KS Dietrich Fischer-Dieskau zum 100. Geburtstag
Jeder, der nur einmal seine Stimme gehört hat, wird das charakteristische Timbre nie wieder aus dem Gedächtnis verlieren. Kein Sänger im 20. Jahrhundert, nein überhaupt, der mehr für das Lied getan hätte als er; wenige, die neben der Beherrschung der klassisch-romantischen Epoche auch die zeitgenössische Musik so gefördert hätten wie er. Fast fünfzig Jahre hat er als aktiver Sänger gewirkt, länger noch als Vorbild, Lehrer, als Idol wie Reizfigur: An seiner Kunst, an seinen Maßstäben hatte man sich zu messen; ein Repertoire in solcher Breite und Fülle und Vielfalt hat vor und nach ihm keiner erreicht. Er hat Generationen geprägt, mit seinem Gesang, seinem Unterricht, seinen Büchern, und bleibt eine verehrte Referenz bis heute und gewiss bis weit in die Zukunft.
Wir blicken zurück auf ein wahrhaft großes Sängerleben – glücklich darüber, dass Dietrich Fischer-Dieskau auch an der Bayerischen Staatsoper so lang und fruchtbar gewirkt hat.
Am 28. Mai 2025 jährt sich der Geburtstag des großen Baritons Dietrich Fischer-Dieskau zum einhundertsten Mal. Seine lange internationale Künstlerkarriere, einzigartig im 20. Jahrhundert, ließ sich so wohl nur im Berlin der Nachkriegszeit beginnen, führte ihn aber auch früh und regelmäßig an die Bayerische Staatsoper.
Fischer-Dieskaus Theateraffinität wurde schon früh sichtbar: Im Alter von nur neun Jahren spielt der jüngste Sohn eines theaterbegeisterten Schuldirektors den Freischütz daheim nach – als „Kurzoper für die Heimbühne“ mithilfe von Schellackplatten und einem Papierfigurentheater für ein – mehr oder weniger – breites Publikum. Mit 16 Jahren singt er bei seinen ersten Schüler-Konzerten gleich die Winterreise und die Schlussansprache des Hans Sachs aus den Meistersingern. Der Abiturient wird 1943 in die Armee eingezogen, kommt kurz und glimpflich an die Ostfront, dann nach Italien und dort 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er mit Mitgefangenen Konzerte und Operettenaufführungen improvisiert.
1947 ist er wieder zurück in Berlin und nimmt den Unterricht bei Hermann Weißenborn von der Hochschule für Musik (heute: Universität der Künste Berlin) wieder auf. Im selben Jahr sucht der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor, das Westberliner Radio) neue Stimmen, der junge Sänger stellt sich mit in die Reihe der Anwärter, singt Bach vor und wird für einige Kantaten engagiert, dann für eine Einspielung der Winterreise: der Auftakt zu Fischer-Dieskaus epischer Aufnahmetätigkeit in der beginnenden goldenen Zeit der Studio-Produktionen, aus denen später unter anderem eine Gesamteinspielung aller 398 für Bariton geeigneten Schubert-Lieder mit Gerald Moore und ein dokumentiertes Liedschaffen von 107 CDs allein bei den großen deutschen Plattenlabeln hervorgehen werden.
1948 singt er, 22-jährig, Heinz Tietjen vor, dem Intendanten der Städtischen Oper Berlin, der ihn mit den Worten einstellt: „In vier Wochen werden Sie bei mir den Posa singen“. So steht der bislang szenisch unerfahrene Fischer-Dieskau bei seiner ersten Produktion gleich in einer Verdi-Hauptpartie auf der Bühne und lässt sich von den älteren Kollegen in den Proben die Grundzüge des Schauspielens beibringen.
1951 gibt er dann schon mit Mahlers Liedern eines fahrenden Gesellen unter Wilhelm Furtwängler sein Debüt bei den Salzburger Festspielen. 1952 singt er erstmals beim Edinburgh Festival: einen Brahms-Liederabend. 1954 debütiert er bei den Bayreuther Festspielen als Heerrufer in Lohengrin und Wolfram in Tannhäuser.
Schon früh zum „greatest living lieder singer“ ausgerufen, wird er zum weltweiten Botschafter des deutschsprachigen Lieds und seiner Komponisten – und ein wenig wohl auch der jungen BRD. Ab 1955 unternimmt er fast jährlich eine Nordamerika-Tournee. 1963 ist er zum ersten Mal in Japan, zuerst auf Gastspielreise mit der Deutschen Oper, später solistisch und als Leiter von Meisterkursen.
