Zubin Mehta
zum 90. Geburtstag

„Wo immer Zubin Mehta jemals tätig war, liebt man ihn.“

 

So schrieb Sir Peter Jonas, der als Staatsintendant den Dirigenten nach München geholt hatte, zu dessen 70. Geburtstag. Auch heute, zwei Jahrzehnte später, ist es so: Wo immer Zubin Mehta erscheint, ob er probt, musiziert, spricht, fliegen ihm die Herzen zu. Seine pure Anwesenheit in einem Raum verändert die Atmosphäre. Das, wofür er sich mit seinem Musizieren und weit darüber hinaus sein Leben lang eingesetzt hat – eine Verständigung unter den Menschen zu erreichen, zwischen verfeindeten Völkern und Religionen Versöhnung zu schaffen –, das ruft er auch im Kleinen durch seine Persönlichkeit hervor: In seiner Gegenwart hört man dem anderen zu, widerstreitende Meinungen finden schneller gemeinsame Grundlagen, aus Gegensätzen erwächst ein höheres Drittes. Diese Durchlässigkeit und Offenheit prägen auch sein Musizieren. Unter seiner Leitung atmen alle Mitwirkenden gemeinsam. Sir Peter hielt ihn für einen „Mann der natürlichen Gaben – der grenzenlosen Großzügigkeit, Energie, Freundlichkeit, Menschlichkeit; und vor allem: für einen Mann, der in seinem Leben und in seiner Arbeit nie, bei keiner noch so großen Provokation, sich jemals zu einer Bösartigkeit hat hinreißen lassen – vielleicht die seltenste aller guten Eigenschaften. Er hat eine Art inneren Frieden.“

Zubin Mehta war längst Weltstar, als er sich 1998 fest mit der Bayerischen Staatsoper verband. Sein Nationaltheater-Debüt lag da schon lange zurück: Das gab er am 24. Februar 1975 im 4. Akademiekonzert 1974/75 mit einem Programm, das sich in der Rückschau wie eine Visitenkarte seiner künstlerischen Vielseitigkeit ausmacht. Er dirigierte eine Symphonie der Wiener Klassik (Joseph Haydns Nr. 96), ein spätromantisches Virtuosenstück von einem der Münchner Hausgötter (Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra) und ein Werk eines Zeitgenossen mit politischem Bekenntnis (Krzysztof Pendereckis Threnos, gewidmet den Opfern von Hiroshima). Diese Spannweite kennzeichnet seine hiesige Tätigkeit von seiner ersten Opernproduktion an bis heute.

Sir Peter Jonas engagierte Zubin Mehta gleich in seiner ersten Spielzeit als Intendant als Gastdirigent für die Neuinszenierung von Richard Wagners Tannhäuser (Regie: David Alden). Es war für alle Beteiligten wie Liebe auf den ersten Blick, ob Orchester, Ensemble oder Mitarbeiterstab. Ein weiteres Konzert folgte 1995 mit Anton Bruckners achter Symphonie, auch das ein Signum seines Repertoires. Vielen Orchestern hatte er als Chefdirigent vorgestanden (darunter Schwergewichte wie Los Angeles und New York Philharmonic), auch dem Festival Maggio Musicale in Florenz; noch nie aber hatte er ein Opernhaus geleitet. 1998 trat er die Position des Bayerischen Generalmusikdirektors an, die ihm Jahre zuvor schon August Everding erfolglos angetragen hatte, und bekleidete sie bis 2006; regelmäßig kehrt er seitdem zurück ans Pult dieses Hauses, im Orchestergraben wie auf dem Konzertpodium.

