Eine Femme fatale zwischen Pick-me-Boys?!

Alcina – eine zeitgenössische feministische Perspektive 
Rebekka Endler

Foto: Stacey Koenitz

Nach zaghaften progressiven Fortschritten übermannt1 er uns erneut, der patriarchale Backlash. Wie eine reaktionäre Welle bricht das Patriarchat über uns hinweg und spült allerlei veraltete Rollenbilder an, die sich erneut in unserer Kultur breitmachen, ganz so, als hätte es die Jahrzehnte feministischer Arbeit nie gegeben, die dafür sorgen sollten, dass wir sie ablegen und überwinden. Seit Jahrhunderten immer wieder mit dabei ist der Klassiker des patriarchalen Backlashs: Die Femme fatale. Jenes weiblich gelesene Wesen2, dessen sexuelle Begierde derart unstillbar und triebgesteuert ist, dass es Männer komplett willenlos und daher praktischerweise auch verantwortungslos in seinen Bann zieht mit – nomen est omen – fatalen Folgen. Die Femme fatale ist nicht nur gefährlich, sie ist auch, aufgrund ihrer nicht zu befriedigenden Sexualität, wider der züchtigen, sich unterordnenden „weiblichen Natur“. Auch feiert dieser Archetyp immer dann ein kulturelles Comeback, wenn Frauen und andere marginalisierte Menschen sich für politische Anliegen mobilisieren, wie beispielsweise in der Romantik während der frühen, noch lange unerhörten Bemühungen der Aktivist*innen, das Frauenwahlrecht zu erkämpfen. Die kleinste Erschütterung patriarchaler Macht reicht aus und sie kehren alle zurück, die weiblichen Schreckgespenster, die uns einteilen in: zu schwach, zu durchtrieben, zu dumm, zu irrational, oder eben auch zu stark, zu lüstern und so weiter. Die Femme fatale spricht der Frau eine Macht über den Mann zu, die die tatsächlichen Machtverhält-nisse im Patriarchat auf den Kopf stellt, und ist eine Warnung davor, den politischen Begehren von Frauen auch nur ein Stückchen bei-zugeben. Frauen mit Macht über Männer wären gruselig und potenziell tödlich. Die Femme fatale ist keine richtige Frau, sie ist ein sexy, sexbessenes Monster!

Alcina heute auf die Bühne zu bringen, zu einer Zeit, in der sich das Rad rückwärtszudrehen scheint, erweckt erstmal den Anschein in ebendiese patriarchalen Kerben zu schlagen. Alcina, der männermordende, magische Dämon, der sich einen Harem aus unterwürfigen, ihrem eigenen Willen beraubten Männern als Liebhaber oder vielleicht sogar Haustiere hält. Alcina, eine Femme fatale, als Teil des patriarchalen Backlashs, der Ressentiments gegenüber mächtigen Frauen schüren soll?!

Die Femme-fatale-Interpretationen der Figur sind allgegenwärtig, doch bei genauerer Analyse des Stoffes wird diese plakative Schub-lade Alcina kaum gerecht. Alcina, die Magierin, entzieht sich der Dualität von Gut und Böse, die in unserer westlichen Tradition reaktionären Frauenbildern anhaften, sie ist nicht nur durchtrieben, nicht nur egoistisch, sie ist noch nicht einmal nur triebgesteuert. Sie ist nicht nur Täterin, sondern auch eine, die sich durch ihre Wunden selbst geschaffen hat, und diese, trotz Maskerade, klaffend zur Schau trägt. Sie ahnt möglicherweise, dass ihre Macht nicht unbegrenzt und das Machtgefüge ihrer Insel instabil ist. Und so lassen sich anhand von Alcina, der Figur, aber auch Alcina, der Oper, einige Observationen über die Mythen und Mechanismen unserer Gegenwart vornehmen, denn Beobachtungen, die sich in der Oper anstellen lassen, lassen sich auf Reality-TV-Formate der Gegenwart übertragen und umgekehrt. Die alten Muster zeichnen bis heute ein Bild von Gender und Stereotypen.
 

