TikTok rief mit dem Förderprogramm #CreatorsForDiversity 2021 erstmals auch deutsche Kulturinstitutionen dazu auf, aktiver Teil des jungen Social Media-Netzwerks zu werden. „Werdet ‚Creators for Diversity‘, kreiert auf TikTok Kurz-Videos zum Thema Diversität und zeigt uns, wer und was Eure Institution ausmacht und bereichert“ – so lautete die Aufgabenstellung. Ein definiertes Ziel der neuen Digitalstrategie der Bayerischen Staatsoper ist es, sich mit digitalen Trends auseinanderzusetzen und Technologien mit Hinblick auf ihr kulturelles Potenzial zu bewerten. So entschied sich Staatsintendant Serge Dorny gemeinsam mit seinem Kommunikations- und Outreach-Team für eine Bewerbung – und konnte dank eines ideenreichen Konzepts den Förderzuschlag für sich gewinnen.

Seit September 2021 veröffentlichen wir daher eine Menge „Content“ auf unserem neu eingerichteten TikTok-Kanal. Content, das bedeutet im TikTok-Universum kurzweilige Musik-Videos mit schnellen Schnitten, poppigen Sounds und immer angereichert mit Text- oder Emoji-Überblendungen. Unsere Videos sind mal mehr und mal weniger tiefgründig, nicht immer ganz ernst zu nehmen und oft mit einem Augenzwinkern – sie werfen aber immer einen liebevollen Blick hinter die Kulissen unseres Hauses und geben unseren Künstler:innen eine neue experimentelle Bühne. Neben der Auslotung von TikTok-Trends ist eine zentrale Idee des Konzepts aber auch eine ernstzunehmende und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Diversität. So laden wir im Zuge des Förderprojekts gezielt Regisseur:innen dazu ein, sich mit dem Thema Diversität an unserem Haus gedankenvoll, persönlich und gerne auch kritisch auseinanderzusetzen.

Entdecken Sie hier unseren neuen TikTok-Kanal

„Die Bühne hinter der Bühne“

Aus diesem Gedanken heraus entstand die bereichernde Zusammenarbeit mit Regisseur Caner Akdeniz im Herbst 2021. Für Caner bedeutet Diversität an unserem Opernhaus nicht nur die Tatsache, dass Künstler:innen verschiedenster Nationalitäten tagtäglich auf der Bühne stehen. Sondern eben auch die Diversität der Menschen, die seit Jahren am Haus angestellt sind, aber eigentlich nie vom Publikum wahrgenommen werden. Seine Videoreihe „Die Bühne hinter der Bühne“ zeigt daher vier Angestellte der Bayerischen Staatsoper bei ihrer Arbeit. Jede:r von ihnen beschäftigt sich tagtäglich mit den Inhalten der Oper, ob sie es wollen oder nicht. Sei es das Dabeisein bei Proben, wenn Reinigungskraft Athina Theodoridou den Boden des Zuschauerraums wischt. Sei es das Auslegen von Werbematerialien in den Prunksälen, eine Aufgabe, die Ilias Ziakas jeden Tag vornimmt. Sei es der Brandwachrundgang durchs Haus, durch den Michael Lamprecht unseren Künstler:innen und Mitarbeiter:innen einen sicheren Arbeitsplatz gewährt. Sei es die Abhängigkeit vom Spielplan, der Ognjen Dudić als Koch ausgesetzt ist, der ganz genau weiß, wann welche Vorstellung läuft und für welche Mahlzeit sich die jeweilige Pausenlänge lohnt. Diese vier Menschen aus vier verschiedenen Arbeitsbereichen sind direkt vom künstlerischen Schaffen an der Oper beeinflusst, von der Anzahl an Menschen im Publikum, von dem Geschehen auf der Bühne.

