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Komponist Richard Wagner

Donnerstag, 27. Juli 2006
18.00 Uhr – 22.35 Uhr
Nationaltheater

Dauer ca. 4 Stunden 35 Minuten · Pausen zwischen 1. Aufzug und 2. Aufzug (ca. 19.20 - 19.55 Uhr) zwischen 2. Aufzug und 3. Aufzug (ca. 21.00 - 21.40 Uhr)

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Besetzung

Musikalische Leitung
Zubin Mehta
nach einer Inszenierung von
David Alden
Bühne
Roni Toren
Kostüme
Buki Shiff
Choreographie
Vivienne Newport
Licht
Pat Collins
Chor
Sören Eckhoff

Hermann
Jan-Hendrik Rootering
Tannhäuser
Robert Gambill
Wolfram von Eschenbach
Simon Keenlyside
Walther von der Vogelweide
Ulrich Reß
Biterolf
Tom Fox
Heinrich der Schreiber
Kenneth Roberson
Reinmar von Zweter
Gerhard Auer
Elisabeth
Anja Harteros
Venus
Waltraud Meier
Ein junger Hirt
Solist/en des Tölzer Knabenchors
Vier Edelknaben
Solist/en des Tölzer Knabenchors
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Mehr dazu

Was will der Mann? Lust oder Liebe? Antwort: Beides! Lust hat Tannhäuser bei Venus reichlich genossen. Seine Exzesse dort sind aber nicht kompatibel mit den konservativen Moralvorstellungen jener Gesellschaft, in der er sich singend um Liebe zu Elisabeth bewirbt. Das gibt Ärger ... Tannhäuser: Künstler, Outcast. - Das Schicksal eines Unangepassten als hocherotischer Musikrausch. Wagnerfest!

 

1. Akt

Tannhäuser, der zum Kreis der Minnesänger um Landgraf Hermann gehört, war mit dieser Gesellschaft und ihren erstarrten Kunstidealen in Konflikt geraten. Deshalb hatte er den ihm vertrauten Kreis verlassen und Zuflucht in seiner Welt der Visionen gesucht, über die er in den Venusberg gelangt: Die Göttin wird für ihn zur Muse seiner Kunst. Doch sein Traum von ewiger Liebe und künstlerischer Inspiration wird zum Alptraum, den er fliehen muss. Er kämpft mit Venus, um sich von ihr zu lösen. Erst als er die Jungfrau Maria anruft, läßt ihn das Venusreich los.

Tannhäuser findet sich in der Welt der Menschen wieder. Ein junger Hirt besingt den erwachenden Frühling. Nach Rom wallfahrende Pilger ziehen vorüber. Tannhäuser stimmt in ihr Gebet ein. So finden ihn Landgraf Hermann und die Minnesänger. Wolfram von Eschenbach erkennt den lang vermißten Freund. Tannhäuser weicht der Frage, wo er so lange gewesen sei, aus; er will weiterziehen. Als Wolfram den Namen Elisabeths, der Nichte des Landgrafen, nennt und von dem Eindruck spricht, den Tannhäusers Lieder bei der jungen Frau hinterlassen haben, entschließt sich Tannhäuser zur Rückkehr. Er will Elisabeth sehen.