LOVE ISLAND

Da wäre zum einen Alcinas Insel. Was ihr fast hermetisches „Reich der Lust“ ist, ist heute das Setting jeder zweiten Dating Show im Reality-TV. Egal, ob Love Island, Temptation Island, Bachelor*ette, Too Hot to Handle etc. – sie alle funktionieren nach dem immergleichen Prinzip: Kandidat*innen werden an einem von der Außenwelt abgeschiedenen Ort deponiert und versuchen unter Einbezug möglichst viel Dramas ihr Glück zu finden, sprich „die wahre Liebe“. Je nach Herkunft, Aussehen, Bildung, Besitztümer etc. entwickeln sie innerhalb dieser Petrischale, die ein soziales Experiment mit immer gleichem Ausgang ist, Macht über andere oder sie unterwerfen sich einander – kurz: Hierarchien entstehen. Die Abgeschiedenheit spielt eine zentrale Rolle, denn das Gefühl, außerhalb der gesellschaftlichen

Normen und Regeln zu agieren, begünstigt natürlich auch Verhaltensweisen, die in so gut wie jedem anderen Kontext härter sanktioniert werden würden3. Die Charaktere werden gecastet, alle haben innerhalb des ungescripteten Dramas eine zugeschriebene Rolle zu erfüllen. Je besser dies gelingt, je verzwickter die zwischenmenschlichen Beziehungen sind, je mehr Gefühle und Abgründe, pikante Bündnisse, Sex, Gesinnungswandel und Intrigen es unter-einander gibt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, Sendezeit und damit Aufmerksamkeit abzubekommen4. Die allmächtige Magierin, mächtiger als Alcina es je war, ist hier die Produktionsfirma; sie entscheidet über Leben und Tod, also Aufmerksamkeit, im Schnittraum und beim Texten des Begleitkommentars. Das ist die wahre Währung dieser Unterhaltungsformate, die sich in Followerzahlen, Kooperationen und Branddeals manifestiert5. Die einzelnen Teilnehmer*innen wissen das natürlich und geben, im Gegensatz zu Alcinas Opfern, die Kontrolle über ihre Geschichte und nicht selten auch ihre Würde freiwillig in die Hände derjenigen, die über die Macht verfügen, sie zu verwandeln oder verschwinden zu lassen.

Natürlich unterscheiden sich Reality-TV-Formate wie Love Island von Alcinas hermetischem Königinnenreich der Lust auch insofern, als dass die Gefühle derjenigen in der Oper, die nicht unter Alcinas Macht stehen, authentisch sind und das Streben nach dem Ausleben echter Gefühle6 primäres Ziel ist.

Alcina gehört selbst auch zu denjenigen, die Liebe und romantisches Begehren als etwas verstehen, dass ihrem Leben Sinn verschaffen soll. Doch aufgrund der Machtverhältnisse auf der Insel, und weil sie eine weibliche Person ist, wissen wir alle von Beginn an, dass dieses Verlangen zum Scheitern verurteilt ist: Beziehungen ohne freien Willen pervertieren das Wesen der wahren Liebe7. In ihren Liebesbemühungen ist sie allerdings erstaunlich menschlich und verletzlich. Taktiken wie das, was wir heute als Lovebombing bezeichnen, sprich die psychologische Manipulation durch überzogene Liebesbekundungen, kennzeichnen ihre verzweifelten Versuche, den Geliebten an sich zu binden. Diese Kulturpraxis des Lovebombings ist in sämtlichen Dating Shows zu beobachten, spannenderweise häufiger angewendet von männlichen Teilnehmern, die auf diese Weise versuchen, von ihren red flags, also Verhaltensweisen, die wir heute innerhalb von Beziehungen als toxisch bezeichnen, abzulenken. Auch Alcinas Lovebombing soll Ruggiero davon abhalten, ihren zahlreichen red flags Aufmerksamkeit zu schenken und sich aus eigener Kraft ihres Einflusses zu entledigen.
 

