Das Produkt einer Welt der Lüge
Die Regisseurin Barbara Wysocka Über Rigoletto
Foto: Andrew Moisey aus seiner Serie The American Fraternity: An Illustrated Ritual Manual
Foto: Andrew Moisey aus seiner Serie The American Fraternity: An Illustrated Ritual Manual
MK Malte Krasting
BW Barbara Wysocka
MK Worin liegt die Aktualität des Stoffes, den Victor Hugo und Giuseppe Verdi behandeln?
BW Ein Hof, an dem Manipulation herrscht, graue Eminenzen die Fäden ziehen und Verrat zur alltäglichen Strategie gehört – ist das wirklich etwas, das nur der historischen Vergangenheit angehört? Ein Ort, an dem Macht missbraucht wird, um Verbrechen zu begehen und Gewalt auszuüben? Diese Welt ist gar nicht so weit entfernt, wie wir es gern glauben würden. Wenn wir die Epstein-Files lesen, wenn über Skandale in Machtkreisen berichtet wird, wenn wir die Kultur des Schweigens rund um sexuelle Gewalt beobachten, erkennen wir genau denselben Mechanismus.
Der Hof des Herzogs ist eine Metapher für jeden Ort, an dem Macht auf Straffreiheit trifft. Insofern finden sich viele zeitgenössische Entsprechungen dieser Welt überall dort, wo Machthierarchien wirken und wo diese Macht keiner Kontrolle unterliegt. Solche Höfe existieren auf allen Ebenen, und sie sind keine Einzelfälle. Eine systemische Kultur, in der Gewalt normalisiert wird und Opfer zum Schweigen gebracht werden.
MK Rigoletto ist von Beruf ein Narr. Was hat das zu bedeuten? Was können wir heute damit verbinden?
BW Der Narr ist kein Kostüm. Was Rigoletto auszeichnet, ist die Abwesenheit von Grenzen – in seiner Boshaftigkeit, in der Demütigung anderer, in verbaler Gewalt, im zynischen Spott. Er darf alles sagen. Er ist der Einzige, der den König kritisieren darf.
MK Wer übernimmt heute diese Rolle?
BW Der zeitgenössische Narr ist jemand, der das Privileg der Rede und der Straffreiheit besitzt, beispielsweise politische Berater, Influencer oder Internet-Trolle. Rigoletto geht aber noch weiter: Er manipuliert Wahrheit. Er ist ein Komplize der Macht, ein Mitverantwortlicher für ihre Verbrechen.
MK Der Fluch: Warum hat er eine so starke Auswirkung auf Rigoletto? Müsste er nicht viel abgebrühter sein, nach allem, was er gesehen und mitgemacht hat?
BW Der von Monterone ausgesprochene Fluch trifft Rigoletto an seiner empfindlichsten Stelle: seinem Geheimnis.
Der Fluch benennt eine Angst, die bereits vorhanden war, die aber nie ausgesprochen wurde. Das funktioniert wie ein Trauma. Rigoletto lebte immer in Angst. Er versteckte seine Tochter, weil er wusste, wie die Welt ist, in der er lebt. Er wusste, wozu der Herzog fähig ist, weil er dabei war, ihm geholfen hat, vielleicht sogar Opfer vermittelt hat. Der Fluch wird also zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Je mehr Rigoletto versucht, ihm zu entkommen, desto stärker verwirklicht er ihn.
MK Schafft Rigoletto seine eigene Tragödie?
BW Rigoletto handelt aus guten Motiven: Er will Gilda schützen. Aber er sperrt sie ein, sagt ihr nicht die Wahrheit über seine Arbeit oder wer er wirklich ist.
Gilda hingegen sehnt sich nach Freiheit. Sie will die Welt kennenlernen. Und als der erstbeste attraktive Mann ihr sagt, dass er sie liebt, glaubt sie ihm.
