Gestische Prägnanz und humane Botschaft

Ein Porträt des Komponisten Brett Dean

Kerstin Schüssler-Bach

FÜLLE VON ANREGUNGEN

Erzählerische Fantasie, virtuose Instrumentalbehandlung und viel Raum für sangliche Passagen – mit diesen Attributen hat sich die Musik von Brett Dean einen festen Platz in der internationalen Musiklandschaft gesichert. Zumal der aus Australien stammende Komponist das Innenleben des Orchesterbetriebes genau kennt: Dean studierte Bratsche in seiner Geburtsstadt Brisbane und schloss das Studium bei Wolfram Christ in Berlin ab. 15 Jahre lang war er Mitglied der Berliner Philharmoniker, bevor er den Sprung in das freischaffende Dasein als Komponist wagte. Seit Ende der 1990er Jahre werden seine Werke weltweit aufgeführt, was nicht nur an ihrer Souveränität und Ausdrucksstärke liegt, sondern auch an ihrer unmittelbaren Zugänglichkeit für die Hörer. Deans expressive Musik gewinnt Anregungen aus Literatur und bildender Kunst. Sie ergreift Stellung zu gesellschaftlichen Fragen und überzeugt mit ihrer Intensität und Aufrichtigkeit. Durch seine Herkunft aus dem Orchesterspiel fordert Dean die Virtuosität der Interpreten in hoch ausdifferenzierter Klanglichkeit bis an die Grenzen. So nutzt er das Reservoir aktueller Kompositionstechniken wie Vierteltöne und erweiterte Spieltechniken bis ins Geräuschhafte jenseits gewohnter Hörerfahrungen.

Seit vielen Jahren beschäftigt den Komponisten die Gefährdung der Natur, zuletzt in seinem großen Chorwerk In This Brief Moment (2021) nach Charles Darwins On the Origin of Species (Der Ursprung der Arten). Er hat über ökologische Krisen geschrieben (Pastoral Symphony, 2001; Water Music, 2004; Fire Music, 2011), über AIDS (Ariel’s Music, 1995), den medialen Overkill (Game Over, 2000), den Irak-Krieg (Ceremonial, 2003) und die Flüchtlingsthematik (Eclipse, 2003). Er experimentierte mit dem Rockmusiker Simon Hunt in einer Improvisationsgruppe und tauchte mit eigenen Sessions in Berlins alternative Clubszene ein. Mit seiner ersten Oper Bliss (2010) vertonte er den gleichnamigen Kultroman von Peter Carey, ein Zeitpanorama über einen Aussteiger aus dem Turbokapitalismus der Werbebranche.

VATER SHAKESPEARE

Umso überraschender schien es daher, dass sich Dean mit seiner zweiten Oper Hamlet (2017) der Welt William Shakespeares zuwandte. Das beim Glyndebourne Festival uraufgeführte Werk, das 2023 auch an der Bayerischen Staatsoper zu erleben war, ist allerdings gewiss kein Historienspektakel. Weltweit konnte sich ein Kinopublikum durch die Übertragung einer Vorstellung aus der New Yorker Metropolitan Opera von der theatralischen Qualität dieser Hamlet-Version überzeugen. Brett Dean und sein Librettist Matthew Jocelyn formten aus Shakespeares Tragödie ein „starkes Stück“ (Opernwelt), das 2018 mit einem Opera Award als beste Uraufführung ausgezeichnet wurde. Jedes Wort stammt von Shakespeare, doch durch radikale Striche, Umstellungen und Fragmentierungen wurde ein neuer Blick auf den Text möglich. Diese Hamlet-Adaption unterstreicht weniger die melancholische Seite der Titelfigur als die selbstzerstörerische Energie eines jungen Mannes, der gezwungen ist, sein Inneres zu verleugnen. Die kraftvolle, atemlose Musik bewies neuerlich Deans Sinn für gestische Plastizität, energiegeladene Steigerungen und teils aberwitzige Virtuosität, bot aber auch Raum für Reflexionen und melodische Anker.