DIE KOSTEN VON BEAUTY LABOUR

Alcinas Reich ist ein Matriarchat im irrwitzigsten Sinne. Es ist das, was Männer, die Angst vor Feminist*innen haben, unter Matriarchat verstehen: Eine Umkehrung aller geschlechtsbezogener Unterdrückungsmechanismen, quasi Patriarchat mit umgekehrten Vorzeichen. Wie weit dies von dem tatsächlichen Ziel der meisten feministischen Bestrebungen entfernt ist, darüber müssen wir nicht reden, und dennoch bleibt die Schreckensherrschaft eines feministischen Matriarchats eine potente Erzählung.8 Unmittelbar nach Ankunft der Reisenden auf der Insel wird klar, dass tatsächlich viel Arbeit darin steckt, Alcinas Macht zu erhalten. Bradamante stellt fest, dass Alcinas Macht neben ihren übersinnlichen Kräften auch in Reichtum und Schönheit begründet ist9. Letzteres wird dadurch unterstrichen, dass mit Alcinas erstem Auftritt eine Performance von Beauty-Ritualen folgt. Beauty Labour nennt sich die Arbeit, die in die Veränderung beziehungsweise Anpassung des Körpers entsprechend gängiger Schönheitsnormen gesteckt wird. Was einerseits als ein Marker für typisch weibliche Eitelkeit gedeutet werden kann, kann ebenso als Symptom von Konformitätsdruck verstanden werden: Schönheit ist ein Pfeiler Alcinas Macht und es bedeutet Arbeit, diesen Einfluss aufrechtzuerhalten.

Beauty Labour ist ein zweischneidiges Schwert in Bezug auf Gender und Klasse. Einerseits ist diese Arbeit etwas, das in der westlichen Kultur die letzten Jahrhunderte eher hinter verschlossener Boudoir-Tür stattfand. Es ist Arbeit, die heimlich erledigt wurde und nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, denn die echte Frau hatte „natürlich schön“ und keineswegs eitel zu sein, und macht für ihre Erscheinung keinen Finger krumm10. Andererseits wurden besonders einflussreichen Frauen immer schon mit absurd klingenden Beauty-Ritualen assoziiert und bis heute streiten sich Historiker*innen darüber, was davon wahr, was Diffamierungskampagne und was Status- beziehungsweise Legendenbildung ist.11 Alcinas Beautyrituale vor dem Publikum lassen sich gleich in der Eingangsszene als feministischen Powermove lesen. Sie hat die Macht, über dem Theater der Unsichtbarmachung von Beauty Labour zu stehen, mehr noch: Die Performance, andere für ihrer Schönheit arbeiten zu lassen, zementiert ihren Status. Alcina steht über der weiblichen Illusion von „I just woke up like this“, für die wir Normalos uns privat heimlich abarbeiten.

Alcina ist damit die Vorreiterin für eine Praxis, die inzwischen auch bei den größten Influencer*innen unserer Zeit angekommen ist, den Kardashians.12 Diese Familie ist dank zwanzig Jahren Reality-TVs, welches sie zu ihren eigenen Konditionen (seit einiger Zeit auch als Produzentinnen) herstellt, unfassbar (einfluss-)reich und mächtig geworden – wie man auch zu ihr steht, sie ist ikonisch. Die Kardashians stehen so sehr über den Dingen, dass sie seit einiger Zeit vermeintlich offen und transparent mit allen Schönheitseingriffen und Behandlungen umgehen, die sie an sich vornehmen lassen. Das war lange anders, und es wurde vom Publikum mit jeder neuen Staffel gerätselt, welche Schwester welchen Eingriff hatte vornehmen lassen, um sich optisch mehr an die Schönste und Bekannteste unter ihnen, Kim, anzugleichen. Doch seit Beauty-Eingriffe in den vergangenen Jahren omnipräsent geworden sind und sich viel mehr Menschen diese leisten können,13 ist es, neben den eigenen Produkten, die die Kardashians in dem Sektor verkaufen, durchaus rentabel, viele ihrer Eingriffe für Nachahmer*innen nachvollziehbar zu machen – inklusive detaillierter Empfehlungen für die von ihnen aufgesuchten Praxen, was sich ebenfalls auszahlen dürfte. Akribisch dokumentieren Schwestern und Mutter nun ihre absurd teuren Rei-se in die alterslose Makellosigkeit, machen Beauty Labour zu Content, der damit zum Statussymbol wird. Davon inspiriert, oder geinfluenced, ziehen andere Reality-TV-Stars nach: So sind die sogenannten glam squads, bestehend aus Stylist*innen, Hair- und Make-up-Artist*innen etc. seit ein paar Jahren ein fester Bestandteil im Leben von vielen Real Housewives.14