Hätte Rigoletto seiner Tochter vertraut, vielleicht hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Aber er ist selbst ein Produkt einer Welt der Lüge.
MK Sie interessieren sich in Ihren Arbeiten für die möglichen Entscheidungen, die Punkte, an denen die Handlung anders hätte verlaufen können. Wo sind in Rigoletto diese Punkte zu finden?
BW Dieser Punkte gibt es viele. Diese Geschichte hätte glücklich enden können … aber wen interessieren glückliche Enden in der Oper? Man braucht eine Leiche – am besten weiblich.
Der Moment, in dem Rigoletto Monterone verspottet: Was wäre gewesen, hätte er Mitgefühl gezeigt?
Der Moment, in dem Gilda dem Herzog glaubt: Noch nie hat jemand ihr Aufmerksamkeit geschenkt. Wie sollte sie auch anders handeln?
Der Moment, in dem Rigoletto Sparafucile engagiert: Er ist überzeugt, dass das Gesetz für Menschen wie ihn nicht existiert. Der Herzog ist für ihn das Gesetz.
Der Moment, in dem Maddalena sich in den Herzog verliebt: faszinierend, oder? Sie, die Hunderte von Männern gesehen hat, die deren wahre Natur kennt, verfällt demselben Zauber, der Gilda zerstört hat. Gewalt wird weitergegeben – von Generation zu Generation. Daraus auszubrechen ist unglaublich schwer.
Der Moment, in dem Gilda das Gespräch belauscht: Trifft sie dort vielleicht die einzige wirklich freie Entscheidung ihres Lebens?
MK In welcher Welt, in welcher Szenerie erzählen Sie die Geschichte von „Rigoletto“?
BW Wir erzählen diese Geschichte als eine Erzählung des 20. und 21. Jahrhunderts und lassen uns von Bildern zeitgenössischer Diktatoren und ihrer Höfe inspirieren, durchforsten die Epstein-Files, lesen Nachrichten, schauen politische Thriller. Wir haben nach zeitgenössischen Entsprechungen der Figuren gesucht. Jedes der zentralen Motive ist heute präsent: Maskierung, Machtmissbrauch, sexuelle Gewalt, das Streben nach Kontrolle. Wir wollten keine konkrete Diktatur zeigen, sondern ein universelles Bild von Macht.
MK Und die Welt Sparafuciles?
BW Sparafuciles Welt ist brutal, aber ehrlich. Das ist das Paradox: Die kriminelle Welt erscheint reiner als die Welt der Macht. Denn dort gibt das Böse nicht vor, gut zu sein.
MK Wer ist der Herzog für Sie?
BW Reine Macht. Straflosigkeit. Gedankenlosigkeit. Narzissmus. Dummheit.
MK Ist der Herzog böse?
BW Nicht im klassischen Sinne. Er ist ein Produkt eines Systems, das ihm alles erlaubt hat. Er hat nie ein „Nein“ gehört. Er hat nie Konsequenzen erlebt. Das macht ihn gefährlich, denn er versteht nicht einmal, dass er verletzt.
Er ist ein ewiges Kind im Körper eines erwachsenen Mannes mit unbegrenzter Macht. Und dennoch ist er charmant. Das ist erschreckend. Gilda verliebt sich in ihn. Maddalena verliebt sich in ihn. Sein Zauber wirkt, weil er mit Macht verbunden ist.
MK Welche Eigenschaften sehen Sie in Gilda? Was bedeutet für sie „Liebe“? Ihren Vater kennt sie erst seit wenigen Tagen, den Herzog kennt sie eigentlich gar nicht. Wie kann sie ihn lieben? Ist das nur Projektion?
BW Gilda ist eine äußerst komplexe Figur. Wir wissen über ihre Vergangenheit nur, dass sie in einem Kloster war und dass sie vor drei Monaten zu ihrem Vater zurückgekehrt ist. Das ist alles. Sie bleibt ein Rätsel, auch für Rigoletto. Ich sehe Gilda nicht als naiv. Sie sucht nach Identität und sie vollendet sich im Tod, wie so viele Opernheldinnen. Ihre Liebe ist kein Wissen, sondern Projektion und Sehnsucht.
