Nachruf: Hans van Manen

Hans van Manen ist am Abend des 17. Dezember 2025 in Amsterdam verstorben. Der 1932 geborene Niederländer gehörte zweifellos zu den bedeutendsten Choreograph:innen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts.
Sein Schaffen ist vor allem mit dem Nederlands Dans Theater (NDT) und dem Niederländischen Nationalballett verbunden, doch nimmt er auch einen herausragenden Platz in der Münchner Ballettgeschichte der letzten gut fünfzig Jahre ein. Erst vor wenigen Wochen war bei der Herbstmatinee der Heinz-Bosl-Stiftung sein Stück Unisono (1978) im Nationaltheater zu sehen. Die Verbindung mit München begann 1970, als das NDT damals bei einem Gastspiel während der Ballettfestwoche die Three Pieces von 1968 zeigte. 1973 wurde dann beim Ballett der Bayerischen Staatsoper seine Choreographie Grosse Fuge einstudiert, zwei Jahre später folgte ein kompletter van-Manen-Abend im Cuvilliés-Theater, der die beiden an Kinder und Jugendlichen gerichteten Stücke Snippers und Ajakaboembie mit dem humoristischen Stück Septett Extra verband.

1898 gastierte das NDT erneut bei der Ballettfestwoche und brachte Black Cake erstmals nach München. In der Gründungsspielzeit des Bayerischen Staatsballetts 1990/91 kamen mit Three Pieces, Vijf Tango’s und Trois Gnossiennes gleich drei Werke ins Repertoire der neu formierten Compagnie, es folgten die Lieder ohne Worte in der Saison 1992/93. Einen ersten Höhepunkt stellte die Spielzeit 1994/95 dar, als nicht nur Concertante seine deutsche Erstaufführung erfuhr, sondern Hans van Manen auch erstmalig und einmalig für das Münchner Ensemble choreographierte: das Duett Nacht, auf Musik von Irving Fine, damals kreiert von Christina McDermott und Oliver Wehe. Bis zum Ende des Jahrtausends erweiterte sich das Repertoire der Münchner Compagnie um Déjà vu, Sarkasmen und Black Cake, im April 2001 folgte die deutsche Erstaufführung von Kammerballett, bei der Ballettfestwoche 2002 zeigte das gastierende NDT III sein 2000 entstandenes Stück Two Faces. Einen zweiten Höhepunkt bildete im Februar 2005 die Premiere des «Portrait Hans van Manen», dessen Programm neben Vijf Tango’s, Black Cake und dem erstmals bei der Terpsichore-Gala IV präsentierten Solo noch durch Two und The Old Man and Me ergänzt wurde. In der Spielzeit 2007/2008 feierte schließlich Adagio Hammerklavier seine Münchner Premiere.

Mit Dances with Harp und Alltag, beide 2014 entstanden, sah Hans van Manen sein choreographisches Oeuvre als abgeschlossen an. Es umfasst über 150 Werke, die ein weites musikalisches Feld überspannen – von Bach bis Duke Ellington, von Haydn bis Piazzolla, Stockhausen und Laurie Anderson. Besondere Aufmerksamkeit ließ der passionierte Musikhörer van Manen der Musik der klassischen Moderne zukommen, und verhalf damit auch Werken seltener gespielter Komponist:innen wie Grazyna Bacewicz, Boris Blacher oder Jean-Yves Daniel-Lesur zu ihrem Recht. Seine Choreographien brachen oft mit Konventionen, etwa die gleichgeschlechtlich besetzten Duette in Metaforen (1965) und Situation (1970) oder das gemeinsam mit Glen Tetley geschaffene Tanz-Film-Hybrid Mutations (1979), das an einigen Stellen ganz unaufgeregt die Tänzer:innen im Film oder auf der Bühne nackt zeigte. Seine Affinität zur cineastischen Kunst zeigte sich auch in anderen Projekten, etwa dem frühen Werk Kaïn & Abel (1961) mit vorproduziertem Filmmaterial oder dem Stück Live (1979) mit Echtzeit-Kameraeinsatz. In einem im Juli 2025 in der Tageszeitung Rheinische Post veröffentlichen Interview mit Sabine Janssen brachte er sein schöpferisches Credo folgendermaßen auf den Punkt: „Ja, das ist das Einzige, was ich wichtig finde in der Tanzkunst: Was zwischen den Menschen passiert. Mich interessiert nicht: 'Sie lebten noch lange glücklich miteinander'. Niemand ist immer fantastisch und glücklich. Mich interessiert, was dazwischen ist.“

Ein Meister der Erkundung dieses „Dazwischen“ ist von uns gegangen. Das Bayerische Staatsballett trauert um Hans van Manen und spricht seinem Lebensgefährten Henk van Dijk und allen, die ihm nahestanden, sein aufrichtiges Beileid aus.