MUTTER ENGLAND

Nachdem diese Oper, dirigiert in Glyndebourne wie in München von Vladimir Jurowski, international so erfolgreich war, folgte der Auftrag für eine dritte Oper schnell. Noch ausgehend von der durch den Hamlet-Kosmos evozierten Sphäre angelsächsischer Weltliteratur und Geschichte wählte Dean die Rivalität der Königinnen Elisabeth I. und Maria Stuart als Sujet. Of One Blood heißt sein neues Bühnenwerk, das am 10. Mai 2026 an der Bayerischen Staatsoper aus der Taufe gehoben wird. „Von einem Blut“ sind die beiden Herrscherinnen, als „Schwesternkrieg“ ging ihre Beziehung in die Weltliteratur ein. Persönlich begegnet sind sich Elisabeth I. und ihre Cousine Maria aus dem schottischen Haus der Stuarts nie. Und doch waren ihre Schicksale untrennbar miteinander verflochten. Ihre Fehde ist auch einem Streit der Religionen geschuldet: Aus katholischer Sicht war die Schottin legitime Erbin des Hauses Tudor und somit die rechtmäßige englische Königin. Auf Druck ihres Parlaments entledigte sich die Protestantin Elisabeth schließlich ihrer Rivalin. Zahlreiche Legenden ranken sich um den politischen und privaten Gegensatz der „Königin der Herzen“ Maria und der „jungfräulichen Königin“ Elisabeth. Intrigen, Verschwörungen und Manipulationen beherrschten das Handeln beider Parteien. Am Ende war das gemeinsame Blut nicht dicker als das Verlangen nach Macht.

Für Brett Dean offenbart sich in dieser Tragödie ein zeitloser Konflikt. Bewusst entschied er sich daher mit seiner Librettistin Heather Betts, ausschließlich auf historisches Textmaterial zurückzugreifen: „Ich habe diese Geschichte auch gewählt, um uns durch sie Aspekte unseres eigenen Lebens erkennen zu lassen – über gemeinsame menschliche Emotionen, die heute so lebendig sind, wie sie es 1587 waren. Die antiquierte elisabethanische Sprache bringt eine wunderbare Abstraktion, die ein Stück Abstand schafft zu der reizlosen, durch Social Media erodierten Kommunikation des 21. Jahrhunderts.“

Mit Vladimir Jurowski am Pult und dem Regieteam um Claus Guth hat Deans neue Oper starke Anwälte. „Es gibt viel in dieser Partitur und ihrer Klangwelt, das, so hoffe ich, das Publikum nicht nur in einen Raum des emotionalen Engagements, sondern auch des Nachdenkens locken wird – und es dort hält“, sagt Dean. Nach der Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper wird Of One Blood auch an der Santa Fe Opera sowie in einer Neuinszenierung an der Garsington Opera und an der State Opera South Australia zu erleben sein.

BEZÜGE ZU EINST UND JETZT

Der historische Stoff bringt es mit sich, dass Dean sich auch mit der Musik der Tudor-Zeit beschäftigt. Zuvor hatte er in etlichen anderen Werken den Dialog mit musikhistorischem Material gesucht: etwa von Carlo Gesualdo (Carlo, 1997), Hugo Wolf (Wolf-Lieder, 2006) oder Johannes Brahms (in dem mit dem Grawemeyer Award ausgezeichneten Violinkonzert The Lost Art of Letter Writing von 2006). Die Anspielungen reichen von freier Paraphrasierung biografischer Stationen bis zu einer subtilen Montagetechnik, die über den Zitatcharakter hinaus ein dichtes Netz soziokultureller Bezüge webt. Das Ensemblestück Recollections (2006) trägt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schon im Titel. Die sechs Sätze spüren dem Phänomen der Erinnerung und des Gedächtnisses nach. Der letzte Satz von Recollections verwendet fremdes Material: Dean lässt hier wie eine antiquarische Intarsienarbeit eine Romanze von Clara Schumann in seine eigene Sprache ein: „ein Artefakt, das unter viel Staub, vielleicht auf einem Dachboden versteckt, gefunden wurde, etwas, das einen in die Vergangenheit zurückversetzt“, wie der Komponist es schildert.