1962 steht die Uraufführung von Benjamin Brittens War Requiem an, in der wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry. Mit seinem „Weltkriegsoratorium“ wollte Britten nicht nur an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges sowie der Zerstörung der Kathedrale erinnern, sondern auch die Versöhnung zwischen den im Weltkrieg verfeindeten Nationen andeuten, was sich in der Besetzung der Solopartien zeigt: die russische Sopranistin Galina Wischnewskaja (die dann allerdings aufgrund von sowjetischen Visa-Schikanen nicht singen konnte), der britische Tenor Peter Pears, der deutsche Bariton Dietrich Fischer-Dieskau. Fischer-Dieskau wird Brittens Requiem in den folgenden Jahrzehnten immer wieder singen, 1963 auch im Münchner Herkulessaal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Rafael Kubelík. Auch an anderer Stelle singt er politisch wichtige Konzerte: So ist er 1971 auf Initiative von Daniel Barenboim und mit ihm als Klavierpartner der erste Sänger aus Deutschland, der nach 1945 in Israel auftritt, mit Musik von Franz Schubert, Ludwig von Beethoven und Gustav Mahler.
Während bei allem Lieder-Reiseleben die Städtische Oper (heute die Deutsche Oper Berlin) zeitlebens sein Stammhaus bleibt, wird die Bayerische Staatsoper schon früh so etwas wie sein Sommerhaus: Am 11. Juli 1951 debütiert er „a. G.“, als Gast, wie der Besetzungszettel vermerkt, im Prinzregententheater als Wolfram im Tannhäuser. Es gibt kaum eine Opernfestspielsaison zwischen 1951 und 1992, in der er nicht mit einem Liederabend oder mindestens einer Opernpartie aus seinem sorgsam ausgewählten Repertoire von Mozart bis Moderne zu Gast ist – ein Dutzend Mal als Mandryka in Arabella, häufiger noch als Conte Almaviva in Figaro, außerdem als Jochanaan in Salome, als Falstaff, als Sprecher (Die Zauberflöte) und als Don Fernando (Fidelio). Don Giovanni singt er in Berlin gelegentlich, in München allerdings nie. Dafür immer wieder Musik des 20. Jahrhunderts. Von den Wagner-Partien verkörpert er nach dem Beginn mit Wolfram später dann Amfortas, noch später Hans Sachs.
Fischer-Dieskaus erstes Engagement bei den Münchner Opernfestspielen 1951, die erst im Vorjahr nach langer kriegsbedingter Pause wieder veranstaltet wurden, ist die Partie des Wolfram in Tannhäuser. An die erste Vorstellung im hochsommerlich-stickigen Prinzregententheater denkt der Sänger noch Jahrzehnte später mit gemischten Gefühlen zurück: „Max Lorenz ließ mich als Tannhäuser im Stich, als ihm im letzten Akt die Kräfte versagten und er mir zurief ‚Junge, mach du irgendwie allein weiter!‘ Irgendwie habe ich meine Dialogfetzen ohne Tenor geschafft.“
Als 1957 im gerade wiederaufgebauten Cuvilliés-Theater zum ersten Mal Liederabende ins Programm der Opernfestspiele aufgenommen werden, ist der mittlerweile weltberühmte Sänger mit einem Schubert-Programm zu Gast.
Hans Werner Henze schreibt für Fischer-Dieskau die Partie des Gregor Mitterhofer in seiner Elegie für junge Liebende, uraufgeführt im Sommer 1961 als Produktion der Bayerischen Staatsoper bei den Schwetzinger Festspielen und im selben Sommer auch im Cuvilliés-Theater zu sehen.
