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Melodramma tragico in zwei Akten

Komponist Gioachino Rossini · Libretto von Gaetano Rossi nach "Sémiramis" von Voltaire
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Münchner Opernfestspiele
Freitag, 21. Juli 2017
18.00 Uhr – 21.55 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 3 Stunden 55 Minuten · 1 Pause zwischen 1. Akt und 2. Akt (ca. 19.55 - 20.25 Uhr)

Einführung: 17.00 Uhr

Freier Verkauf

Premiere am 12. Februar 2017

Download Besetzungszettel (PDF)
  • Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, London

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Termine & Karten

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Besetzung

Musikalische Leitung
Michele Mariotti
Inszenierung
David Alden
Bühne
Paul Steinberg
Kostüme
Buki Shiff
Video
Robert Pflanz
Choreographie
Beate Vollack
Licht
Michael Bauer
Regiemitarbeit
Frauke Meyer
Dramaturgie
Daniel Menne
Chor
Stellario Fagone

Semiramide
Joyce DiDonato
Assur
Alex Esposito
Arsace
Daniela Barcellona
Idreno
Lawrence Brownlee
Azema
Nikola Hillebrand
Oroe
Simone Alberghini
Mitrane
Galeano Salas
L'ombra di Nino
Igor Tsarkov

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Mehr dazu

Die Herrscherin Semiramide wird von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt: Gemeinsam mit ihrem Geliebten Assur hatte sie einst ihren Ehemann, König Nino, ermordet - eine Schuld, die seitdem schwer auf ihr lastet. Von einer Heirat mit Arsace erhofft sie sich Seelenfrieden, doch sie hat sich in den Falschen verliebt: Arsace liebt nicht nur eine andere, er ist auch, wie sich herausstellt, Semiramides und Ninos tot geglaubter Sohn. Dieser sieht sich vor die Entscheidung gestellt: Soll er den Tod des Vaters rächen - und dadurch zum Muttermörder werden? 

Gioachino Rossinis letzte Opera seria, im 19. Jahrhundert eines seiner meistgespielten Werke, zeigt seine Protagonisten bei ihren verzweifelten Versuchen, der unerbittlichen Macht des Schicksals zu entkommen, die Kontrolle über die Folgen des eigenen Handelns zu behalten und sich aus den undurchschaubaren Verstrickungen aus Macht, Gewalt und Leidenschaft zu lösen.

 

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Die Handlung

Vorgeschichte
Anderthalb Jahrzehnte zuvor hat die babylonische Königin Semiramide gemeinsam mit ihrem damaligen Geliebten Assur ihren Gemahl, König Nino, vergiftet. Semiramide herrscht seitdem allein über Babylon. Im Tumult des Attentats verschwand Semiramides und Ninos gemeinsamer Sohn Ninia, der seit diesem Tag verschollen ist.

1. Akt
Im Tempel des Baal gerät der Oberpriester Oroe während des Gebets in den Zustand der Ekstase: Die Gottheit gibt ihm ein, dass der Augenblick der Rache und der Gerechtigkeit nicht mehr fern sei. Die Babylonier sowie Herrscher und Völker anderer Länder, darunter der indische Prinz Idreno mit seinem Gefolge, strömen in den Tempel: Sie alle erwarten von Semiramide, dass sie an diesem Tag endlich den Thronfolger bestimmt. Assur ist davon überzeugt, dass sie ihn aufgrund seiner langjährigen Treue zum König ernennt. Semiramide versucht die Wahl hinauszuzögern, denn sie erwartet die Ankunft des jungen Feldherrn Arsace, den sie nach Babylon beordert hat, um ihm die Krone aufzusetzen. Die Menge drängt sie jedoch zu einer sofortigen Entscheidung. Als sie den Namen des zukünftigen Königs aussprechen will, fährt ein greller Blitz nieder und das heilige Altarfeuer erlischt. Alle Anwesenden sehen hierin ein Zeichen des Unheils für Babylon.

