Les Troyens.Files

Hector Berlioz Les Troyens  wird in einer Inszenierung von dem französischen Regisseur Christophe Honoré auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper gebracht. Der erste Gastdirigent des Hauses, Daniele Rustioni, leitet das Bayerische Staatsorchester. Wir haben uns seit Beginn der Proben mit unterschiedlichen Themen rund um diese Premiere beschäftigt. Tauchen Sie ein in die Welt der Neuproduktion: In Artikeln, Bildergalerien, Podcasts und Videos sammeln wir für Sie Tag für Tag neue Eindrücke der Inszenierung. Kommen Sie mit uns auf die Reise bis zur Premiere. Viel Vergnügen!


 

Was er auch tut, der Mensch, er bewegt sich in einem größeren Kreislauf aus Gewalt und Liebe und wieder Gewalt. Da hilft keine Flucht, wie bei Aeneas. Es hilft auch nicht, sich in die Liebe zu stürzen und darin zugrunde zu gehen, wie Dido. Und auch wer die Gewalt kommen sieht, wird nicht gehört, wie Kassandra. In der monumentalen Oper Les Troyens, die am 9. Mai 2022 Premiere feiert, erzählt Hector Berlioz ihre Geschichten. Sie sind getrieben von ihren innersten Wünschen – nach Frieden, nach Liebe, nach Ruhm –, und bleiben doch alle unerfüllt. „Tragisch“, nennt der französische Regisseur Christophe Honoré sie und wirft doch einen sanften, verständigen Blick auf die zerrissenen Protagonist:innen dieser Oper. Sein Theater will die Wiedersprüche sichtbar machen. Und steht damit in einer Linie mit seinen Filmen.

Unsere Les Troyens.Files tauchen ein in den Troja-Mythos, werfen einen Blick auf die französische Couture und blicken durch das Kameraobjektiv auf Film und Theater.

Du willst nichts verstehen, unglückliches Volk.

Cassandre, 1. Akt Nr. 2

OBSERVATIONS: LES TROYENS - Behind the scenes

Unser Leben ist ambivalent: Auf der einen Seite ist da die große Katastrophe. Auf der anderen Seite geht das Leben relativ normal weiter. In der Observations-Episode zu Les Troyens fragt sich Christophe Honoré daher: Ist es die Aufgabe des Regisseurs, die aktuelle Weltlage zu kommentieren? Vermutlich nicht. Während die Trojaner also in ihrer zerklüfteten Beton-Landschaft nicht einmal Fernseh-Empfang haben, wird in Karthago angenehm warmes Wasser in den Swimming-Pool gelassen. Olivier Bériot erklärt indes, wie er versucht die beiden Welten durch das Kostümdesign zu unterscheiden. Welches Bild wirft das auf uns als Zuschauende?

KOSTÜM

Unsere Neuproduktion Les Troyens von Hector Berlioz feiert am 9.5.22 Premiere. Es geht um zwei Welten. In der einen herrscht Krieg, in der anderen Frieden und Überdruss. Es geht um Troja und Karthago.
Die Kostüme für diese Inszenierung macht Olivier Bériot. Wir haben ihm und unserem Team bei der Arbeit begleitet. Hier gibt es einen kleinen Einblick, wie die Menschen in beiden Welten aussehen werden und was die Inspiration war. 

PODCASTS

PODCASTS

HOW TO OPER zu LES TROYENS 

Wie sah das trojanische Pferd eigentlich wirklich aus?

In der aktuellen Folge von HOW TO OPER erfahren wir mehr zur Neuproduktion von LES TROYENS. Wir tauchen ein in die Welt der griechischen Mythologie und erleben die Sagen um den Krieg von Troja – dabei dürfen dramatische Lovestorys natürlich nicht fehlen.

Darüber sprechen Linda und Kathi gemeinsam mit unserer Dramaturgin Katja Leclerc. Die Oper von Hector Berlioz feiert am 9. Mai Premiere in München.