Caner Akdeniz beobachtet diese Menschen und schafft es, ihre Verbindung zum Opernhaus mit eindrucksvollen Bildern zum Leben zu erwecken. In vertrauten, langen Gesprächen lernte der Regisseur die Menschen, die er da vor sich hat, im Vorfeld kennen und beobachtete Eigenschaften, die er mit bedeutenden Opernfiguren in Verbindung brachte – wie Siegfried, Faust oder Parsifal. Diese Verbindung visualisierte Caner in den kurzen Videos – durch Aktionen, die bei der Arbeit geschehen, durch symbolische Gegenstände, die tagtäglich verwendet werden, aber auch durch Blicke und vermittelte Emotionen der nun zu Schauspieler:innen gewordenen Menschen. Durch die Geduld und das ehrliche Interesse, das Caner Akdeniz seinem Gegenüber entgegenbringt, werden diese zu stolzen Repräsentant:innen des Opernhauses. Sie zeigen mit Hingabe, woraus ihr Alltag besteht, lassen den Regisseur an persönlichen Erlebnissen teilhaben und bringen ihre eigenen Ideen in das Filmprojekt ein. Und am Ende – obwohl sie eigene, freie Stunden geopfert haben, Szenen mehrfach gedreht und sich über die Maße engagiert haben – bedanken sie sich bei ihrem Regisseur. Für das Interesse, an ihrer Arbeit. Für die Erkenntnis, dass ohne sie die Oper genauso wenig funktionieren würde, wie ohne die Stars vorne auf der großen Bühne.

Alle Videos von „Die Bühne hinter der Bühne“

Athina Theodoridou in PARSIFAL
Ilias Ziakas in FAUST
Ognjen Dudić in SIEGFRIED
Michael Lamprecht in GÖTTERDÄMMERUNG

Prima:Donna, Primo:Uomo und Invitation to the Opera

Die Regisseurin Sarah Scherer hat sich für den zweiten Teil des #CreatorsForDiversity-Projekts verschiedene Schwerpunkte rund um das Thema Diverisität gesetzt. In ihren ersten Videos „Primo:Uomo“ 1 und 2 behandelt sie die historische Bedeutung von Kastratenrollen und wie sich Geschlechterrollen – insbesondere die des Mannes in der Oper – seitdem verändert haben. Dafür interviewt sie den Dirigenten und Barock-Spezialist George Petrou und den Countertenor Bruno de Sá. Besonders eindrucksvoll ist wie Bruno de Sá in Bezug auf die Geschlechterrollen in der Oper, vor allem auch in der Besetzung dieser Rollen, darauf hinweist: „We are in the 21st century and we are still fighting about models, body shapes, singers to sing specific roles?“

Primo:Uomo

Primo:Uomo mit Countertenor Bruno de Sá
Primo:Uomo mit Barock-Spezialist George Petro

Als kritische Perspektive zur Entstehung der Kastratenrollen (in Verbindung dem päpstlichen Auftrittsverbot für Frauen im 16. Jahrhundert) wirft Sarah Scherer mit Prima:Donna einen Blick auf Frauen vor und hinter der Bühne. In künstlerischen Videos wird das Bild der Frau in der Oper dargestellt. Sie hat sich die Bildergalerie der Oper im Vorderhaus angeschaut und erst ein Video über die weiblichen Vorbilder, danach ein Video über aktuell tätige Frauen an der Oper kreiert. Die Videos zeigen, dass sich jede der Frauen in der Bildergalerie ihren Platz erkämpft und verdient hat, und die heutigen Frauen, junge Mädchen, schwangere Frauen, Frauen gehobenen Alters, sich diesen Platz an der Oper bzw. in der Gesellschaft weiterhin erkämpfen. Als historischer Hintergrund für unterrepräsentierte Frauen dient ein neu aufgenommenes Cover der Suffragetten-Hymne von Ethel Smyth: „March of the Women“.

Prima:Donna

Prima:Donna #1
Prima:Donna #2

Invitation to the Opera – die dritte Konzeptidee bewirkt ganz wörtlich: die Öffnung der Oper in Richtung der Gesellschaft. An sonnigen Tagen tummeln sich die Menschen an den Stufen der Bayerischen Staatsoper, machen ihre Mittagspause auf dem Sitzplatz neben dem Residenztheater, und waren in den meisten Fällen trotzdem noch nie in den dazugehörigen Gebäuden. Sarah Scherer hat zwei Tage lang die Menschen angesprochen und eingeladen mit in die Oper zu kommen. Dort erwartete sie ein vielseitiges Programm von einer Hausführung, über den Kostümfundus und die Maske bis auf die große Bühne des Nationaltheaters. Die Besucher:innen hatten die Chance, die Bühne ganz frei zu nutzen und zu entdecken. Eine beliebte Wahl war mit den unterstützenden Opernsänger:innen Granit Musliu (Opernstudio der Bayerischen Staatsoper) und Scherhezada Cruz sowie Pianist Richard Whilds eine Opernarie in Karaoke-Form aufzuführen. Was würden Sie tun, hätten Sie die Chance für 5 Minuten auf dieser Bühne zu stehen?

