„Leb wohl, dU kühnes herrliches Kind!“

Von der Wiedergeburt Brünnhildes und der Allwissenheit der Natur

Rahel Schwarz

Die Walküre Brünnhilde ist die wahrscheinlich ikonischste Figur in Wagners Ring des Nibelungen. Mit Schild und Speer gerüstet, erscheint sie den gefallenen Helden, um sie nach Walhall zu führen; sie ist die Lieblingstochter Wotans, wendet sich aber von ihm ab; entbrennt in Liebe mit Siegfried, dem freien Helden, verrät ihn an Hagen und bringt schlussendlich die Erlösung für diese Welt, die in einem ewigen Kreis des Kampfes um die Macht gefangen ist. Brünnhilde ist zunächst unsterbliche Göttin, dann sterblicher Mensch und zuletzt Erlöserin. Mit ihrer Entwicklung verändert sich auch von Abend zu Abend ihr Stimmprofil. Mit ihr stellt Wagner dem Prinzip von Unsterblichkeit und Sterblichkeit, wie sie Wotan und Alberich im Rheingold verkörpern, ein Drittes gegenüber: ein buddhistisches Verständnis von Wiedergeburt als prozesshafter Veränderung, die schlussendlich ins Nirwana führt. In einer verworfenen Version von Brünnhildes Schlussgesang in Götterdämmerung schrieb Wagner:
„nach dem wunsch- und wahnlos heiligstem Wahlland, der Welt-Wanderung Ziel, von Wiedergeburt erlös’t, zieht nun die Wissende hin.“ Der Komponist entschied sich gegen die Vertonung dieser Zeilen, doch die Spur der Idee der Wiedergeburt, eng verbunden mit dem Prinzip der Natur als Gegenspielerin der Kultur, findet sich dennoch deutlich in Brünnhildes DNA.

Richard Wagner hat im Ring des Nibelungen verschiedenste Mythologien miteinander verwoben. Manche Fäden liegen offensichtlicher und zahlreicher an der Oberfläche, andere sind etwas tiefer und subtiler eingearbeitet. Viele der Fäden sind mit anderen aus anderen Mythologien eng verflochten. Durch diese heterogene Machart streben die Interpretationsmöglichkeiten des Rings in alle Richtungen aus und es ist oft schwer, alle Stränge zu bündeln. Es scheint verlorene Liebesmüh, eine stringente Umsetzung eines Prinzips zu suchen. Vielmehr kann man bestimmten Motiven folgen und aus der Art, wie sie in den Figuren und narrativen Vorgängen miteinander verwoben sind, den tieferen Zusammenhängen dieses Weltenepos auf die Spur kommen. Wagners Faszination für Indien und den Buddhismus spiegelt sich deutlicher in seinem Spätwerk wider und ist dort auch ausführlich belegt, oft in Verbindung mit seiner Schopenhauer-Lektüre. Doch auch im Ring scheinen Ideen des Buddhismus durch und werden mit anderen Mythologien vermischt. In der Figur der Brünnhilde verstrickt sich das Prinzip der Wiedergeburt mit den Prinzipien der Natur, des Weiblichen und letztendlich der erlösenden Kraft der Liebe.

Das ewige Dilemma Wotans ist, dass er sich eine Gesellschaft bzw. einen Staat aus Gesetzen geschaffen hat, die ihn selbst daran hindern zu handeln. Ein Verstoß gegen diese Regeln ist gleichbedeutend mit dem Ende seiner Welt. Gemeinsam mit dem Erbauer dieser Gesellschaft befindet sich jeder, der in Wotans Welt lebt, in einem ewigen Kreis ohne Hoffnung auf Entkommen. Dem Göttervater bleibt nach dieser Erkenntnis nur noch die Resignation und Hoffnung auf einen freieren Helden, der seine Welt erlöst. Schnell zeigt sich jedoch, dass dieser Held nicht frei in die Welt hineingeboren werden kann, da in dieser Gesellschaft zu existieren immer bedeutet, in einem Abhängigkeitsverhältnis zu stehen. Wotans Gegenspieler Alberich scheitert in seinem sterblichen Leben an dem Versuch, zu ewiger Macht zu kommen, und gibt dieses Begehren an seinen Sohn Hagen weiter. Siegmund und Sieglinde suchen einander, nur um in dem Moment der Vereinigung von den äußeren Regeln, vertreten durch Hunding und Fricka, getrennt zu werden. Siegfried, der freie Held, großgezogen als Mensch der Natur ohne Kenntnis der Funktions-weise der Gesellschaft, strebt verzweifelt danach, Teil derselben zu sein und geht letztendlich daran zugrunde. Keine dieser Figuren kann dem Konflikt, den sie von dem Moment an, in dem sie die Bühne betritt, in sich trägt, entgehen. Der ewige Kampf um den Ring ist nur ein äußeres Zeichen dieses Festgefahren-Seins.

