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Neue Doppelspitze auf Spitze

Deutsche Tänzerinnen an der Spitze von Ballettensembles sind selten. Beim Bayerischen Staatsballett gibt es nun gleich zwei: Violetta Keller und Elisabeth Tonev sind zur Spielzeit 2025/26 als Erste Solistinnen an die Isar gewechselt. In Der Nussknacker stellen sie sich erstmals dem Münchner Publikum vor. Bei einer Tasse Tee blicken sie auf die vor Ihnen liegende Saison, sprechen über wilde Locken, Insekten und die Notwendigkeit des Nichts-Tuns; und hinterfragen das Phänomen Social Media im Tanz.
 

Elisabeth, Du hast an der Staatlichen Ballettschule Berlin deine Ausbildung gemacht und bist dann nach Amsterdam zum Het Nationale Ballett gegangen. Nun folgt München. Was hat dich zum Bayerischen Staatsballett geführt? 

Elisabeth Tonev (E.T.): Das hat sich alles mit der Verleihung des Konstanze Vernon-Preises letztes Jahr hier in München ergeben. Damals hatte ich zum ersten Mal Kontakt zu Laurent Hilaire und habe erfahren, dass er Interesse an mir hat. Bis dahin hatte ich gar nicht an einen Wechsel gedacht, ich war glücklich in Amsterdam. Aber nach sechs Jahren am Het Nationale Ballet hatte ich Lust auf etwas Neues. Laurent Hilaire war letztlich ausschlaggebend. Seine Leidenschaft für das Ballett ist einfach unglaublich und ich teile viele seiner Visionen. Ich hatte sofort Vertrauen in ihn und auch in die Compagnie. Es hat sich richtig angefühlt nach Deutschland zurückzukehren.
 

Violetta, du bist zur Spielzeit 2025/26 ebenfalls als neue Erste Solistin zum Bayerischen Staatsballett gekommen. Was bedeutet dieser Schritt für dich, als Künstlerin, aber auch für dich persönlich? 

Violetta Keller (V.K.): Wachstum. Für mich ist das der nächste Schritt. Ich möchte meinen Horizont erweitern, persönlich wie künstlerisch. Ich war sieben Jahre beim Finnischen Nationalballett in Helsinki, auch für mich ist jetzt Zeit für etwas Neues. Das Bayerische Staatsballett steht für eine große choreographische Vielfalt. Schon als Schülerin an der Ballettakademie in München war es mein Traum, eines Tages auf dieser Bühne zu stehen. Und auch für mich war Laurent Hilaire ein ausschlaggebender Grund. Ich schätze ihn sehr, als Tänzer und als Direktor.
 

Worauf freut ihr euch diese Spielzeit am meisten? Gibt es persönliche Highlights? 

E.T.: Die ganze Spielzeit ist ein Highlight. Das Repertoire diese Saison ist unglaublich, der Traum jeder Ballerina. Ich bin großer Fan von dramatischen, von emotionalen Rollen. Ich mag es, auf der Bühne zu sterben (lacht). Und auf John Neumeiers Ballette freue ich mich, vor allem auf Die Kameliendame. Ich habe bisher noch keine Neumeier-Ballette getanzt. 

V.K. Ja, diese Saison ist verrückt. Jede:r Tänzer:in träumt davon, so viele verschiedene Stile zu tanzen und mit so vielen verschiedenen Leuten zu arbeiten. Am liebsten würde ich in allen Stücken der neuen Triple Bills mitwirken: bei Forsythe, Béjart, Ekman, der Kreation von Emma Portner; aber natürlich auch in den Repertoirewerken wie Onegin und Die Kameliendame.

VIOLETTA KELLER
VIOLETTA KELLER

Nach dem Giselle-Gastspiel in Barcelona startet die Compagnie in München mit Der Nussknacker von John Neumeier in die neue Saison. Ihr habt dieses Werk beide schon in der Choreographie von Wayne Eagling getanzt. Was ist in Neumeiers Fassung anders?

V.K.: Der größte Unterschied liegt wohl in der Umdeutung der literarischen Vorlage von E.T.A. Hoffmanns Märchen.  Bei Neumeier fehlen der Mäusekönig und die ganze Kampfszene, die Marie im Traum erlebt. Stattdessen geht es darum, Ballett als Kunstform zu präsentieren. Das wird auch in der Rolle der Louise deutlich, die wir gerade einstudieren. Bei Neumeier ist Louise Maries große Schwester. Sie ist eine Ballerina, die stellvertretend für das Tänzerinnen-Dasein und die Welt des Theaters steht. In Eaglings Version habe ich die Clara (entspricht bei Neumeier der Rolle der Marie, Anmerkung der Redaktion) getanzt. Nun stelle ich Louise dar, die viel reifer ist. Das ist auch ein weiterer Schritt für mich in meiner Tanzkarriere.
 

