„Ruhe, ruhe, du Gott!“ – zum Tod von Sir Donald McIntyre

Eine angelsächsische Laufbahn: Geboren 1934 im neuseeländischen Auckland, ging Donald McIntyre zum Studium nach London, debütierte in Cardiff an der Welsh National Opera und wurde dann Ensemblemitglied an der Sadler’s Wells Opera in der britischen Hauptstadt. Die damals noch übliche Gepflogenheit, Opern in der Landessprache aufzuführen, trug wesentlich zu seiner Gesangskunst bei: einer deutlichen Diktion, die keine Silben reproduziert, sondern unmittelbar den Hörern etwas mitzuteilen beabsichtigt. Das war ein Kennzeichen aller seiner Interpretationen, ob im Italienischen (dem Zaccaria in Nabucco galt sein Debüt, Scarpia in Tosca sang er oft), im Englischen (Balstrode in Peter Grimes), im Französischen (Golaud in Pelléas et Mélisande) oder gar im Tschechischen (Jaroslav Prus in Die Sache Makropulos). Vor allem das Deutsche spielt bald eine herausragende Rolle in seinem Repertoire, denn seine so vornehm beherrschte Stimmkraft prädestinierte ihn für die großen Figuren in Richard Wagners Musikdramen: Hans Sachs (Die Meistersinger von Nürnberg), Kurwenal (Tristan und Isolde) – und in Parsifal im Laufe der Jahre alle drei in Frage kommenden Partien, Amfortas, Klingsor und Gurnemanz. Die Stimme Donald McIntyres vernahmen auch die Wagner-Brüder auf dem Grünen Hügel und holten den Bassbariton nach Bayreuth: 1967 war er als Telramund (Lohengrin) erstmals bei den Wagner-Festspielen zu Gast. In Erinnerung wird er allerdings in der längsten aller Partien bleiben: als Wotan im Ring des Nibelungen. Die Sterne standen glücklich für die Opernwelt, dass Donald McIntyre seinen Zenit erreichte, als der Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ (unter der Musikalischen Leitung von Pierre Boulez und in der Regie von Patrice Chéreau) entstand und er über die vollen fünf Jahre der Laufzeit dieser Produktion über die ganze sängerdarstellerische Fülle seines Könnens verfügte. Dank der ihrerseits schon legendären Fernsehaufzeichnung dieser Maßstäbe setzenden Inszenierung ist das auch für die Nachwelt dokumentiert.

An der Bayerischen Staatsoper war er über einen Zeitraum von über 25 Jahren immer wieder zu erleben. Mit Telramund begann es 1971, es folgten die Titelpartie im Fliegenden Holländer, natürlich Wotan und Amfortas, aber auch Pizarro (Fidelio), Jochanaan (Salome), Golaud und Scarpia. Besonders hervorzuheben ist sein Porträt des Cardillac in Paul Hindemiths gleichnamiger Oper; diese abgründige Figur gestaltete er hier 17 Mal (und einmal bei einem Gesamtgastspiel an der Deutschen Oper Berlin), was vielen Besuchern heute noch eindringlich in Erinnerung ist. Dem Balstrode in Peter Grimes galten seine letzten dokumentierten Auftritte im Nationaltheater; von der Premierenserie 1991/92 bis 1998 verkörperte er diese Partie in über zwei Dutzend Vorstellungen.

An den international bedeutenden Opernhäusern wie Wien, Zürich, Mailand, Paris, London und New York war er so gut wie zu Hause, doch auch seine Heimat vergaß er nie und kehrte regelmäßig für Auftritte dorthin zurück. Neuseeland dankte es ihm unter anderem mit dem „Icon Award“ der Arts Foundation, einer Ehrung, die stets nur höchstens zwanzig lebenden Neuseeländern gewährt wird. Sein Staatsoberhaupt, Königin Elisabeth II., ernannte ihn zum Officer of the Order oft he British Empire (OBE) und später zum Commander (CBE), bevor sie ihn 1992 zum „Knight Bachelor“ adelte.

Die Stadt München bedeutete ihm mehr als phasenweise Engagements: Hier lebte er, nachdem er sich von der Bühne zurückgezogen hatte, und hier starb er am 13. November 2025. Nun gilt auch ihm, dem großen Wotan-Interpreten, das Wort Brünnhildes bei ihrem Abschied von ihrem Vater: „Ruhe, ruhe, du Gott!“ Wir werden sein Andenken in Ehren halten.

Malte Krasting