Felicity Lott zum Gedenken
„Felicity Lott gehörte zu den großen Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. In meiner Zusammenarbeit mit ihr beim London Philharmonic Orchestra, an der Opéra de Lyon und in vielen Konzerten und Produktionen habe ich sie nicht nur als Sängerin von außergewöhnlicher stilistischer Eleganz und musikalischer Intelligenz erlebt, sondern vor allem als eine Künstlerin von großer Wärme und Menschlichkeit. Ihre Stimme besaß jene seltene Fähigkeit, selbst höchste künstlerische Raffinesse ganz natürlich und unmittelbar erscheinen zu lassen, und gerade dadurch entstand ihre unvergleichliche Verbindung zum Publikum.“
Staatsintendant Serge Dorny
„Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen …“ Was Felicity Lott in ihrer Paraderolle als Marschallin im Rosenkavalier so oft gesungen hat, gilt nun für alle ihre Verehrer: Die große englische Sopranistin, begnadet mit einer berückend schönen Stimme, eindringlicher Darstellungskraft und polyglottem Sprachvermögen, ist in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2026 im 80. Lebensjahr ihrer tapfer ertragenen Krankheit erlegen. Der Krebs hat ihr das Dasein in den letzten Monaten schwer gemacht, doch auch diesem letzten Akt ist sie erhobenen Hauptes entgegengetreten.
Sie war eine Dame, – nicht nur, weil Königin Elisabeth II. sie 1996 zur „Dame Commander of the British Empire“ ernannte und sie fortan offiziell diesen Titel führen durfte. Sie war es ohnehin: der Inbegriff einer Dame, die den Adel schon von sich aus in sich trug, deren Tun von einer dem Menschen zugewandten Vornehmheit gekennzeichnet war, eine Lady, die vollendete Umgangsformen mit umfassender Hilfsbereitschaft vereinte. Wo nötig, packte sie an, sprang ein, wenn jemand ausfiel. Einmal rettete Felicity Lott in München eine Vorstellung: An einem freien Abend zwischen zwei Rosenkavalier-Vorstellungen besuchte sie mit ihrer Bühnenpartnerin Rebecca Evans eine Figaro-Aufführung im Nationaltheater. Die Sängerin der Gräfin kämpfte im ersten Teil spürbar mit einer Erkältung. Während „Flott“, wie sie von Freunden und bald auch Fans genannt wurde, schon an der Sektbar in der Schlange stand, blieb Rebecca Evans noch im Saal und wurde von Sir Peter aus seiner Intendantenloge zu sich gewunken: Sie möge Felicity Lott umgehend in die Sologarderobe schicken, damit diese sich umziehe und den zweiten Teil übernehme – was „Flott“ umstandslos tat und ihren zweieinhalbten Münchner Figaro absolvierte. Auch Peter Jonas’ Nach-Nachfolger Serge Dorny kann berichten, wie die Sängerin ihm an seinem zweiten Arbeitstag als Intendant des London Philharmonic Orchestras half, eine wichtige Fundraiser-Veranstaltung abzuhalten, als deren Stargast tags zuvor absagen musste; viele Male kehrte sie später aufs Londoner Konzertpodium zurück.
An der Bayerischen Staatsoper erinnert man sich an sie vor allem als Marschallin: Die Partie sang sie im Nationaltheater München zwischen 1991 und 2006 volle 21 Mal. Schlank und hochgewachsen war sie schon äußerlich das Idealbild einer Marschallin, und ihr Gesang war es nicht weniger. In der Laudatio zur Verleihung des Titels „Bayerische Kammersängerin“ hieß es im Jahr 2003: „Mit ihrem makellos instrumental geführten Sopran und ihrer souverän-hoheitsvollen darstellerischen Ausstrahlung adelt sie diese Partie“, von „selbstbewusster Grandezza“ und „abendlichem Glanz“ war die Rede. „Mit ihrer Marschallin wird sich Dame Felicity Lott in die Annalen der Münchner Operngeschichte unvergesslich einschreiben.“
Ihr Münchner Debüt aber gab sie mit einer ähnlich anspruchsvollen, aber viel weniger bekannten Strauss-Partie: als Christine in Intermezzo. Ein Dutzend Mal wurde diese Oper mit Felicity Lott im Cuvilliés-Theater aufgeführt. Dort war sie auch als Gräfin in Strauss’ letzter Oper, Capriccio, zu erleben. Neun Liederabende, mehrere davon im Duett mit Ann Murray oder Angelika Kirchschlager, hat sie gegeben, und dreimal im Akademiekonzert die Vier letzten Lieder interpretiert.
Darüber hinaus war sie oft in Vorstellungen als Zuschauerin zugegen, und in einem Podiumsgespräch – moderiert von Claudia Küster, bis heute Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros an der Bayerischen Staatsoper, die viele Abende als Statistin an „Flotts“ Seite im Rosenkavalier auf der Bühne stand – bewies Felicity Lott ihre Größe, als sie, die hervorragend Deutsch sprach, so entwaffnend offen wie gleichzeitig diskret über ihr Metier und ihre Karriere Auskunft gab.
Die Zeit ist „ein sonderbar Ding“, wussten Strauss und Hofmannsthal; „alles zergeht wie Dunst und Traum“. Auch Felicity Lott war sich über die Endlichkeit alles Irdischen im Klaren. Ihre Gesangskunst stand noch in voller Blüte, da nahm sie ihren Abschied von der Bühne; sie verzichtete auf Altersrollen, wurde vielfach mit akademischen Würden geehrt und unterrichtete an renommierten Institutionen. Ihre Kunst ist in Aufzeichnungen reich dokumentiert. Bis zum Schluss bewahrte sie den inneren Adel, der sie auszeichnete; auch hier im Sinne der Marschallin: „und in dem Wie – da liegt der ganze Unterschied“. Sie bleibt uns Beispiel und Vorbild.
Malte Krasting