19 Premieren zählen wir bis dato, von Klassikern wie Ludwig van Beethovens Fidelio über Raritäten wie Les Troyens von Hector Berlioz bis zur jüngsten Moderne. Im Zentrum steht, natürlich, Wagner: auf Tannhäuser folgten Tristan und Isolde (Regie: Peter Konwitschny), die Neuinszenierung von Der Ring des Nibelungen, begonnen mit dem Regisseur Herbert Wernicke und nach dessen unerwartetem Tod fortgeführt mit David Alden, und Die Meistersinger von Nürnberg (Regie: Thomas Langhoff). Auch die italienische Oper bedeutet ihm viel. Von Il trovatore, La traviata, Aida und Tosca leitete er viele Repertoirevorstellungen, Falstaff (Regie: Eike Gramss) und Don Carlo (Jürgen Rose) brachte er neu heraus, und angesichts der umstrittenen Rigoletto-Inszenierung von Doris Dörrie konnte man erleben, wie sich Zubin Mehtas Sinn für Loyalität bewährte. Nach dem Ende seiner Chef-Zeit dirigierte Zubin Mehta Turandot (Regie: La fura dels baus) und Un ballo in maschera (Regie: Johannes Erath) – eine Oper, die er zuvor noch nie dirigiert hatte. Eine weitere Farbe in seiner Palette bildet nicht zuletzt – wie schon im allerersten Konzert – die Moderne, repräsentiert durch die Uraufführung von Aribert Reimanns Bernarda Albas Haus (Regie: Harry Kupfer) ebenso wie durch Arnold Schönbergs Moses und Aron (Regie: David Pountney).

 
Zubin Mehta unterzeichnet seinen Vertrag an der Bayerischen Staatsoper
Vertragsunterzeichnung, 1998; Foto: W. Hösl
Mehta und Jürgen ROse
Mehta und Jürgen Rose; Foto: W. Hösl
Mehta beim Faschin5 in den 90er Jahren
Fasching, 90er Jahre; Foto: W. Hösl
Foto von Zubin Mehta
Zubin Mehta, 1999; Foto: W. Hösl
Zubin Mehta auf dem Oktoberfest
Oktoberfest, 1999; Foto: W. Hösl
Mehta bei Oper für alle 2000
Oper für alle, 2000; Foto: W. Hösl
Foto von Zubin Mehta
Mehta; Foto: W. Hösl

Über 30 reguläre Akademiekonzerte gehen auf Zubin Mehtas Konto, dazu Neujahrskonzerte, Abende mit Kammerensembles, Sonderkonzerte mit Chorwerken von Giuseppe Verdi, Benefizveranstaltungen zugunsten von Erdbebenopfern in Indien und der Türkei sowie für die Opfer der Tsunami-Katastrophe, mehrere Gastspiele in Japan und ausgedehnte Orchestertourneen. Auch die einem guten Zweck dienenden BMW-Adventskonzerte nahmen unter seiner Ägide ihren Anfang. Und ganz wichtig: Gemeinsam mit Sir Peter machte er die Freiluftkonzerte und ‑übertragungen unter dem Titel „Oper für alle“ zu einer Institution, bis zu seinem letzten Abend als amtierender GMD mit den Meistersingern am 31. Juli 2006.

Schon im Jahr darauf war er neuerlich mit einem Akademiekonzert an der Bayerischen Staatsoper zu erleben, und bald danach wieder: für Konzerte, für Neuproduktionen und für Vorstellungsserien bewährter Inszenierungen; er ging auf Tournee (2013 beispielsweise nach Kaschmir) und führte in einem Konzert aus Anlass seines 80. Geburtstags Schönbergs Gurre-Lieder auf. So hält er es bis auf den heutigen Tag. Selbst in der schweren Zeit der Corona-Pandemie stand er dem Haus tatkräftig zur Seite: Das als 3. Akademiekonzert 2020/21 geplante Programm mit den Vier letzten Liedern von Richard Strauss und der „Großen“ C‑Dur-Symphonie von Franz Schubert fand als online übertragenes „Montagsstück“ statt. Auch am Konzert Celebrating Sir Peter zu Ehren des verstorbenen Staatsintendanten wirkte er maßgeblich mit. Jüngst feierte Zubin Mehta das 500-Jahres-Jubiläum des Bayerischen Staatsorchesters im 4. Akademiekonzert 2022/23 mit der Uraufführung eines Werkes von Minas Borboudakis sowie Interpretationen von Mendelssohns Violinkonzert und Bruckners siebter Symphonie – ein Programm, das man als freie Variation seines allerersten Akademiekonzerts mit diesem Orchester verstehen kann.

