Vom Messer in der Schwarte und dem eiligen Ei

Mirjam Neumeister über Pieter Bruegels Schlaraffenland in der Alten Pinakothek

Wenn einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und süßer Schlummer einen übermannt – das ist doch das Paradies. Oder nicht? Das „Schlaraffenland“ bezeichnet so einen paradiesischen Zustand. Zugegeben – der Weg dorthin durch einen klebrigen Brei ist ein nicht leicht zu überwindendes Hindernis. Aber dann gibt es Speis und Trank im Überfluss; jederzeit vorhanden, immer erreichbar. Eigentlich wie im Hier und Heute, in der 24 / 7-Verfügbarkeit der Warenwelt, und sei es auch nur die Pizza aus dem Gefrierfach. Und wozu gibt es Bringdienste und Mikrowellen, Konservenbüchsen und Instantnudeln? Aber vielleicht ist das noch gar nicht der Gipfel der Genüsse. Zumindest nicht in der Vorstellung von Pieter Bruegel dem Älteren, der mit seinem Schlaraffenland in der Alten Pinakothek eine bildliche Visualisierung solcher Sehnsüchte schuf. Zwar gibt es hier einen Zaun, gewunden nicht aus Weidenruten, sondern aus Bratwürsten, den Kaktusbaum aus Brotfladen und die Dachziegel aus Kuchen. Aber der eigentliche Clou: Nicht die Menschen machen sich zu den Nahrungsmitteln auf, sondern diese übernehmen die Initiative und bieten sich zum Verzehr an. So trägt das Schwein das Messer schon in seiner appetitlichen Schwarte; die Gans – selbstverständlich ebenfalls verzehrfertig – legt bereitwillig ihren Hals auf den Teller, und das Ei auf seinen flinken Beinchen sucht hurtig einen Esser. Alles ist in Bewegung, einschließlich der Gegenstände auf der absichtlich schief an einem Baumstamm befestigten Tischplatte, wo der Nachschub nur noch darauf wartet, dem nächsten Hungrigen in den Mund zu rutschen. Nur die Menschen nicht, sie liegen passiv auf dem Boden. Hier drehen sich die Verhältnisse um. Verkehrte Welt, nichts ist, wie es scheint, und damit ist Vorsicht geboten. Bruegel wählte eine anschauliche Komposition, um diejenigen, die das Bild betrachten, in das Geschehen einzubeziehen. Wie die Speichen eines Rades sind die Vertreter dreier Stände um einen Baum angeordnet: Ein Ritter mit rotem Umhang, Rüstung und Lanze, ein Bauer mit seinem Dreschflegel sowie ein durch seinen pelzgefütterten Mantel und das am Gürtel befestigte Tintenfässchen ausgewiesener Gelehrter liegen mit offensichtlich prall gefüllten Bäuchen auf der Erde. Bauer und Ritter schlafen schon, wie ihre entspannte Körperhaltung signalisiert, während der Gelehrte mit weit aufgerissenen