Arsace kommt in Babylon an. Er ist voller Sehnsucht nach Prinzessin Azema, die er liebt, seit er ihr einst das Leben gerettet hat. Oroe offenbart Arsace, dass König Nino einst Opfer eines Verrats geworden ist.

Arsace und Assur erkennen in einem heftigen Schlagabtausch, dass sie beide um die Hand Azemas konkurrieren. Sie werfen sich gegenseitig vor, es in Wahrheit lediglich auf den Thron abgesehen zu haben. Ein Dritter wirbt ebenfalls um Azema: der indische Prinz Idreno. Azema jedoch ist in Arsace verliebt.

Freudig erwartet Semiramide Arsace, den sie heimlich liebt. Zudem erhofft sie sich von ihm, dass er ihrem schon lange währenden Seelenleiden ein Ende bereiten könne. Sie sieht sich hierin bestärkt durch einen Orakelspruch, demzufolge sie Frieden finden werde bei Arsaces Rückkehr. Semiramide will ihre Gefühle vor Arsace zunächst verbergen. Arsace schwärmt von seiner Liebe zu Azema, ohne jedoch deren Namen zu nennen. Semiramide bezieht diese Liebesbekundungen fälschlicherweise auf sich selbst.

Semiramide gibt eine Audienz im Thronsaal unweit der Grabkammer von König Nino. Sie verkündet zur allgemeinen Überraschung, dass sie Arsace zum neuen König erwählt habe und dass dieser auch ihr Gemahl werden solle. Azema gibt sie Idreno zur Frau. Als Semiramide Oroe gebietet, sie mit Arsace zu vermählen, wird sie erneut durch Donner und Blitz unterbrochen. Die Grabkammer öffnet sich, zu aller Entsetzen tritt Ninos Geist heraus. Er verkündet, dass Arsace herrschen werde. Vorher jedoch müsse eine alte Schuld gesühnt und ein Opfer gebracht werden. Arsace schwört dem Geist, seinen Weisungen Folge zu leisten, und fragt ihn, wen er töten soll. Doch der Geist verschwindet ohne ein weiteres Wort.

2. Akt

Semiramide und Assur weisen sich gegenseitig die Hauptschuld an Ninos Tod zu. Die Königin verdächtigt Assur zudem, ihren Sohn Ninia ermordet zu haben. Assur fordert von Semiramide die Einlösung ihres Versprechens, ihn zum König zu machen. Sie hingegen hält an ihrem Vorhaben fest, Arsace zu heiraten. Assur schwört Rache.

Oroe klärt Arsace über dessen wahre Identität auf: Arsace ist Ninia, der Sohn von Semiramide und Nino. Einem Brief, den der sterbende Nino geschrieben hatte, entnimmt er zudem, dass Nino auf Geheiß von Semiramide ermordet wurde. Arsace (eigentlich also Ninia) ist schockiert. Er erhält von Oroe das frühere Schwert König Ninos, um damit Rache zu üben.

Idreno erfährt von Azema, dass sie immer noch Arsace liebe. Er erinnert sie daran, dass sie ihm von Semiramide zur Frau gegeben worden ist. Azema will sich der Anordnung der Königin fügen. Idreno verheißt ihr, dass sie gemeinsam glücklich werden.

Arsace enthüllt Semiramide, dass er ihr tot geglaubter Sohn ist. Sie erwartet, dass er sie aus Rache für die Ermordung seines Vaters töten werde, doch Arsace vergibt seiner Mutter. Er eilt zu Ninos Grabkammer, um dort Assur zu töten.

Vor der Grabkammer hat Assur eine Schreckensvision: Er wähnt sich in der Gewalt eines furchterregenden Schattens, der ihn zu vernichten droht. Nachdem die Gestalt verschwunden ist, begibt sich Assur in die Grabkammer. Dort stößt er auf Arsace in Begleitung Oroes. Oroe gebietet Arsace, mit dem Schwert zuzustechen, doch im Dunkeln trifft dieser nicht Assur, sondern seine Mutter, die ihrem Sohn gefolgt war. Semiramide stirbt. Auf Befehl Oroes wird Assur abgeführt. Oroe verhindert, dass der verzweifelte Arsace sich selbst tötet. Unterdessen feiert das Volk Arsace als den neuen König von Babylon.