Insgesamt rund 440 Opernaufführungen und Konzerte unter der Musikalischen Leitung von Zubin Mehta verzeichnet das Archiv der Bayerischen Staatsoper. Die schiere Menge mag geradezu einschüchternd erscheinen – zumal sein Pensum bei den anderen Institutionen, denen er nahesteht, darum nicht geringer wird, ob für das von ihm eröffnete Opernhaus in Valencia, das Israel Philharmonic Orchestra und die anderen großen Münchner Orchester. All das zu bewältigen gelingt ihm scheinbar mühelos; nur schwere Erkrankungen haben ihm zwischenzeitlich Pausen auferlegt. Man könnte, wenn man Zubin Mehta in seinem Metier erlebt, beinahe vergessen, wieviel Mühsal seinem so eleganten Dirigieren vorausgeht. Tatsächlich ist er das leuchtende Beispiel dafür, wie Genie zu einem Gutteil auf Fleiß basiert, und dass erst die anerkannte Autorität eine Aura ermöglicht, wie er sie ausstrahlt. Die Liebe, die Zubin Mehta entgegengebracht wird, sie ist – auch – hart erarbeitet. Wir danken ihm für jede Stunde, die er bei uns gewesen ist, und freuen uns auf hoffentlich viele Begegnungen, die noch vor uns liegen.

Malte Krasting

 
Foto des Orchester vor dem Taj Mahal
Indien, 2005; Foto: W. Bergius
Foto Sir Peter Jonas und Zubin Mehta
Abschied Zubin Mehta und Sir Peter Jonas, 2006; Foto: W. Hösl
Foto von Zubin Mehta
Zubin Mehta; Foto: W. Hösl
Proben zum Montagsstück 2021
Proben Montagsstück, 2021; Foto: W. Hösl
Mehta auf der Bühne des Nationaltheaters
Montagsstück, 2021; Foto: W. Hösl
Mehta bei den Proben für das 4. Akademiekonzert
Proben 4. Akademiekonzert, 2023; Foto: W. Hösl
Zubin Mehta dirigiert ein Akademiekonzert
4. Akademiekonzert, 2023; Foto: W. Hösl
Zubin Mehta dirigiert ein Akademiekonzert
4. Akademiekonzert, 2023; Foto: W. Hösl

Glückwünsche von Staatsintendant Serge Dorny

Lieber Zubin Mehta,

ein 90. Geburtstag ist ein seltener Anlass, nicht nur, weil er ein langes Leben markiert, sondern weil er Gelegenheit gibt, ein künstlerisches Wirken zu würdigen, das sich über Jahrzehnte hinweg in das Gedächtnis der Musikwelt eingeschrieben hat. Bei Ihnen jedoch entzieht sich dieses Wirken jeder abschließenden Betrachtung: Es ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart geblieben, lebendig in Klängen, in Erinnerungen, in einer Haltung zur Musik, die weit über das rein Künstlerische hinausreicht.

Meine persönliche Verbindung zu Ihnen reicht zurück in die späten 1980er und frühen 1990er Jahre, als ich Sie in meiner damaligen Funktion als Künstlerischer Leiter des Flanders Music Festival nach Brüssel einladen durfte. Sie kamen mit dem Israel Philharmonic Orchestra und dem New York Philharmonic, zwei Orchestern, die auf exemplarische Weise mit Ihrem Namen verbunden sind. Die Konzerte im Palais des Beaux-Arts gehören zu jenen Erfahrungen, die sich dem Vergessen entziehen – nicht als einzelne Programme, sondern als Momente musikalischer Offenbarung, in denen sich Interpretation und Werk auf ideale Weise durchdrangen.

