seinen Orpheus als einen empfindsamen, von seinen Emotionen getriebenen, frühromantischen Helden - in der Hülle eines Gottes aus der antiken Mythologie.

Amir Hosseinpour Gluck scheint ein besonderes Faible für die Gestaltung solcher Extremsituationen zu haben. Auch in Alceste versucht eine Frau im Austausch für ihren Mann in die Unterwelt zu gelangen, und auch in den beiden Iphigenie-Opern steht der Kampf zwischen menschlichem, natürlichem Empfinden und göttlichem Gebot im Zentrum. Gluck entwickelt ein besonderes Gespür für die bühnenwirksame Gestaltung solcher Konflikte mit der Gegenwelt, die man sich nur vorstellen kann.

Nigel Lowery Das Ganze geschieht hier allerdings in einem wesentlich abstrakteren Rahmen, schließlich komponierte Gluck für ein ausgesprochen homogenes, höfisches Publikum.

Mitunter hat man den Eindruck, dass, vor allem in den großen Chorpassagen, Gluck fast ein Oratorium komponiert hat.

Nigel Lowery Vielleicht ist die daraus resultierende, mitunter recht statische Aufführungstradition auch ein Grund, warum Glucks Opern in den letzten zwanzig Jahren nicht so populär waren. Zum anderen hat gerade seine Orpheus-Oper durch die unterschiedlichen Fassungen des Komponisten selbst und die spätere Adaption für eine Mezzosopranistin in der Titelrolle durch Berlioz den Nimbus eines immer noch geheimnisvollen Werkes.

Amir Hosseinpour Der entscheidende Punkt in der Dramaturgie der Aufführung, den wir gemeinsam entworfen haben, ist das Ballett am Ende der Oper. Natürlich gibt es das ganze Werk hindurch Tanz und choreographische Elemente. Doch am Schluss wird in einem knappen Ballett-Divertissement - ganz in der Tradition Glucks - die Orpheus-Geschichte noch einmal aus einem anderen Blickwinkel erzählt.
So wird das Publikum in unserer Aufführung zwei Interpretationen erleben- und auch zwei Möglichkeiten, das Ende von Orpheus zu erzählen.

Das Gespräch führte Peter Heilker


© Bayerische Staatsoper

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Biografien

Ivor Bolton studierte am Royal College of Music und am National Opera Studio in London. Anschließend war er Musikdirektor der English Touring Opera, der Glyndebourne Touring Opera und des Scottish Chamber Orchestra. Gastdirigate führten ihn u. a. nach Wien, Zürich, Frankfurt, Paris, London, New York, Amsterdam, Dresden, Leipzig und Barcelona sowie zu den Festspielen in Glyndebourne, Aix-en-Provence und seit 2000 jährlich nach Salzburg. Von 2004 bis 2016 war er Chefdirigent des Mozarteum-Orchesters Salzburg. Derzeit ist er musikalischer Leiter des Dresdner Festspielorchesters, seit 2015 außerdem Musikdirektor am Teatro Real in Madrid und seit 2016 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel. (Stand: 2019)

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