Wagner setzt dem Staat Wotans zwar eine zweite Macht, die Macht der Natur, gegenüber. Doch sie wird von Beginn an durch den Staat unterdrückt, was zum langsamen Rückzug aller Naturwesen bis hin zu Erdas Schlaf und dem Riss des Fadens der Nornen führt. Die Natur scheint in der Übermacht des Staates nur noch resigniert und passiv zuschauen zu können. Der Konflikt zwischen Kultur und Natur ist im Ring schon für die Kultur gewonnen. Damit fehlt dieser Welt jedoch auch eine bestimmte Qualität des Wissens. Im Rheingold geben die Rheintöchter ein geheimes Stück ihrer Kenntnis über das Gold preis. Auch Loge, eine post-prometheische Inkarnation des Feuers, das sich mit den Göttern verbunden hat, scheint über ein Verständnis für diese Welt zu verfügen, das dasjenige Wotans übersteigt. Schlussendlich erscheint der Quell dieses Wissens in Erdas Auftritt. Die Ur-Wala, die alles weiß, was war, wird und sein wird, eröffnet dem Gott Wotan einen kleinen Einblick in ihre allumfassende Kenntnis der Dinge. Und Wotan, der mit seiner eigenen Unkenntnis konfrontiert wird, muss ihr folgen, um auch dieses letzte Geheimnis der Welt zu lüften. Die Vereinigung mit Erda ist jedoch keine friedliche oder von beiden Seiten gewollte. Wotan hat Erda bezwungen beziehungsweise vergewaltigt. Brünnhilde ist ihrer beider Tochter.

HERKUNFT AUS DER NATUR

Die Natur schenkt Wotan Brünnhilde. Ihrer Herkunft nach ist sie gleichermaßen Kind der Kultur wie der Natur. Der Ruf, den sie bei ihrem ersten Auftritt ausstößt, erinnert an diese Herkunft aus der Natur. Wie wir später lernen, ist dieses „Hojotoho! Hojotoho!“ der Schlachtruf der Walküren. In Siegfried stößt dann der titelgebende Held einen ähnlichen Ruf aus, wenn er aus dem Wald zurückkehrt. Doch zum jetzigen Zeitpunkt erinnert der vorsprachliche Ruf zunächst an das „Wagalaweia“ der Rheintöchter am Beginn des Rheingolds. Es wird schnell deutlich, dass die Erziehung Wotans und Frickas Brünnhilde den Zugang zu ihrem tieferen, natürlichen Verständnis der Welt verschleiert. Sie ist fester Teil von Wotans Gesellschaft, seine Lieblingstochter, „Wunschmaid“ und Walküre. Brünnhilde selbst definiert sich durch diese Aufgaben: „Wer bin ich, wär ich dein Wille nicht?“ Im Gespräch mit Wotan im zweiten Auf-zug, dem philosophischen Dreh- und Angelpunkt des Rings, beschränkt sich ihre Aufgabe auf das Zuhören. Hier ist sie ganz gehorsame Tochter. Die Regieanweisungen zu Beginn des Gesprächs unterstützen diesen Rollenwechsel dadurch, dass Brünnhilde die Walküre-Insignien „Schild, Speer und Helm“ wegwirft und sich zu Wotans Füßen niederlässt, ihr Kopf auf seinem Schoß. Ikonografisch zeigt Wagner hier deutlich, wie Brünnhilde sich dem Vater unterordnet. Alle ihre Einwürfe beschränken sich auf Nachfragen. Da sie sich völlig als Teil Wotans definiert, scheint sie auch keinen Zugang zu der Allwissenheit Erdas zu haben. Erst als Wotan den Tod Siegmunds befiehlt, befällt sie Unsicherheit. Der Befehl widerspricht dem Plan Wotans, wie sie ihn kennt, und vor allem geht er gegen ein anderes wichtiges Prinzip: die Liebe. Für Wotan jedoch überwiegt das Gesetz die Liebe. So funktioniert seine Gesellschaft.