Hast du eine Lieblingsstelle in dieser Choreographie, Elisabeth?

E.T.: Den Grand Pas de deux. Die Choreographie ist ganz anders als die von Wayne Eagling, aber wirklich sehr schön. Sie fließt, ist super organisch und vor allem supermusikalisch. Die Solovariation darin ist auch toll. Sie ist sogar zu einer anderen Partitur von Tschaikowski. Neumeier hat hier einen Auszug aus Dornröschen gewählt.
 

Gibt es in der Neumeier-Version denn auch besondere technische Herausforderungen?

E.T.: Ich glaube die Herausforderung bei Neumeier liegt vor allem in der unglaublichen Musikalität. Klar ist Neumeier auch technisch anspruchsvoll. Aber dazu kommt, dass die Choreographie ganz präzise auf die Musik gesetzt ist und man sehr musikalisch tanzen muss.
 

Ballett ist gleichermaßen Kunst und Leistungssport. Wie bleibt ihr fit?

V.K.: Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Ich achte darauf, die richtigen Proteine und Kohlenhydrate zu mir zu nehmen. Außerdem gehe ich zum Joggen. In Finnland bin ich oft aufs Laufband gestiegen, einfach weil es draußen über viele Monate zu kalt ist. In München freue ich mich, im Englischen Garten laufen zu gehen. Und ich mache auch viel Pilates.

E.T.: Fitness ist sehr wichtig. Aber sich fit halten heißt für mich nicht nur Arbeiten, Arbeiten, Arbeiten, bis man umfällt. Man muss die richtige Balance finden zwischen Training und Pausen. Je älter man wird, desto besser versteht man seinen Körper und auch die Wichtigkeit von Ruhe zum richtigen Zeitpunkt.

ELISABETH TONEV
ELISABETH TONEV

Wo findet man euch denn an einem freien Tag?

V.K.: Wahrscheinlich im Englischen Garten, irgendwo in der Natur. Ich liebe Insekten seit ich Kind bin. Bienen, Ameisen, vor allem aber Marienkäfer, es gibt so viele verschiedene Arten von Marienkäfern. Und sie sind so hübsch. Auch die Schmetterlinge. Ich finde Insekten einfach sehr interessant.

E.T.: Abgesehen von der Natur und den Bergen, die ich hier so toll finde und die ich weder aus Berlin noch aus Amsterdam kenne, lasse ich mich auch gerne in anderen Bereichen der Kunst inspirieren. Ich gehe gern ins Theater, in Museen oder in die Philharmonie. Ich freue mich schon sehr darauf, das alles hier in München zu entdecken.
 

Bitte vervollständigt den Satz „Mein Tag startet in der Regel mit …“:

V.K.: Lustige Frage: Das Erste, was mir dazu einfällt, sind meine Haare. Ich habe ziemlich wilde Locken, die muss ich erstmal bändigen. Es reicht nicht, sie einfach zusammenzubinden. Also mache ich morgens erstmal meine Haare. Kaffee brauche ich morgens jedenfalls nicht, ich bin meistens auch so wach (lacht)

E.T.: Hm, Kaffee? (lacht). Ich habe keine Routine, bei mir ist jeder Tag anders. Ich schaue immer erstmal, wie es meinem Körper geht und dann schaue ich weiter.  
 

Welchen Rat gebt ihr jungen Tänzer:innen, die Ballett zu ihrem Beruf machen wollen?

E.T.: Das Wichtigste ist, dass man seine Leidenschaft nicht vergisst, den Grund, warum man Tänzerin geworden ist. Das kann bei dieser ganzen Schufterei und harten Arbeit schnell in Vergessenheit geraten. Das zweite ist aber dann genau das: hart arbeiten. Ohne harte Arbeit geht es nicht, da kann man noch so viel Talent haben. Und letztlich geht es dann darum, seine Persönlichkeit auf der Bühne rüber zu bringen und seine Geschichte mit dem Publikum zu teilen.

V.K.: Ich glaube, man kann nicht oft genug sagen, dass es beim Ballett nicht einfach nur um Ballett, um den Tanz geht. Es geht um Menschen; um Beziehungen zu Menschen. Wir arbeiten jeden Tag miteinander und füreinander. Wir wachsen gemeinsam. Der Beruf des Tänzers ist ein sehr sozialer. Das muss man immer im Kopf behalten. Und man darf Ballett nicht zu ernst nehmen, Ballett ist nicht alles. Ich meine, man sollte sich nicht selber kaputt machen dafür und nicht zu sehr in seinem Tunnel stecken. Inspiration findet man überall. Es ist wichtig, offen zu bleiben für alles andere, andere Künste, andere Perspektiven. Wir stellen ja auch verschiedene Persönlichkeiten dar, entdecken uns darin immer wieder selbst neu. Das geht nur, wenn ich nicht in meiner Blase bleibe.

