Der Dirigent Maurizio Benini über Rigoletto
Foto: Francesco Squeglia
Foto: Francesco Squeglia
MK Malte Krasting
MB Maurizio Benini
MK Was war Ihre erste Begegnung mit Giuseppe Verdi und mit „Rigoletto“?
MB Die erste Oper, die ich als Dirigent geleitet habe, war tatsächlich eine von Verdi, nämlich Alzira, eine Komposition aus seinem Frühwerk. Alzira zählt sicherlich nicht zu den Meisterwerken des Maestros – er selbst nannte sie eine „Schande“ –, aber sie war eine wichtige Erfahrung für das Verständnis von Verdis musikalischer Sprache. Meinen ersten Rigoletto dirigierte ich jedoch an der Mailänder Scala als Assistent von Maestro Riccardo Muti. Ich liebte diese Oper auf Anhieb und habe sie im Laufe meiner Karriere viele Male dirigiert.
MK Verdi sprach oft von einer besonderen „tinta“ in Bezug auf seine Orchesterbehandlung. Was bedeutet das? Und was ist daran besonders in „Rigoletto“?
MB Mit „tinta“ ist meines Erachtens Verdis Absicht und Fähigkeit gemeint, Klangatmosphären zu schaffen, die die psychologische Entwicklung der Figuren im Verlauf der Handlung begleiten und hervorheben. Diese sehr moderne Komposition markiert einen Bruch mit der Tradition, wie die Entscheidung zeigt, die übliche Ouvertüre durch ein Vorspiel zu ersetzen, das die „tinta“, das dramatische Thema der Oper – die Wiederholung des Tons C – präsentiert. Dieser Ton wird später von Rigoletto wieder aufgegriffen und prägt die Gesamtatmosphäre des Dramas.
MK „Rigoletto“ ist die erste Oper von Verdis sogenannter „trilogia popolare“. Was hat diese drei Opern noch erfolgreicher werden lassen als frühere wie „Nabucco“ oder „Macbeth“?
MB Mit der „trilogia popolare“ fand Verdi den Schlüssel zu einem wahrhaft musikalischen Drama – authentisch und damit modern –, das das Publikum aufgrund seiner Aktualität und Neuartigkeit sofort zu schätzen wusste. Ein Erfolg, der das Selbstvertrauen des Maestros festigte.
MK Es gibt eine Legende um die Arie des Herzogs: Verdi habe sie geheim gehalten bis zum Tag vor der Uraufführung, damit sein erwarteter „Hit“ die größtmögliche Wirkung entfalte. Stimmt das? Wie hat das Geschäft mit der Musik seinerzeit funktioniert?
MB Diese Legende wird erzählt, die meines Wissens nicht belegt ist, aber dennoch plausibel erscheint und die dramatische Wirkung bestätigt. Verdi fügte sogar einigen seiner Verträge mit Theatern eine Klausel hinzu, die den Publikumszutritt bei den Generalproben untersagte, vermutlich um die Spannung zu steigern.
MK Können Sie die musikgeschichtliche Stellung des berühmten Quartetts im dritten Akt erläutern? Was macht es zu einem so exquisiten Moment in dieser Opernpartitur, ja in der Musik überhaupt?
MB Natürlich kann man das Quartett als außerhalb der eigentlichen Handlung stehend betrachten, aber in Wahrheit ist es eine grundlegende Sequenz für die psychologische Untermalung jedes einzelnen Charakters, ein Moment erhabener Musik.