Brünnhilde will Wotans Anweisung zunächst folgen. Sie tritt vor Siegmund und verkündet ihm den Tod. Doch Siegmund weigert sich. Er, der von Wotan zum Hass auf die Götter und die Gesellschaft erzogen wurde, stellt die Liebe, die außerhalb des Staates existiert, vor das Gesetz. Wotans Tochter ist vor eine unmögliche Entscheidung gestellt: Gehorcht sie dem Vater, oder rettet sie Sieg-mund zusammen mit seiner Schwester und dem ungeborenen Kind, das Sieglinde von ihm erwartet? Aus ihrer Position als Walküre gibt es nur eine richtige Antwort: Sie muss den Befehl des Gottvaters Wotan befolgen und den Helden nach Walhall begleiten. Stattdessen schlägt sie „im heftigsten Sturme des Mitgefühls“ Wotans Befehle in den Wind und verspricht stattdessen Siegmund die Rettung. Sie trifft damit eine freie Entscheidung, eine absolute Seltenheit im Ring des Nibelungen. Passend dazu stellt das Orchester Brünnhildes Mitgefühl keines der – sonst hinter jeder Ecke lauern-den – Leitmotive zur Seite, ihre Entscheidung geschieht außerhalb des Netzes an Ursache und Wirkung, das dem Publikum hier auf-gespannt wird.

Durch ihr Mitgefühl lernt Brünnhilde die „reine Menschenliebe“ kennen. Dieses Prinzip ist für Wagner, wie er in Oper und Drama aus-führt, die innere Bewegung des Menschen, die den verdorbenen Staat zu Fall bringen kann. Sie ist eine natürliche Regung – im Konflikt zwischen Kultur und Natur also deutlich der Natur zuzuordnen. Schon im ersten Aufzug der Walküre besiegte die Natur die Kultur durch die Beziehung der Zwillinge Siegmund und Sieglinde.

DIE ENTDECKUNG VERBORGENER MÖGLICHKEITEN

In dem Moment der Vereinigung im ersten Aufzug bricht der Mond in das dem Staat und der Gesellschaft zuzuordnende Haus Hundings ein und scheint auf die Geschwister. Die Empfängnis des Kindes steht so im Zeichen der Natur und ist kein Resultat des naturfernen Staates und seiner Gesetze. Darin liegt das Potenzial des ungeborenen Kindes, der freie Held Siegfried zu werden. Gleich-zeitig ist für Wagner die Schwangerschaft Sieglindes ein Beweis für die natürliche Rechtmäßigkeit der Beziehung. Brünnhilde, die Tochter Erdas, kann, anders als Wotan, diese verborgene Möglichkeit erkennen, weil sie selbst eine direkte Verbindung zur Natur hat. Dieser Teil von ihr, der bisher durch die Zugehörigkeit zu Wotans Gesellschaft verschleiert wurde, erwacht nun. Ihre Entscheidung, Siegmund zu helfen, trennt sie von dieser Gesellschaft, sie verstößt wissentlich gegen die Gesetze des Staates und gewinnt ein „religiöses Bewusstsein“. Durch ihre neuentdeckte Fähigkeit, rein-menschliche Liebe zu empfinden, geht sie außerdem den ersten Schritt zur eigenen Menschwerdung.

Für Ludwig Feuerbach, zu dessen Philosophie Wagners Werk die meisten Parallelen aufweist, kann sich die Liebe, so schreibt er in Gedanken über Tod und Unsterblichkeit (1830), nur in der Einmalig-keit des menschlichen Lebens entfalten. Brünnhildes Entscheidung für die Liebe ist in diesem Sinne eine Entscheidung gegen die Unsterblichkeit. Wotan fasst das in klare Worte, als er sie im dritten Aufzug für dieses Vergehen zur Rechenschaft zieht. Er, der Gott, muss auf die Liebe verzichten, um seine Welt aufrecht zu erhalten. Brünnhilde aber lernte am Beispiel Siegmunds und Sieglindes die Liebe kennen und wendet sich dadurch von der Göttlichkeit ab. Schon im direkten Vergleich der ersten Szene zwischen Wotan und Brünnhilde mit der Bestrafungsszene im dritten Aufzug der Walküre zeigt sich eine Ver-änderung der Dynamik zwischen den beiden. Sie ist nicht mehr die hörige Tochter, die dem Vater lauscht, sondern eine gleichberechtigte Gesprächspartnerin, deren Wissen ein anderes ist als Wotans. In ihr wurde eine Veränderung ausgelöst, durch die sie eine größere Erkenntnis über die inneren Zusammenhänge gewonnen hat, auch wenn sie diese noch nicht endgültig erfasst hat. Das Resultat dieser Veränderung ist der „Tod“ der Walküre Brünnhilde. Sie hat die Liebe kennengelernt und kann daher keine Göttin mehr sein. Wie in einer Todeszeremonie bahrt Wotan sie auf. „Er küsst sie auf beide Augen, die ihr sogleich verschlossen bleiben […]. Er geleitet sie zart auf einen niedrigen Mooshügel zu liegen, über den sich eine breitästige Tanne ausstreckt.“ Sorgsam schließt er ihr den Helm und deckt sie mit dem Walkürenschild zu. Wagner ruft hier nicht umsonst Assoziationen zu Begräbnisriten auf. Ihre Wiedergeburt ist schon beschlossen. Sie soll als menschliche Frau wieder erwachen.

 

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