Alle Videos belegen eindrucksvoll, dass sich die Menschen um und an der Oper kritisch und aktuell mit ihr auseinandersetzen möchten. Sarah Scherer hat diese Ehrlichkeit auf persönliche und nahbare Art aus den Teilnehmenden herausgekitzelt und wir hoffen, weitere solcher authentischen Einblicke zeigen zu können.

Invitation to the Opera

Invitation to the Opera
Opernkaraoke zu Nessun Dorma

„Opera meets Rap“ – TikTok live mit Rua

Am 28. November 2021 ging die Bayerische Staatsoper erstmals auf TikTok „live“. Unter dem Motto „Opera meets Rap“ begegneten sich 90 Minuten lang zwei Genres und damit zwei Welten mit dem gemeinsamen Interesse an der Musik: Wir luden die Münchner Rapperin Rua dazu ein, Künstler:innen unseres Hauses musikalisch und im Gespräch kennen zu lernen. Und dabei der Frage auf den Grund zu gehen, wo Schnittmengen zwischen Rap und Oper liegen könnten.

Neben einer Haus-Tour fanden viele Gespräche statt: Was macht eine Opernsängerin den ganzen Tag? Wo kommen die ganzen Kostüme her? Wie lange braucht ein Schuhmacher, um einen Schuh für eine Opernproduktion anzufertigen? Und wer ist Rua – persönlich und musikalisch? Den Höhepunkt bildete eine Performance von Ruas Songs „Bitch Silence“ im Königssaal – in einer eigens arrangierten Fassung für Rapperin mit Streichquartett. 

Ob mit „gespitteten“ Lines oder einer ausweitenden Opernarie geht es sowohl Rua als auch der Bayerischen Staatsoper immer um eines: Kunst. Und vor allem den Menschen, für den diese Kunst erschaffen wird. Der Livestream auf TikTok war nur der Anfang einer neuen Partnerschaft: sei es in kommenden Schulprojekten, die Rua und die Bayerische Staatsoper gemeinsam konzeptionieren und planen oder auch weiteren künstlerischen Performances von Rua und der Bayerischen Staatsoper gemeinsam.

 

 

 

Rapperin Rua im Königssaal des Nationaltheaters
Rapperin Rua im Königssaal des Nationaltheaters
Rua mit Ensemblesängerin Mirjam Mesak auf der Bühne des Nationaltheaters
Rua mit Ensemblesängerin Mirjam Mesak auf der Bühne des Nationaltheaters

TikTok-Expert:innen zu Besuch im Nationaltheater

Elisabeth Hoffmann (@elli_hoffm) und Clemens Graf von Hoyos (@kniggeakademie) sind zwei „TikTok-Creator:innen“. Mit verschiedenen Schwerpunktthemen filmen sie sich täglich in ihrem Alltag oder bei ihrer Arbeit – und tausende von Follower:innen sehen ihnen dabei zu. Wir haben beide für einen Tag in die Bayerische Staatsoper eingeladen, um unser Haus aus ihrer Perspektive zu betrachten.

Elli, begeisterte Querflötistin, hat sich in den musikalischen Austausch gewagt, den Orchestergraben erprobt aber auch ganze viele andere Backstage-Erfahrungen in Maske, Kostüm und Schuhmacherei als Videoinhalte verwendet. Clemens, der als „Kniggeakademie“ hauptsächlich Videos zu korrektem Benehmen in verschiedenen Situationen dreht, hat sich die Oper als Schauplatz für viele solcher Situationen genommen – im Königsaal zum Tanz aufgefordert, in der Schuhmacherei die schickeren Schuhe gezeigt, den Opernsänger zu selbstbewusstem Bühnenauftreten gefragt und mehr.

Und wir durften uns dabei von den beiden Einiges für unseren eigenen TikTok-Kanal abgucken: Wie wird man interaktiver auf seinem Kanal? Wie stellt man es an, als Person einen Kanal zu repräsentieren? Welche Situationen ergeben TikTok-fähiges Material? Ob die persönlicheren Videos mit Elli und Clemens, wie zum Beispiel „Wer findet die Requisite zuerst?“ oder „Was bewirkt ein Arienkonzert mit mir?“ die Zuschauer:innen des Opernkanals stärker reizen, als die sonstigen Einblicke, wird gespannt beobachtet.

