Eike Wilm Schulte zum Gedenken

Die Meistersinger von Nürnberg, zweites Bild des dritten Aufzugs, das Finale auf der sogenannten Festwiese: Alles Volk ist versammelt und erwartet gespannt das Wettsingen, bei dem diesmal ein besonderer Preis ausgelobt ist – Veit Pogner hat demjenigen, der den Sieg davonträgt, seine eigene Tochter zur Frau bestimmt. Den Einzug der ehrbaren Meistersänger auf die Bühne hat Richard Wagner mit prunkender Musik untermalt. An dieser Stelle wich die Münchner Neuinszenierung von 2016 in einem Detail von den Szenenanweisungen des Komponisten ab: Während laut Textbuch Fritz Kothner als Fahnenträger die Riege anführt, kommt er in dieser Aufführung als letzter in der Auftrittsfolge. Auf der großen Leinwand, die alle anderen Sänger schlicht mit animiertem Porträt und Namen ankündigt, erscheint die Texteinblendung „Besonders begrüßen wir heute / unseren ehemaligen Meister“; danach, in einen goldenen Lorbeerkranz eingefasst, groß die Zahl 50 und das Konterfei des Geehrten: „unser Jubilar Fritz Kothner“.

Verkörpert wurde diese Partie von Eike Wilm Schulte. 75 Jahre alt war er, blickte zurück auf eine lange internationale Karriere, davon zwei Jahrzehnte als Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, wo er rund zwei Dutzend Mal in Meistersinger-Vorstellungen den Sixtus Beckmesser gegeben hatte. An die 150 Abende hat er in München und auf Japan-Gastspielen mitgestaltet. Sein edler Bariton war für Mozart (Sprecher in der Zauberflöte), Beethoven (Don Fernando in Fidelio) und Belcanto-Partien (Alidoro in La Cenerentola) ebenso geeignet wie für dramatischere Aufgaben (Geisterbote in Die Frau ohne Schatten, oft auch Faninal im Rosenkavalier). Wagner spielte eine besondere Rolle in seinem Repertoire, bei uns übernahm er beispielsweise in Lohengrin sowohl Heerrufer (in der Inszenierung von Götz Friedrich) und Telramund (in der Inszenierung von Richard Jones). Auch Bayreuth rief; viele Sommer hat er auf dem Grünen Hügel an den Festspielen mitgewirkt. Die weiteren Bühnen aufzuzählen, an denen er im Laufe der Jahre gastierte, erübrigt sich – es waren die bedeutenden der Musikwelt.

Ein geistiges Zuhause war Eike Wilm Schulte gleichwohl immer wichtig. Nach Stationen in Düsseldorf / Duisburg, Bielefeld und vor allem Wiesbaden wurde 1988 die Bayerische Staatsoper in München zu seiner künstlerischen Heimstätte. Hier verstand er sich mit echtem Ensemblegeist als Mitglied der Staatsopernfamilie und beteiligte sich an einem Tag der offenen Tür nicht weniger engagiert als an hochkarätigen Festspielpremieren. So war der besondere Auftritt, den das Regieteam um David Bösch ihm für diese Meistersinger gebaut hatte, mehr als gerechtfertigt, denn tatsächlich feierte er in jener Spielzeit sein Halbjahrhundert-Bühnenjubiläum. Und als Eike Wilm Schulte auf der großen Bühne des Münchner Nationaltheaters die kleine Bretterbühne der Festwiese erklomm, brandete nicht nur der inszenierte Beifall der anwesenden „Nürnberger“ auf. Auch im Publikum war zu spüren, dass sich viele über diese Geste an den verehrten Sänger freuten, und manch einer stimmte innerlich mitapplaudierend in die Ehrbezeigungen mit ein.

Für Eike Wilm Schulte war es die letzte Neuproduktion, an der er mitwirkte. Er sang die ganze Premierenserie samt zweier Festspielvorstellungen, und dann sogar noch die Wiederaufnahme in der folgenden Spielzeit, in der er hier überdies als Musiklehrer (Ariadne auf Naxos) auftrat. Danach zog er sich von der Bühne zurück, in den mehr als wohlverdienten Ruhestand. Nun ist, wenige Tage nach seinem 86. Geburtstag, sein Leben zu Ende gegangen. Er war ein Meister und ein lieber Mensch dazu, und wir gedenken seiner in großer Dankbarkeit.

Malte Krasting