2. Akt

Elisabeth begrüßt die Halle der Sänger, die sie seit Tannhäusers Verschwinden nicht betreten hat. Als Tannhäuser eintritt, kann sie ihre Gefühle für ihn kaum verbergen. Auch er gesteht, dass nur die Erinnerung an sie ihn zur Rückkehr veranlasst habe. Der Landgraf ist erfreut, seine Nichte in der Halle zu finden. Er ahnt, warum sie nach so langer Zeit wieder hierher gekommen ist. Die zum Sängerwettstreit eingetroffenen Gäste werden von Landgraf Hermann begrüßt. Er stellt den Sängern als Wettkampf-Thema die Aufgabe, "der Liebe Wesen zu ergründen". Wolfram, Walther von der Vogelweide und Biterolf preisen die reine und ideale Liebe. Tannhäuser hingegen nennt als ihr wahres Wesen den sinnlichen Genuss. Er lässt sich von seiner Leidenschaft hinreißen und ruft die Liebesgöttin selbst an. Die Gesellschaft ist entsetzt und will Tannhäuser töten. Da greift Elisabeth, obwohl durch Tannhäusers Ausbruch zutiefst getroffen, ein und stellt sich vor ihn. Der Landgraf spricht das Urteil: Tannhäuser wird aus der Gesellschaft verstoßen; er darf sich jedoch den Rompilgern anschließen und beim Papst Vergebung erflehen.

3. Akt

Elisabeth wartet auf Tannhäusers Rückkehr. Die Pilger kommen aus Rom zurück; Tannhäuser ist nicht unter ihnen. Elisabeth fleht zur Jungfrau Maria, ihr Leben als Sühne für seine Schuld anzunehmen. Wolfram hat sie beobachtet. In seinem Lied an den Abendstern singt er von ihrem nahen Tod. Tannhäuser erscheint und berichtet Wolfram von den Leiden während seiner Wanderung nach Rom und vom Papst, der ihm die erhoffte Gnade verweigert habe. Es bleibt ihm nur die erneute Zuflucht zum Venusberg. Mit der Macht des Namens Elisabeth bannt Wolfram den Zauber der Göttin. Eine Prozession nähert sich mit der toten Elisabeth. Ihr Opfertod hat Tannhäuser erlöst. Junge Pilger kehren aus Rom zurück und künden von der Gnade, die Tannhäuser zuteil geworden sei: Der Priesterstab des Papstes ist mit frischem Grün ausgeschlagen. Tannhäuser stirbt.

© Bayerische Staatsoper

Intendant Peter Jonas fragt Regisseur David Alden (1994)

Peter Jonas: Sie arbeiten zum ersten Mal in Deutschland, aber seit Ihrem Debüt an der Met, wo Sie mit Ihrer Inszenierung des Wozzek viel Beifall von der Kritik empfingen, sind bereits fünfzehn Jahre vergangen. Seit jener Zeit hat man Sie als einen Radikalen beschrieben, der allmählich gereift ist, ohne etwas von der provozierenden Schärfe seines Stils zu verlieren.

David Alden: 1976 besuchte ich Europa, sah mir alles an, wozu ich die Möglichkeit hatte, und sog das Schaffen von Strehler, Kupfer, Neuenfels und Berghaus in mich ein. Das war eine Offenbarung für mich, die mir enthüllte und artikulierte, was mein eigenes Bewußtsein mit brennender Intensität beschäftigte. Meine erste Arbeit in Europa war Ende der siebziger Jahre Rigoletto an der Scottish Opera und löste, soviel ich weiß, eine Flut kritischer Kontroversen aus. Für diesen Stil war es in England noch sehr früh, einen Stil, mit dem ich versucht hatte, das Publikum direkt anzusprechen, und auf der Bühne Leidenschaftlichkeit und Schizophrenie darzustellen. Der Aufschrei bei der Kritik störte und stört mich auch heute nicht weiter, weil er postkoital ist - manchmal interessant und erheiternd, aber immer 'post factum'. Meine Freude habe ich bei den Proben und dann in den Vorstellungen, die ich wiederholt besuche, wenn mir gefällt, was ich gemacht habe. Wenn es mir nicht gefällt, fliehe ich vom Tatort.

Peter Jonas: Viele haben gesagt, Ihre Arbeit sei zu zornig. Was sagen Sie dazu?

