Editorial: Portrait Judith Turos
Abschied von Judith Turos: 45 Jahre beim Bayerischen Staatsballett
Etwas außer Atem taucht Ballettmeisterin Judith Turos am Bühneneingang auf. Nur noch wenige Arbeitstage liegen vor ihr, bevor sie sich Ende der Spielzeit nach 45 Dienstjahren offiziell vom Bayerischen Staatsballett verabschieden wird. Gerade probt sie ein letztes Mal Die Kameliendame, eine ihrer Lieblingsrollen als Tänzerin und auch als Coach. Die darstellenden Rollen wie Tatjana in Onegin, Julia aus Romeo und Julia, die Giselle im gleichnamigen romantischen Ballett und eben die Marguerite aus Die Kameliendame lagen der „dramatischen“ Tänzerin Turos seit jeher am Herzen.
Dabei ging es ihr nie nur um die Technik. Auf der Bühne wie auch im Ballettsaal legte sie immer ein besonderes Augenmerk auf das Erzählen, die Interpretation einer Figur und auf die Weitergabe eigener Erfahrungen. Wenn es da viel zu erzählen gibt, dann bleibt sie mit „ihren“ Tänzer:innen gerne auch mal länger im Saal. Seit 2005, dem Ende ihrer aktiven Karriere, gibt sie ihr Wissen an die junge Generation weiter.
Dass es Turos Anfang der 1980er Jahre in die Münchner Compagnie verschlagen hat, ist neben ihrem unbändigen Willen und den politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit auch etwas Glück zu verdanken.
Mit sieben Jahren hat sie zu tanzen begonnen. Zunächst in der örtlichen Ballettschule in einer rumänischen Kleinstadt; zwei Jahre später wechselte sie dann in die Ballettakademie nach Klausenburg, der zweitgrößten Ausbildungsschule für klassischen Tanz im Land. Etwas Glück und ein Stipendium führten sie schließlich für den Abschluss ihrer Ausbildung an die Ballettakademie des Bolschoi-Theaters - zwei ihrer Pädagoginnen hatten durchgesetzt, die Elevin ungarischer Abstammung für ein künstlerisches Austauschprogramm vorzuschlagen, das eigentlich nur für rumänische Staatsbürger:innen vorgesehen war.
Nach erfolgreichem Abschluss tanzte sie kurzzeitig in einer rumänischen Touring-Compagnie; bis die damals 21-Jährige während eines Deutschland-Gastspiels floh und in München politisches Asyl beantragte.
Mit Hilfe von deutschen Freunden und nur mit einer Balletttasche und einem Koffer in der Hand stand sie schließlich am Bühneneingang des Nationaltheaters. Und hatte erneut Glück: Ein Gast-Ballettmeister sammelte sie zufällig auf und nahm sie mit in den Ballettsaal im 6. Stock, wo sie vortanzen durfte. Der damalige Direktor Edmund Gleede erlaubte ihr, einige Monate mit zu trainieren. In der folgenden Spielzeit gab es dann einen festen Vertrag.
Neben Gleede erlebte sie auch Roland Hynd als Direktor, der sie zur Ersten Solistin ernannte. Ende der 1980er Jahre begann sie, mit der Direktorin des wenig später gegründeten Bayerischen Staatsballetts, Konstanze Vernon, zusammenzuarbeiten.
„Ich habe größte Hochachtung für Konstanze, als Mensch und als Frau. Sie war einfach eine gute Pädagogin für das Leben im Theater. Sie hat uns beigebracht, uns in Gesellschaft zu bewegen, mit wem man wann wie reden musste, auch auf politischer Ebene, wie man sich zu kleiden hatte. Aber sie hatte zwei Seiten: die eine war sehr mütterlich, die andere konnte manchmal sehr hart und verletzend sein. An einem Tag hat sie dich runtergeputzt, am nächsten Tag dann wieder in den Arm genommen. Damit musste man lernen umzugehen.“
Als sie mit 30 Jahren Mama einer Tochter geworden ist, stand sie auch zunächst unter besonderer Beobachtung. In den 1990er Jahren war die Kombination aus Mama-Sein und Profi-Ballettkarriere noch eher ungewöhnlich. Nicht zuletzt deshalb kehrte sie nur wenige Monate nach Entbindung auf Wunsch von Vernon wieder als Myrtha in Giselle zurück auf die Bühne. Eine Rolle mit vielen Sprüngen, die sehr hohe Anforderungen an Kraft und Fitness stellt:
„Bei meinem ersten Auftritt habe ich gedacht, ich sterbe. Meine Schienbeine hat es fast zerrissen. Aber ich bin da durch“, erinnert sie sich lachend.
Diese körperliche und mentale Stärke hat sie in besonderem Maße ausgezeichnet. Und genau hierfür ist sie auch dankbar. „Ich bin fast blind durch meine Karriere gegangen, und sehr dankbar, dass ich immer die Stärke hatte, auf meinem Weg zu bleiben und das alles so durchzuziehen.“ Bis 2003 die Knie nicht mehr mitmachten und sie bald nur noch mit Cortison-Spritzen tanzen konnte. 2005 zwangen zwei chronisch entzündete Kniegelenke die Primaballerina zum Seitenwechsel. Bühnenkarriere und die Tätigkeit als Coach schlossen sich nahtlos aneinander an. Eine Tanzpädagogik-Ausbildung hatte sie parallel absolviert. Noch mehr Commitment geht kaum.
Damit hat sie eine Eigenschaft bewiesen, die ihrer Meinung nach inzwischen oft fehlt: Durchhaltevermögen und der Wille, für eine Sache wirklich zu kämpfen, zu arbeiten. „Viele meinen heute, sie kommen so durch, ohne sich groß aufzuopfern.“ Turos sieht darin ein gesellschaftliches Problem und auch die Politik in der Verantwortung. “Es ist ein Fehler, die ganzen künstlerischen Schulstunden abzuschaffen, wir brauchen viel mehr Pädagog:innen in diesem Bereich. Und vielleicht auch etwas weniger Social Media,“ so Turos kritischer Kommentar. Ihr Tipp an die junge Generation ist ganz klar: „nie stehen bleiben, immer weitermachen, egal was passiert“.
In der Tanzpädagogik läuft ihrer Meinung nach so einiges nicht mehr ganz rund. Technisch sind die Tänzer:innen heute besser als vor 20 Jahren. Aber man müsse zurückkehren zur Musik, zum Erzählen aus einem körperlichen Bedürfnis heraus.
„Da ist in den letzten Jahren viel verloren gegangen. Vor allem Seele und Gefühl.“
Dass sie ihre Arbeit als Pädagogin und Coach ebenso geliebt hat, wie das aktive Tanzen auf der Bühne ist ihr anzusehen. Wenn sie sich nun am 10. Juli 2026 bei der Vorstellung von Die Kameliendame nach fast 45 Jahren vom Bayerischen Staatsballett verabschiedet, tut sie das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie freut sich darauf, mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Und zukünftig ganz unvoreingenommen als Zuschauerin im Saal sitzen zu dürfen:
„Ich genieße den Gedanken, dass ich die Vorstellungen bald einfach nur genießen werde.“
Und damit verschwindet sie lachend schnell wieder im Saal zur nächsten Kameliendamen-Probe.
- Annette Baumann