Mea Culpa
Duration est. 2 hours 45 minutes
During the theater’s summer break, the box office, telephone ticket sales, and the subscription office will be closed from August 1 through August 31, 2026. Written orders will continue to be processed. You can also continue to purchase tickets online.
Mea Culpa
Duration est. 2 hours 45 minutes

"I am all that and being it I ache,
Dove as well as swine and snake!"
(Nietzsche, The Gay Science)
The sovereign artist is autarchic – at least he is responsible for everything himself. If he is ill he can't, unlike regular mortals, blame it on external powers, much less fate or coincidence. That would violate his sovereignty. Maybe he could blame it on an act of God... and even that only if he truly identified himself with God.
The French art theorist Jean Luc Nancy, who received a heart transplant eight years ago, the heart of a Black woman, recently said: "I am the disease and the cure, I am the cancerous cell and the transplanted organ, I am the energy that weakens the immune system and its palliative." With that, he not only pointed to the blurring of boundaries of the Ego under extreme circumstances, but also to those of the claim to sovereignty of the Artist.
This is familiar ground for Christoph Schlingensief – artist, film-, theater-, and Wagner opera-director – as well. Since his direction of the 2004 Bayreuth Parsifal he hasn't been able to let go off Wagner's curious equation: "Love + Death = Redemption". Now he attempts to present to himself and the audience different facets of the Dionysian in a three-act opera of his own. Ineffective, sickening, and redeeming aspects, somewhere between Ayurveda practices, magic-sexual voodoo dissolution of boundaries, and Schlingensief's own plan of creating a festival hall in Africa that combines worlds and times. A place where the ascending black culture of Africa is to coalesce with the degenerating civilization of Europe in an orgy of dissolution (and simultaneously one of healing, education and research).
The three acts of this opera-in-stages are marked by the end of banality, repenting, guilt, and penitence; by small things and vast transformations and how a group of people who have innocently slipped into guilt can find their path to final redemption.
1. AKT
Ein Blick aus dem Jenseits ins Hier
1. Szene
Wir sehen auf der Bühne die größte Ayurvedaklinik Mitteldeutschlands in Bad Schandau, eine Klinik der Superlative, in der Tod und Sterben fast abgeschafft sind. Das Beerdigungsinstitut in der Nähe ist jedenfalls „wegen Unsterblichkeit“ geschlossen. Vor der Kulisse des Klinikbaus sehen wir ein vertrautes Stück Musiktheater: der erste Akt des Parsifal von Richard Wagner wird in einer therapiebezogenen Version unter der Leitung Theater-ambitionierter Klinikinsassen von Patienten und Pflegepersonal gemeinsam einstudiert.
2. Szene
Wir werfen einen Blick ins Innere der ganzheitlich orientierten Klinik. Sie scheint nicht nur medizinisch, sondern auch hinsichtlich ihres kulturellen Angebots bestens ausgestattet zu sein. Es gibt sogar ein Kino, in dem Kranke für Kranke Filme zeigen.
Im großen Esssaal findet eine Einführung für die neuen Gäste statt. Die langjährige Leiterin der Klinik, Angelika Freifrau von Weinzierl, und ihre Freundin Ann Katrin Shiva Kosma Irma Sherman begrüßen die Patienten, rekapitulieren die einzigartige Erfolgsgeschichte dieser Heilstätte und erklären das spezielle afrikanische Ayurveda-Prinzip, nach dem hier gepflegt und geheilt wird: Bergquellwasser aus dem eigenen Brunnen.
Sogar der greise Gründer der Klinik (Heinz Vara Vishi Saba Kahn) hat einen kurzen Auftritt. Auch Patienten kommen zu Wort, darunter Christoph Schlingensief (C.S.) und seine Verlobte.
3. Szene
„Quadrophonie der Heilung.“ Wir bekommen einen Einblick in die Behandlungspraxis. Wir folgen C. S. und seiner Verlobten durch die verschiedenen Phasen von Gesprächs- und Geständnistherapie, Musikentspannung, Massage usw.. Aber bald zeigt sich auch die Kehrseite eines Lebens ausschließlich für die totale Gesundheit. Hinter der Fassade sieht es anders aus. Überall lauert der Tod, trotz scheinbar bester Therapie wird überall gestorben, der Tod ist auch durch noch so ganzheitliche Entspannung höchstens aufzuschieben und läßt sich irgendwann auch nicht mehr verstecken. Das Beerdigungsinstitut wird „wegen großer Nachfrage“ wieder eröffnet. Wo Tod ist, ist aber auch Oper und die Klinik, in der eine Oper geprobt wurde, wird nun selbst zum Gegenstand der Oper, die in eben dieser Klinik aufgeführt wird. So stellt es sich aus dem Jenseits jedenfalls dar. Patienten und Personal singen gemeinsam: „Wie kann das sein, der gesündeste Ort auf Erden, und alle sterben?“ Auch Schlingensief wird von der Klinikseite eine aussichtslose Situation bescheinigt, und er stellt sich schon darauf ein, einsam zu sterben - dann aber erinnert er sich an die Macht der Oper und an sein geplantes Festspielhaus in Afrika und übernimmt selbst die Leitung der klinischen Oper, als diese auf ihrem Tiefpunkt angekommen ist. In seiner Inszenierung verlassen die Insassen die Klinik, die den Tod anzieht. Plötzlich wollen alle nach Afrika, die Projektion eines rauschhaften Sichauslebens, das alle Leiden vergessen lässt, erscheint als rettende Alternative.