 

 

Kunst ist Liebe

Als Semiramide hat sie mit den Folgen der Vergangenheit zu kämpfen. Im wirklichen Leben will sie der Gegenwart mit Mut begegnen. MAX JOSEPH traf Joyce DiDonato zum Gespräch – wenige Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen.

aus: MAX JOSEPH Vorsicht Bumerang!; Interview: Carmen Kovacs

MAX JOSEPH Frau DiDonato, „Was folgt“ ist das Thema der Spielzeit, in der Sie zum ersten Mal Rossinis Semiramide singen werden – eine Figur, die die Folgen ihrer vergangenen Taten zu spüren bekommt. Lassen Sie uns über Konsequenzen sprechen!
Joyce DiDonato Wir sollten dieses Gespräch nach den Präsidenschaftswahlen in den USA führen.

MJ Das Thema ist gar nicht so weit weg. Für Semiramide steht ja auch eine Art Wahl an. Allerdings muss – oder darf – sie als Königin den zukünftigen Herrscher ihres Landes ganz allein bestimmen. Mit einer folgenschweren Entscheidung muss sie schon leben: 15 Jahre bevor die Handlung der Oper einsetzt, wurde sie mitverantwortlich an dem Mord an ihrem eigenen Mann. So etwas sitzt tief. Wie geht Semiramide mit den Konsequenzen dieser Tat um?
JD Ich glaube, die Last der Schuld liegt schwer auf ihren Schultern. Und Verdrängung ist in so einem Fall eine sehr menschliche Tendenz. Wir tun alles und betreiben einen unglaublichen Aufwand, um die innere Stimme oder die des Gewissens ruhigzustellen. Diese Energie, die zum Verdrängen notwendig ist, ist ja schon Teil des Horrors, der Semiramide folgt, weil sie sich seit so vielen Jahren täglich damit auseinandersetzen muss. In ihrer Position als Repräsentationsfigur muss sowieso immer alles unter der Oberfläche bleiben, und sie kann der Öffentlichkeit nie ihr privates Gesicht zeigen. So ungefähr stelle ich mir das Leben der britischen Königsfamilie vor. Nur selten gibt Semiramide sich und ihre Angst zu erkennen, beispielsweise im Angesicht des Schattens ihres ermordeten Gatten, König Nino, mit dem Ausruf „o ciel“.

MJ Semiramide geht sogar so weit, ihn darum zu bitten, sie mit ins Grab zu nehmen. Könnte man das Reue nennen? Glauben Sie ihr?
JD Das wird das erste Mal sein, dass ich diese Figur auf der Bühne verkörpere, und ich will an diesem Punkt noch nicht über sie urteilen. Natürlich habe ich Ideen und Vermutungen darüber, wer und wie sie ist. Ich gewinne zum Beispiel mehr und mehr die Überzeugung, dass sie glaubt, keine Wahl gehabt zu haben. In ihrer Cavatine „Bel raggio lusinghier“ beispielsweise nehme ich keine Spur von Schuld wahr, und die Welt scheint hoffnungsvoll und heiter zu sein. Aber empfindet sie diese Sorglosigkeit wirklich, oder spielt sie sie bloß ihrem Gefolge vor? Spekulation ist nicht meine Art der Vorbereitung. Klar ist für mich, dass es nicht darum geht, Charaktere zu formen, die einem Schwarz-Weiß-Schema folgen. Allein der Reichtum der Partitur zeigt uns, dass es viel komplexer sein muss, und das ist ja auch viel interessanter für die Szene und letztlich auch für das Publikum.