Es bleibt noch anzumerken, dass die Entscheidung dieser privilegierten Frauen15, bislang unsichtbare und als oberflächlich geltende Beauty Labour, durchgeführt von Untergebenen, für ein großes Publikum sichtbar zu machen, gerade in Zeiten rapider wachsender sozialer Ungleichheit, wie es sie in den USA seit mehr als 150 Jahren nicht mehr gab, eine weibliche, kapitalistische Machtdemonstration ist. Und das ist nicht als Kompliment gemeint! Dieses empowernde Moment, dieses kleine „Fuck you!“ ans Patriarchat, gilt nur für diejenigen, die ohnehin in Geld schwimmen, und geht auf Kosten aller anderen, die vor ihren Nasen untergehen. An den Strukturen wird, wenn überhaupt, nur kosmetisch gerüttelt, die nächste Evolutionsstufe des girl bossing ist erreicht.
 

DIE INFRASTRUKTUR DER PROFITEUER*INNEN

Je weiter wir in der Handlung der Oper voranschreiten, desto klarer wird, dass Alcinas Macht auf einem sensiblen Gefüge von Figuren beruht, die zwar einzeln ohnmächtig erscheinen, jedoch gemeinsam dafür sorgen können, dass die Wahrheit ans Licht kommt und ihre Schreckensherrschaft beendet wird. Hinterher ist man immer schlauer und wundert sich darüber, dass etwas so Ungerechtes und Menschenunwürdiges so lange so erfolgreich funktionieren konnte. Das erinnert an die dreiteiligen Dokumentation über das Reality-TV-Format America’s Next Topmodel von 2026: Reality Check: Inside America’s Next Top Model. Genau wie in dem immer noch produzierten deutschen Ableger Germany’s Next Topmodel by Heidi Klum suchte US-Topmodel Tyra Banks zwischen 2003 und 2018 unter zigtausenden jungen Bewerberinnen diejenigen aus, die am vielversprechendsten um den Titel konkurrierten.16 Banks, die seit der ersten Staffel als Creator, Produzentin, Moderatorin und Jurorin der Sendung gewissermaßen vor und hinter der Kamera die wegweisende Macht verkörperte, waren ein Haufen Business-Expert*innen in unterschiedlichen Funktionen zur Seite gestellt. Drei dieser Fashion-Industrie-Männer, langjährige Jurymitglieder, der Laufstegcoach, der Fotograf und der Creative Director für Fotoshootings, tauchen nun mit einigen Jahren Abstand in dieser Doku auf und plaudern, neben ehemaligen Kandidatinnen und Tyra Banks selbst, aus dem Nähkästchen. Dass viele der ehemaligen Kandidatinnen keine schönen Erinnerungen an diese Zeit haben, dürfte die wenigsten überraschen; dass sich jedoch ausgerechnet die Männer, die der Sendung über Jahre hinweg Struktur und den Anschein von Legitimität gegeben haben, im Nachhinein so negativ über Banks und die Produktion äußern haben, verwundert: Wenn sie sich damals schon gedacht haben, dass die Sendung Ausbeutung auf Kosten vulnerabler Mädchen und Frauen war, und sie auch selbst so unter Banks cholerischen Anfällen gelitten haben wollen, warum haben sie dann damals nichts gesagt? Natürlich kann sich die Erkenntnis, dass etwas nicht richtig war, auch Jahre später mit einer wachsenden Sensibilität und Bildung zu dem Thema entwickelt haben. Noch wahrscheinlicher ist jedoch, dass diese Männer individuell mehr davon profitiert haben, genau dies nicht zu tun. Sie wurden fürstlich dafür entlohnt, die Klappe zu halten und wegzuschauen, genau wie Oronte und Morgana lange Zeit auf der Sonnenseite von Alcinas Herrschaft zu leben scheinen, zumindest solange die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Die Männer um die einflussreiche Tyrannin Tyra Banks sind genauso Pick-me-Boys17, wie die Figuren, die Alcinas Ausbeutungsstukturen funktionieren lassen, auch wenn die Isolation ihrer Insel diese Dynamik sicherlich nochmal begünstigen.

