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Julia Varady Die Bayerische Staatsoper gratuliert Julia Varady zum 85. Geburtstag

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Julia Varady zu Ehren

 
Foto von Julia Varady
La clemenza di Tito 1971; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Don Giovanni 1973; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Don Carlo 1976; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Otello 1977; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Arabella 1977; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Così fan tutte 1978; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Lear 1978; Foto: S. Toepffer
Otello
Il tabarro 1983; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Nabucco 1990; Foto: S. Toepffer
Foto von Julia Varady
Un ballo in maschera 1994; Foto: W. Hösl
Foto von Julia Varady
La traviata 1993; Foto: W. Hösl
Foto von Julia Varady
Aida 1996; Foto: W. Hösl

Die große Julia Varady vollendet am 1. September ihr 85. Lebensjahr. Die Bayerische Staatsoper gratuliert der verehrten Sopranistin herzlich zum Geburtstag.

Julia Varady gehört zu den ganz Großen und hat sich immer ihr Geheimnis bewahrt. Sie konnte singend ihre Seele entblößen und sich dabei doch enigmatisch in sich zurückziehen. Bekannt wurde sie mit Mozart, mit Verdi wurde sie berühmt, und mit der Münchner Uraufführung von Aribert Reimanns Oper Lear, bei der sie die Cordelia miterschuf, setzte sie einen Markstein für die Musik des 20. Jahrhunderts. Ihre Weltkarriere umspannte drei Jahrzehnte und konzentrierte sich auf einige wenige, sorgsam ausgewählte Kunststätten. In bemerkenswerter Konsequenz hat die Bayerische Kammersängerin auf der Höhe ihres Könnens entschieden, die Opernbühne zu verlassen, und wenige Jahre später ganz mit dem Singen aufgehört; am Versuch, sie umzustimmen, haben sich manche Intendanten die Zähne ausgebissen. Dass ihre Laufbahn so eng mit der Bayerischen Staatsoper verwoben war, ist ein Ehrenkapitel in der Geschichte der Musikstadt München.

Als Kind einer musizierenden und musikliebenden ungarisch-deutschen Familie geboren und als Angehörige der ungarischen Minderheit in Rumänien aufgewachsen, begann Julia Varady ihr sängerisches Wirken als Altistin; erst während ihres zehnjährigen Erstengagements an der Ungarischen Staatsoper in Cluj (Klausenburg) entdeckte sie ihre eigentliche Veranlagung zum Sopran. 1970 kam sie in den Westen – was alles bei dem Schlagwort „Flucht“ mitschwingt, können nur diejenigen ermessen, die auf solche Weise ihre Heimat verlassen mussten. Frankfurt und Köln waren erste wichtige Stationen, bis Julia Varady in München mit einem Residenzvertrag (sozusagen als Ensemblemitglied) und dann bis zum Ende ihrer Karriere regelmäßig als Gast eine neue Basis fand. Vitellia, Elettra, Donna Elvira und Donna Anna, Susanna und Gräfin, Fiordiligi, Pamina – alle wesentlichen Mozart-Partien sang sie hier, im Cuvilliés-Theater wie im Nationaltheater, bei Konzerten wie auf Gastspielen in Japan. Bald kamen die Verdi-Rollen hinzu, mit denen sie oft in München debütierte und danach weltweit gefragt war: Lady Macbeth, beide Leonoras (aus Il trovatore und aus La forza del destino), Elisabeth, Aida und Desdemona. Auch ins Wagner-Fach lugte sie nicht nur hinein und sang beispielsweise Freia, Sieglinde und Eva; über ihre Senta schrieb die Süddeutsche Zeitung 1991: „Das Wunder des Abends vollbrachte aber wohl Julia Varady als Senta. Wie sie die Strophen der Ballade … bis zur erschreckenden, fast hysterischen Unbedingtheit der Liebenden steigerte, das dürfte zu den Ereignissen dieser Festspiele gehören.“

