Mein fremdes Kind

Über die Autonomie
des Kindes und die Grenzen elterlichen Verstehens


Markus Paulus

Motiv: Unsplash / Annie Spratt

                Der undankbare Sohn?

„Das ist nun der Liebe schlimmer Lohn! Das der Sorgen schmählicher Sold!“ Mime zieht Bilanz. Er hat den elternlosen Siegfried als Säugling aufgenommen, ihn versorgt, ihn unterrichtet und aufgezogen. Viele Jahre seines Lebens, vielleicht sogar seine besten Jahre, sind in diese Aufgaben geflossen, die wir heute als „Care-Arbeit“ bezeichnen würden. Nun präsentiert er dem Herangewachsenen die Summe all seiner Leistungen und erwartet dafür Dank-barkeit. Er scheint menschliche Beziehungen als Tauschverhältnis zu verstehen – und hofft darauf, dass irgendwann Zahltag ist. Doch Siegfried weist dies zurück. Er lehnt Mimes Essen ab, äußert sich verächtlich über seine Arbeit und sagt schließlich, dass er ihn nicht leiden könne. Welches Elternteil wäre bei diesen Äußerungen eines Kindes nicht verletzt und empört?

Nun ist Mime keine gewöhnliche Vaterfigur. Seine Fürsorge um Siegfried ist von Beginn an mit instrumentellen Motiven durch-setzt und in einen eigenen Plan eingebunden. Der junge Held soll für ihn den Drachen Fafner töten und den Nibelungenhort gewinnen. In vielerlei Hinsicht ist Mime ein eigennütziger Manipulator. In seiner Klage setzt er die Rolle des gekränkten Pflegevaters gezielt ein. Ob er dabei ein vorhandenes Gefühl dramatisiert – kaum vorstellbar, dass über all die Jahre keine emotionalen Bande gewachsen sind – oder die Empörung lediglich vortäuscht, bleibt offen.

Vielleicht macht gerade die monströse Überzeichnung etwas sichtbar, das zu jeder Eltern-Kind-Beziehung gehört: Das Kind ist von Anfang an ein eigensinniges Gegenüber, das anderen und sich selbst nie völlig durchsichtig ist. Seine spontanen Reaktionen können die Erwartungen und Hoffnungen der Eltern durchkreuzen. In der Adoleszenz verschärft sich diese Spannung. Trotz seiner stark verzerrten Form kommt uns hier das Geschehen um Mime und Siegfried nahe. Mime leitet aus seiner Fürsorge das Recht ab, festzulegen, was Siegfried fühlen und wollen müsse. Welches Elternteil kennt nicht die Versuchung zu glauben, es verstehe das eigene Kind besser als dieses sich selbst – und wisse deshalb auch, was das Beste für es sei?

Und wer kennt nicht die irritierende Erfahrung, dass einem ein vertrautes Kind plötzlich fremd erscheinen kann – dass seine Worte, Wünsche und Handlungen sich den eingespielten Deutungen entziehen?
 

                Das vertraute und zugleich unbekannte Kind: Grenzen des Verstehens

Kaum jemand ist einem so vertraut wie das eigene Kind. In den ersten Lebensjahren ist das Kind vollständig von seinen Bezugspersonen abhängig und nimmt einen erheblichen Teil ihrer Zeit und Sorge in Anspruch. Die Eltern werden zunehmend mit seinen Eigenschaften und Eigenheiten, seinen Vorlieben und Abneigungen vertraut, und können frühzeitig ihr Verhalten darauf abstimmen. Zugleich ist auch dem Kind niemand vertrauter als seine Bezugspersonen. Da sein Wohlergehen von ihnen abhängig ist, sind Kinder bemerkenswert gut darin, emotionale Stimmungen wahrzunehmen und das Verhalten ihrer Bezugspersonen zu antizipieren. Die enge Verbundenheit zwischen Eltern und Säugling ist in der psychoanalytischen Tradition häufig als symbiotisch beschrieben worden. Und dieser Begriff spiegelt ja auch eine wichtige Erfahrung wider. Das Leben des Kindes vollzieht sich in eng aufeinander bezogenen und vertrauten Abläufen mit seinen Bezugspersonen.