Pick-me-Verhalten ist eine Überlebensstrategie, die hin und wieder sogar zu einer Erfolgsstrategie werden kann, die Individuen jedoch auch davon abhält, das große Ganze zu erkennen und sich untereinander zu solidarisieren. Haben die Top-Model-Männer, die vor und hinter der Kamera Banks Entourage ausmachen, sich ausgetauscht oder gar mit den Kandidat*innen solidarisiert? Natürlich nicht.

Die Entsolidarisierung mit den anderen marginalisierten Personen birgt den Vorteil, sich selbst in eine privilegierte, wenn auch sehr fragile und prekäre Position zu bringen, die einen erst einmal begünstigt. Die britisch-türkische Sozialwissenschaftlerin Deniz Kandiyoti hat für dieses Phänomen mit umgekehrten Gendervorzeichen Ende der 1980er-Jahre den Terminus Patriarchal Bargain geprägt. Einige Frauen entwickeln demnach im Patriarchat bestimmte individuelle Verhaltensweisen, mit denen sie trotz ihres Geschlechts innerhalb des Systems reüssieren, auch wenn dies auf Kosten aller anderen marginalisierten Personen geht und das System weiterträgt. Je repressiver das System, desto größer die Verlockung, der Unterdrückung vermeintlich zu entkommen und sich selbst in eine Pole-Position zu bringen, um an anderen vorbeizuziehen, in eine Sicherheit und Unantastbarkeit. Dumm nur, dass der Patriarchal Bargain immer ein einseitiger Deal ist, der, sobald besagtes Individuum dem autoritären System nichts mehr nützt, aufgelöst werden kann. So wurden dann auch die treudoofen Top-Model-Männer aus Banks Team wegen sinkender Einschaltquoten unter den erstbesten Bus geworfen, als ihrer Herrscherin ein Bauernopfer brauchte. Und genauso wäre vermutlich auch Alcina mit ihren Profiteur*innen wider-fahren, hätte sie am Ende nicht mit gebrochenem Herzen und ihrer Macht beraubt dagestanden.

Die bittere Erkenntnis ist am Ende, dass das, was uns Oper und Reality-TV beide gleichermaßen erzählen, nicht weiter als ein Spie-gel dessen ist, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Auch deshalb unterscheiden sich Hoch- und Trash-Kultur, Oper und Reality-TV nicht wirklich voneinander. Und wie auch, entstehen sie doch aus uns selbst heraus. Die Rollenbilder begleiten uns seit vielen Jahrhunderten, die Konstruktion von Macht und Gender greift auf immer ähnliche Komponenten zurück. Und wir alle gehen einen Patriarchal Bargain ein, entsolidarisieren uns und werden Teil der Strukturen, die dieses System der Ausbeutung am Laufen halten. Sei es durch die nicht angemeldete Putzkraft, die einmal in der Woche den Haushalt in Ordnung bringt. Oder durch die bequeme Amazon-Prime-Mitgliedschaft, die uns alles binnen kürzester Zeit vor die Tür liefert. Oder durch eben auch das laute Schweigen, von dem wir ein Teil sind, wenn wir weghören, wenn ein Vorgesetzter einen sexistischen Kommentar macht. Diese Machtstrukturen werden von uns, den vielen kleinen Schultern, getragen. Doch es könnte genauso gut auch anders sein. Um es mit den Worten des großen Anthropologen David Graebers zu sagen:

„The ultimate, hidden truth of the world is that it is something that we make, and could just as easily make differently.“

 

1 Und ja, es sind nicht nur Männer, aber Männer sind eben Hauptverursacher des Patriarchats.

2 „Weiblich gelesene Wesen“ ist insofern korrekter als Frau, als dass eine Femme fatale durchaus nicht zwingend menschlicher Natur sein muss, sie kann auch eine Nymphe, eine Göttin, Halbgöttin, Sirene, Hexe oder, wie in diesem Fall, Magierin sein.

3 Auch deshalb sind Formate beliebt, die diese Datingshow-Teilnehmer*innen später, nach Monaten oder Jahren, im „echten Leben“ nochmal zu ihren Erfahrungen befragen. Viele geben an, in dieser Blase aus konstruierter Realität nur bedingt zurechnungsfähig gewesen zu sein; die Rückkehr ins Leben geht oft damit einher, dass von den Gefühlen nach dem Rausch nicht mehr viel übrig ist. Entzauberung! Die Welt hat ihren Glanz verloren.

4 Obwohl es selten eine Person öffentlich zugibt, wissen jedoch alle vor und hinter der Kamera, dass die Suche nach Liebe nur der gesellschaftlich anerkannte Vorwand für die Teilnahme ist.

5 Also bestenfalls Geld und Einfluss.

6 Das kann die Erfüllung romantischer Liebe sein, wie bei Bradamante und Ruggiero, oder auch eine Familienbande wie bei Oberto und seinem Vater Astolfo.

7 Bei Männern ist die Sache nicht so eindeutig, denn auch wenn die Ausgangslage bei den bekannten Versionen des alten französischen Volksmärchens Die Schöne und das Biest der von Alcina ähnelt (also im Zentrum steht beide Male eine Beziehung, die geprägt von einem Abhängigkeitsverhältnis und Androhung von Mord ist), so erweist sich das Biest im Gegensatz zu Alcina doch der Gefühle seiner Geisel wert und einer Rettung durch die wahre Liebe“ würdig. Auch hier zeigt sich wieder ein Fall davon, dass wir einem Mann, selbst einem Biest, mehr durchgehen lassen als einer Frau.

8 „Be glad we just want equality, and not revenge!“ lautet ein Slogan, der sich seit ein paar Jahren auf feministischem Merch-Artikeln finden lässt. Was dort allerdings nie zu finden ist, ist der Verweis, dass das Originalzitat „They’re lucky what black people are looking for is equality, and not revenge“ lautet und von der Schwarzen Autorin und Black-Lives-Matter-Aktivistin Kimberly Latrice Jones im Rahmen der Proteste 2020 während einer flammenden Rede gesagt wurde. Die Worte einer Schwarzen Frau zu mehr als 400 Jahren rassistischer Unterdrückung zu nehmen und auf feministische T-Shirts zu drucken, zeigt vor allem eins: Kein Verständnis für die zugrunde liegenden Ausbeutungsmechanismen und keine Scham dafür, sich die Arbeit anderer für den eigenen Profit anzueignen.

9 Fast schon folgerichtig, dass als erster Treffer bei der Googlesuche nach Alcina „ALCINA | Online Shop Hautpflege, Make-Up und Haarpflege“ erscheint und erst danach Treffer zu Händels Oper.