David Alden: Ja, ich glaube schon, daß in meinen Inszenierungen viel Wut steckt, aber sie ist mit leidenschaftlichen Gefühlen, mit Verlangen und manchmal auch mit Zärtlichkeit verbunden. Eine Hochspannung, die beunruhigt - das ist das Ziel, das ich anstrebe. Es hängt damit zusammen, wie ich selbst auf die Musik reagiere. Ich empfinde Musik sehr intensiv, und diese Intensität, die aus der Partitur kommt, muß ihr Äquivalent in der dramatischen Kraft der Aufführung und der bildlichen Darstellung auf der Bühne finden. Ich bin von der Musik wie besessen - sie gibt mir Energie und meinen Arbeiten eine gewisse nervöse Gespanntheit.

Peter Jonas: Kritiker sagen, Ihre Arbeiten seien reifer geworden - auch Sie selbst seien gereift oder, einfacher gesagt, eben älter geworden. Wie hat das nach Ihrer Meinung Ihren Stil verändert oder weiterentwickelt?

David Alden: Mit dem Älterwerden gewinnt man an Erfahrung. Man sieht einfach mehr Möglichkeiten, die in einer bestimmten Situation stecken. Ich persönlich neige dazu, immer gefährlicher zu leben, und das wirkt sich auf meine Arbeit aus. Andererseits wird, wenn man älter wird und an Erfahrung gewinnt, der Zugang zu jedem Werk schwieriger. Damit ist viel existentielle Angst verbunden, die wohl aus mir selber und von der Elektrizität kommt, die sich bei den Proben aufbaut.

Peter Jonas: Jetzt machen Sie hier in München Ihren ersten Wagner. Wie stehen Sie zu Wagner? Warum kommt sein Werk so spät in Ihrer künstlerischen Entwicklung?

David Alden: Eigentlich bin ich in meiner Entwicklung nicht spät zu Wagner gekommen. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr gehe ich ganz in Wagner auf. Wagners Werke waren meine früheste Leidenschaft und sind es seit dreißig Jahren geblieben. Ich habe alles, was ich in die Hand bekommen konnte, gelesen und studiert - über ihn selbst und seine Werke. Wagner ist eine Obsession in meinem Leben, so wie die Wagner-Besessenheit im Leben vieler Menschen kommt und geht. Ich habe nur einfach gewartet, bis das richtige Angebot zur richtigen Zeit und für den richtigen Ort daherkam, und diese Wartezeit hat eben mehr als zwanzig Jahre gedauert.

Peter Jonas: Bringt der Tannhäuser spezifische Probleme mit sich?

David Alden: Jedes Werk bringt spezifische Probleme mit sich, aber Tannhäuser ist für jeden Regisseur ein Geschenk. Die Oper ist eine unglaubliche Welt der Phantasie. Sie wimmelt von persönlichen Themen und den Dingen, mit denen er zeit seines Lebens rang. Sie ist ein Kompendium all dessen, was dann später kommen sollte, und das erschwert es, sich einen Weg durch die verschiedenen Zugänge zu dem Stück zu bahnen und das zu bahnen und das zu entdecken, was man für seine Quintessenz hält. Aber wenn man sich nur immer mit solchen Problemen herumzuschlagen hätte: daß man mit zuviel Material fertig werden muß. Nein, Tannhäuser ist eine gewaltige Herausforderung. Was ich an Wagners Werk liebe, ist das Unterschwellige, das Erotische, das Visionäre daran - und so inszeniere ich auch. Ich versuche, mir die Archetypen, Bilder und Symbole bewußt zu machen und sie an die Oberfläche zu bringen; die Musik wurde komponiert, um so ausgedeutet zu werden. Wagner hat nichts zu tun mit Realismus oder Naturalismus, sondern in seinem Werk drückt sich die Seelenlandschaft eines Mannes aus, geht es um Teile seiner Persönlichkeit, die miteinander im Streit liegen - und um Menschen, die real scheinen, in Wirklichkeit aber Produkte seiner Träume sind, deren er sich bedienen kann oder auch nicht. Es geht um die Schichten der Persönlichkeit.

Peter Jonas: Könnten Sie Tannhäusers Dilemma schildern?