Was mich damals wie heute am tiefsten beeindruckt, ist die Selbstverständlichkeit Ihres Musizierens. Sie suchen nicht die Geste, nicht die demonstrative Deutung, nicht das interpretatorische Ausstellen. Vielmehr entsteht unter Ihren Händen ein Raum, in dem sich Musik entfalten kann, getragen von einer inneren Gewissheit, die keiner Behauptung bedarf. Diese natürliche musikalische Autorität ist selten geworden. Sie gründet nicht in Inszenierung, sondern in Vertrauen: in die Partitur, in die Musiker, in den lebendigen Augenblick.

Gerade im Zusammenspiel mit dem Israel Philharmonic Orchestra war dies in besonderer Weise spürbar, jene über Jahrzehnte gewachsene Klangkultur, die Wärme, Intensität und innere Geschlossenheit verbindet. Doch auch das New York Philharmonic zeigte unter Ihrer Leitung jene große Linie, die Ihr Dirigieren auszeichnet, nämlich Klarheit ohne Strenge, Energie ohne Härte, Ausdruck ohne Überzeichnung.

Noch bevor ich Ihnen persönlich begegnete, war mir Ihr künstlerisches Profil durch Aufnahmen vertraut. Eine von ihnen hat mich nachhaltig begleitet: Ihre Einspielung von Verdis Il trovatore aus dem Jahr 1969 mit dem New Philharmonia Orchestra. In der legendären Besetzung mit Leontyne Price, Plácido Domingo, Sherrill Milnes und Fiorenza Cossotto offenbart sich bereits in exemplarischer Weise Ihr Zugang zur Oper – dramatische Intensität, die aus der musikalischen Linie heraus entwickelt wird; eine souveräne Balance zwischen Orchester und Stimme; und jene seltene Fähigkeit, dem Werk ganz nahezukommen und ihm gleichzeitig seine Würde zu lassen.

Als ich später Verantwortung an der Bayerischen Staatsoper übernehmen durfte, einem Haus, das über viele Jahre hinweg eng mit Ihnen verbunden war, wurde mir in besonderer Weise bewusst, welche nachhaltigen Spuren Sie dort hinterlassen haben. Ihre Zeit als Generalmusikdirektor hat das musikalische Profil dieses Hauses nachhaltig beeinflusst. München wurde für Sie zu einem zentralen Ort Ihres Opernschaffens, und das Bayerische Staatsorchester gewann unter Ihrer Leitung eine klangliche Gegenwärtigkeit und Identität, die weit über die Grenzen der Stadt hinauswirkt.

Es war dabei nicht allein die Qualität einzelner Aufführungen, die Ihr Wirken bestimmte, sondern die Kontinuität Ihrer künstlerischen Haltung: die Verlässlichkeit Ihrer musikalischen Sprache, die Tiefe Ihrer Beziehung zu den Musikern und die Selbstverständlichkeit Ihrer Präsenz. In einer Epoche zunehmender Beschleunigung und Austauschbarkeit ist diese Form der künstlerischen Bindung von unschätzbarem Wert.

Für mich persönlich verbindet sich damit auch ein institutionelles Bewusstsein. Ich stehe in der Nachfolge von Sir Peter Jonas und Nikolaus Bachler, die beide auf je eigene Weise mit Ihnen verbunden waren und Ihr Wirken an diesem Haus als prägend empfunden haben. Diese Kontinuität wollen wir bewahren und zugleich in die Zukunft führen.

Lieber Zubin, Ihr Lebensweg hat früh Grenzen überschritten, geografische, kulturelle und künstlerische. Sie haben gezeigt, dass Musik keine Herkunft kennt, sondern eine Sprache ist, die verbindet. Diese Überzeugung leben Sie nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch, mit einer Großzügigkeit und Offenheit, die untrennbar mit Ihrem Namen verbunden sind. Dass ich Ihnen begegnen und mit Ihnen arbeiten durfte, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. 
Diese Begegnungen gehören zu den wesentlichen Erfahrungen meines eigenen künstlerischen Weges.

Zu Ihrem 90. Geburtstag wünsche ich Ihnen von Herzen Ruhe, Kraft und jene Gelassenheit, die aus einem erfüllten Leben erwächst. 

In großer Dankbarkeit und Verbundenheit. 
Serge Dorny

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