Brett Deans eigene Erfahrung als weiterhin aktiver Bratschist, Kammermusiker und ehemaliger Orchestermusiker – der auch immer noch gerne selbst im Orchester Platz nimmt – verschafft ihm nicht nur kollegialen Respekt bei den Interpreten. Immer spürbar ist auch seine tiefe Liebe zu einem Repertoire, das er sich über viele Jahrzehnte als ausübender Musiker erschlossen hat. Ein Fixpunkt ist Ludwig van Beethoven. In Deans viel gespieltem Orchesterwerk Testament (2008) verbindet sich die Bewunderung für Beethovens epochale Streichquartette mit der Nachzeichnung seiner Ertaubung. Testament evoziert zunächst eine bildhafte Idee: das fieberhafte Geräusch von Beethovens Schreibfeder auf pergamentenen Blättern. Nach hektischen Streicherfiguren und fast tinnitusartigen Flötenmotiven zitiert Testament aus den Rasumowsky-Quartetten und aus der dritten Symphonie, der Eroica. Die Klänge wehen schemenhaft vorbei, verstörend wie Bruchstücke aus Beethovens ertaubenden Ohren. (Der Mitschnitt dieses Werks aus einem Konzert des Bayerischen Staatsorchesters unter der Musikalischen Leitung von Vladimir Jurowski erschien, zusammen mit Beethovens zweiter Symphonie, 2022 als CD beim hauseigenen Label Bayerische Staatsoper Recordings.) 2019 folgte das Klavierkonzert Gneixendorf Music. A Winter’s Journey. Momente von aggressiver Härte oder selbstsichere Phrasen wechseln auf dieser letzten Reise Beethovens mit davonhuschenden Läufen und fast zärtlichen Echos aus dem Klaviertrio op. 70 Nr. 2 und den Diabelli-Variationen. Anderen Vorbildern zollt der Zyklus der Homage Etudes (2009–2023) Tribut, von Johann Sebastian Bach bis zu Deans Mentor György Kurtág, mit dem er immer noch in Verbindung steht.

Auf der einen Seite steht die hochvirtuose Herausforderung von Deans Musik, die er etwa in Etüdenfest (2000) aufrauschen lässt. Auf der anderen Seite ist er ein zutiefst empathischer Künstler, der den Menschen ins Zentrum seiner Werke stellt. So sind die einzelnen Sätze des Streichquintetts Epitaphs (2010) klingende Nachrufe auf Freunde und Kollegen. In Komarov’s Fall (2006) erinnert Dean an den russischen Kosmonauten Wladimir Komarow, der 1967 beim Absturz seines defekten Sojus-Raumschiffs ums Leben kam – ein erstes Opfer des interstellaren Wettrüstens im Kalten Krieg. Auch hier verbindet sich wieder gestische Prägnanz mit humaner Botschaft. Wie ein verlorenes Signal im All flackern einzelne Töne auf und reißen plötzlich wieder ab. Hinter der kompositorischen Idee steht ein individuelles Schicksal.

KOSMOPOLITISCHE HEIMAT 

Nach langen Jahren in Berlin ist Brett Dean nach England gezogen. Dort lebt er mit seiner Frau in einem kleinen Dorf südwestlich von London. Die Nähe zu den beiden erwachsenen, ebenfalls in England lebenden Töchtern sowie deren Familien ist dabei ebenso wichtig wie die gute Fluganbindung. Denn Dean ist weiterhin in den musikalischen Metropolen der Welt unterwegs: als Dirigent, als Bratscher und natürlich als Komponist, der zu seinen Aufführungen rund um den Erdball reist. Die geografische Nähe zu historischen Stätten der britischen Geschichte mag ihn in seiner Auseinandersetzung mit Of One Blood und der Tudor-Epoche angeregt haben. Natürlich hat Dean auch die Grabstätten von Elisabeth und Maria Stuart in der Westminster Abbey besucht: Die konkurrierenden Königinnen fanden nur wenige Meter voneinander entfernt ihre letzte Ruhestätte. Aus dieser posthumen physischen Nähe gewann Dean Inspiration für die Konzeption der Oper. Vor Identifikation und Emotionalität scheut sich seine Musik nicht – weltweit weiß das Publikum genau das zu schätzen.

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Kerstin Schüssler-Bach

Kerstin Schüssler-Bach studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Geschichte in Köln und wurde über die Bühnenwerke Frank Martins promoviert. Sie war Dramaturgin an den Opernhäusern in Köln und Essen und Leitende Dramaturgin an der Hamburgischen Staatsoper. An der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und an der Universität zu Köln hatte sie Lehraufträge für Operndramaturgie. Seit 2015 ist sie im internationalen Komponistenmanagement des Musikverlags Boosey & Hawkes tätig, der auch Brett Deans Werke verlegt. Sie veröffentlichte zahlreiche Werkessays und wissenschaftliche Beiträge und war Mitherausgeberin der Brahms-Studien. 2023 erschien ihre Monografie über die Dirigentin Simone Young.

OF ONE BLOOD