Augen noch zu sinnieren scheint. Seine unter dem Kopf verschränkten Arme und das darunterliegende Schriftstück neben dem Buch deuten aber Untätigkeit und nutzloses Dösen an. Vielleicht fixiert er aber auch nur den Krug über ihm, aus dessen Öffnung vermutlich eine köstliche Flüssigkeit heraustropft. Der Bauer liegt auf seinem Dreschflegel, und auch der Soldat ist nicht zum schnellen Einsatz bereit, mit dem abgelegten Handschuh und der Lanze zu seinen Füßen. Sein Kompagnon im Unterstand wirkt auch nicht so, als sei er auf dem Sprung. Zwei Lebensentwürfe, vita activa und vita contemplativa, finden im seligen Nichtstun zusammen. Die Protagonisten in diesem Gemälde stehen stellvertretend für uns, für die Gesellschaft. Das Schlaraffenland bildet einen bis in die Antike zurückreichenden literarisch überlieferten Topos. Bezeichnete es Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen Narrenschiff noch eher allgemein als Ziel aller Narren, so lieferte Hans Sachs in einem um 1530 erschienenen Gedicht eine detaillierte, mit einer Warnung vor Müßiggang verknüpfte Beschreibung des Schlaraffenlandes, die, wie auch eine in Antwerpen weit bekannte Fassung, motivische Übereinstimmungen mit dem vorliegenden Gemälde zeigt. Die im Bild dargestellten, bequem erreichbaren Leckereien und die mit der Befriedigung aller sinnlichen Bedürfnisse einhergehende satte Zufriedenheit stehen stellvertretend für Faulheit und Völlerei, die Teil des schon im Mittelalter verbreiteten Todsündenkanons waren. Nach damaliger Auffassung galten sie als besonders verwerflich sowie als sicherer Weg ins Verderben. Mit dem Schlaraffenland macht Bruegel die alle gesellschaftlichen Schichten durchdringende enge Verbindung von menschlicher Trägheit und der Hingabe an die Laster unmittelbar anschaulich. Somit stellt das Münchner Gemälde ein warnendes Beispiel für menschliches Fehlverhalten dar – eine bittere Pille, in viel Zuckerguss verpackt. Zugleich ist es überraschend aktuell: Kennen wir nicht auch einen gewissen Überdruss im Überfluss? Eine leise Unruhe in Momenten des Müßiggangs? Die nagende Reue nach dem Rausch? Den Zweifel im allzu einfach Erreichten? Das Zeitalter des Humanismus und der aufkommende Protestantismus stellten die Eigenverantwortlichkeit des Menschen in den Vordergrund

Nicht das Schicksal, sondern man selbst wurde zum Schmied des eigenen Glücks, die gute Tat zur Vorbereitung auf das Jenseits. Und so meinen wir auch heute, uns im Griff und damit alles in der Hand zu haben. Das Schlaraffenland in der Alten Pinakothek entstand 1567 und zählt damit zu den späten Werken des 1569 gestorbenen Malers. Neben Landschaften schuf Bruegel häufig Szenen des ländlichen Lebens. Die Darstellungen von dörflichen Festen und Hochzeiten trugen ihm den Beinamen „Bauern-Bruegel“ ein. Doch was auf den ersten Blick heiter und ausgelassen wirkt, entzaubert sich, wenn man weiß, dass das „Land“ im humanistischen Denken als Gegenwelt zur kultivierten „Stadt“ galt, als Ort, wo bei der dort lebenden Bevölkerung Primitivität und Haltlosigkeit herrschten. Darstellungen bäuerlichen Lebens wurden als gleichermaßen komisch-unterhaltendes wie auch warnendes Beispiel gesehen. Damit gehören auch diese scheinbar unverfänglichen bäuerlichen Szenen zu den Sinnbildern und Allegorien, in denen sich Bruegel mit Leitbildern, Sinnsprüchen und menschlichem Fehlverhalten auseinandersetzte. Dabei kam der Unterhaltungswert nicht zu kurz: Gerade in seinen frühen Darstellungen mit ihrem Detail- und Figurenreichtum wird die Welt wie im Wimmelbild festgehalten, das ein genaues Anschauen lohnt. Doch so humorvoll die Szenen wirken: Immer schwingt eine skeptische Grundhaltung mit, ein Zweifel, ob Vergnügen und Rausch allein erstrebenswert und der Sinn des Lebens sind. Also: Augen auf im Bruegelland!

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Mirjam Neumeister

Mirjam Neumeister studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Städtebau an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Nach ihrer Promotion 1999 war sie zunächst Volontärin, dann wissenschaftliche Mitarbeiterin am Städel Museum in Frankfurt am Main für die Bestandskataloge zur Holländischen Barockmalerei von 1550–1800 (Band 1 und 3) sowie für Ausstellungsprojekte. Seit 2007 ist sie Sammlungsleiterin für Flämische Barockmalerei an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München. Den von ihr kuratierten Ausstellungen zu Jan Brueghel d. Ä. (2013) und Anthonis van Dyck (2019 / 20) in der Alten Pinakothek gingen umfangreiche und von ihr geleitete Forschungsprojekte in Zusammenarbeit mit dem Doerner Institut voraus.

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