Die Spielzeit 2021/22

Endlich herrscht in unseren Opernhäusern und Konzertsälen keine völlige Stille mehr. Natürlich gab es während der Pandemie Echos und Bilder, die über Bildschirme, Streaming oder Video on Demand ausgestrahlt wurden und uns zu Hause erreichten. Sie ermöglichten es, die künstlerische Arbeit und den Kontakt zum Publikum aufrechtzuerhalten. Dennoch machte uns diese Krise bewusst, dass die reale und körperliche Präsenz des Publikums untrennbar mit dem Leben eines Opernhauses verbunden ist. Es ist sein Herz und seine Seele. Ich freue mich sehr, dass nun die vielen Kulturinstitutionen und auch die Bayerische Staatsoper ihre Pforten wieder öffnen und für die Menschen da sein können.

Die Bayerische Staatsoper kann auf eine lange und reiche Geschichte zurückblicken, die ihr im Laufe der Jahre und Jahrhunderte einen wichtigen und unverzichtbaren Platz in der Historie Münchens und Bayerns und darüber hinaus in der Musik- und Operngeschichte Europas und der Welt verschafft hat. In München sind Meisterwerke entstanden, die nach wie vor weltweit gespielt und gefeiert werden: Idomeneo, Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, Capriccio,  Lear und viele andere. Zudem haben hier immer außerordentlich begabte Musikdirektoren wie Wolfgang Sawallisch, Zubin Mehta, Kent Nagano und Kirill Petrenko gewirkt. Große Meister für uns, die bei ihrer Ernennung teilweise sehr jung waren: Hans von Bülow war 37, Richard Strauss 30, Bruno Walter 37, Hans Knappertsbusch und Georg Solti jeweils 34. Die Bayerische Staatsoper ist darüber hinaus von der innigen Verbundenheit einer Bevölkerung mit ihrer Oper geprägt, die sich nach dem Krieg mit vollem Einsatz für den Wiederaufbau des Nationaltheaters einsetzte und ein außergewöhnlich kundiges Publikum bildet. Diese reiche Geschichte der Bayerischen Staatsoper macht mich bescheiden – aber auch stolz, ein Teil davon sein zu dürfen. Es spornt an, erfinderisch zu sein, Tradition mit Innovation eine inspirierende Verbindung eingehen zu lassen, so dass die Oper weiterhin eine lebendige Kunstform bleibt, von zentraler Bedeutung für die Stadtgesellschaft von Heute und Morgen.

Das haben auch meine unmittelbaren Vorgänger getan, jeder auf seine Weise und mit großem Talent und Einsatz: Sir Peter Jonas, der uns letztes Jahr verlassen hat, und Nikolaus Bachler. Eine Seite wird aufgeschlagen, ein neues Kapitel beginnt, das wir gemeinsam schreiben werden, mit dem Publikum, mit dem großartigen Team der Bayerischen Staatsoper und dem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski. Unsere Arbeit wird geprägt sein von unserem großen Respekt vor der Geschichte dieses Hauses und vor denen, die uns vorausgegangen sind. Es wird von ihrem Erfindungsreichtum, ihrem Wagemut und ihrer Entdeckerfreude inspiriert sein. Neben etablierten Dirigent:innen und Regieteams werden wir einer neuen Generation von Künstler:innen ein Podium bieten. Wir werden Raum für verschiedene theatrale Handschriften und Stile schaffen, unterschiedlich und komplementär zugleich. Wir werden das Repertoire in all seinem Reichtum und seiner Vielfalt erkunden, um die Kraft der Oper heute, ihre Relevanz und ihre Aktualität sich entfalten zu lassen. Und wir werden Partnerschaften mit anderen Kulturinstitutionen wie Theatern, Museen und Orchestern eingehen, die das kulturelle Gefüge Münchens zu einem außergewöhnlichen Netzwerk machen. Denn die Oper ist heute mehr denn je ein Spiegel unserer Gesellschaft, ein Ort der Unterhaltung und der Reflexion, des Austauschs und der Auseinandersetzung: Oper, die Herz und Verstand anspricht und über den Alltag hinausgeht. 