MJ Sie haben ja schon mit David Alden gearbeitet. Was erwarten Sie von dieser Produktion? Wird David Alden ein guter Partner sein, wenn es darum geht, diese Komplexität der Figuren weiter zu ergründen?
JD David Alden kennt die Musik in- und auswendig und ist immer sehr gut vorbereitet. Das ist auch einer der Gründe, warum ich Vieles bezüglich der Interpretation offenlassen möchte. Eine Figur zu entdecken, während man an ihr arbeitet, ist ein wertvoller Prozess für mich. Ich kann mir vorstellen, dass David Alden dafür sorgt, dass sie mich überraschen wird, und das ist auch gut und wichtig! Wenn ich als Darstellerin mit fixen Urteilen an den Charakter herantrete, dann stehe ich neben ihm. Manchmal vergessen wir ja auch, dass die Figuren, die etwas Böses tun, sich darüber gar nicht im Klaren sind und gute Gründe dafür haben, eine bestimmte Entscheidung zu treffen.

MJ Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir doch meistens – sei es intuitiv oder einfach aus Erfahrung – ein ungefähres Gefühl dafür, was die Konsequenzen unseres Handelns sein könnten. Waren Sie jemals in einer Situation, in der Sie die Folgen nicht im Geringsten kalkulieren konnten?
JD Nein … naja, irgendwie schon. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein Teil von uns weiß, was eigentlich passieren wird, oder zumindest die Möglichkeit der Konsequenzen abschätzen kann. Andererseits beginnt jeder Tag für mich so, dass ich nicht weiß, was auf mich zukommt – und ich liebe diese Perspektive auf das Leben. Wenn man das Gefühl hat, alles schon zu wissen, gibt es kein Geheimnis mehr, keine Begeisterung und keine Überraschungen. Ich glaube, es kommt auf die Einstellung an: Ich werde immer wieder Ja sagen zu den Dingen, die auf mich zukommen. Auch, wenn die Konsequenzen nicht immer ganz ersichtlich sind.

MJ Was ist, wenn es um wirklich wichtige Entscheidungen geht? Trauen Sie da Ihrer Intuition, oder wägen sie Vor- und Nachteile ab?
JD Ich bin eine Person, die nach ihrem Instinkt handelt, und der ist bei mir stark ausgeprägt. Meistens habe ich sofort ein Bauchgefühl. Das heißt nicht, dass ich dem auch sofort folge – ich bin kein voreiliger Mensch. Es gibt diese erste Reaktion, zu der ich dann ein wenig Abstand nehme, sie mir ansehe und über sie nachdenke. Manchmal gehe ich dann ein paar Schritte in eine andere Richtung, die sich als falsch herausstellt. Letztendlich komme ich immer auf das zurück, was mir mein Instinkt ganz am Anfang schon gesagt hat.

MJ Und als Sängerin auf der Bühne: Wie weit im Voraus denken Sie an das, was im Verlauf der Handlung folgt? Können Sie überhaupt im Jetzt sein?
JD Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. Die eine bezieht sich auf meine Funktion als Sängerin. Semiramide wird beispielsweise, besonders als Rollendebüt, ein großes Unterfangen. Wie bei einem Marathon – nicht, dass ich jemals einen gelaufen wäre oder vorhabe, es zu tun – muss ich einen Gesamtplan vor Augen haben. Ich muss wissen, wann ich es ruhiger angehen lasse und wann ich gegen Ende zum Sprint ansetze. In jedem Moment des Laufes muss ich wach und mir der Schritte bewusst sein, die ich gerade mache. Aber ich muss nach 20 Kilometern gleichzeitig wissen, wie die nächsten 20 Kilometer ungefähr aussehen werden. Um zum Singen auf der Bühne zurückzukommen: Den Barbiere di Siviglia oder La donna del lago kenne ich beispielsweise so gut, dass ich wirklich im Moment sein kann. Ich habe gelernt, an welchen Stellen ich vorsichtig sein muss, wo ich Energie aufwenden kann und muss, und wann das Orchester wie reagiert. Mit Semiramide wird es ähnlich sein, aber es braucht Zeit und man muss erst einmal ins eigentliche Tun kommen. Das ist die Antwort der Sängerin, der es eben auch um Technik und den musikalischen Effekt geht. Als Darstellerin einer Figur allerdings darf ich nicht vorausdenken. Ich muss vollkommen im Moment sein, und zwar ohne zu wissen, was gleich passiert. Auf der Bühne gilt es, beides zusammenzubringen.