Violetta, Deine Mutter ist Deutsche, dein Vater stammt aus Russland, aufgewachsen bist du über einen langen Zeitraum in München, lebtest aber zuletzt in Finnland. Dieses Interview führen wir gerade auf Englisch. In welcher Sprache denkst du?

V.K.: Ich denke in der Sprache, in der ich im jeweiligen Moment gerade spreche. Das kann Deutsch sein, Englisch oder auch Russisch. Da ich die letzten sieben Jahre hauptsächlich Englisch gesprochen habe, ist mein Kopf aktuell noch auf Englisch gepolt. Das wird sich aber sicherlich bald ändern.
 

Elisabeth, bei dir ist es ähnlich: Du bist in Berlin geboren und aufgewachsen, deine Mutter ist Spanierin, dein Vater Bulgare und getanzt hast du zuletzt in Holland. Wie sieht es bei dir aus?

E.T.: Bei mir ist es tatsächlich ganz ähnlich. Ich wechsle automatisch zwischen den Sprachen, je nachdem, in welchem Umfeld ich mich befinde oder mit wem ich spreche. Manchmal auf Deutsch, manchmal auf Spanisch, manchmal auf englisch und manchmal mischt sich alles ein bisschen. Wenn ich länger in einem Land bin, stellt sich mein Kopf ziemlich schnell auf die dortige Sprache um. Seit meinem Umzug zurück nach Deutschland denke ich jedoch immer häufiger auf Deutsch.
 

Bleiben wir bei den Nationalitäten. Ihr seid beide Erste Solistinnen mit deutschen Pass, und beide in Deutschland ausgebildet. Das ist sehr selten in der internationalen Tanzwelt. Woran liegt es eurer Meinung nach, dass so wenig deutsche Tänzer:innen gibt?

E.T. In der Tat habe ich mich das auch schon oft gefragt. Violetta und ich, wir sehen darin auch die Verantwortung, Vorbild zu sein. Vielleicht spielt die Kunst, das Künstlerische in der jungen Generation heute nicht mehr eine so große Rolle, weil andere Dinge wichtiger geworden sind. Es gibt so viele Bürojobs, es gibt Social Media. Es könnte sein, dass das Künstlerische in den Menschen durch diese vielen neuen Entwicklungen verloren geht.
 

A propos Social Media: Welche Rolle spielen die Sozialen Medien heute für den Tanz?

E.T. Ich glaube, die Sozialen Medien sind ein gutes Netzwerk. Die Tänzer:innen heute haben sehr viel mehr Kontakt untereinander als früher, man bekommt viel mit und die Ballett Community ist enger geworden. Aber Social Media wird nie ein Ersatz sein können für eine Live-Performance. Die Emotionalität von Tanz kann digital nie so rüberkommen, wie live auf der Bühne. Diese Leidenschaft kann man gar nicht mit einer Kamera festhalten. Auch weil die Verbindung zum Publikum, diese Unmittelbarkeit verloren geht. Außerdem: Auf Social Media sieht man in der Regel nur die halbe Wahrheit. Es werden ja nur die tollen Sachen gepostet, die super Proben oder Vorstellungen. Die harte Arbeit im eigentlichen Alltag bekommt man nicht zu sehen. Insofern ist Social immer auch ein bisschen eine Illusion.
 

Letzte Frage an Violetta: Das Gefühl, wenn der Vorhang hochgeht und am Ende der Vorstellung der Applaus losbricht?

V.K. Realität. Wenn du auf der Bühne stehst, bist du eine andere Person in einer anderen Welt. Es ist mir unglaublich wichtig, die Rollen wirklich zu fühlen und sie zu leben. Auf der Bühne bin ich ein anderer Mensch, eine andere Figur. Sobald du dann vor den Vorhang trittst, um dich zu verbeugen, wirst du wieder du selbst. Du wirst zur Künstlerin, die den Applaus entgegennimmt. Davon abgesehen empfinde ich auch Dankbarkeit, Freude und Glück, dass die Arbeit, die ich geleistet habe, vom Publikum wertgeschätzt wird. Ja, es ist Glück.

Violetta, Elisabeth, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Die Fragen stellte Annette Baumann

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