David Alden: Oh, ich identifiziere mich sehr mit der Figur Tannhäuser. Die meisten Künstler, wenn sie irgendwie über die Welt nachsinnen, werden sich wohl auf irgendeiner Ebene mit dieser Figur identifizieren. Tannhäuser wird herkömmlicherweise als ein Mann beschrieben, der hin- und hergerissen ist zwischen der überirdischen und der irdischen Liebe. Ich würde die Sache überhaupt nicht so beschreiben. Ich denke, es geht hier um die Imagination des Künstlers, wie dieser arbeitet, und um den inneren Quell der Kreativität. Was zwingt einen Menschen dazu, Künstler zu sein? Es geht darum, ob sich der Künstler in der Welt behaupten kann, und wie die Welt auf ihn reagiert. Die ganze Metaphorik mit der Jungfrau und der Hure in dieser Oper, dem Überirdischen und dem Irdischen ist nur eine der Ebenen der vielen Konflikte und Probleme, weil die Sexualität und die künstlerische Kreativität in diesem Werk Metaphern füreinander sind. Das dritte große Thema ist die Religion und das ewige Bewußtsein des Menschen, schuldig geboren zu sein, und handelt davon, daß die sinnliche Natur des Menschen etwas ist, das ihm tiefes Grauen einflößt, für das er Buße tun und vor dem er fliehen muß.

© Bayerische Staatsoper

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Biografien

Zubin Mehta wurde in Bombay geboren und erhielt von seinem Vater Mehli Mehta, dem Gründer des Bombay Symphony Orchestra, seine erste musikalische Ausbildung. Nach zwei Semestern Medizinstudium konzentrierte er sich ganz auf die Musik und absolvierte an der Wiener Musikakademie bei Hans Swarowsky eine Dirigentenausbildung. Er gewann den Internationalen Dirigentenwettbewerb von Liverpool und war Preisträger der Akademie in Tanglewood.  

Er war Music Director des Montreal Symphony Orchestra (1961-1967) und des Los Angeles Philharmonic Orchestra (1962-1978). 1969 wurde er außerdem musikalischer Berater des Israel Philharmonic Orchestra, wo man ihn 1977 zum Chefdirigenten und 1981 zum Music Director auf Lebenszeit ernannte. Von 1978 bis 1991 war er Music Director des New York Philharmonic Orchestra. Seit 1985 ist er Chefdirigent des Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino in Florenz.

Sein Debüt als Operndirigent gab er 1964 in Montreal mit Tosca und stand seitdem u.a. am Pult der Metropolitan Opera in New York, der Wiener Staatsoper, des Royal Opera House Covent Garden in London, des Teatro alla Scala in Mailand, der Opernhäuser in Chicago und Florenz sowie bei den Salzburger Festspielen. Zwischen 1998 und 2006 war Zubin Mehta Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, wo er 2006 zum Ehrenmitglied ernannt worden ist.

Er erhielt diverse Auszeichnungen und Ehrungen, u.a. ist er Träger des Nikisch-Rings, Ehrenbürger von Florenz und Tel Aviv und wurde 2008 mit dem Praemium Imperiale ausgezeichnet. Zudem ist er Ehrendirigent der Wiener und der Münchner Philharmoniker, des Los Angeles Philharmonic Orchestras, der Staatskapelle Berlin und des Bayerischen Staatsorchesters. 2011 erhielt er außerdem als erster klassischer Musiker einen eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

2006 eröffnete er mit einer Produktion von Beethovens Fidelio den Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia, gefolgt von einer Neuproduktion von Der Ring des Nibelungen mit La Fura dels Baus in Koproduktion mit dem Opernhaus Florenz. 2008 dirigierte er Don Carlos zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Oslo. In der Spielzeit 2015/16 leitet er an der Bayerischen Staatsoper außer den Gurre-Liedern noch die Wiederaufnahme von Fidelio und die Neuproduktion von Un ballo in maschera.

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