MJ Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückschauen: Sehen Sie bestimmte Erwartungen, die Sie in der Vergangenheit hatten, heute erfüllt? Haben Sie überhaupt erwartet, so erfolgreich zu werden?
JD Manchmal fragen mich die Leute, wo ich mich in fünf Jahren sehe, und ich beantworte diese Frage nie. Wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte, wäre ich mit meiner Prognose weit unter dem gelegen, was ich mittlerweile erreicht habe. Innerhalb von vier Monaten durfte ich mit Antonio Pappano und Riccardo Muti zusammenarbeiten, ich war in London, Chicago, Istanbul, Seattle und hier in Deutschland, habe ein neues Album herausgebracht, und der Film, in dem ich Florence Foster Jenkins spiele, ist auch vor Kurzem rausgekommen. Für mich ist das eine unvorstellbar reiche Kombination von Ereignissen und Möglichkeiten, für die ich das Skript niemals so hätte schreiben können. Nein, ich habe das nicht erwartet. Grundsätzlich glaube ich, dass Erwartungen eher zu Leid und Enttäuschung führen. Was ich allerdings aktiv tue: Ich stecke mir Ziele, auf die ich hinarbeite, ich mache mich verfügbar, bin offen für die Dinge, die auf mich zukommen. Und ich glaube daran, dass nichts unmöglich ist.

MJ All diese Überlegungen zu den Folgen vergangener Entscheidungen und Handlungen basieren ja auf der für uns selbstverständlichen Idee von Kausalität. Es gibt eine Ursache, und die hat eine Wirkung. Das hilft uns beispielsweise dabei, verantwortungsbewusst und zuverlässig zu sein. Konzepte und Theorien von Synchronizität bis Fatalismus, von der nichtkausalen Verbindung zwischen Ereignissen bis zur Bestimmung durch ein Schicksal, liefern uns zwar alternative Perspektiven auf die Zusammenhänge des Weltgeschehens. Wir ziehen aber nach wie vor eine Vorstellung von Ethik und Moral vor, die den freien Willen nicht aufgegeben hat. Was glauben Sie, wie frei sind wir wirklich in unseren Entscheidungen?
JD Wenn man beispielsweise etwas tut oder nicht tut, weil man sich vor den Konsequenzen fürchtet, dann entspricht das nicht meinem Begriff von wahrer Moral. Ich bin katholisch erzogen, und Begriffe wie Schuld und Strafe gehörten da ins Vokabular. Für mich hat es nie Sinn ergeben, moralisch zu handeln, weil es mich vor der Hölle bewahren oder in den Himmel bringen würde. Erst wenn man aus Liebe – oder besser aus einer liebenden Position heraus, einer Grundhaltung, die man internalisiert hat – handelt, fühlt es sich für mich richtig an. Und darin liegt, glaube ich, auch die Möglichkeit von Freiheit.

MJ Drei kurze Glaubensfragen. Glauben Sie an Zufälle?
JD Eher an die Idee der Synchronizität.

MJ Glauben Sie an Schicksal?
JD Es gibt so viele Definitionen von Schicksal … aber wenn ich versuche, den Begriff auf mein Leben anzuwenden, dann bin ich überzeugt, dass es einen Grund dafür gibt, warum ich hier bin. Und selbst, wenn das nicht stimmt, dann sorgt diese Vermutung dafür, dass ich mein Leben sinnvoll gestalte.