Doch Eltern erleben ihr Kind auch als eigensinnig, rätselhaft und mitunter undurchschaubar. Schon der Säugling ist kein passiver Teil einer stets harmonischen Einheit. Er wendet sich zu und ab, weist Spielangebote zurück und widersetzt sich elterlichen Beruhigungsversuchen. Die Erfahrung, dass man nicht wisse, warum der Säugling gerade schreie oder warum das junge Schulkind heute so in sich gekehrt wirke, ist Teil jeder Elternschaft. Durch eigene Signale und Rhythmen verändert ein Kind zudem das Verhalten der Bezugspersonen auf unvorhersehbare Weise. Mit ihrem Begriff der Natalität fasst Hannah Arendt diese Erfahrung, dass jedes neue Leben einen Anfang darstellt, der sich den Erwartungen und Plänen anderer niemals vollständig fügt. Aus relationaler Sicht bilden Eltern und Kind ein eng verflochtenes System, aber ohne zu einer Einheit verschmolzen zu sein. Es ist ein System, das sich im Laufe der Entwicklung des Kindes und sich verändernder Lebensumstände immer wieder aufs Neue koordinieren muss. Menschliches Verstehen beinhaltet daher eine Vorläufigkeit: Menschen können einander verstehen, aber ihre Perspektiven fallen niemals vollständig zusammen. Diese Differenz ist kein bloßer Mangel des Verstehens, sondern gehört zur Begegnung zwischen eigenständigen Personen. Wie aber ist zwischenmenschliches Verstehen unter dieser Voraussetzung möglich?
 

                Verstehen entsteht in der Beziehung

Die Entwicklung des Verstehens beginnt nicht auf einem unbeschriebenen Blatt. Die Eltern bewegen sich bereits in einer Kultur. Sie sind kompetente Teilnehmer einer entwickelten Kommunikationspraxis, die über sprachliche und nicht-sprachliche Formen des Austausches verfügt und die sie an ihr Kind herantragen.

Erste Formen des Verstehens zwischen Eltern und Kind entwickeln sich auf praktischer Ebene. Eltern haben eine Idee davon, dass man ein Kind aufnimmt und wiegt, wenn es schreit. Sie interpretieren sein Zeigen auf ein Spielzeug als Zeichen, dass es dies haben möchte. Und sie behandeln erste lautliche Äußerungen als Wörter, reagieren enthusiastisch oder imitierend darauf, und legen damit den Grundstein für die Sprachentwicklung. Zugleich beeinflussen die typischen Reaktionen und Präferenzen des Kindes, welche gemeinsamen Formen des Spielens, des Tröstens oder des Aufforderns sich zwischen ihnen einspielen. Gelingendes Verstehen auf der Handlungsebene zeigt sich darin, ob sich Interaktionsformen etabliert haben. Führt die Geste der Eltern dazu, dass sich das schreiende Kind beruhigt? Dann haben die Eltern gelernt, ihr Kind zu verstehen.

Mit der Entwicklung sprachlicher Fertigkeiten entsteht eine neue Form des Verstehens. Eltern verfügen über Begriffe für Hunger, Müdigkeit, Angst oder Trotz, lange bevor das Kind diese Begriffe nutzen kann. Das zunächst sprachlose Kind ist darauf angewiesen, dass Andere sein Verhalten entsprechend deuten (wir sagen etwa: das Kind schreit, weil es Angst hat), um angemessen für es sorgen zu können. Die Entwicklungspsychologie spricht hier vom elterlichen Mentalisieren: Eltern deuten das Verhalten des Kindes im Zusammenhang mit Empfindungen, Bedürfnissen oder Absichten. Solche Deutungen ermöglichen differenziertere Reaktionen und gemeinsame sprachliche Bearbeitung: Wir haben eben nicht nur ein schreiendes Kind vor uns, sondern verstehen sein Verhalten als Ausdruck von Angst und handeln entsprechend. Ob diese Deutung trägt, zeigt sich dann wiederum im Fortgang der Interaktion. Dem Kind bietet das Hineinwachsen in und das Beherrschen dieser sprachlichen Praxis die zunehmende Möglichkeit, selbst Begriffe für seine Zustände zu wählen und die sprachlichen Deutungen anderer zu korrigieren: „Nein, ich habe keine Angst, ich bin nur müde.“

Mit seinem Widerspruch wird das Kind zum aktiven Beteiligten an der gemeinsamen Deutung seiner Erfahrung. Verstehen ist also weder ein Blick in ein verborgenes Inneres noch ein gesicherter Besitz der Eltern. Es wird in der Interaktion hergestellt und bleibt korrigierbar.

