Nase entlaufen

O Schreck: Plötzlich ist die Nase weg! Dmitri D. Schostakowitsch hat aus der grotesken Erzählung von Nikolai Gogol eine Oper gemacht. Über den Gesichtsverlust im wortwörtlichen Sinne spricht der Regisseur Kirill Serebrennikov im Interview.

von Wolfgang Behrens
Foto von Martina Borsche

Ich bin zu einer Videokonferenz mit Kirill Serebrennikov verabredet, der sich in Moskau auf seine Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Die Nase an der Bayerischen Staatsoper vorbereitet. Als ich ihn erreiche, befindet er sich offenbar irgendwo am Rande eines öffentlichen Ortes. Im Hintergrund sieht man ab und an Menschen eine Treppe hinauf- und hinuntergehen. Wir sprechen Englisch miteinander. Die Verbindungsqualität lässt zu wünschen übrig. Während ich meine Fragen stelle, sehe ich auf meinem Laptop bildschirmfüllend Serebrennikovs Ohr, das dieser an sein Handy presst, um mich besser zu verstehen. Wenn er antwortet, sehe ich abwechselnd Teile seiner Brille, seines Munds oder – natürlich! – seiner Nase.

WB      Herr Serebrennikov, ich habe online ein Festival-Grußwort von Ihnen gefunden, das Sie nahezu perfekt auf Deutsch vortragen. Sprechen Sie denn Deutsch?

KS      Ich lerne tatsächlich gerade Deutsch, und ich mache auch Fortschritte. Als ich Boccaccios Decamerone für das Deutsche Theater in Berlin adaptiert habe, habe ich mir einen Lehrer genommen und viel mit ihm gearbeitet. Hier in Russland kann ich mein Deutsch natürlich nicht gut verbessern, aber ich hoffe, dass es leichter wird, sobald ich direkt mit den Leuten reden kann.

 

WB      Schostakowitschs Oper Die Nase, die Sie nun inszenieren werden, beruht auf einer berühmten Erzählung von Nikolai Gogol. Sie sind sehr bekannt als langjähriger künstlerischer Direktor des Gogol-Zentrums in Moskau. Fühlen Sie sich Gogol dadurch mehr verpflichtet, als sich vielleicht ein deutscher Intendant des Gorki Theaters in Berlin Maxim Gorki gegenüber verpflichtet fühlt?

KS      (lacht) Also ich zumindest habe auch Gorki inszeniert. Aber im Ernst: Gogol ist einer der grundlegenden Autoren der russischen Welt. Um Russland zu verstehen, auch und gerade das heutige, ist es enorm hilfreich, in Gogols Universum einzutauchen, in diesen absurd-paradoxen Kosmos. Gogol zu lesen ist eine einzigartige Erfahrung, und mir tut es regelrecht leid für nicht-russischsprachige Menschen, dass sie ihn nicht im Original lesen können. So wie ich umgekehrt gerne Goethe und Schiller im Original lesen würde. Oder Kafka. Vor allem Kafka.

Die Nase steht für ein Hauptmerkmal, mithilfe dessen die Gesellschaft Menschen identifiziert. Eine Person, der ein solches Merkmal fehlt, verliert ihre Identität, ihr Charisma, ihre Aura. - Kirill Serebrennikow

WB      Gogols Erzählung Die Nase und ebenso Schostakowitschs Oper handeln von einem Mann, der eines Tages in St. Petersburg völlig ohne Anlass seine Nase verliert, sie später als reale Person auf der Straße wiedertrifft und am Ende – wieder ohne Anlass – erneut in seinem Gesicht wiederfindet. Für mich war das immer eine der komischsten Erzählungen der Weltliteratur. Aber ist sie wirklich komisch?

KS      In meiner Sicht handelt die Die Nase von einem großen Identitätsproblem. Die Nase und Kafkas Verwandlung haben ja im Grunde denselben Anfang. „Als Gregor Samsa eines Morgens erwachte, fand er sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“, heißt es bei Kafka. Und Gogols Beginn könnte man paraphrasieren: „Als Kowaljow eines Morgens erwachte, fand er sich ohne Nase wieder.“ Man muss sich das vorstellen: Alle haben eine Nase, und Kowaljow hat keine. Die Nase steht für ein Hauptmerkmal, mithilfe dessen die Gesellschaft Menschen identifiziert. Eine Person, der ein solches Merkmal fehlt, verliert ihre Identität, ihr Charisma, ihre Aura.

 

WB      Im Deutschen gibt es die Formulierung „das Gesicht verlieren“ …

KS      Die gibt es im Russischen auch.

 

WB      Ist seinen Pass zu verlieren vielleicht ein vergleichbarer Vorgang zum Nase Verlieren?

KS      Absolut! Es wäre eine Gesellschaft denkbar, in der die Nase oder die Form einer Nase gewissermaßen das Existenzniveau markiert.

 

WB      Auffällig in Die Nase ist, dass die Menschen, die der Hauptheld Kowaljow um Hilfe bittet, mit großem Desinteresse auf seine verzweifelte Lage reagieren. Würde jemand wie Kowaljow in der heutigen Welt mehr Glück haben?

