Zum 80. Geburtstag von Herbert Wernicke

Am 24. März 2026 wäre der Regisseur Herbert Wernicke 80 Jahre alt geworden. Einige seiner bedeutendsten Regiearbeiten schuf er für die Bayerische Staatsoper; von seiner für München geplanten Ring-Produktion konnte er nur das Rheingold vollenden, seine Inszenierung von Elektra hingegen ist seit vielen Jahren im Repertoire. Auch eine der Probebühnen am Marstallplatz ist nach ihm benannt: Tagein, tagaus wird im Wernicke-Saal gesungen und probiert. Die Kostümbildnerin Eva-Mareike Uhlig, die mehrere Jahre eng mit Herbert Wernicke zusammengearbeitet hat, erinnert in einem persönlichen Text an den vor der Zeit verstorbenen Künstler.

„Maske landet in Schatz – Szene 4“. Ein Eintrag in meiner Kladde aus der Probenzeit während meiner Kostümmittarbeit am Rheingold an der Bayerischen Staatsoper im Februar 2002. Danach folgen zwei dicke rote Filzstiftstriche, etwas Platz bis zum Ende der Seite und auf den nächsten Seiten Notizen zu Requisiten und Kostümen für Die Walküre; dort am Rand der Eintrag: „1. Juni, ohne H.“

„H.“ ist Herbert Wernicke, der am 16. April 2002 nach einer spät entdeckten massiven Krebserkrankung im Kantonsspital in Basel so plötzlich gestorben war – während der Proben zu Händels Oratorium Israel in Egypt am Theater Basel, der Produktion, die sich ans Rheingold in München anschloss und auf die dann die Walküre hätte folgen sollen. Dort, in Basel, stritten weißgepuderte, barock kostümierte Menschen mit Allongeperücken um die Zukunft des jüdischen Volkes und einen neuen Staat. Im zweiten Teil, der – weil noch nicht fertig inszeniert – nach Herbert Wernickes Tod nur konzertant aufgeführt wurde, waren die schwarzen Skelette des World Trade Centers als düstere Verheißung für die Zukunft vieler Völker als Teil des Bühnenbildes geplant. Die mit dieser Katastrophe verbundenen Konflikte beschäftigen uns noch immer, noch immer suchen wir Lösungen. Genauso wie auch für die Geschehnisse, die im Ring verhandelt werden.

Inzwischen hatte ich an zahlreichen Produktionen des „Gesamtkunstwerk-Künstlers“ Herbert Wernicke mitgewirkt. Mit Fidelio und Don Carlo lernte ich als Kostümassistentin der Salzburger Festspiele seine Arbeit kennen, die immer das Konzept, Bühne, Kostüme und Regie umfasste – alles aus einer Hand, doch mit großem Vertrauen an uns Assistenten und die Gewerke in den Theatern, die weitgehend selbstständig seine Entwürfe umsetzen durften. Oft waren das abstrakte Bildwelten, in denen politische und psychologische Beziehungen auf den Punkt gebracht wurden; Ideen, die einsam in ihm entstanden und dann während intensiver Abende im Lokal mit uns weitergesponnen wurden. Nach diesen Abenden schwärmten wir in der Früh wieder aus, um die auf Bierdeckeln und Servietten oder auch Fetzen von Papiertischtüchern festgehaltenen Entwürfe und Ideen in den Werkstätten und auf der Probe weiterzugeben.

Jene Kladde, von Herbert Wernicke so genannt, hatte er mir für alle Notizen zum Münchner Ring geschenkt. Das Notizbuch ist in schwarze Wildseide eingebunden, das Deckblatt von ihm mit einem goldfarbenen Ring und den Anfangsbuchstaben meines Namens versehen, in Rot.

Die strenge Farbwahl, schwarz-rot-weiß mit goldenen Elementen, die oft Herbert Wernickes Bühnenwerke dominierte, war im Ring aufgebrochen, denn ein wohlsituiertes Opernpublikum und dessen nicht immer exzellenter, aber oft auffallend pompöser Geschmack sollte auf der Bühne gespiegelt die Geschichte des Wagner’schen Musikdramas erzählen. Diese Kostüme waren mit keinem Farbschema vereinbar. Der Einzug der Götter nach Walhall war ein Einzug des Münchner Festspielpublikums ins Opernhaus am Max-Joseph-Platz – um dort auf der Bühne nochmals gespiegelt zu werden: diesmal ins Innere, den Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses, der originalgetreu auf der Bühne des Nationaltheaters aufgebaut war. „Spione“ aus der Münchner Technik hatten in Bayreuther Plänen und vor Ort recherchiert und Detailfotos von Lampen und anderen Besonderheiten vom Grünen Hügel nach München geschmuggelt. Offizielle Anfragen nach Plänen und Detailfotos verbot man sich damals, am Hügel herrschte noch Wolfgang Wagner, und mit unserer Stückdramaturgin Nike Wagner wollte man nicht schon im Vorfeld zu viel Aufmerksamkeit auf das Projekt lenken. In diesem Zuschauerraum hatte die Statisterie als „feine Leute“ in Premierenschick Platz genommen; vieles davon stammte aus den Kleiderschränken der Besucher selbst und war uns gespendet worden. Es ging nicht darum, sich lustig zu machen – im Gegenteil: Das Gegenübersitzen vom einen zum anderen Publikum erzeugte eine fast beklemmende Stimmung. Der Duft von Parfüm und Zigarettenrauch hing über dem Orchestergraben, als Maestro Mehta die dunklen Klänge aus den Tiefen des Rheines hervorzauberte und drei elegant glimmernde Rheintöchter in grünlichen Paillettenkleidern mit ihren Champagnergläsern auftauchten. Wotan war am Boden eingeschlafen, die Beine auf einem der gepolsterten Stühle aus den Zuschauerlogen hochgelegt, Fricka trat schimpfend auf, im auberginefarbenen Abendkleid, vorwurfsvoll die Entführung ihrer Schwester beklagend. Loge eilte zu Hilfe, im weißen Dinnerjacket wie James Bond Roger Moore, tänzelnd, das Feuerzeug immer im Anschlag. Im Dunkel einer der Logen saß Erda in schwarz mit einem Diadem aus Tautropfen, alles stetig beobachtend. So nahm diese Erzählung ihren Lauf, überstrahlt von einem riesigen Leuchtstoff-Röhren-Ring am Portal der Staatsoper – und endete so jäh.