Dabei besteht eine unvermeidliche Asymmetrie. Eltern beherrschen die sprachlichen und sozialen Praktiken, in die die Kinder erst hineinwachsen müssen. Die kindliche Entwicklung muss gelenkt werden, nicht alles kann ausgehandelt werden. Problematisch wird die Asymmetrie, wenn aus der Verantwortung für das kindliche Handeln ein Anspruch auf das Empfinden und Denken des Kindes wird; und wenn Eltern sich herausnehmen, dass sie besser verstehen, was Ein Beispiel hierfür wäre, wenn die Eltern ihrem Kind auf seine Selbst-beschreibung antworten: „Du bist nicht müde, du hast Angst“, und keinen Widerspruch zulassen. Damit stülpen sie dem Kind ihre eigene Deutung über und formulieren sie nicht als Angebot für gemeinsames Verstehen. Legitim bleibt die Asymmetrie dagegen, solange Eltern ihre Deutungen an den Antworten des Kindes prüfen und ihm mit zunehmenden Kompetenzen mehr Mitsprache über seine Selbstbeschreibung zugestehen.
 

                Die Adoleszenz als Neuordnung der Beziehung

Die immer schon vorhandene Eigensinnigkeit des Kindes erhält in der Adoleszenz eine neue Reichweite. Jugendliche können bestehende soziale Ordnungen grundsätzlicher hinterfragen. Sie können verschiedene Lebensmodelle vergleichen und eigene Zukunftsentwürfe entwickeln. Neue Freundschaften entstehen, die bewusster gewählt werden, und Sexualität und romantische Beziehungen eröffnen neue Erfahrungen. Es entstehen Lebensbereiche, zu denen die Eltern weniger Zugang haben. Familiäre Beziehungen, Routinen und Werte bleiben prägend, aber sie verlieren an Deutungsmacht.

Hierin liegt eine Ambivalenz der Autonomie. Eltern helfen ihrem Kind, selbstständig zu werden. Und sie müssen dann erleben, dass es seine Selbstständigkeit auch gegen sie wenden kann. Gerade im Jugendalter kommt es zu einer Neuordnung der Beziehungen. Nähe und Distanz, Autorität und Mitsprache sowie die Sicht auf die Person des Jugendlichen müssen neu ausgehandelt werden. Die mit dem Jugendalter verbundene Rebellion kann dabei als ein Versuch gesehen werden, die bisherigen Grundlagen der Beziehung zu verändern und einen eigenen inneren und äußeren Raum herzustellen. Die sogenannte Ablösung des Jugendlichen von seinen Eltern ist in dieser Perspektive keine Lösung der Verbindung, sondern ein Wunsch nach Veränderung der bisherigen kommunikativen und sozialen Routinen. Für Eltern – gerade wenn sie diese Schritte nicht mitgehen wollen oder mitgehen können – kann dies wie persönliche Zurück-weisung wirken und das eigene Kind kann wie ein fremdes, in manchen Situationen vielleicht sogar feindliches Wesen erscheinen.

Greifen wir unseren Gedanken wieder auf, dass Verstehen ein zwischenmenschlicher Prozess ist, der in Interaktionen hergestellt wird und korrigierbar bleibt. Die zunehmenden Kompetenzen von Jugendlichen gehen demnach mit dem Bedürfnis einher, dass sich die bisherigen Formen der Verständigung so verändern, dass ihre größere Autonomie in ihnen wirksam werden kann.
 

                Mime und die verweigerte Verständigung

Kommen wir zurück zu Mime und Siegfried. Die Interaktion zwischen beiden zeigt klar, wie eine solche Aushandlung scheitern kann. Siegfried sagt, dass er Mime nicht leiden könne. Mime erklärt dagegen, dass seine Rückkehr zu ihm seine Liebe beweise. Eigentlich müsse er ihn sogar lieben.