10 Simone de Beauvoir schrieb, dass wir nicht als Frauen geboren, sondern erst durch die Gesellschaft dazu gemacht werden. Einer dieser Prozesse ist eine Art sozialer Vertrag, der im Moment unserer Geburt geschlossen wurde und der besagt, dass wir heimlich rasieren, zupfen, pudern etc. müssen. Zwar kann die feministische Frau aktiv aus dem Vertrag austreten und sich entweder dem Diktat verweigern (nichts rasieren, nichts schminken), oder die Beauty Labour hinter diesen Prozeduren transparent machen, doch beides verursacht soziale Kosten.

11 Kleopatras berühmte Vollbäder in Eselsmilch wirken fast schon gewöhnlich verglichen mit Marie Antoinettes Peeling aus hochfermentierten Tauben oder Sisis Ledergesichtsmaske aus frischem Kalbsfleisch.

12 Keeping up with the Kardashians (2007–2021) und The Kardashians (seit 2022) sind bizarre und großartige Reality-TV-Formate, die sich rund um das Leben der fünf Kardashian-Schwestern und ihrer Mutter drehen. Von Staffel zu Staffel werden die Kardashians mächtiger, reicher und mit ihnen wachsen auch die Marker für Status und Erfolg.

13 Auch wenn dies immer noch ein Privileg von Menschen mit großem verfügbarem Einkommen ist.

14 The Real Housewives ist seit 2006 ein Reality-TV-Franchise, was nichts anderes bedeutet, als dass die Produktion wie eine Bäckerei-Kette Filialen überall eröffnen und die Real Housewives Einblicke in das Leben einer sehr reichen „Hausfrau“ geben, wobei die wenigsten dieser Ladies tatsächlich Hausfrauen sind. Einige der Housewives wirken allerdings so, als ginge es darum, Reichtum für die Kameras vorzugaukeln, in der Hoffnung, ihn auf diese Weise für die Zukunft zu manifestieren.

15 Womöglich zählt auch Alcina zu ihnen, dazu müssten wir Kontext zu dem sozialen Umfeld jenseits ihrer Insel, aus der Heimat von Bradamante, Ruggiero und Co haben.

16 Zu gewinnen gab es zwar einen Modelvertrag, doch der war, genau wie in Klums deutschem Ableger, so gut wie nie die erhoffte Eintrittskarte in die Karriere, sondern eher eine mit Stigma behaftete Teilnahmeurkunde. Nicht ein Topmodel, sondern die Sendung an sich war das Produkt, die Schicksale der Frauen und Mädchen waren der Stoff, aus dem das Drama der Sendung sich speiste. Und weil mit jeder Staffel noch eins draufgelegt werden musste, wurden die Aufgaben, Tests, Make-Overs und Jurykommentare, denen sich die Kandidatinnen unterziehen mussten, immer absurder und übergriffiger. Irgendwann kamen auch Männer dazu, doch männliche Models, die sich untereinander zanken, bringen weniger Quote, und mit ihnen wurde auch anders umgegangen.

17 Der gängigere Begriff ist das Pick-me-Girl und bezeichnet eine weiblich gelesene Person, die sich im Patriarchat der Macht, also meist Männern, anbiedert, um persönliche Vorteile daraus zu ziehen, auch wenn es anderen Personen dadurch schlechter geht. In den vorliegenden Kontexten, sowohl der Oper als auch der Sendung, sind die Gendervorzeichen der Macht umgekehrt, weswegen sich Männer in die Position bringen, durch Unterwürfigkeit von der mächtigen Frau begünstigt zu werden – die Pick-me-Boys.

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Rebekka Endler

Rebekka Endler ist freie Journalistin, Podcasterin und Buchautorin aus Köln. Ihr erstes Buch Das Patriarchat der Dinge über patriarchales Alltagsdesign (Dumont, 2021) wurde in mehrere Sprachen übersetzt, ebenso wie ihr zweites Sachbuch Witches, Bitches, It-Girls (Rowohlt, 2025). Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehört es, aufzuzeigen, wie Systeme der Unterdrückung das Leben von Menschen in Bezug auf Geschlecht, Klasse, Hautfarbe und Sexualität beeinflussen.