Ob Covent Garden oder Met, ob Wiener Staatsoper oder Salzburger Festspiele, die Opernwelt lag ihr zu Füßen. Doch Julia Varady zog es vor, im behüteten Umfeld eines vertrauten Ensembles wie an der Deutschen Oper Berlin oder an der Bayerischen Staatsoper in Ruhe ihre Interpretationen zu erarbeiten. Mit der Münchner Oper verbindet sie auch ihre ganz persönliche Lebensgeschichte. In einer Neuinszenierung von Puccinis Mantel (in deutscher Sprache) sang sie Giorgetta, deren Ehemann Michele von Dietrich Fischer-Dieskau verkörpert wurde. Erst auf der Probe lernten die beiden Sänger einander kennen, nach der Premiere waren sie ein Paar. Ein Fernsehmitschnitt der vom damaligen Intendanten Günther Rennert inszenierten und von Wolfgang Sawallisch dirigierten Aufführung gibt einen Eindruck von der verzehrenden Intensität, mit der Julia Varady ihre Figuren auf der Bühne gestaltet hat: Da blieb kein Rest von reservierter Distanz. Mit einem antipsychologischen Regieansatz, wie er in den neunziger Jahren bisweilen Einzug hielt, hätte sie wohl wenig anfangen können – vielleicht auch ein Grund für ihren späteren Rückzug von der Bühne. In die Annalen der Operngeschichte eingegangen ist sie mit der Uraufführung von Lear. Die Shakespeare-Oper, die Verdi zeitlebens komponieren wollte und nie vollenden konnte, hatte Aribert Reimann einem handverlesenen Münchner Ensemble auf den Leib geschrieben: Fischer-Dieskau die Titelpartie des Königs, Julia Varady dessen verstoßene Lieblingstochter Cordelia. Die Uraufführungsserie wurde seinerzeit für die Schallplatte aufgezeichnet, als eines der (viel zu wenigen) Tondokumente, auf denen Julia Varadys Kunst auch für diejenigen zu hören ist, die sie nicht mehr auf der Bühne erleben konnten. Denn zwar gibt es von ihr, schreibt der Musikwissenschaftler Stephan Mösch, „Platten mit Raritäten: Spohr, Meyerbeer und Spontini. Auch die Strauss’sche Arabella und Mozarts Idomeneo und Titus. Aber ihre Glanzzeit als Verdi- und Puccini-Sängerin haben sich die Produzenten entgehen lassen. Ein paar Arien-Recitals in jüngerer Zeit können dieses Missmanagement kaum korrigieren: keine komplette Aida, kein Maskenball, kein ganzer Otello, kein Nabucco mit ihr.“ Der Münchner Trovatore-Mitschnitt von 1992 gehört zu den Kostbarkeiten, die ihre Geltung als eine der bedeutendsten Verdi-Sopranistinnen nachprüfen lassen. Wer weiß, was in den Archiven der Rundfunkanstalten noch schlummert: „Die Geschichte des Verdi-Gesangs wird für die siebziger, achtziger und neunziger Jahre umgeschrieben werden müssen, wenn Julia Varadys Aufführungsmitschnitte des Senders Freies Berlin und des Bayerischen Rundfunks endlich einmal auf CD erschienen sind“, hofft der Opernkritiker Manuel Brug. Vieles aus ihrem Repertoire wäre noch der Erwähnung wert, Partien von Puccini (Cio-Cio-San, Liù), Strauss (Arabella, Ariadne), Tschaikowski (Tatjana, Lisa) und Bartók (Judith). Nicht zuletzt auch im Liedgesang hat ihre Kunst seltene Höhen erreicht.

Ihre Entscheidung, 1997 „bei vollkommen intakter Stimme“ (Bayerischer Rundfunk) mit gerade Mitte fünfzig von der Opernbühne abzutreten und sechs Jahre später ihre aktive Karriere ganz zu beenden, hat Julia Varady nie revidiert, dafür zwei Jahrzehnte als Professorin in Berlin unterrichtet und anderswo Meisterkurse gegeben. Der Titel einer Bayerischen Kammersängerin, der Bayerische Theaterpreis und der Bayerische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst waren hochverdiente Auszeichnungen.

Oberbayern wurde und bleibt neben Charlottenburg ihr neues Zuhause. Seit einiger Zeit bevorzugt Julia Varady gegenüber dem Großstadttrubel ein zurückgezogenes Leben in ihrem Heim in Berg am Starnberger See, hält aber durch Familie und Freunde engen Kontakt mit dem Geschehen auf den Bühnen. Ihr Bild in der Porträtgalerie des Nationaltheaters München wurde auf ihren Wunsch umplaziert und hängt nun gegenüber dem ihres Mannes. Das ästhetische Urteil der Künstlerin bleibt unverändert scharf. Selbst dem inständig bittenden Hans Neuenfels, der sie für ein szenisches Projekt an der Bayerischen Staatsoper gewinnen wollte, hat sie widerstanden: Sie weiß am besten, was ihr taugt. Ihre annähernd 400 Auftritte an der Bayerischen Staatsoper gehörten offenbar dazu. Für all das, was sie den Opernliebhabern auf der Welt gegeben hat, sind wir Julia Varady zutiefst dankbar, und wünschen ihr für ihr neues Lebensjahr Glück und Gesundheit und überhaupt nur das Beste.

Malte Krasting

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