Siegfried ist auf der Suche nach seiner Identität. Er möchte nicht nur wissen, woher er kommt, sondern auch, wer er ist und wer er sein wird. Interessant ist, dass er sein Spiegelbild im Bach gesehen hat und Mimes Erzählung zurückweist, weil die beiden sich nicht im Geringsten gleichen. Identität zeigt sich darin, welche Geschichte man über sich und sein Leben erzählt. Sie ist ein Akt der Autonomie, da die Geschichten der Eltern zwar aufgenommen, aber auf eigensinnige Weise mit anderen Erfahrungen und Deutungen zu etwas Neuem verwoben werden.

Mime steht ihm dabei nicht als respektvolles Elternteil bei, das die Ansprüche Siegfrieds auf die Deutung seines Lebens anerkennt. Vielmehr spricht er ihm das Recht ab, seine eigenen Gefühle zu benennen und seine eigene Geschichte zu entwerfen, und will mit Macht seine Deutung durchsetzen. Er benötigt einen starken Siegfried – stark genug, um seine Pläne auszuführen –, der aber gleichzeitig kontrollierbar und willfährig ist. Da er Siegfried vor allem im Hinblick auf seine eigenen Pläne und Selbstbilder sieht, muss ihm Siegfrieds Autonomiestreben fast zwangsläufig als Verrat vorkommen. Für Mime und seine instrumentellen Pläne scheint die einzige Möglichkeit zu sein, Siegfrieds Autonomie zu verhindern und ein Herrschaftsmodell zu etablieren.

Was heißt das nun für unsere Frage nach dem gegenseitigen Verstehen? Es geht nicht darum, dass Mime nicht in das Innere von Siegfried blicken kann – Siegfried selbst besitzt kein abschließendes Bild davon, wer er ist oder sein möchte. Mimes wahre Grenzen liegen darin, dass er Siegfried nicht als ausreichend autonomen Teilnehmer an der Verständigung über ihre Beziehung akzeptieren kann und er seine Ansprüche und seine Individualität nicht anerkennt.
 

                Die Fremdheit anerkennen

Fremdheit ist keine Eigenschaft des Kindes, sondern – in bestimmtem Ausmaß – eine grundsätzliche Erfahrung in Beziehungen. Sie tritt besonders deutlich hervor, wenn einstmals vertraute Prozesse und Formen, mit denen gegenseitiges Verstehen immer wieder hergestellt wurde, nicht mehr tragen. Dies geschieht verstärkt, wenn ein Kind mit wachsenden Kompetenzen anders zu reagieren beginnt, als die Eltern es erwartet hätten, und es den alten Formen entwächst.

Dies gilt es zunächst anzuerkennen. Anerkennung ist dabei keines-falls gleichbedeutend mit uneingeschränkter Zustimmung. Das wäre nur eine Umkehrung der Unterordnung, wobei sich Eltern dem Willen des Kindes fügen. Eltern dürfen widersprechen, müssen mitunter Grenzen setzen und sollten sich sorgen. Sie müssen aber damit rechnen, dass ihre Deutungen vorläufig sind, und den Jugendlichen als jemanden anerkennen, dessen Perspektiven die eigenen Einschätzungen verändern und bereichern können.

Elternschaft bewährt sich nicht darin, die Differenz zwischen Eltern und Kind aufzuheben, sondern in der Bereitschaft, das vertraute Kind immer wieder neu kennenzulernen. Dazu gehört, sich von ihm und seinen Antworten überraschen und von seinen Einwänden korrigieren zu lassen. Freilich bedarf es dafür eines Bewusstseins der Grenzen der eigenen Deutung sowie des Verzichts auf vollständige Kontrolle. Der Eigensinn des Kindes erscheint dann als etwas Wertvolles. Zeigt sich darin nicht die verheißungsvolle Seite dessen, was Hannah Arendt als Natalität bezeichnet? Mit jedem Menschen tritt die Möglichkeit eines neuen Anfangs in die Welt, der die Pläne anderer überschreiten, vertraute Beziehungen weiterentwickeln und unser Leben bereichern kann. Vielleicht liegt hier der Kern von Mimes Scheitern. Er kann Siegfrieds Eigensinn nicht als neuen Anfang erkennen, sondern nur als Gefährdung seiner Pläne sehen – und bleibt letztlich in Besitzstreben und Herrschaft verstrickt.

Wie gefällt Ihnen der Artikel?

71 Reactions