Of One Blood
Notiz zur Inszenierung
Claus Guth und Yvonne Gebauer
Claus Guth und Yvonne Gebauer
Der Ausgangspunkt unserer Arbeit war eine scheinbar einfache, zugleich grundlegende Frage: Warum diese historische Geschichte erzählen – jetzt?
Die Faszination für Brett Deans musikalischen Kosmos stand für uns immer außer Frage. Die eigentliche Herausforderung lag im Zugriff auf das historische Material. Wie lässt sich ein Stoff erzählen, der so tief in seiner eigenen Zeit verwurzelt ist, ohne ihn zu illustrieren oder vorschnell in eine vermeintliche Gegenwart zu übertragen? Im Zentrum stand für uns nicht die Wiederholung historischer Abläufe, sondern der Versuch, sie als gegenwärtiges Geschehen erfahrbar zu machen. Die Inszenierung versteht Historie nicht als abgeschlossene Abfolge von Ereignissen, sondern als Konstruktion: als etwas, das gelesen, interpretiert und hergestellt wird. Die Figuren erscheinen nicht als feststehende Identitäten, sondern als Resultate von Zuschreibungen, Projektionen und Überlieferungen. So verschiebt sich der Fokus: Von der Nacherzählung zu der Frage, unter welchen Bedingungen Geschichte sichtbar wird.
Der entscheidende Zugang kam aus den Quellen selbst. In den Briefen zwischen Mary Stuart und Elizabeth I. begegnen sich zwei Frauen, die einander niemals persönlich kennengelernt haben – ausschließlich in der Sprache. Die Anrede „my dearest sister and cousin“ beschwört Nähe: Verwandtschaft, Gleichrangigkeit, beinahe Intimität.
Aber die Sprache hält nicht, was sie verspricht: Jenseits der Sprache zeigt sich eine Realität, in der politische Entscheidungen und ihre gewaltsamen Folgen sich unmittelbar in die Körper einschreiben – als öffentliche Demütigung, als Gefangenschaft und schließlich als Hinrichtung. Zwischen diesen Ebenen – der Rhetorik der Nähe, der Demonstration von Macht und der Fragilität der Körper – entfaltet sich die Inszenierung.
Mary Stuart und Elizabeth I. erscheinen darin weniger als psycho-logisch ausgestaltete Charaktere denn als Trägerinnen verschiedener Formen der Macht. Beide sind hochgebildet und souverän im Gefüge von Hof, Religion und Politik – doch ihre Biografien verlaufen in gegenläufigen Bahnen. Stefan Zweig spricht von einer „welthistorischen Antithese“.
Marys Aufstieg erscheint raketenhaft: Wenige Tage nach ihrer Geburt ist sie Königin von Schottland und wächst auf am französischen Hof im Zentrum der europäischen Macht. Ihre Rückkehr nach Schottland markiert einen existenziellen Wendepunkt: Mit der Wahl Darnleys als Ehemann, der Nähe zu ihrem Sekretär Rizzio und der unheilvollen Verbindung mit Bothwell – dem vermutlichen Mörder Darnleys – verschärfen sich Marys innenpolitische Verwicklungen. In rasender Geschwindigkeit verliert sie Kontrolle, Macht, Legitimation und stürzt vollkommen ab.
Elizabeth dagegen setzt ihre Macht mit Beharrlichkeit durch. Sie kontrolliert, sie stabilisiert, sie hält durch. Ausgehend von einem prekären Ausgangspunkt – als illegitime Tochter politisch marginalisiert und in ihrer Jugend bedroht – baut sie mit strategischen Entscheidungen und konsequenter Selbstkontrolle schrittweise ihre Position aus. Ihre Biografie beschreibt einen langsamen, kontrollierten Aufstieg.
Mary und Elizabeth stehen einander gegenüber, ohne sich je zu begegnen. Was sie voneinander wissen, entsteht aus der Distanz – aus Briefen, Berichten und Gerüchten. Jede reagiert auf das Bild der anderen, nicht auf die Person selbst. Zwischen ihnen entsteht kein Dialog. Stattdessen bestimmen Zuschreibungen, Verschiebungen und eine wachsende Bedrohung ihr Verhältnis.
Die Inszenierung folgt dieser Konstellation, ohne sie in eine lineare Erzählung zu überführen. Historisches Material – Briefe, Situationen, Konstellationen – wird nicht rekonstruiert, sondern freigelegt. Nebeneinandergestellt, überlagert, in seiner Widersprüchlichkeit sichtbar gemacht.
Die Distanz zum Stoff ist kein Mangel, sondern Voraussetzung. Sie erlaubt es, nicht das Ereignis zu zeigen, sondern die Strukturen, die es hervorbringen – Mechanismen von Macht, Formen der Projektion, Entscheidungen unter permanenter Unsicherheit.
Geschichte ist nicht vergangen. Sie setzt sich fort – in veränderter Gestalt, aber unabgeschlossen.
Claus Guth wurde in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität sowie Theater- und Opernregie an der Hochschule für Musik in München. Seit 1990 arbeitet er als freischaffender Regisseur. Er arbeitete an den großen internationalen Opernhäusern, u. a. an der Opéra national de Paris, der Wiener Staatsoper, der Staatsoper Hamburg, am Teatro alla Scala in Mailand, am Opernhaus Zürich, an der Semperoper Dresden, De Nederlandse Opera, am Theater an der Wien, am Teatro Real in Madrid, am Teatro San Carlo, am Bolschoi-Theater sowie bei den Festspielen in Erl, Bayreuth, Aix-en-Provence, Gyndebourne und Salzburg. Für seine Inszenierungen von Daphne und Pelléas et Mélisande an der Oper Frankfurt wurde er zweimal mit dem Theaterpreis Der Faust ausgezeichnet. 2022 erhielt er den Olivier Award für die beste Produktion – Jenůfa am Royal Opera House Covent Garden in London – und 2023 den Oper! Award für die beste Regie. 2025 wurde er bei den International Opera Awards als Regisseur des Jahres ausgezeichnet. Er inszenierte eine Reihe von Uraufführungen, darunter Beat Furrers Violetter Schnee an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, Luciano Berios Cronaca del luogo bei den Salzburger Festspielen und Chaya Czernowins Heart Chamber an der Deutschen Oper Berlin. Zu seinen Eigenkreationen zählen Arbeiten mit Helmut Oehring oder Doppelgänger an der Park Avenue Armory in New York. Am Residenztheater inszenierte er 2025 Cabaret. An der Bayerischen Staatsoper debütierte er 1996 mit Macht Masse Mensch im Marstall; es folgten Luisa Miller, Bluthaus von Georg Friedrich Haas – 2022 beim Musiktheaterpreis in Österreich als beste internationale Produktion ausgezeichnet –, Semele und Die Liebe der Danae. Nach der Uraufführung Of One Blood kehrt er 2026/27 für Doctor Atomic hierher zurück.