Editorial: Portrait Emma Portner
Emma Portner: Eine neue weibliche Stimme im Ballett des 21. Jahrhunderts
Aus dem Ballettsaal im 2. Stock des Ballettprobenhauses am Platzl tönt leises Lachen. Emma Portner, 31 Jahre jung, arbeitet an ihrer Kreation für das Bayerische Staatsballett. Mit schwarzer Jogginghose und schwarzem T-Shirt, das Gesicht eingerahmt von einer ebenfalls schwarzen Brille, verfolgt sie höchst konzentriert, was die Ensemblemitglieder von ihren Bewegungsvorschlägen auf den Tanzteppich zaubern.
Megahertz heißt das neue Werk für insgesamt sieben Tänzerinnen und Tänzer. Es basiert auf dem ähnlich lautenden Titel I Trawl The Megahertz von Paddy McAloon. Das knapp 23-minütige Musikstück ist zusammengesetzt aus orchestralen Passagen und einer von einer weiblichen Stimme gesprochenen Textcollage. „Es bildet den perfekten Container für ein Ballett“, so Emma Portner. Lange danach suchen musste sie nicht. „Der Song hat quasi mich gefunden, ich hörte ihn vor einigen Jahren beim Frühstück im Radio und dachte sofort, darauf müsste man ein Ballett machen.“
Gelegenheit dazu hat sie jetzt in München. Ballettdirektor Laurent Hilaire hat die junge Kanadierin beauftragt. Schon länger wollte er sie für eine Kreation gewinnen, doch er musste zweieinhalb Jahre warten, bevor Portner eine Lücke im Kalender fand. Schließlich hat sich ihr Name nicht nur bei Produzenten von Musikvideos, über die Portner zunächst bekannt wurde, sondern mittlerweile auch bei Tanzcompagnien herumgesprochen.
Ausgangspunkt von Megahertz ist die Stimme, die uns episodisch an Erinnerungen, Lebensepisoden und zwischenmenschlichen Begegnungen eines weiblichen Ichs teilhaben lässt. Im Rosen-Saal im Ballettprobenhaus am Platzl ist diese Stimme Carollina Bastos. Sie leiht der weiblichen Erinnerung ihren Körper und ihre Ausdruckskraft, windet sich am Boden und vollführt in Sekundenschnelle kleinteiligste Bewegungen mit Fingern, Händen, Kopf und anderen Körperteilen, die jeden Menschen außerhalb der Ballettwelt in wenigen Atemzügen hoffnungslos in sich selbst verknoten ließen.
Wenig später kommen die anderen sechs Tänzerinnern und Tänzer dazu. Wieder dringt Lachen aus dem Studio. Das Suchen und Finden neuer Bewegungsabläufe, die teils ebenso organisch wie aber auch ungewöhnlich für klassische Balletttänzerinnen und Tänzer sind, bringt so einige lustige Momente hervor. „Just try“, empfiehlt Emma Portner, „ yes, much better, tomorrow it will be perfect.”
Portner ist unübersehbar eine Choreographin des 21. Jahrhunderts und ein Kind ihrer Generation. Sehr respekt- und vertrauensvoll geht es zu im Ballettsaal, man begegnet sich auf Augenhöhe. Die gegenseitige Verantwortung und die große Lust am Gemeinsam-Kreieren ist sicht- und fühlbar. Dabei ist ihr Werdegang ein ganz anderer, als der, den man sonst von diesem Berufsfeld kennt.
Zur Choreographie kam sie bereits als Jugendliche über Videoclips im Internet. In den verschneiten kanadischen Wintern saß sie daheim und schaute sich an, was es draußen so gab in der weiten Welt des Tanzes. Nicht das Theater als Inspirationsquelle, sondern Social Media.
Getanzt hat sie aber natürlich auch. Zunächst als Kind in ihrer Heimat Ottawa, Ontario. Später besuchte sie die Sommerkurse des National Ballet of Canada in Toronto. Nach einigen Monaten an der Ailey School in New York City wandte sie sich beruflich schon der Choreographie zu. Sie entwarf Bewegungssequenzen für Musikvideos, arbeitete mit Justin Bieber und wirkte an Projekten des Guggenheim Museums in New York und der Fondation Bayeler in Basel mit. Seit 2020 arbeitet sie auch mit klassischen Ballettcompagnien. Ihr Stück Megahertz ist das erste, das sie für eine deutsche Compagnie kreiert.
Mit wem sie es erarbeiten würde, das wusste sie sehr schnell. Bereits in der letzten Spielzeit ist sie nach München gekommen, um sich die Compagnie anzuschauen. Sie beobachtet die Tänzerinnen und Tänzer im Alltag, wie sie ins Studio kommen und mit Kollegen reden. Und dann reichen 10 Minuten des täglichen Trainings: „Ich schaue mir eine Stange im Ballettsaal an. Meistens weiß ich innerhalb weniger Übungen, mit wem ich arbeiten möchte. Denn wer eine Ballettstange verkaufen und die immer gleichen Bewegungsabfolgen magisch wirken lassen kann, der kann alles verkaufen.“
Die Staatsballettmitglieder, die Emma Portners Bewegungen in Magie verwandeln, sind Carollina Bastos, Severin Brunhuber, Jakob Feyferlik, Ana Gonçalves, Osiel Gouneo, Marina Mata Gomez und Soren Sakadales. In den letzten Probentagen vor der Premiere feilen sie weiter an der Choreographie, am Raum und am Licht und am Miteinander von all diesen Bühnenelementen. Das Ergebnis wird am 21. Dezember im Rahmen der Premiere von Waves and Circles im Nationaltheater zu erleben sein.
-Annette Baumann