Als 1963 die Staatsoper vom Prinzregententheater feierlich ins wiederaufgebaute Nationaltheater umzieht, ist er dabei – ausnahmsweise außerhalb der Festspielzeit im November – und singt als Rollendebüt Barak in Die Frau ohne Schatten, eine Partie, die er bis 1982 hier immer wieder singen wird. Auch im Januar 1988 beim Festakt zur Wiedereröffnung des Prinzregententheaters ist er selbstverständlich eingeladen und singt u. a. die Ansprache des Hans Sachs. Wie sehr er sich in jede einzelne seiner Figuren versenkte, illustriert ein Erinnerungssplitter des Bühnen- und Kostümbildners Jürgen Rose: „Erst mochte er mich nicht, aber als ich ihm dann als Hans Sachs auf dem Flohmarkt ein Hemd kaufte, in das die Initialen H. S. eingestickt waren, da fand er mich wohl doch sympathisch…“
Auch ein privater Wendepunkt in seinem Leben nimmt in den Proberäumen der Staatsoper seinen Anfang: 1973 besetzt ihn Wolfgang Sawallisch in Puccinis Trittico als Michele (und Gianni Schicchi) und gibt die Partie von Micheles Ehefrau Giorgetta an die junge Ensemble-Sopranistin Julia Varady. Fischer-Dieskau legt später Wert darauf, dass es sich bei der Erzählung, er habe noch während einer Probe schriftlich um ihre Hand angehalten, um nichts als ein Gerücht handele; aber um ihre Hand hält er an: 1977 heiraten beide und bauen sich ein Haus am Starnberger See, das ihm neben seinem Wohnsitz im Berliner Westend ein zweites Zuhause wird. Noch heute wohnt Julia Varady dort; die Ehe, die Fischer-Dieskaus vierte ist, hält über dreieinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tod. (Dietrich Fischer-Dieskaus ältester Sohn aus erster Ehe, Mathias Fischer-Dieskau, wird später an der Bayerischen Staatsoper Bühnenbilder von Araballa und La fanciulla del West gestalten.)
1968 schlägt Dietrich Fischer-Dieskau seinem langjährigen Weggefährten Aribert Reimann die Komposition einer Oper nach Shakespeares Drama Lear vor – ein Zeugnis seiner Intuition für Theater: Die Uraufführung im Rahmen der Münchner Opernfestspiele 1978 wird ein Triumph und Reimanns Lear eine der erfolgreichsten Opern des späteren 20. Jahrhunderts. An Fischer-Dieskaus Seite in der Partie der Cordelia, der jüngsten Tochter Lears: seine Frau Julia Varady.
Die Namen der Komponisten sowie die seiner Klavierpartner bei seinen Liederabenden im Rahmen der Opernfestspiele lesen sich wie ein Who is who der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts: 1959 Lieder von Pfitzner, Mahler, Strauss mit Karl Engel. Die Süddeutsche Zeitung bilanziert: „Die Faszination des Starbaritons bewirkt, dass solch ein ‚abseitiges‘ Programm ausverkauft ist, ehe es plakatiert wurde.“ 1963 Lieder von Fortner, Blacher, Berg, Reimann, Busoni mit Aribert Reimann am Klavier, 1978 Schubert mit Svatoslav Richter, 1979 Schumann mit Wolfgang Sawallisch, 1982 Wolfs Mörike-Lieder mit Daniel Barenboim, 1986 Schubert mit Christoph Eschenbach.
Ein Schubert-Abend bei den Festspielen 1992 stellt sich im Nachhinein als sein Abschied als aktiver Sänger heraus. Dass es ein letztes Mal sein sollte, hatte er ebenso wenig angekündigt wie seinen heimlichen Abschied von der Münchner Opernbühne mit einem letzten Lear 1982. Sein allerletzter Auftritt im Nationaltheater am Silvesterabend 1992 gilt einem Benefizkonzert, dirigiert vom eigentlich auch schon aus München verabschiedeten Wolfgang Sawallisch. Fischer-Dieskau singt an der Seite von Julia Varady, Peter Seiffert, Thomas Hampson und Lucia Popp das erste Finale aus Così fan tutte und – 44 Jahre, nachdem einem blutjungen Anfänger in Berlin eine erste Verdi-Partie anvertraut worden ist – den Schlussmonolog und die Schlussfuge aus Falstaff.
In den folgenden Jahren erlebt München ihn, der weiterhin einen Teil des Jahres in seinem Haus am Starnberger See lebt, als Rezitator und Redner, als Leiter von Meisterkursen an der Musikhochschule, bei Lesungen aus seinen zahlreichen Büchern und bei Veranstaltungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er seit 1978 ist, nicht zuletzt aus Anlass seiner noch zahlreich folgenden runden Geburtstage.
Dass er eine Weile auch dirigiert und sogar Aufnahmen eingespielt hat; dass er nicht nur über ein unbestechliches Ohr, sondern auch über ein hochsensibles Auge verfügte und auch als Maler ein beachtliches Œuvre hinterlassen hat – es sei hier nur erwähnt.
Am 18. Mai 2012 starb Fischer-Dieskau wenige Tage vor seinem 87. Geburtstag in seinem Haus in Berg am Starnberger See.
Ariane Bliss

