 

„Jeder Mensch ein Meisterwerk. In seinen Augen Leid und die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. In seinem Herzen Erfahrungen und Erinnerungen, so wie in Deinem.
Und auf seinem Kopf die Schädeldecke, wie eine königliche Krone. Jeder Mensch ein König.“
Dezső Kosztolányi 

Neben unseren Wiederaufnahmen bietet die Opernsaison Neuproduktionen, die sich diesem „königlichen Meisterwerk“ widmen: Der Mensch, der geht. Der Mensch, der unterwegs ist. Der Mensch, der umherirrt. Der Mensch, der sucht. Der Mensch im Angesicht der Natur. Ein Einzelner gegen viele. Der Mensch, der kämpft. Der nackte Mensch.

Wie ein roter Faden durchzieht der liebende, sehnsüchtige und verunsicherte Mensch die Werke in einem Richard Strauss gewidmeten Zyklus, der die Opernfestspiele 2022 beschließt: Die schweigsame FrauDie Frau ohne SchattenDer RosenkavalierCapriccio. Die Frau und der Mann, gefangen im Kreislauf der Zeit, „ein sonderbar Ding“, Zeit, die vergeht und kaum einzuholen ist, verlorene Zeit, die nicht mehr aufzuholen ist; Zeit, die auch die Brücke ist, die die Toten und die Lebenden verbindet, wie die Nachtwächter am Ende des ersten Aktes von Die Frau ohne Schatten singen. Wer könnte diese süße und tragische Melancholie der Zeit besser heraufbeschwören als Richard Strauss, bis in die Dämmerung seines Lebens hinein?

Und schließlich steht der Mensch, „das schwächste Schilfrohr der Natur“, wie Blaise Pascal schrieb, der sich beugt und manchmal bricht, gleichzeitig aber denkt und handelt, im Mittelpunkt eines neuen Festivals, das mit der Trilogie von Georg Friedrich Haas und Händl Klaus die Oper von heute feiert: ThomasBluthausKoma. Diese Werke werden mit Kompositionen von Claudio Monteverdi verbunden. Verschiedene Epochen begegnen sich und zeigen, dass Modernität, Erfindungsreichtum und Genialität in allen Zeiten vorhanden sind.

Mit den Akademiekonzerten vertiefen Vladimir Jurowski und die Musiker:innen des Bayerischen Staatsorchesters ihre musikalische Beziehung, um jene Alchemie zu erreichen, die eine Osmose zwischen einem Dirigenten und einem Orchester schafft und die eine musikalische und klangliche Identität webt. In dieser Saison bieten sie uns ein Repertoire, das in Resonanz zu Opern steht, die 2021/22 neu inszeniert werden: es erklingen höchst unterhaltsame und selten zu hörende Werke des jungen Dmitri Schostakowitsch, Stücke des Komponisten Benjamin Britten aus der Zeit von Peter Grimes, und auch Krzysztof Pendereckis symphonisches Schaffen wird gewürdigt. Eine große Zahl von Kammerkonzerten ergänzt das  instrumentale Spektrum der Staatsoper, während die Liederabende uns erlauben, die großen Künstler:innen des Hauses in der Intimität und der Dichte des Liedes und der Melodie neu zu entdecken.

Dass der Mensch sowohl König als auch Sklave seiner eigenen Verwandlungsfähigkeit ist, wird im klassischen sowie im zeitgenössischen Ballett thematisiert. Unter der Direktion von Igor Zelensky werden in der kommenden Spielzeit zahlreiche Produktionen zu sehen sein, in denen die Tänzer:innen des Bayerischen Staatsballetts Figuren des Übergangs zeigen. Dazu gehört zum einen die berühmte Verwandlung von Cinderella zur Ballkönigin. Zum anderen versammelt der dreiteilige Ballettabend Passagen Choreographien, in denen das Ensemble das Suchende, Kämpfende, Innehaltende und Grenzüberschreitende des Menschen in den Blick nimmt.

Ich freue mich darauf, mit Ihnen gemeinsam dieses aufregende Programm unserer unterschiedlichen Sparten zu entdecken und Ihnen in der Bayerischen Staatsoper zu begegnen.

Ihr
Serge Dorny

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