Klar ist wie immer nach solchen Aufeinandertreffen: Austausch bildet. Er bildet weiter, bringt neue Ideen, zeigt einander Neuigkeiten. Sei es hier mit Blick auf TikTok-Kreation oder einfach auf das Leben an der Oper, jede:r Beteiligte, hat sich mit neuem Wissen aus dem Tag an der Bayerischen Staatsoper verabschiedet.

"Mich hat am nachhaltigsten die Komplexität des Opernbetriebs beeindruckt. Von den Vorbereitungen bis zu den Aufführungen – wie in einem Uhrwerk greift alles perfekt ineinander. Unzählige Menschen, die meisten treten nie in Erscheinung, sorgen voller Leidenschaft für einen reibungslosen Ablauf und Hochgenuss für uns Opernbesucher", fasst Clemens Graf von Hoyos die Erlebnisse des Tages zusammen. Und Elli Hoffmann zieht das Fazit: „Mich hat am meisten beindruckt, dass einem gar nicht klar ist, wie viel Aufwand und wie viele Menschen hinter einer Produktion stecken.  Es arbeiten so viele Menschen miteinander, die alle abhängig von einander sind. Es funktioniert nur mit Teamwork. Ebenso beindruckend zu sehen war, wie viele Aufgabenbereiche auch in einander einfließen können. So muss die Maske sich zum Beispiel viel mit der Technik des Lichtes befassen, ebenso wie die Requisite. Ich habe so viele neue Eindrücke bekommen und vieles gelernt. Hinter den Kulissen verbirgt sich viel mehr als das, was der Zuschauer als Endprodukt sieht. Ich bin sehr dankbar für diesen Tag und diese Erfahrung.“

Elli und Clemens im Königssaal ...
... und im Requisiten-Fundus

Unser Fazit zum TikTok-Start

Wir haben nach einem halben Jahr auf TikTok vieleTrends bedient – haben mit dramaturgischen Filmprojekten aber auch Neues und Ungewohntes gewagt. Zugegeben: der Algorithmus nimmt für TikTok untypische Formate wie „Die Bühne hinter der Bühne“ oder „Prima:Donna“ trotz verschiedenster Hashtag-Kombinationen und „richtigem“ Veröffentlichungszeitpunkt (abends, zwischen 20 und 22 Uhr, kein Geheimtipp) nicht gut auf. Vielleicht weil sie länger als die empfohlenen 15 Sekunden sind? Vielleicht, weil sie sogenannte „Originalsounds“ verwenden, also eigene Aufnahmen vom Bayerischen Staatsorchester, anstatt einen der gerade trendigen Sounds? Kurz: Unsere Videos bedienen nicht immer die üblichen Trends der jungen zielgruppe. Und trotzdem gibt es auf die Videos begeisterte Reaktionen wie: „berührend“ oder „so cool gemacht!“ Vereinzelt erkennen die TikTok-Anhänger also, dass es sich hier um mehr als kurze Trendvideos handelt. Es handelt sich um Videos, die etwas Neues ausprobieren, die Grenzen der Plattform aber auch Grenzen innerhalb der Hierarchie unserer Institution aufbrechen. Und das wird gesehen und honoriert.

Dass dieses Experiment möglich ist, haben wir der Förderung #CreatorsForDiversity zu verdanken. Man mag von der jungen, schrillen Plattform halten, was man will und sicherlich fühlt sie sich für viele Menschen jenseits der 20er eher wie eine Ansammlung hysterischer Banalitäten als ein Sinnbild für inhaltsreichen Kulturgenuss an. Aber gerade deshalb loten wir als Bayerische Staatsoper mit Begeisterung und Neugierde die Grenzen zwischen diesen Polen aus und genießen es, Neuland zu entdecken.

Haben auch Sie Interesse daran, dieses Neuland gemeinsam mit uns zu betreten? Dann laden wir Sie herzlich dazu ein, uns auf TikTok zu besuchen, unserem Kanal zu folgen und die weiteren Wochen unseres Experiments zu beobachten. Wir werden weitere Kunstvideos mit verschiedenen Regisseur:innen und Darstellenden veröffentlichen, aber auch weiterhin Spaß dabei haben, sinnfreie Trends zu bedienen und uns einfach auszutoben. Mit Hilfe der Kostüm- und Maskenabteilung sowie den teilweise selbst TikTok-affinen jungen Mitgliedern des Opernstudios oder des Bayerischen Staatsballetts zeigt der Kanal die Bandbreite unseres vielseitigen Hauses.