Die Auflösung des Tempels ...

Herr Jurowski, was reizt Sie daran, Generalmusikdirektor zu sein?

Die Qualität des Hauses ist pure Exzellenz. Es ist nicht nur eines der besten Operntheater im deutschsprachigen Raum, sondern auch im internationalen Vergleich. Das ist der perfekte Ort für Visionen ...

 

Was ist Ihre Vision vom Arbeiten am Haus?

Es muss wieder mehr Feuer her. Und es wird nicht reichen, dass wir uns nur Luft zufächern, es muss neues Holz in den Kamin! Und das schaffen wir nur gemeinsam. Es ist Teamarbeit. Die Gewerke des Opernhauses müssen bedingungslos miteinander arbeiten. Das klingt jetzt vielleicht für Außenstehende banal, aber es ist häufig so, dass hinter den Kulissen jeder seinen abgegrenzten Bereich hat. Verantwortlichkeiten sind auch wichtig, aber ich werde mich sehr bemühen, für alle Ansprechperson zu sein und übergreifend zu arbeiten – mit Chor, mit Solistinnen und Solisten, mit den Regieteams, Dramaturginnen und Dramaturgen und ja, auch Technikerinnen und Technikern und allem, was da noch dranhängt.

 

Sie erweitern also Ihren Verantwortungsbereich?

Es hat nichts mit Macht zu tun. Im Gegenteil: Wenn ich mich mit den Hürden und Fragen der Regie mit meiner Expertise auseinandersetze, dann heißt das auch, dass die Regieteams sich gemeinsam mit mir meiner musikalischen Fragen annehmend müssen. Ich wünsche mir eine sehr intensive Teamarbeit und jeder wird seine Kompetenzen erweitern dürfen. Ganz am Ende unserer Arbeit, bei dem, was das Publikum auf der Bühne erfährt, darf dann keine Trennung mehr sichtbar sein.

 

Das klingt nach dem Arbeitsprinzip des agilen Managements – so wollen ja Startups und neue privatwirtschaftliche Geschäftsfelder hierarchiefrei funktionieren.

Das klingt eher nach dem Gründervater und langjährigem Intendanten der Komischen Oper Berlin Walter Felsenstein und seinem Verständnis von Musiktheater, also eher ein paar Jahre vor den Trendbegriffen der Privatwirtschaft.

 

Felsenstein hat mit dem Begriff der Oper gerungen, stattdessen sehr bewusst von Musiktheater gesprochen – mehr Gleichberechtigung von Text und Musik und mehr schauspielerischer Kraft auf den Musiktheaterbühnen. Ist das auch Ihr Credo?

Wer von der felsensteinschen Vision heute spricht, spricht meist wie von einem festzementiertem Dogma. Mich hingegen faszinieren seine Ideen, er wollte nah an ein breites Publikum und setzte dabei auf die Kraft des Ensembles und die Gleichberechtigung der Bestandtteile einer Aufführung. Und meine Aufgabe ist es, das nicht einfach als Prinzip zu kopieren, sondern das System des Musiktheaters über meine Arbeit mitzugestalten. Diese Tradition mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts umzusetzen, das reizt mich sehr.

 

Im künstlerischen Entstehungsprozess und hinsichtlich der Mittel wollen Sie neue Stile und neues Denken etablieren. Ändert sich der Sinn der Kunst?

Nein. Die Mission bleibt dieselbe. Das Theater ist dafür da, den Menschen die Möglichkeit zu schenken, sich im Spiegel zu betrachten. So vermittelt das Theater zwischen den Menschen, weil es für das Menschliche sensibilisiert. Es ist der Ort, der Menschen von anderen Menschen erzählt.

 

Was ist Ihr Verständnis vom Menschen?

Das ist mir ein bisschen zu allgemein...

 

Sie antworten auf die Frage nach dem Sinn der Kunst mit einem Plädoyer als Schutz- und Erfahrungsraum für den Menschen...

Der Mensch ist unfassbar komplex. Diese Vielschichtigkeit ist natürlich ein Geschenk, aber sie birgt auch Gefahren, weil der Mensch immer alles sein kann. Wir tragen alle in uns die besten Seiten, die besten Fähigkeiten, menschliches Miteinander so positiv wie möglich zu gestalten. So, wie es Friedrich Schiller sagte, der Mensch sei gut – ich würde sagen, da fehlt die Hälfte. Der Mensch hat natürlich das Potential für Frieden in sich. Aber wir tragen auch das absolute Gegenteil in uns. Beides ist permanent da.

 

Und der Mensch entscheidet frei über diese Seiten?

Der Mensch hat immer die Wahl. Wir haben sie täglich und täglich sind wir durch unser komplexes Menschsein bedrängt, Entscheidungen zu treffen. Und um das tun zu können, brauchen wir Unterstützung. Und da kann Theater ein sehr dienlicher Ort sein. Theater ist für mich menschenbezogener Dienst.

 

Großen Kulturinstitutionen wird nicht selten vorgeworfen, dass sie nur für einen kleinen Bereich der Menschen da sein wollen. Sind wir nah genug am Menschen dran?