AUDIOFEATURE

Hier sind zwei Welten festgehalten: eine im Krieg, eine im Frieden - in der riesenhaften französischen Grand Opéra Les Troyens von Hector Berlioz. Es ist ein Wahnsinn der Extreme. Wohl kein Komponist tauchte je tiefer in die Stoffe, die ihn zu Musik bewegten, und bei Berlioz sind es immer die größten: Faust, Romeo und Julia, Hamlet, darunter macht er es nicht – doch der Untergang Trojas, des trojanischen Feldherren Aeneas‘ Flucht nach Karthago, wo er die Königin Dido liebt und sie verlässt, weil er nach Italien weitermuss, seinem Auftrag folgen, ein Held sein, Rom, die Stadt und ein Weltreich zu gründen – diese Geschichte durchdrang den romantischen Extremisten Hector Berlioz ein Künstlerleben lang.

CHRISTOPHE HONORÉ ÜBER "LES TROYENS"
illustriert von AhaOk

Interview mit Daniele Rustioni

Daniele Rustioni, Musikalischer Leiter der Neuproduktion, über Oper als Herausforderung und den Klang der Stille
Dies ist die gekürzte Fassung. Das ganze Interview können Sie im Programmbuch zu Les Troyens lesen.

 

In drei Worten: Wie klingt die Musik von Hector Berlioz?

Effektvoll, spektakulär, naturalistisch.

 

Woran beobachten Sie das?

Natur spielt eine große Rolle in seiner Klangdramaturgie. Sie ist davon beeinflusst, dass Berlioz Gitarrist war. Denn er denkt die Entwicklung der Harmonien von der Gitarre her. Ich kann darin perfekte „Chords“, also Gitarrenakkorde oder Griffe, hören. Berlioz entwickelt eine Art Rhythmus der Harmonien. Und natürlich war er ein Meister der Orchestrierung. Die Art, wie bei ihm das Orchester klingt, ist unverkennbar!

 

Wie klingt es?

Sehr „schwarz-weiß“, so kontrastreich, wie es auch Les Troyens sind. Ein ständiger Wechsel aus riesigen Szenen mit viel Personal und ganz intimen Szenen mit zwei oder drei Menschen. Das schlägt sich in der Orchestrierung nieder. Auch da ist er extrem. Ein Beispiel: das Septett mit Chor im vierten Akt. Darin geht es um das Meer und die Winde, das Orchester ist voll beschäftigt („vertikal“ voll im Einsatz, wie man sagt, wenn man die Partitur beschreibt, in der alle Instrumente untereinander weg geschrieben stehen). Aber alle spielen pianissimo, denn Berlioz will hier den Klang des Nichts schildern, des Abgrunds bzw. der Schattenwelt, „the sound of silence“.

 

Das hört sich nach einer Unmöglichkeit an …

Berlioz ist sicherlich der Komponist mit der größten Vision. Auf seinen Partiturseiten breitet er Utopien aus, kühne Entwürfe, und das ist sicherlich die anspruchsvollste Herausforderung für mich als Dirigenten. Und er stellt damit eine Aufgabe für alle Beteiligten: das Publikum davon zu überzeugen, dass hier etwas entsteht, das über das Papier hinausgeht.

 

Dafür verwendet er einen monumentalen Apparat: Wie umgehen mit diesen schieren Mengen an Beteiligten?

Da sind wir bei meinem ersten Schlagwort: Effektvoll ist die Musik von Berlioz auch wegen der Größe des Orchesters, den vielen Instrumenten für die Bühnenmusik, und es gibt einen Doppelchor, den er mit Stereowirkung einsetzt. Das kommt aus dem antiken Theater, und genau da befinden wir uns auch mit den Troyens: mitten in einer griechischen Tragödie.

 

 … gekreuzt mit dem aufwendigen Maschinentheater des 18. und 19. Jahrhunderts, wenn man an das Bühnenspektakel mit Stürmen, Jagdszenen, Grotten usw. denkt?

Zumindest evoziert Berlioz die Kräfte der Natur auf spektakuläre Weise im Orchester. Bei dem Sturm am Anfang des 4. Akts gibt es zum Beispiel Donnergrollen. Auch die unterschiedlichen Zustände des Meeres hören wir in Les Troyens: in Metren wie 3/4- und 6/8-Takt bildet der Komponist die Wellenbewegung nach. Selbst in Hylas’ wunderbarer Arie zu Beginn vom 5. Akt, die im 2/4-Takt steht, hören wir den Meeresbezug, denn Hylas ist ein junger Seemann und träumt davon, übers Meer heimzukehren.

