Waltraud Meier zum
70. Geburtstag
Gerade bei Sängerinnen und Sängern bemisst sich die Größe einer Karriere auch in ihrer Länge. Beweist diese doch klugen Umgang mit sich und der Stimme – sowie klugen Umgang mit dem Metier namens Oper. Die Karriere der Waltraud Meier war groß und lang.
Sie begann für die Sängerin vor fünfzig Jahren, 1976 als Lola in Cavalleria rusticana am Theater ihrer Heimatstadt Würzburg. Dabei dachte die bodenständige Fränkin eigentlich gar nicht daran, Sängerin zu werden, und studierte zunächst Anglistik und Romanistik auf Lehramt. Doch die Liebe zur Musik war stärker – und so blieb es nicht folgenlos, dass Waltraud Meier schon in ihrer Schulzeit in fünf verschiedenen Chören gesungen hatte.
Nach Lehr- und Wanderjahren mit bereits großen Partien (Kundry, Octavian) in Mannheim, Köln, Dortmund, Hannover singt sie 1982 in München Wolfgang Sawallisch vor. „Sie sind großartig, aber zu jung. Wir melden uns wieder“, lautet die trockene Antwort des Generalmusikdirektors. Die junge Sängerin glaubt, „eine typisch oberflächliche Floskel“ vernommen zu haben, und folgt weiterhin sich und also „dem innern Triebe“: Ein Jahr nach dem Vorsingen in München debütiert sie 1983 (mit 27 Jahren!) als Kundry im Parsifal in Bayreuth. Doch Sawallisch war eben kein Mann oberflächlicher Floskeln; er meldet sich wieder: 1985 steht Waltraud Meier unter seinem Dirigat als Komponist in Ariadne auf Naxos zum ersten Mal auf der Bühne des Nationaltheaters München. 1988 wird sie hier ihre erste Münchner Premiere singen, Jeanne d’Arc in Tschaikowskis Die Jungfrau von Orléans. Wo immer dieser dunkel-samtig-klare Mezzosopran nun in den folgenden Jahren zu hören ist, wo immer auch Waltraud Meier an den Opernhäusern von Mailand, Wien, München, New York, Paris und London auftritt, da „hatten die Intendanten volles Haus“ (O-Ton W. M.). (Die Partie der Sieglinde sang sie übrigens am häufigsten von allen, gefolgt von jener der Santuzza – die statistische Wahrheit sammelt die Sekretärin in einer Excel-Tabelle). Anfang der 1990er-Jahre wechselt Waltraud Meier ins dramatische Sopranfach: Mit der legendären Bayreuther Tristan und Isolde-Inszenierung von Heiner Müller und Daniel Barenboim (1993) wird sie für mehr als zwei Jahrzehnte weltweit „die“ singuläre Isolde.
An der Bayerischen Staatsoper fallen die meisten ihrer Premieren in die Ära des Staatsintendanten Sir Peter Jonas (1993–2006). Längst war die Würzburgerin zur Wahlmünchnerin mutiert und fuhr abendlich mit der U-Bahn von ihrer Schwabinger Wohnung zum Odeonsplatz – nicht ohne dann auf dem kurzen Weg ins Nationaltheater noch die ein oder andere Nase der Löwenköpfe an der Münchner Residenz (Glück bringend) zu berühren für Venus (Tannhäuser), Ortrud (Lohengrin), Leonore (Fidelio), Isolde (Tristan und Isolde), Sieglinde (Die Walküre), Amneris (Aida), Didon (Les Troyens).
Die Darstellungskraft von Waltraud Meier war nie gekünstelt, nie intellektuell forciert, sondern sinnlich erfühlt. Diese Sängerin spielte nicht die verführerische Höllenrose und Urteufelin Kundry, die sehnsüchtige Marie in Alban Bergs Wozzeck oder die vereinsamte und verzweifelte Klytämnestra in Elektra; auf der Bühne war sie diese Figuren. Waltraud Meier sang nicht Noten, sie sang Worte. Ein Grund dafür, dass neben den großen Opernpartien ihre Liederabende zu den wertvollsten Momenten gehören, die es in dieser Kunstform zu erleben gab.
2015 verabschiedet sich Waltraud Meier von ihrem Münchner Publikum mit einer fulminanten Isolde. 2023 beendet diese Sängerin, gnadenlos konsequent wie sie ist, ihre Bühnenkarriere: „und tschüss!“ ruft sie nach einer Elektra-Vorstellung ihres Lieblingsregisseurs, Patrice Chéreau, dem Publikum in der Berliner Lindenoper entgegen.
Für das „Bühnentier“ Waltraud Meier gab es immer auch ein Leben neben dem Theater. Und wie jenes auf der Bühne, so ist auch dieses erfüllt von Neugier (vornehmlich für ferne Länder und neue Kochrezepte) und dem ganz eigenen, fränkischen Humor. Denn, so die mit dem 9. Januar 2026 nun 70-jährige Künstlerin: „Der Humor sollte proportional im selben Maß zunehmen wie die Malaisen des Alters.“
Ihr „Münchner Haus“, die Bayerische Staatsoper und ihr Münchner Publikum gratulieren von Herzen. Happy birthday, liebe Waltraud Meier: Hoch soll sie leben – mehr als nur dreimal hoch!
Pascal Morché