Nein. Wir müssen näher ran und wir müssen auch mehr zu den Menschen. Ich werde nicht nur im Haus an der Qualität feilen, wie gesagt, im Team, sondern ich will auch, dass wir nach draußen gehen. Dabei müssen wir auch die höchste Qualität liefern, es geht nicht um Populismus, aber wir müssen uns aus dem Elfenbeinturm wagen und auch Volkstheater machen.

 

Damit machen Sie die Flanken auf. Haben Sie keine Angst, dass am Ende die Menschen sagen: Nichts für mich. Das habe ich nicht bestellt.

Dieses Risiko gehört dazu. Man sich auch trauen, zu antworten: Dann kommt er halt nicht wieder. Wenn es ihm nicht schmeckt, das steht einem jeden Menschen frei, sich gegen den Ort zu entscheiden. Nur bin ich sehr zuversichtlich. Der Mensch ist komplex und wie gesagt: Musiktheater bietet da Unterstützung.

 

Also raus aus dem Tempel, anstatt Menschen in den Tempel einzuladen?

Vielleicht hilft das Ende vom dritten Aufzug vom Bühnenweihfestspiel Parsifal von Richard Wagner: Am Ende, wenn Parsifal den Gralshüter Amfortas sozusagen in die Frührente schickt, das ist für die Regie immer ein sehr spannender Moment. Es gibt mehrere Möglichkeiten der Deutung, was danach passiert. Wird Parsifal der nächste Gralshüter oder löst er den Tempel auf?

 

Sie plädieren dafür, den Tempel aufzulösen?

Ja. Ich habe mich ein wenig mit östlicher Esoterik befasst. Diese Schulen waren bis zur zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr gut gehütete Kreise mit vielen verborgenen und geschützten Riten. Ihre Meister haben sich dann entschieden, sich nach außen zu wenden mit dem Hintergedanken: Wir müssen aufmachen. Wer es braucht, wird es gut gebrauchen können. Bei wem kein Bedarf besteht, den wird es nicht interessieren. Und schauen Sie: Der Shaolin Mönch Shi Heng Yi, den ich sehr bewundere, der lehrt inzwischen Kampfsportarten in freien Seminaren – in Bielefeld, also ohne, dass man nach Tibet reisen muss. Das ist ein sehr gutes Beispiel für Öffnung und Nähe. Während der gesellschaftlich belastenden Lockdowns durch Corona war es sogar möglich, diese Kurse online zu belegen.

 

Auch ein sehr menschenbezogener Dienst?

Ja, davon können wir viel lernen. Wie können wir mehr Menschen ermöglichen, teilzuhaben? Wir müssen natürlich auch den Werken dienen, und das tun wir, indem wir sie öffnen. Da können wir in Zukunft noch flexibler werden.

 

Auch musikalisch?

Wenn wir ein Werk von Georg Friedrich Händel spielen und am nächsten Tag eine Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, tagsdrauf dann Giuseppe Verdi und Dmitri D. Schostakowitsch, dann ist es unsere Pflicht, dass diese Abende unterschiedlich klingen.

 

Also ein Klang für den Komponisten, nicht die Pflege des eigenen Klangs?

Ich habe einen ganz anderen Zugang zur Frage der Klangtradition, als meine früheren und älteren Kollegen. Ich glaube sogar es ist sinnwidrig, einen eigenen Orchesterklang zu pflegen, der dann für alle Stile, für alle Epochen, für alle Komponistinnen und Komponisten passen soll. Hier möchte ich gemeinsam mit dem Orchester und den Künstlerinnen und Künstlern zeitgenössische Interpretationen von Werken der Vergangenheit erschaffen.

 

Also weg von der großen Richard Wagner- und Richard Strauß-Klangtradition?

Das soll unbedingt erhalten bleiben. Aber der Klang sollte gleichzeitig auch flexibler werden. Mein Ideal ist eine Sicherheit in verschiedenen Bereichen, auch in Mischformen. Beispielsweise die ganzen barocken Händel-Aufführungen in der Zeit von Intendant Peter Jonas, die waren in der damaligen Zeit mustergültig.

 

Mustergültig im Sinne von richtig?

Das ist unmöglich, weil Musik nicht im luftleeren Raum erklingt. Es geht mir um eine idiomatische Umsetzung. Es geht mir hier um ein absolutes Verständnis des Stoffs. Wir müssen so klingen, dass es keine dolmetschenden Fähigkeiten mehr braucht. Die Musikschrift muss original gelesen werden mit den heutigen Mitteln, mit dem Verständnis der Jetztzeit. Dann wird sie auch begriffen.

 

Klang, der nicht selbstreferenziell ist, sondern wirkt?

Musiktheater das wirkt. Musiktheater das weiterhilft, das die Möglichkeit gibt, dem Alltag zu entfliehen, um uns anschließend so zu verändern, dass vieles besser wird. Deshalb wünsche ich mir ständigen Kontakt mit dem Publikum.

 

Biographie Vladimir Jurowski