MK Wie inszenieren Sie ihre Transformation?
BW Gilda überschreitet zum ersten Mal die ihr gesetzten Grenzen, als sie sich erlaubt, Interesse am Herzog zu entwickeln. Das ist ihr erster Akt des Widerstands gegen den Vater. Ihr ganzes Leben lang haben andere über sie entschieden. Der Vater bestimmte, wo sie lebt, wann sie ausgeht, was sie tut. Der Herzog bestimmte, wie er sie verführt. Doch in diesem einen Moment – als sie den Plan Sparafuciles hört, als sie versteht, dass der Herzog sterben soll – entscheidet sie selbst. Ihr Tod ist ein Akt der Liebe und der Freiheit. Ist das Emanzipation? Ist es Tragödie? Beides.
Gilda sagt, dass sie den Herzog liebt. Ich glaube, Gilda stirbt nicht für den Herzog – sie stirbt für sich selbst. In der Welt von Rigoletto ist der Tod die einzige Form von Freiheit für eine Frau.
MK Was bedeutet die „Ehre“ eines Mörders?
BW Sparafucile hat einen Kodex. Er wird für eine Arbeit engagiert, und er führt sie aus. Er ist, was er ist: ein Mörder. Und er hat Regeln. Als Maddalena ihn bittet, den Herzog zu verschonen, weigert er sich zunächst. Er hat einen Vertrag mit Rigoletto. Sein Wort hat Gewicht. Natürlich wird er diesen Kodex am Ende brechen – aber nur unter klar definierten Bedingungen. Wenn jemand anderes kommt, wird diese Person getötet statt des Herzogs. Der Vertrag wird erfüllt.
MK Ist Maddalena Opfer oder Komplizin?
BW Beides zugleich. Maddalena ist eine Frau in einer Welt von Männern. Sie benutzt ihren Körper, um zu überleben. Sie ist ein Werkzeug in den Händen ihres Bruders. Aber sie kennt auch ihren Wert und weiß, wie Verführung funktioniert. Und als der Herzog versucht, sie zu verführen, durchschaut sie ihn. Und doch fällt sie in dieselbe Falle wie Gilda: sie verliebt sich.
MK Was bleibt nach dieser Geschichte?
BW Die Frage nach Verantwortung und nach Schuld. Wer ist verantwortlich für Gildas Tod?
Der Herzog – der sie verführt und zerstört hat?
Rigoletto – der sie eingesperrt und belogen hat?
Sparafucile – der den Mord ausgeführt hat?
Maddalena – die den Plan verraten hat?
Gilda selbst – die den Tod gewählt hat?
Die Antwort lautet: Alle. Und niemand. Jeder erfüllt seine Rolle in einer Maschine, die Menschen zermahlt. Und jeder kann sagen: „Ich war es nicht. Ich habe nur Befehle ausgeführt. Ich habe nur meinen Job gemacht. Ich wollte doch nur schützen.“ Aber das Ergebnis ist dasselbe: Eine junge Frau ist tot.
MK Welche Emotion möchten Sie dem Publikum mitgeben?
BW Ich möchte, dass es die Gegenwart erkennt. Jeder von uns kann etwas von sich selbst in dieser Geschichte finden und das ist so beunruhigend daran.
MK Zum Schluss: Warum „Rigoletto“ heute? Warum jetzt?
BW Weil wir in Zeiten leben, in denen Lüge zur Sprache der Macht geworden ist. In denen Gewalt normalisiert wird und Opfer beschuldigt werden. In denen mächtige Männer sich für unantastbar halten. Rigoletto ist eine Warnung, eine Dystopie und ein Ruf nach Veränderung.