KS      Auf keinen Fall. (lacht) Es hat sich nichts verändert. Wenn heute jemand aus bestimmten Gründen sein Erscheinungsbild oder sein soziales Image ändert, setzt er sich immer noch der Gefahr aus, blamiert zu werden. Wesentlich geht es um Scham. Wer fremdartig oder anders ist, wird von der Gesellschaft zur Scham gezwungen.

 

WB      Als Schostakowitsch Die Nase komponierte, war er noch keinen Repressionen seitens der Politik ausgesetzt. Würden Sie sagen, dass man der Musik ihre Freiheit anhört?

KS      Eine gute Frage! Auf jeden Fall ist Die Nase die Musik eines jungen Mannes, eines Punks. Es ist Punk-Musik, Musik der verrückten und wilden zwanziger Jahre. Schostakowitsch entfesselt hier gewaltige Klangmassen, als wolle er eine neue Welt erstehen lassen. Später haben Terror und Angst die gesamte russische Gesellschaft ver­ändert, sie wurde aus sich heraus gewalttätig, und Schostakowitsch musste jeden Tag mit seiner Festnahme rechnen. Das hat seiner Musik eine andere Dimension verliehen. Aber Die Nase ist ein Anfang aus einer Zeit, in der noch alle lebendig waren.

 

WB      Ist es nicht eigentlich erstaunlich, dass mächtige Leute wie Stalin die Kunst so sehr fürchten, dass sie sie immer wieder zu beschneiden versuchen?

KS       Zuerst einmal wollen die Diktatoren die Kunst nicht beschneiden, sondern sie einbinden. Sie wollen die Macht der Kunst für sich nutzen und sie ihrem System unterordnen. Das war zu allen Zeiten gleich, Stalin ist da nur ein typischer Vertreter: Er hatte den Wunsch, dass Schostakowitsch ein weiterer großer Künstler würde, der ihm dient.

 

WB      Kann Kunst den Mächtigen gefährlich werden?

KS      Wenn Kunst wahrhaftig ist, kann Kunst gefährlich werden, ja. Bleibt Kunst aber bloßes Design und deckt alles schön zu, dann macht sie sich zur Sklavin des jeweiligen Regimes. Normalerweise aber handelt die Kunst von der Wahrheit und bringt die Leute zum Denken – daher gefällt die Kunst denjenigen nicht, die Denkprozesse von vornherein verhindern wollen.

 

WB      Worin liegt Ihr eigener Antrieb, Kunst zu machen? Ist gesellschaftliches Engagement ein Teil dieses Antriebs?

KS      Ich mag Kunst einfach. (lacht) Ich mache mir tatsächlich keine besonderen Gedanken darüber: Ich tue schlicht das, was ich empfinde. Jeder Künstler hat eine begrenzte Anzahl von Geschichten, die er erzählen kann, und ich erzähle einfach die Geschichten, die ich erzählen kann. Das ist alles.

 

WB      Sie werden – wie schon bei früheren Produktionen – nicht zu den Proben anreisen können. Wie muss man sich das vorstellen, bei einer Oper aus der Ferne Regie zu führen?

KS      Während der Zeit meines Hausarrests durfte ich kein Internet nutzen und konnte nur über Video- und Audioaufnahmen kommunizieren, die mein Anwalt zu mir brachte und von mir wieder mitnahm. Dagegen sind die Möglichkeiten, die ich jetzt über das Internet habe, geradezu luxuriös. Im Übrigen ist Musiktheater für diese Art der Fernregie besser geeignet, weil die Partitur bereits als etwas Festgelegtes existiert. Sie funktioniert wie eine Grundformel, durch die jede physische Aktion mit der Musik verknüpft werden kann. Im Schauspiel ist es schwieriger, aus der Entfernung zu inszenieren.

 

WB      Wenn ich es richtig gehört habe, soll das Bühnenbild zu Die Nase von realen Orten der Stadt St. Petersburg inspiriert sein …

KS       Ja, das berühmte Reiterdenkmal von Peter I. wird zu sehen sein, aber auf dem Pferd wird nicht Peter I. sitzen, sondern eine Nase. Aber es geht nicht wirklich um St. Petersburg, es geht vielmehr um den Winter: Wir machen eine „Winternase“. Es wird viel Schnee geben, Berge von Schnee und Eis. Diese Die Nase wird kalt werden. Kalt und lustig.

 

WB       Vielen Dank, Herr Serebrennikov. Ein wenig von Ihrer Nase und insbesondere Ihr Ohr konnte ich während des Gesprächs schon gut studieren.

KS      (lacht) Ja, mein Ohr ist wohl schöner als meine Nase. Schade eigentlich, dass es keine Oper Das Ohr gibt …

 

Dieser Text ist ein Originalbeitrag des Magazins engelsloge n°49, eine Veröffentlichung von Süddeutsche Zeitung Tickets und der Bayerischen Staatsoper, erschienen am 14.9.2021.