Im Mittelpunkt der Spielzeit steht die Vollendung von Wagners Ring des Nibelungen. Mit Siegfried und Götterdämmerung in der Regie von Tobias Kratzer und unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski enthüllen die letzten beiden Ring-Teile das Verlöschen heroischer Ideale und den Zusammenbruch der göttlichen Ordnung.
Fragen der Macht und Legitimation, aber auch die Verletzlichkeit derjenigen, die Gefangene autoritärer Systeme sind, prägen Maria Stuarda von Gaetano Donizetti. Hiermit wird ein programmatischer Faden wieder aufgenommen, an den auch die musiktheatrale Performance Königin(nen) anknüpft.
Mit Doctor Atomic, dem ersten an der Bayerischen Staatsoper gespielten Bühnenwerk von John Adams, werden Fragen nach moralischer Verantwortung gestellt. Als mythische Figur des 20. Jahrhunderts hinterließ der Wissenschaftler Robert Oppenheimer ein Erbe, dessen Kraft das Potenzial unumkehrbarer Zerstörung mit sich bringt.
Um familiäre Zerstörung und eine verbotene Liebe geht es in Pjotr Tschaikowskis Oper Mazeppa nach einer Erzählung von Alexander Puschkin. In der Regie von Dmitri Tcherniakov und unter der Musikalischen Leitung von Daniele Rustioni untersucht die Erzählung vom ukrainischen Helden Mazeppa die brutale Maschinerie der Macht.
In Werther von Jules Massenet nimmt der innere Zusammenbruch von Idealen eine intimere Gestalt an. In Werthers Welt ersetzen soziale Normen und moralische Maximen die göttliche Autorität.
Die letzte Premiere der Spielzeit findet mit Benjamin Brittens Death in Venice im Prinzregententheater statt. Hier verliert sich der Schriftsteller Gustav von Aschenbach in seiner Besessenheit von einem göttlichen Prinzip der Schönheit – als unerreichbares Ideal führt sie nicht zur platonischen Transzendenz, sondern zur Auflösung des Selbst.
„Widerstand“ ist das zentrale Thema des Ja, Mai-Festivals. Geht es in Georg Friedrich Haas’ Koma um den körperlichen Widerstand, so setzt sich Gordon Kampes Die Kreide im Mund des Wolfs mit politischem Widerstand auseinander. Die Uraufführung von Liberty von Diana Syrse nach einem Libretto von Sofi Oksanen behandelt Widerstand im Rahmen von häuslicher Gewalt.
Auch in den beiden Ballettpremieren spielt das Verhältnis der Menschen zu den Göttern und zum Göttlichen eine entscheidende Rolle: der mythische Titelheld in Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus und Eurydike, von Pina Bausch als Tanzoper gestaltet, vermag das durch die Götter geschaffene Gefüge von Leben und Tod in Bewegung zu versetzen. In Edward Clugs neuem Handlungsballett CARPATHIA – Der Mythos der Untoten ordnet sich der Vampirismus ein in eine Welt, in der das gottgeschaffene Gleichgewicht wiederhergestellt werden muss.
Die Konzertprogramme des Bayerischen Staatsorchesters loten in den großen symphonischen Entwürfen der Klassik, der Romantik und der frühen Moderne Fragen nach Ordnung und Auflösung, nach heroischem Anspruch und existenzieller Fragilität aus.
Ich lade Sie herzlich ein, den neuen Spielplan für sich zu erkunden, und freue mich auf zahlreiche Begegnungen und Gespräche mit Ihnen.
Ihr Serge Dorny