Herbert Wernickes Schwarz-Rot-Weiß, manchmal mit Gold und manchmal mit Blau, kann man heute noch an der Bayerischen Staatsoper in einer seiner vielen anderen Inszenierungen sehen: Elektra. Die wunderbare Gabi Schnaut, später Brünnhilde der Walküre, verkörperte in der Premierenbesetzung eine außergewöhnlich intensiv rächende und zugleich zutiefst leidende Titelheldin, das Beil stets hinter ihrem Rücken in beiden Fäusten bereithaltend. Auch hier ein Bühnenbild, bei dem es einem bis heute den Atem verschlägt: Das gesamte Portal ist von einer riesigen Wand ausgefüllt, die in ihrer diagonalen Achse hängt und langsam verschiedene Öffnungen, Spalte freigeben kann. Elektra harrt ausgestoßen vor den Toren – innen eine riesige rote Treppe, herabschreitend die rote Königin Klytämnestra, über und über mit goldenem Schmuck behängt, fast wie Freia im Rheingold, nur hier aus eigenen, eitlen Motiven. In einer Vorstellung erlebte ich in dieser Partie die großartige Waltraud Meier, die im damaligen Ring bei der Festspielpremiere die Sieglinde verkörperte. Doch das war viele Jahre nach der Premiere von Elektra. Auch Gabriele Schnaut hatte inzwischen die Klytämnestra gesungen statt der Elektra, es gab viele andere Elektras, Aegisths, Chrysotemisse und Orests. Diese Produktion Herbert Wernickes lebt ohne ihn hier weiter. Immer wieder hüllt sich eine rächende und zugleich um Bruder und Vater trauernde Elektra in den rotsamtenen, mit goldenen Posamenten besetzten Königsmantel ihres Vaters, der aus dem Hauptvorhang des Nationaltheaters zu bestehen scheint. Auch hier spielt Herbert Wernicke mit dem Ort selbst: Die Bühne wird zur roten Mörderhöhle Mykene, das Bläuliche draußen vor dem Portal zum Warte- und Leidensort Elektras, und der Hauptvorhang steht für Agamemnon, den toten Vater.

Auf unserer ersten gemeinsamen Fahrt nach München, die auch einen Besuch der Werkstätten der Bayerischen Staatsoper in Poing umfasste und ein Kennenlernen mit der fantastischen Kostümabteilung, erzählte Herbert Wernicke viel über seine bisherigen Erlebnisse in München. Seine Studienzeit, revolutionäre Akte, die sich damals wohl in einer farbigen Bemalung des Figurenfrieses des Nationaltheaters zuspitzten. Anfänge seines Schaffens als Hausbühnenbildner in Landshut und die erste große Wagner-Premiere als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner an der Bayerischen Staatsoper mit dem Fliegenden Holländer. Damals hatte jemand, der für die abendlichen Besetzungszettel im Foyer zuständig war, stattdessen eine Nachricht in die Rahmen gesteckt: „Wir bitten die Unpässlichkeit des Regisseurs zu entschuldigen“. Bei seinem Bericht verhehlte Herbert Wernicke nicht einen gewissen Stolz auf seine damalige Arbeit und den durch sie hervorgerufenen Skandal … Schon vor Beginn musste Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch am Pult minutenlang geduldig warten, bis sich das Raunen und Protestieren im Publikum legte; am Ende entlud sich die kollektive Empörung in einem gewaltigen Buh-Konzert. Wernickes Holländer-Interpretation von 1981 fand noch Jahrzehnte später musikwissenschaftliche Anerkennung, zum Beispiel in einer von David J. Levin herausgegebenen Ausgabe von The Opera Quarterly.

Bei der in meiner Notiz erwähnten Maske handelte es sich um die Tarnkappe, die Mime durch Alberich zu schmieden gezwungen wird  – aus dem Schatz. Deshalb musste sie dort wieder landen, um Freia von den Riesen loszueisen, und dann ihre weitere Reise durch den Ring in Fafners Hort anzutreten. Noch viele leere Seiten in meinem Notizbuch.

An der Bayerischen Staatsoper wird jetzt der zweite neue Ring-Zyklus geschmiedet, seit die von Herbert Wernicke konzipierte Inszenierung 2002 von einem anderen Team zu Ende gebracht wurde. Manchmal proben nun neue Frickas, Loges und Wotans im Wernicke-Saal, der kleineren der beiden neueren Probebühnen der Bayerischen Staatsoper. Das Neue Probengebäude am Marstallplatz hat Herbert Wernicke nie kennengelernt; die Benennung des Saales erfolgte nach seinem Tod durch den damaligen Staatsintendanten Sir Peter Jonas. Ein Ort, in dem sich vielfarbene Erzählungen entwickeln dürfen. Eine Erinnerung an einen großen Künstler, der somit immer noch ein wenig bei uns ist.

Eva-Mareike Uhlig

Herbert Wernicke, geboren am 24. März 1946 in Auggen (Schwarzwald), gestorben am 16. April 2002 in Basel.