2. AKT
Jenseits der Grenze
Nach der prophetischen Ankündigung der asiatischen Klinikmitarbeiterin Sachikki, dass wir uns aus einer unerträglichen Realität in die Träume flüchten, dann aber die Träume nicht aushalten, und vor diesen wiederum in die Realität flüchten, öffnet sich der Vorhang zum 2. Akt. Probe Parsifal: „Klingsors Zauberschloss“, wie bei Wagner ein Ort der Entgrenzung und Sünde. Wie der heilige Gral steht auch Klingsors Schloss in Afrika, es könnte aber auch ein Puff sein, das „Afrika“ heißt oder das „Johann Wolfgang G-Punkt Institut“... Die Proben aber gehen nicht richtig voran. Trotz aller diktatorischen Bemühungen des Regieteams will kein echter Exzess entstehen. Die Kundry-Darstellerin kommt zu spät, verpatzt ihren Auftritt und erschießt sich am Ende, was nicht in Wagners Libretto steht (aber in der Oper folgenlos möglich ist). Auch Schlingensiefs Verlobte stürzt sich aus Verzweiflung einstweilen aus dem Fenster. Triebentladung um jeden Preis ist ein schweres Geschäft, das noch nicht mal in der Oper gelingt, und für kranke oder alte Menschen einfach keine Alternative. Am Ende findet aber der Regisseur hinter einem roten Vorhang die ganze Klinikgesellschaft in einem zauberhaften und wohl pervers zu nennenden Krippenspiel wieder, in dem Ann Katrin Shima sich zur Überschreitung aller Grenzen bekennt, während die Freifrau von Weinzierl nur einen Exzess zu kennen scheint: die allseitige Nichtigkeit der Welt, wie sie im Buch Kohelet des alten Testaments beschrieben ist. Dieses Erlebnis hat für C. S. kathartische Wirkung. Wie Parsifal vor Kundrys Kuss, schreckt er zurück vor den Geistern, die er selber rief, und gesteht seine Schuld ein als Mensch und Regisseur: „Ich bin's, der all dies Elend schuf!“ Der Toleranzgürtel ist überschritten. Jetzt heißt es Buße tun. Chor aus der Tiefe: „Stürzen wir nicht, wie in ein unendliches Nichts?“
3. AKT
Ein Blick ins Jenseits
Der 3. Akt spielt in Afrika. C. S. kurz vor der Eröffnung seines afrikanischen Festpielhauses, erklärt seiner Freundin sein Werk und sein Glück - das indes nicht ungetrübt ist, weil, wie der Prediger Kohelet sagen würde, es auch hier „Nichts Neues unter der Sonne“ gibt. Vieles, was hier geschehen soll, kennen wir schon aus dem 1. Akt oder aus dem Fernsehen. Auch das Faust-Zitat, mit dem das Festspielhaus in Afrika eröffnet wird, ist wohl vertraut. Und der „höchste Augenblick“ will sich nicht wirklich einstellen. C. S. ist abgelenkt, die Eröffnungsgäste erscheinen unwirklich, vertraute aber längst verstorbene Gestalten treten ein, die säkulare Operneröffnung und der Himmel der Verstorbenen vermischen sich. Mitten in die Eröffnung des Opernhauses platzen Figuren aus dem Jenseits. Sein Vater erscheint. Er will Christoph in die andere Welt mitnehmen. Aber Christoph möchte „Herr der Gegensätze“ bleiben und die andere Welt lieber diesseitig, d. h. auf der Bühne, erleben. Und so endet der 3. Akt nicht mit der Erlösung und auch nicht mit der Erlösung des Erlösers, sondern mit Isoldes „Liebestod“, mit dem das Leben und das Theater, in dem man sogar das Sterben überleben kann, gefeiert werden und nicht das niederschmetterndste aller Heilmittel: der Tod.
C.H.