MJ Glauben Sie an Gerechtigkeit?
JD Ich spreche lieber von Karma. Auch dabei geht es mir nicht darum, etwas mit Sicherheit zu wissen, sondern dem Verhalten von anderen Menschen und bestimmten Bedingungen auf der Welt Sinn zu geben. Das hilft mir dabei, ein wenig mehr in Frieden mit mir selbst zu sein.

MJ Der Suche nach Frieden haben Sie auch Ihr neues Album gewidmet, das letzten November erschienen ist. Mit barocken Arien thematisiert In War & Peace. Harmony through Music die Frage, wie man inmitten von Chaos Frieden finden kann. Sie fordern die Menschen auf der Homepage des Projektes dazu auf, dieser Frage nachzugehen, sie individuell zu beantworten und öffentlich zu machen. Wie antworten Sie?
JD Ich beantworte die Frage immer unterschiedlich, denn für mich gibt es mehrere Möglichkeiten. Musik ist dabei natürlich ein wichtiger Weg. Aber wenn ich mir all die Antworten anschaue, die sich für mich ergeben haben, dann kann ich eine Gemeinsamkeit erkennen. Es gibt einen Ansatz, zu dem ich immer Zugang finde, wenn ich das Gefühl habe, von Chaos umgeben zu sein: ich liebe. Für mich geht es bei dem Projekt mehr um den inneren Krieg und Frieden – darum, wie wir ständig Kämpfe in uns selber austragen. Liebe verstehe ich in dem Zusammenhang als äußerst aktive Haltung. Wenn ich aus dieser Haltung heraus singe, dann liebe ich. Und anders herum habe ich das Gefühl, von der Musik geliebt zu werden, wenn ich ihr zuhöre. Durch Liebe wird es für mich zu einem zirkulären Prozess. Und die Musik ist in gewisser Weise mein Werkzeug, etwas, wodurch ich handeln und die Menschen daran erinnern kann, dass wir eine Wahl haben. Gerade in der Kunst liegt dabei ein unglaubliches Potential. Der Schriftsteller John Marsden hat einen für mich sehr wertvollen Gedanken formuliert: „The opposite of war isn’t peace, it’s creation.“

MJ Würden Sie der Musik und dem Theater in diesem Zusammenhang also nachhaltige Wirksamkeit zusprechen?
JD Ich würde sagen: ja. Für mich ist mein Album, über das wir gesprochen haben, beispielsweise nicht bloß ein interessantes Konzept, sondern etwas, das mit mir ganz persönlich zu tun hat. Eine Haltung, die ich in mein Leben integriere. Ich werde damit keinen Weltfrieden schaffen, aber ich kann Verantwortung für mein kleines Universum tragen. Das kann jeder Einzelne von uns. Wenn wir über Konsequenzen für die Welt sprechen wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen.

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Biografien

Michele Mariotti, geboren in Pesaro, studierte Komposition am Rossini Konservatorium in seiner Heimatstadt und machte zusätzlich einen Abschluss als Dirigent an der Accademia Musicale Pescarese. Sein Operndebüt gab er mit Il barbiere di Siviglia in Salerno. Von 2008 bis 2014 war er Chefdirigent des Orchestra del Teatro Comunale in Bologna und seit 2014 ist er als Generalmusikdirektor des Hauses in Bologna engagiert. Darüber hinaus führte ihn sein Wirken u. a. an das Teatro alla Scala in Mailand, das Teatro Reggio Parma, die Metropolitan Opera in New York, das Royal Opera House Covent Garden in London, die Opéra national de Paris und die Deutsche Oper Berlin. Er dirigierte u. a. das Gewandhausorchester Leipzig, das Orchestre National de France, die Münchner Symphoniker und das Italienische Radio-Symphonieorchester Turin. Dirigat an der Bayerischen Staatsoper 2016/17: Semiramide.

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Twitter-Schau: Eure Meinung zu Semiramide

Die Premiere von „Semiramide“ ist vorbei. Wie fandet Ihr Oper, Sänger, Musik und Inszenierung? Wir haben Eure Meinungen für eine kleine Twitter-Schau gesammelt. mehr lesen

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