 

Neben der Natur lässt Berlioz auch andere Welten in Klängen erscheinen: Es gibt Kriegsgetöse, Kampf und Waffenklirren. Und es gibt singende Geistererscheinungen …

In der Tat, das Übernatürliche und die Visionen Cassandres nehmen eine wichtige Position in Berlioz’ Klangwelt ein. Er weist ihnen bestimmte Instrumente und Spielweisen im Orchester zu: Hörnerklang und lässt die Streicher „ponticello“ spielen, also mit dem Bogen nah am Steg, was die Qualität des Tones ändert, aufhellt, gläsern macht. An manchen Stellen greift er nur die Bässe heraus und lässt sie ein tiefes Dröhnen, fast schon Wummern spielen …

 … ein Effekt, der in unserer Zeit im Horrorfilmgenre Berühmtheit erlangte.

 

Les Troyens umfassen sozusagen „zwei Opern in einer“. Wer sind die zentralen Figuren der beiden Teile?

Cassandre gibt dem ersten Teil, Troja, seine spezifische Farbe. Énée ist das Verbindungsglied zwischen erstem und zweitem Teil. Erst ist er der Held, doch in Karthago wird er auf gewisse Weise zum Feind. Das ist wie in einer guten Serie: In Staffel drei oder vier erkennt man, dass man manche der Charaktere eigentlich nicht leiden kann, da man die volle Dimension ihrer Persönlichkeit erst nach und nach durch ihr Handeln erkennt. Das macht die Dinge gleich noch interessanter.

 

Wie sieht es bei den Karthagern aus? Wie gestaltet Berlioz den zweiten Teil?

Der zweite Part, der längere, ist näher dran an der traditionellen Grand Opéra. Die Ballette beispielsweise sind ein ganz typischer Bestandteil. Interessanterweise nimmt die Handlung erst hier, im 5. Akt, Fahrt auf in dem Sinne, dass das Bühnengeschehen tatsächlich Vorgänge zeigt. Zuvor bleibt die Zeit ein ums andere Mal musikalisch „stehen“, sowohl in den statischen Chören des 3. Akts wie auch in intimen Szenen wie dem Liebesduett von Didon und Énée im 4. Akt. Auch in Béatrice et Bénédict, einer anderen Oper von Berlioz, gibt es einen solchen zarten, äolischen Moment – dieses Duett zählte Berlioz zu seinen Lieblingsstücken. Das zu wissen, ist für mich ein Schlüssel zum Verständnis dieser Szene, in der die Zeit stehen bleibt. Der 4. und 5. Akt sind für mich das Herz der Oper. Und Berlioz muss es genauso gegangen sein, wenn man in seine Briefe schaut. Zu Lebzeiten hörte er nur den zweiten Teil der Oper in einer Aufführung, vielleicht hatte er deshalb auch eine engere Beziehung zu ihm.

 

Ahnte Berlioz, dass er eine Oper für die Schublade schreiben würde?

Wenn man die Schwierigkeiten in Betracht zieht, die er hatte, das Werk einem Theater anzutragen, und wenn man bedenkt, dass es einer Lotterie gleichkam, eine Aufführung des eigenen Werkes im Theaterbetrieb zu erwirken: wahrscheinlich, ja. Auch heute ist die Aufführung von Les Troyens den großen Theatern mit entsprechenden Ressourcen vorbehalten. Und es gab im Leben eines Theaters seit der Entstehung des Werks vielleicht zwei, maximal drei Aufführungen. Es ist ein Ereignis! In seinen Ausmaßen ist Les Troyens wie der Mount Everest.

L’IMPOSSIBLE AMOUR

Christophe Honoré inszeniert nicht nur Oper, sondern ist mit Filmen wie „Zimmer 212“, „Die Liebenden“ und „In Paris“ zu einem der gefragtesten jungen Filmemacher Frankreichs geworden. Begleitend zu seiner Neuinszenierung von Les Troyens hat er für uns eine Filmreihe kuratiert, die in Zusammenarbeit mit dem Theatiner Kino gezeigt wird. Zum Thema „L’impossible amour“ – unmögliche Liebe hat er eigene Filme und Lieblingsfilme kombiniert.

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